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Politische Publizistik des Hochmittelalters

Seminararbeit 2002 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Politische Dichtung des Hochmittelalters
1.1 Die Dichtung
1.2 Die Dichter
1.3 Das Verhältnis Auftraggeber - Dichter
1.4 Die Rezipienten

2. Beispiele aus dem Leben mittelalterlicher Dichter
2.1 Dichter zwischen schwankenden Machtverhältnissen
2.2 Neidhart
2.3 Hermann Bote, Michel Beheim und Hans Folz – drei Dichter im Vergleich
2.4 Justinus von Lippstadt

Schluß

Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese Arbeit macht es sich zur Aufgabe, einen kurzen Überblick über die politische Dichtung des deutschen Hochmittelalters zu verschaffen. Dabei soll auf die Inhalte der Dichtung, das Leben und sie soziale Situation der Dichter sowie ihren Platz in der Gesellschaft eingegangen werden. Anschließend wird das Verhältnis zwischen Auftraggebern und Dichtern kurz beleuchtet, wobei vor allem das Abhängigkeitsvolumen geklärt werden soll. Die Rezipientenschicht und die Wirkung politischer Dichtung auf dieselbe wird kurz umrissen. Zum Abschluss werden Situationen aus dem Leben einzelner Dichter geschildert, um einen farbigeren Eindruck vom Leben der mittelalterlichen Künstler zu vermitteln. Zudem sollen die kurzen Auszüge Thesen, die in den vier Anfangskapiteln Die Dichtung, Die Dichter, Das Verhältnis Auftraggeber – Dichter und Die Rezipienten aufgestellt wurden, an Beispielen belegen. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit und dem Anspruch auf eine kurze Übersicht können diese Einblicke nur Momentaufnahmen sein, auf die ganze Lebensgeschichte der Dichter einzugehen war leider nicht möglich.

1. Politische Dichtung des Hochmittelalters

1.1 Die Dichtung

„Literatur war eingebunden in erziehliche, informierende, bildungserhöhende und sozialisierende Kommunikation schlechthin, unter religiösem und dichterischem Vorzeichen.“[1] Sie diente auch als Dokumentationsmittel z.B. der Geschichtsschreibung[2], oder als versteckte Kritikmöglichkeit. Bernd Thum weist darauf hin, dass Literatur im Mittelalter auch stets in irgendeiner Form politisch war, sobald sie an die breite Öffentlichkeit gerichtet wurde, da sie grundsätzlich auf die politische Ordnung zielte. Lediglich akademische oder klerikale Texte seien davon ausgenommen gewesen.[3] Literarische Texte waren im Mittelalter klare Gebrauchsmittel, Belletristik oder ähnliches waren sowohl aufgrund des sozialen Selbstverständnisses als auch aufgrund der Arbeit, die das Verfassen und Verbreiten eines Textes vor den Zeiten des Buchdrucks bedeutete, undenkbar. Lyrik bildete hierbei keine Ausnahme, selbst Texte mit scheinbar rein erzählerischem Charakter, wie beispielsweise Hartmanns „Iwein“ oder „Parzival“, beinhalteten lehrhafte Elemente. Auch Fabeln konnten zu politischen Botschaften werden[4].

Politik und Dichtung stehen in der Folge in einem Nahverhältnis, das zu den konstitutiven Elementen der mittelalterlichen Literatur gehörte.

Die eigentliche politische Lyrik des Mittelalters erlebte ihre Entfaltung zwischen dem Ende des 12. und der Mitte des 13. Jahrhunderts. Sie fällt somit fast genau zusammen mit der 2. Hälfte der staufischen Herrschaft in Deutschland. Politische Dichtung ist neben dem Minnesang und der religiösen Thematik eine Grundform der mittelalterlichen Lyrik. Eugen Thurnher definiert sie folgendermaßen: „Politische Dichtung ist für uns jene poetische Kundgabe, die direkt oder indirekt, jedoch unmittelbar zu politischen Ereignissen Stellung nimmt, sie interpretiert oder glossiert, aber auf jeden Fall am Vollzug des Geschehens aktiven Anteil nimmt.“[5]

„Politische Lyrik (...) will den Hörer, Zuschauer oder Leser im Sinne eines Glaubens, einer Überzeugung, einer Ideologie o. ä. positiv oder negativ beeinflussen, will also eine bestimmte Wirkung auf ihn ausüben und ihn zu bestimmten Reaktionen veranlassen,“[6] so Ulrich Müller. In den Texten ist grundsätzlich eine bestimmte Tendenz angelegt; sie wird durch den Auftraggeber veranlasst und durch den Dichter in die Tat umgesetzt.

