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Bellum Sertorianum und Bellum Spartacium in den Historien Sallusts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 33 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Sallust – Staatskritiker, Philosoph und Geschichtsschreiber

2 Bellum Spartacium und Bellum Sertorianum – Darstellung der Kriege und ihrer Anführer in Sallusts Historiae und weiteren ausgewählten Werken diverser Autoren
2.1 Sertorius und das Bellum Sertorianum
2.1.1 Biographisches und geschichtliches Hintergrundwissen zu Sertorius
2.1.1.1 Jugend des Sertorius
2.1.1.2 Erste militärische Erfolge
2.1.1.3 Konfrontationen mit Sulla
2.1.1.4 Sertorius’ Abkommandierung nach Spanien
2.1.1.5 Q. Sertorius auf der Flucht vor Sulla
2.1.2 Die Darstellung des Kriegs gegen Sertorius, basierend auf Sallusts Historienberichten
2.1.2.1 Ereignisse in Buch I (78 - 77 v. Chr.)
2.1.2.2 Kriegsablauf in Buch II (spätes Jahr 77 – ins frühe Jahr 74)
2.1.2.3 Letzte Stationen des Sertorianischen Kriegs (74 - 72 v. Chr.)
2.1.3 Plutarch als wichtigste Wissensquelle zu Q. Sertorius
2.2 Spartakus und der größte Sklavenaufstand in der Geschichte Roms
2.2.1 Historische Umstände und Überblick über die Sklavenproblematik im Römischen Reich
2.2.2 Sallusts Bericht über das Bellum Spartacium
2.2.2.1 Ordnung der Fragmente nach Maurenbrecher
2.2.2.2 Die Kriegsereignisse in der deutschen Übersetzung und Untermauerung derselben durch Berichte weiterer lateinischer Autoren

3 Parallelen zwischen den beiden Männern und ihre Verbindung zu Sallust

Literaturverzeichnis

1 Sallust – Intention als Staatskritiker und Geschichtsschreiber

Die Diskussionen darüber, ob Sallust als begnadeter Historiker betrachtet werden darf, oder andererseits als ein staatsphilosophisch ausgerichteter Kritiker und Analytiker der politischen Verhältnisse, scheinen nicht verstummen zu wollen. Die nun folgende Abhandlung soll als Beweis für seine einerseits besondere Begabung für die Geschichtsschreibung und weiterhin für seinen außergewöhnlichen Stil in Verbindung mit der eigenen, gekonnt unterschwellig eingewobenen und psychologisch wie ethisch fundierten, Beurteilungsfähigkeit dienen. Diese Intention soll anhand zweier sowohl inhaltlich, als auch textkritisch interessanter Beispiele realisiert werden: Der Krieg gegen Sertorius und das Bellum Spartacium stellten Rom vor äußerst unangenehme Zeiten, besonders, wenn man neben den hohen Verlusten im militärischen Bereich die Furcht um das eigene, erst durch einen aufrührerischen Landsmann, dann durch unbedeutende Sklaven ins Wanken geratene, Ansehen als unbesiegbare und gewaltige Weltmacht bedenkt.

Sallusts Leitmotiv, welches all seine Werke in ihren diversen Stadien durchzieht, ist der Verfall des Staates, wobei für ihn ganz deutlich der Sullanische Staat den Höhepunkt und Inbegriff des Ruins repräsentiert. Besonders im Rahmen der Darstellung des Sertorianischen Kriegs sich diese Antipathie gegenüber Sulla besonders stark. Während er zu Beginn der Historien zuerst noch vom einstigen Idealzustand mit „optumis moribus et maxuma concordia“ (Hist. 11, 6f.) spricht, kommt Sallust doch recht rasch auf die aktuelle Lage, geprägt von „discordia et avaritia atque ambitio“ (Hist. 11, 9f.) zu sprechen. Diese Verschiebung der Werte führt er auf den menschlichen Charakter zurück, der sich, wenn er sich in Sicherheit wiegt, gehen lässt und aufhört, die alten Ideale anzustreben und die für einen Römer bisher als tugendhaft geltende Pflichten weiter auszuführen.

