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Der Siegeszug des Alphabets am Beispiel griechischer und ägyptischer Schriftkultur

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 20 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Geschichte der Schrift
Entwicklungsstufen
Die alteuropäische Schrift
Das Alphabet: eine schrifthistorische Revolution
Der Siegeszug des Alphabets
Zum Aufeinandertreffen von Schriftsystemen in der Welt

Der ägyptische Schriftkulturkreis
Ägypten und die Hieroglyphenschrift
Verbreitung des Ägyptischen Schriftkulturkreises

Der griechische Schriftkulturkreis
Griechenland – ein kurzer Abriss der Geschichte
Die Entstehung des griechischen Alphabets

Ägyptischer und Griechischer Schriftkulturkreis
Zwei Schriftsysteme treffen aufeinander
Beispiele griechischen Einflusses
Die koptische Epoche
Die Meroitische Schrift

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die bedeutende Rolle der Schrift in der Entwicklung aller Kulturen der Erde ist unumstritten[1]. Die Fragen wie es zur Entwicklung dieses Mediums kam, warum der Mensch begann, Dinge die er sah und erlebte, auf ein eindimensionales Medium zu projizieren, oder wieso er Sachverhalte kommunizieren wollte, für die eine symbolische, bildliche Darstellung wie z.B. Malereien nicht mehr ausreichten oder viel zu umständlich waren, haben in wissenschaftlichen Kreisen schon längst große Beachtung gefunden und werden seit Jahren intensiv untersucht.

Diese Hausarbeit unternimmt den Versuch, die Entwicklung von zwei sehr verschiedenen Schriftkulturen und ihr Aufeinandertreffen zu skizzieren. Sie versucht, die Geschichte ägyptischer und griechischer Schrift bis in die Zeit des Hellenismus nachzuvollziehen.

Zunächst soll in einem einleitenden Teil auf die Entwicklung von Schrift und später die Entstehung der Alphabetschriften und deren Bedeutung eingegangen werden. Anschließend folgt eine Vorstellung der griechischen und dann der ägyptischen Schriftentwicklung. Es handelt sich um zwei wichtige und gleichzeitig sehr verschiedene Systeme. Die Auswirkungen von Schrift auf eine Kultur sind so entscheidend, dass das Aufeinandertreffen zweier Schriftkulturen meist den Untergang einer davon zur Folge hatte. So auch in diesem Fall, wovon der letzte Teil der Hausarbeit handeln soll.

Die Geschichte der Schrift

Entwicklungsstufen

Es ist hinlänglich bekannt, dass über die Jahrhunderte in den verschiedensten Kulturen Formen von Schriften und später auch Alphabeten entstanden sind. Obwohl es aber weltweit unzählige verschiedenartige Entwicklungen von Struktur und Symbolik dieser Schriften gab, hat sich in der Forschung eine Anzahl von nahezu immer gleich bleibenden Entwicklungsschritten herauskristallisiert: zunächst versuchte der Mensch, Begriffe durch Bilder darzustellen, die so genannte Ideenschrift entstand. In der nächsten, wohl weitaus bedeutenderen Stufe, kommt es zur Bildung der Wort-Lautschrift. Das Bild gibt nicht mehr einen Begriff, sondern einen Laut wieder, d.h. der Zeichenwert verschiebt sich vom optischen auf das akustische Gebiet. Damit wird der Weg zur Silbenschrift frei.

Die dritte Entwicklungsstufe ist die Buchstabenschrift, entweder als rein phonetische Konsonantenschrift, wie bei vielen semitischen Schriften – zum Beispiel dem Hebräischen - oder in späteren Entwicklungsstufen als alphabetisch phonetische Schrift, wie erstmals im Griechischen.[2]

Die alteuropäische Schrift

Die Geschichte der Schrift beginnt vor rund 7000 Jahren in Südosteuropa mit der alteuropäischen Schrift des altmediterranen Schriftkulturkreises auf Altkreta/ Altkypros. Die alteuropäische Linearschrift ist das erste sprachorientierte Schriftsystem der Welt. Diese Schrifttradition in den Donauländern und auf dem griechischen Festland bricht allerdings nach der Invasion der Indogermanen um die Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. wieder ab. Später setzte sie auf Kreta in Form von Linear A wieder ein. Dass es sich eigentlich um das selbe Schrifttum handelt, zeigen die vielen Parallelen zwischen der alteuropäischen Linearschrift und Linear A auf Kreta. Aus Linear A entstehen mehrere Abzweigungen, die bekannteste davon ist das so genannte Linear B.