Dichtung im Mittelalter war keine Privatsache, sondern hatte eine öffentliche Funktion. Sie war das einzige Mittel zur Massenbeeinflussung, der einzige Weg, politischen Willen ins Volk zu tragen.

Über die Verbreitung und tatsächliche Wirkung der mittelhochdeutschen politischen Lyrik ist wenig bekannt, aber selbst heute lässt sich ja nur schwer die Wirkung der Publizistik einschätzen. Dass sie wichtig für das mittelalterliche Leben war, beweisen aber schon allein die vielen verschiedenen Handschriften der Texte, die an unterschiedlichsten Orten gefunden wurden.

Grundthemen der politischen Lyrik waren die sogenannte Zwei-Schwerter-Lehre, die sich mit den Aufgabenbereichen von Papst und Kaiser auseinander setzte, die Bedeutung von Weltuntergang und Jüngstem Gericht, die Stellung zwischen dem Kaiser und den Fürsten, die Hierarchie von Papst und Geistlichkeit, die Notwendigkeit der Kreuzzüge, die Begründung des Rechts, und seiner Zeit der Investiturstreit. Sie alle lassen sich als Konstanten in der Dichtung der Zeit nachweisen. Ebenso gehören die Auseinandersetzungen zwischen Friedrich II., Philipp dem Schönen und Ludwig von Bayern zu einer der Blütezeiten der mittelalterlichen Publizistik.

Fast sämtliche politische Lyrik wurde uns durch Lyrik-Sammelhandschriften, spezielle Dichterhandschriften, verstreut in gemischten Sammelhandschriften und auf einzelnen Blättern oder innerhalb von zeitgenössischen oder späteren Chroniken überliefert.

1.2 Die Dichter

Es gab im Mittelalter sehr verschiedene Autorentypen. Man kann zwischen fahrenden Dichtern und Sängern, städtischen Handwerksmeistern, Schreibern, Gelehrten und Beamten im höfischen beziehungsweise städtischen Dienst unterscheiden. Aufgrund ihrer unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen hatten die Dichter auch unterschiedliche Gründe und Ziele für ihre Werke. Es war zum Beispiel ein erheblicher Unterschied, ob ein Autor am Hof, also in Abhängigkeit von einem Mäzen gelebt hat, oder ob er einen Beruf hatte und nur nebenher publizistisch tätig war. Auch die Sprach- und Stoffwahl führte zu unterschiedlichsten Rezipientenkreisen, je nach Bildungshorizont und Stand waren den Zuhörern unterschiedliche Werke zugänglich.

Die meisten Dichter der mittelhochdeutschen politischen Lyrik waren fahrende Musiker, dazu gehörten auch die Verfasser der politischen Reim-Reden, die Herolde. Sie erreichten weite Schichten der Bevölkerung.

Die Gedichte wurden nur zum geringen Teil als Lektüre erfahren, größtenteils wurden sie vorgetragen, die Sänger standen also in direktem Kontakt zum Publikum. Dabei waren Dichter und Sänger nicht unbedingt identisch. Die eigentlich „produzierenden“ Musiker und Dichter waren eine Minderheit gegenüber den fahrenden Sängern und Sprechern die ihre Werke weiterverbreiteten. Die Künstler stammten aus fast sämtlichen Ständen und Berufsrichtungen, selten allerdings aus mächtigen Ministerialen- oder Adelsfamilien.