Dieses nachlässige und überhebliche Verhalten führt uns direkt zurück zu Spartakus und Sertorius, die sich beide mit aller Kraft gegen die römische Vorherrschaft auflehnen. Wer diese beiden Männer waren, welche Leistungen sie vollbrachten und was sie zu Inbegriffen des Heldentums machte, soll nun primär anhand der historischen Berichte Sallusts hinsichtlich ihrer Überlieferung, ihres Inhalts und Sallusts persönlicher Betrachtung und Beurteilung in aller Ausführlichkeit untersucht werden.

2 Bellum Spartacium und Bellum Sertorianum – Darstellung der Kriege und ihrer Anführer in Sallusts Historiae> und weiteren ausgewählten Werken diverser Autoren

2.1 Sertorius und der Bellum Sertorianum

Um die chronologisch korrekte Reihenfolge der beiden Kriege einzuhalten, soll nun mit der Behandlung des Bellum Sertorianum begonnen werden, wobei neben der Schilderung der Kriegsereignisse und der Umstände, die zur Initiierung des Krieges im Jahre 81/80 und zur gewaltsamen Beendigung desselben anno 73 führten, der Fokus auch auf der Person Q. Sertorius liegen wird.

Nach Maurenbrechers Anordnung ziehen sich die Berichte über Sertorius und das Bellum Sertorianum über die ersten drei Bücher der Historien, beginnend mit Sertorius’ Karriere von 105 bis 80 v. Chr. und dem frühen Stadium des Sertorianischen Kriegs in Buch I. Buch II erzählt die Kriegsereignisse des Jahres 76 und des Sommers und Winters 75 und das dritte Buch der Historien fährt mit dem Kriegsverlauf im Jahr 74 fort und behandelt außerdem die letzte Phase des Kriegs im Jahr 72. Anzumerken ist hierzu, dass die Nachvollziehung der korrekten, im Original bestandenen, Chronologie eine der großen Schwierigkeiten darstellt, da es zum Sertorianischen Krieg besonders viele kurze und uneindeutige Fragmente gibt. Aufgrund eben dieser Tatsache wurden für die folgende Behandlung des Bellum Sertorianum nicht jedes einzelne Fragment verwendet, sondern nur diejenigen, welche eindeutig den Geschehnissen zuzuordnen sind.

2.1.1 Biographisches und geschichtliches Hintergrundwissen zu Q. Sertorius

2.1.1.1 In Nursia in Mittelitalien, 70 Meilen entfernt von Rom, wurde Quintus Sertorius etwa im Jahr 126 v. Chr., jedenfalls nicht später als 122 v. Chr.[1], als Sabiner geboren.[2] Obwohl sein Vater, ein Angehöriger des Ritterstands, starb als er noch ein Junge war, wurde von seiner Familie dafür gesorgt, dass ihm eine umfassende Bildung zuteil werden konnte, was sowohl die Kenntnisse der lateinischen und griechischen Sprache, als auch eine Ausbildung bezüglich des römischen Rechts beinhaltete.[3] Natürlich wurde er als junger Mann auch im Kampf und in Rhetorik geschult. Selbst mit diesen Referenzen hatte er jedoch als so genannter municipalis[4] und ohne Vorfahren im Senat eine recht geringe Chance, in Rom eine politische Karriere beginnen zu können.

Da er aber als homo novus dennoch seine Ämterlaufbahn, wohl nicht später als anno 110[5], antreten konnte, liegt die Vermutung nahe, dass die Sertorii zumindest enge Kontakte zu ein paar dem Landadel angehörenden Familien unterhielten, wozu möglicherweise die Servilii Caepiones, die Aurelii Cottae oder sogar die einflussreichen Metelli gehört haben könnten.[6] Plutarch informiert uns darüber, dass Q. Sertorius sich jedoch abgesehen davon bereits vor seinen politischen Erfolgen als Redner in Rom einen Namen gemacht hatte (Sert.2). Es ist recht wahrscheinlich, dass er damals etwa 19 Jahre alt war und nicht früher als mit 20 Jahren seinen Militärdienst antrat und „togam paludamento mutavit“, wie Fr. 87* es formuliert.