Das alteuropäische Schrifttum mit Linear A und B hielt sich am längsten auf Zypern, nämlich fast 5000 Jahre, bis ca. 300 v. Chr. Grund des Untergangs der Schrift war letzten Endes der Konkurrenzkampf gegen das griechische Alphabet, dem das alteuropäische Schrifttum nach etwa 200 Jahren unterlag.

Die Schrifttradition des alten Orients begann nach dem heutigen Stand der Forschung erst einige Zeit nach der in Europa, zum Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. in Altsumer.

Das Alphabet: eine schrifthistorische Revolution

Bis zum Ende des 2. Jahrtausends waren Bilderschriften und Silbenschriften in Gebrauch. Die hieroglyphische Segmentalschrift Ägyptens, die Keilschrift Mesopotamiens, die hethitische Hieroglyphenschrift und das kretische Linear B wurden in der Forschung lange für die Ausgangsbasis der Entwicklung der Alphabetschriften gehalten. Sie waren die am weitesten entwickelten Schriften ihrer Zeit und zum Teil sehr verbreitet.

Führten sie zum revolutionären Umbruch von der Silben- zur Buchstabenschrift?

Die Antwort der Forschung nach heutigem Stand: keines der genannten großen Schriftsysteme hat eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Buchstabenschriften gespielt. Einige Parallelen in den Zeichenformen der Buchstabenschriften weisen zwar darauf hin, dass die ägyptische Schriftkultur und das kretische Linear A und B bedingt Einfluss hatten. Die eigentliche Entwicklung fand aber weitgehend unabhängig davon statt.

Silben- und Segmentalschriften sind spezielle Varianten der Phonographie, also einer Schreibweise, die sich an der Lautung von Wörtern orientiert. Gleichzeitig handelt es sich, vom schrifttypischen Standpunkt, um eine Form der Schrift, die spezialisierter ist als irgendeine logographische Schriftweise. Die Spezialisierung von Silben- und Segmentalschriften gegenüber der Logographie besteht grundsätzlich darin, dass man mit einem viel geringeren Bestand an Schriftzeichen auskommt. Phonographische Schreibweisen haben immer logographische Vorstufen, auch die ägyptische Segmentalschrift hatte einen solchen Vorläufer. Die Phonographie ist in Ägypten die älteste; die Idee zu Schreiben kam zwar von Mesopotamien nach Ägypten, aber die Ägypter vollzogen den Übergang von der logographischen zur phonographischen Schreibweise schneller.[3] In Ägypten entwickelte sich etwa 2000 v. Chr.[4] eine Buchstabenschrift mit 24 Konsonanten. Das ägyptische Alphabet wurde von den Phöniziern und Hebräern übernommen und vervollkommnet.

Nach ihrer „inneren Struktur“ unterschieden sich die Buchstabenschriften sehr stark von allen vorherigen Schriftsystemen, da das Organisationsprinzip auf der phonographischen Schreibweise von Einzellauten basierte. Anfangs waren sie noch unvollkommen, da es keine Zeichen für Vokale gab.

Der große Vorteil der Buchstabenschriften ist in erster Linie die Tatsache, dass nicht mehr der Sinn, sondern nur noch die Lautung der dargestellten Worte berücksichtigt wird. Die Buchstabenschriften arbeiteten nicht mit Ideogrammzeichen wie, mit Ausnahme der Byblosschrift, alle anderen zeitgenössischen Schriftsysteme. Dort führten diese Ideogrammzeichen zum Teil zu Hunderten von Symbolen.