Walther von der Vogelweide als einer der bekanntesten Dichter des Mittelalters schrieb ebenfalls politische Lyrik. Seine Texte könnte man als eine Mischung aus Interpretation, Werbung und Propaganda für den jeweiligen Brotgeber bezeichnen. „Der Politik wird die Stimme der Dichtung geliehen.“[7] Ziele und Vorgänge der Politik sollten verständlich gemacht werden. Der Dichter gestaltete damals indirekt am Geschehen mit, er wurde selbst zum Organ der Politik. „Hauptberufliche“ Dichter waren dennoch nie Träger von Politik, im mittelalterlichen Aufbau weltlicher Macht spielten sie eine eher untergeordnete Rolle, von Dichterfreunden hochmittelalterlicher Kaiser o.ä. ist nichts bekannt.

Die Dichter waren oft Mahner und Wegweiser, sie stellten ein forderndes Gewissen, teilweise sogar die „öffentliche Meinung des Zeitalters“[8] dar: „sie gaben in ihrer Darstellung nicht die persönliche Interpretation der Ereignisse, sondern folgten allgemeinen Anschauungen, die mit der kirchlichen Lehre und staatlichen Auffassung einer gewissen Menschengruppe in einem bestimmbaren Einverständnis stehen“[9].

Bis um 1500 hatte sich noch keine überregionale Schrift- und Literatursprache herausgebildet. Um die damaligen Dichter bestimmten Regionen zuzuordnen, reichte es daher die in den Werken gebrauchte Sprache genau zu untersuchen. Man konnte unter anderem zwischen Niederdeutsch, Hochdeutsch und Oberdeutsch unterscheiden. Einzig Latein war überregional in den höheren Bildungsschichten im Gebrauch. Auch anhand der Dichtungen und Gönner lässt sich für das Leben der Dichter erschließen, wann sie sich wo aufhielten. Der Weg der Dichter lässt umgekehrt Rückschlüsse auf Bekanntschaften unter Adelsgeschlechtern zu, da Dichter oft weiterempfohlen oder vermittelt wurden.

[...]


[1] Ingeborg Spriewald: Zum Stellenwert des spätmittelalterlichen Autors: Hermann Bote im Vergleich zu Dichtern seiner Zeit, S. 45

[2] Die deutsche Hofpoesie um Friedrich II war zum Beispiel politische Dichtung, des Kaisers Wollen und Vollbringen waren der innerste Kern und der Vollzug ihrer Aussage. Dadurch förderte Kaiser Friedrich II. die Literatur und Kultur in Deutschland, er ließ durch Dichter seine Politik, Weltanschauung und Persönlichkeit ins Volk tragen. Dichtung war ein fortlaufender Kommentar der politischen Ereignisse, ein Ausdruck öffentlicher Meinung. Dadurch wurde die Dichtung am Kaiserhof zu einem historischen Dokument, zu einem geschichtlichen Zeugnis.

[3] vgl. Bernd Thum: Literatur als politisches Handeln. Beispiele aus dem Umkreis der letzten Babenberger, S. 257

[4] Fabeln waren im Mittelalter um das 13. Jahrhundert allgemein bekannt und beliebt. Sie wurden von Dichtern teilweise zu politischen Waffen umgeformt, alte Überlieferungen bekamen einen neuen, aktuell politischen Sinn. Neue Entwicklungen wurden aus zeitlosen Wahrheiten herausgedeutet. Die politische Propaganda bediente sich mit den Fabeln einer bewährten Form der Menschenführung. Als Begründer dieses Gebrauchens von Fabeln gilt Bruder Wernher, er war der erste der eine geschlossene Fabel im politischen Sinne ausgelegt hat. Auch Goethe betrieb noch politische Fabeldichtung: sein „Reineke Fuchs“ von 1794 stellt die Auseinandersetzung mit den Ideen der französischen Revolution in Bildern und Vorgängen des Tierreichs dar.

[5] Eugen Thurnher: Politik und Dichtung im Mittelalter, S.10

[6] Ulrich Müller: Untersuchungen zur politischen Lyrik des deutschen Mittelalters, S. 271

[7] Eugen Thurnher: Politik und Dichtung im Mittelalter, S. 11

[8] Herta Gent: Die mittelhochdeutsche politische Lyrik, S. 111

[9] ebd, S. 111

Details

Seiten
16
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638391634
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40710
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Politische Publizistik Hochmittelalters Sprach Kommunikations- Mediengeschichte Deutschen Kontext

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Titel: Politische Publizistik des Hochmittelalters