2.1.1.2 Dies belegt Plutarch damit, dass er Sertorius’ ersten „herausragenden Erfolg“ (Sert.2) im Krieg anno 105, nach der Niederlage des Prätors Q. Servilius Caepio gegen die Kimbern und Teutonen bei Arausio, zuschreibt, aus welcher Sertorius als contubernalis[7] und möglicherweise persönlicher Leibwächter desselben mit ihm als einer der wenigen Überlebenden entkam.[8]

Im Jahre 97 v. Chr. wurde Sertorius das Amt des Militärtribuns verliehen, wozu sicherlich erneut einflussreiche Fürsprecher, wie in diesem Fall die Servilii Caepiones, notwendig gewesen waren.[9] Er schloss sich anschließend C. Marius zur Niederstreckung der Barbaren an und wurde aufgrund seiner bereits gesammelten Erfahrung und seiner strategischen und naturgegebenen militärischen Begabung zu einem unverzichtbaren Mitstreiter. Plutarch erwähnt sogar seine freiwilligen Unternehmungen als Spion, bei welchen er sich, nachdem er sich sogar grundlegende keltische Sprachkenntnisse angeeignet hatte, verkleidet und unbemerkt mitten unter die Germanen mischte um sie auszuhorchen.[10]

Bei Vercellae im Jahre 101 errangen sie endlich den Sieg über die germanische Bedrohung und in den folgenden drei Jahren, in denen keine Daten über Sertorius überliefert sind, wird angenommen, dass er wohl bei Marius und Catulus in Rom blieb und an deren Triumph in irgendeiner Weise Anteil nahm und sich weiterhin dem Militärdienst widmete. Man vermutet, dass er sich von 100 bis 98 wohl weitere örtliche oder sprachliche Kenntnisse aneignete, welche ihm später zu seiner Quästur in Gallia Cisalpina verhalfen.[11]

Im Jahre 98 oder erst 97 wurde Q. Sertorius schließlich aufgrund seiner hochgradigen Kompetenz und Referenzen als Militärtribun nach Hispania geschickt, wo er in Castulo im zentralen Hochland stationiert war und im Schlaf beinahe einem Anschlag der dort ansässigen Barbaren zum Opfer fiel. Erfolgreich entkommen, führte er eine blutige und siegreiche Gegenoffensive gegen Castulo und die involvierten Nachbardörfer, was ihm zumindest unter den Römern in Spanien beträchtlichen Ruhm einbrachte.[12]

Zwischen 92 und 90 – die Überlieferung Plutarchs weicht ab von den heutigen Erkenntnissen und den damit verbundenen Vermutungen – wurde Sertorius dann das Amt des Quästors verliehen. Damit erhielt er laut Plutarch die Aufgabe, sich um die Aushebung und Bewaffnung von Truppen zu kümmern. Von Sallust erfahren wir durch Fr. 88 lediglich, dass Sertorius in dieser Zeit, während des Konsulats des Didius, erfolgreich im Marsischen Krieg kämpfte und zum Legaten aufstieg. Er verlor dabei ein Auge, „effosso oculo“ – eine ehrenhafte Wunde –, was ihn möglicherweise dazu veranlasste, sich bald aus seinem Soldatenleben zurückzuziehen.[13] Sallust klärt uns außerdem darüber auf, dass Sertorius’ niedere Geburt ihm den Ruhm vorenthielt, den er verdient hatte: „multaque […] peracta primo per ignobilitatem, deinde per invidiam scriptorum incelebrata sunt.“

2.1.1.3 Anno 89 wurde Sertorius’ erneute Bewerbung um das Tribunat von Lucius Cornelius Sulla angeblich absichtlich durchkreuzt, jedoch gibt es keine Informationen darüber, wie das vonstatten gegangen sein soll[14]. Ein Grund dafür war wahrscheinlich, dass Sertorius Klient der Servilii Caepiones war und Sulla, der ebenfalls an den Kriegen gegen die Kimbern teilgenommen hatte, dem vom Schlachtfeld und von Marius bei diesem Kampf desertierten Caepio und den Seinen seitdem ausschließlich Misstrauen und Verachtung entgegenbrachte.[15] Laut Plutarch war diese von Sulla herbeigeführte Niederlage der Grund dafür, dass Sertorius zu dessen erbittertem Gegner wurde.[16]