Als das Alphabet der Sprache folgte, konnten mit einem Mal nur etwa 30 Zeichen die wichtigsten Lautwerte menschlicher Sprache wiedergeben. Es gab damit eine viel besser überschaubare Zahl einfacher, eindeutiger Zeichen. Daher wurde die Buchstabenschrift viel leichter zu lernen und eine viel weitere Verbreitung möglich. Der Übergang von Schriftsystemen mit Ideogrammzeichen zur Buchstabenschrift war wohl noch bedeutender als später der Übergang von der Silben- zur Einzellautschreibung. Die gleichen Symbole konnten in verschiedenen Sprachen verwendet werden. „In einem gewissen Sinne schließt sich der Kreis damit: Waren Bildzeichen ursprünglich universell einsetzbar, im Grunde sogar universell verständlich, so war man im Stadium einer Wort-Lautschrift stark an eine bestimmte Sprache gebunden. Erst in der alphabetischen Schrift wurden die Zeichen wieder universell einsetzbar - auch wenn sie als Einzelzeichen nun nicht mehr selbständig sinngebend sind.“[5]

Die erhebliche Verringerung des Zeichenschatzes führte also zur leichteren Erlernbarkeit und Handhabung und damit, zusammen mit den bereits erwähnten kulturellen und vor allem politischen Faktoren, maßgeblich zur raschen Verbreitung erst in Europa und Asien, später in Afrika und Amerika.

Die in der Forschung vormals geäußerte Annahme, die Entwicklung der Konsonantenschrift wäre durch eine Einzelperson geschehen[6], kann aufgrund zeitlich parallel verlaufender Entwicklungen mittlerweile ausgeschlossen werden. Da es aber kein direktes Vorbild für die Konsonantenschriften gab, handelte es sich um viele selbständige Leistungen, die das Entstehen und die Entwicklung erst möglich machten.[7] Die uns bekannten Alphabete entstanden, wie bereits aufgeführt, nicht auf einmal. Sie sind die Produkte langer Weiterentwicklungen. Schon die Römer spekulierten über die Entstehung der Schrift, in erster Linie glaubte man an ein Göttergeschenk, ebenso wie in Ägypten.

Es gab Meinungen, die von einem Diebstahl der Phönizier an der Schrift der Kreter sprachen, und solche, die an eine Verbreitung durch die Ägypter glaubten, wie zum Beispiel Platon. Relativ einig war man sich damals nur darüber, dass die Römer die Schrift von den Griechen erlernt hatten. Bereits dies war ein Irrtum.[8]

Der Siegeszug des Alphabets

Die frühen Schriftkulturen Europas, Vorderasiens und Afrikas überlebten die Antike nicht; sie alle wurden durch den neuen, revolutionären Schrifttyp Alphabet[9] abgelöst. Im Laufe der Zeit entstanden in den acht großen Schriftkulturkreisen phönizisch, griechisch, etruskisch, lateinisch, kyrillisch, arabisch, aramäisch und indisch Hunderte von Alphabetvarianten und –adaptionen. Das Alphabet entwickelte sich zur produktivsten Schriftart überhaupt. Es ist noch heute Kulturträger aller modernen Zivilisationen mit Ausnahme von China, Japan und Korea, die eine schrifthistorische Sonderentwicklung durchgemacht haben.[10]

Schriftsysteme verbreiten sich in erster Linie, wenn sie kulturelles Prestige genießen, nicht weil sie praktisch sind. „Die Vitalität einer Schriftart wird also in erster Linie von der kulturellen und politischen Autorität der Gemeinschaft bestimmt, deren Angehörige sie verwenden“.[11] Der Erfolg des Alphabets in Europa beruhte also hauptsächlich auf der Kombination von hohem kulturellem Prestige mit praktischem Nutzen.[12]

Zum Aufeinandertreffen von Schriftsystemen in der Welt

Schrift wurde, wie bereits beschrieben, an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten relativ unabhängig voneinander entwickelt. Die Idee des Schreibens wurzelt in der Wiedergabe von Dingen aus unserem Leben in Einzelsymbolen und Bildkompositionen. „Die Idee der Schrift als einer potentiellen Technologie ist ein Element der kulturellen Evolution des Menschen, sie existiert daher latent in allen menschlichen Gemeinschaften. Es hängt dann von spezifischen Bedingungen in der zivilisatorischen Kontinuität einer Sprachgemeinschaft ab, wo und wann die Idee des Schreibens verwirklicht wird.“[13] Das bedeutet also, dass die Menschheit die Technologie Schrift in gewisser Hinsicht in sich trägt, völlig unabhängig von Volk oder Lebensraum, und es lediglich eine Frage der Zeit ist, wann eine Form der Verschriftlichung entwickelt wird.

[...]


[1] Die Militärstrategie, die Ballistik, die Diplomatie, die Agrikultur, das Steuerwesen und das Strafrecht sind in ihrer Geschichte und ihrer Struktur an die Herausbildung der Schrift gebunden. Einige Forscher gehen sogar so weit, die Entwicklung der Macht des Klerus mit der Entwicklung der Schrift zeitgleich zu setzen, der Klerus konnte sich erst mit Hilfe der in der Schrift festgelegten Herrschaft durchsetzen. Die Priester-Schreiber-Elite der Ägypter hat sich in der Schriftkultur einen Bereich geschaffen, auf dem sie der Machtkontrolle der weltlich-aristokratischen Elite entkam. Schrift war immer mehr und zugleich etwas anderes als bloßes Kommunikationsmittel. Macht und Effizienz war nur denkbar mit der „symbolischen Gewalt“ der Schrift. Monetäre und vor-monetäre Ökonomie sind also an Schrift gebunden.

[2] Siehe http://www.stub.unibe.ch/stub/vorl96/01/schr.html

[3] Haarmann, Harald: Universalgeschichte der Schrift. S. 362

[4] die ältesten Dokumente wurden im heutigen Syrien gefunden.

[5] http://www.stub.unibe.ch/stub/vorl96/01/schr.html

[6] Pfohl, Gerhard: Das Alphabet. Siehe Einleitung S. XX

[7] Haarmann, Harald: Universalgeschichte der Schrift. Siehe S. 280

[8] In der Forschung gibt es den Begriff des griechisch-römischen Alphabets, was so eigentlich nicht stimmt. Die späteren Römer lernten das Alphabet nicht von den Griechen, sondern den Etruskern; die Tradierung dieser Tatsache wurde aber offensichtlich nicht gepflegt. Ähnlich ist es bei den Japanern: sie sind stolz auf ihre chinesische Schrifttradition, dabei wurde sie ihnen von Koreanern vermittelt.

[9] Die Bezeichnung ist aus den Namen der beiden ersten Zeichen der griechischen Buchstabenreihe, Alpha und Beta, gebildet.

[10] Das Alphabet ist allerdings nicht der einzige moderner Kulturträger, d.h. es ist nicht zwingend für zivilisatorischen Fortschritt.

[11] Haarmann, Harald: Universalgeschichte der Schrift. S. 556

[12] Dass ein System auch ohne den praktischen Nutzen überleben kann, beweist die chinesische Schriftkultur; sie behauptet sich bis ins heutige Computerzeitalter obwohl sie eine der umständlichsten und technisch aufwendigsten Schreibweisen der Schriftgeschichte ist. Dies lässt sich nur mit der Bindung des Schriftsystems an die kulturelle Identität der Sprachgemeinschaft und deren Traditionsbewusstsein erklären.

[13] Haarmann, Harald: Universalgeschichte der Schrift. S. 362

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638391627
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40709
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Mediävistik
Note
1,7
Schlagworte
Siegeszug Alphabets Beispiel Schriftkultur Leib Buch Medien Kommunikation Mittelalter Neuzeit

Autor

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Titel: Der Siegeszug des Alphabets am Beispiel griechischer und ägyptischer Schriftkultur