Als aufgrund seines Erfolges im Bundesgenossenkrieg Sulla für das Jahr 88 v. Chr. zum Konsul gewählt wurde, übertrug ihm der Senat das Kommando im Krieg gegen König Mithridates VI. von Pontus. Per Volksbeschluss wurde ihm das Kommando allerdings wieder entzogen und dem Popularen Marius übertragen. Daraufhin marschierte Sulla – er war schon seit dem Sieg über Jugurtha im Jahr 104 dem Popularen Marius feindlich gesinnt, weil dieser den Triumph für den Sieg zugesprochen bekam, obwohl Sullas Meinung nach er selbst dafür verantwortlich gewesen war, indem er König Bocchus I. von Mauretanien dazu veranlasst hatte, seinen Schwiegersohn Jugurtha an Rom auszuliefern – auf Rom, eroberte die Urbs und richtete durch die Erlassung verschiedener Gesetze den Senat wieder ein. Er zog sich dadurch den Hass der Bevölkerung zu und entfachte den langjährigen Bürgerkrieg zwischen Optimaten und Popularen neu. Dazu war ohnehin nicht viel nötig gewesen, da die Stimmung zwischen den beiden Parteien sich seit den Gracchen nicht merklich entspannt hatte. Marius floh, fürs erste besiegt von Sulla, nach Praeneste (Hist. I, 35*), wo Sulla eine Blockade, angeführt von Lucretius Ofella, einem Überläufer[17], errichten ließ, was die Fragmente 36 und 37 untermauern.

Sertorius schloss sich den Marianern unter Lucius Cornelius Cinna und Marius an, um gemeinsam mit ihnen gegen Sulla vorzugehen und Rom zurück zu erobern. Unter anderem spielte Papirius Carbo, der Konsul der Jahre 85, 84 und 82, eine bedeutende Rolle im Kampf gegen Sulla. Er führte in Picenum, Umbrien und Etrurien die Marianer an. Leider war es ihm weder möglich, Marius aus Praeneste zu befreien, noch, Gallia Cisalpina zu halten und nach weiteren Niederlagen floh er nach Afrika: „Carbo turpi formidine Italiam atque exercitum deseruit.“ (Hist. I, 38*) Am Ende des Jahres konnte, unter anderem nach der für die Marianer siegreichen Schlacht bei der Porta Collina am Quirilin, die Herrschaft über die Stadt – obwohl Marius in diesen Kämpfen fiel – wieder zurück gewonnen werden. Die Kämpfe dauerten bis in die Nacht hinein und als die sie bemerkten, dass die Situation nicht mehr umzukehren war, flohen die Sullaner, wie Sallust berichtet: „Ut Sullani fugam in noctem componerent.“ (Hist. I, 42) Sertorius hatte außerdem in dieser letzten Phase der Schlacht um Rom den Gegner Octavius beim Hügel Janiculus so lange bedrängt, bis dieser Suizid beging, was die Entscheidung für die Popularen brachte.[18]

Als Rom wieder Cinna als Konsul und Marius unterstand, war es Sertorius, der sich während des folgenden „triennium sine armis“ (Cic. Br. 308) dafür einsetzte, dass der Sieg nun nicht grausam gegen die Optimaten missbraucht wurde (Hist. I, 90*) Man nimmt an, dass Sertorius irgendwann in diesem Zeitraum, jedoch auf keinen Fall später als 84, das Amt des Prätors innehatte, da er sicherlich weiterhin eine Ämterlaufbahn anstrebte.[19]

Nach dem Tod Cinnas im Jahr 84 setzte Sulla alle Hebel in Bewegung um die Macht über Rom erneut an sich zu reißen.[20] Als Sulla 83 bei Brundisium landete, stellten die beiden Konsuln Scipio und Norbanus sofort Truppen auf und ernannten geeignete Befehlshaber, zu welchen auch Sertorius gehörte[21]. Nachdem Scipio, der unloyale und kampfunwillige Soldaten hinter sich hatte, sich in Campania auf einen von Sulla als Vorwand vorgeschlagenen Waffenstillstand eingelassen hatte – Sulla wusste um die Moral der Truppen Scipios und hoffte darauf, dass sich die dortige Stimmung weiter verschlechtern würde – wurde Sertorius nach Capua zu Norbanus gesandt, um dort von den Gesprächen zwischen dem Konsul und Sulla zu berichten. Laut Appian soll Sertorius auf seinem Weg den übergelaufenen Suessa in seine Gewalt gebracht haben, woraufhin Sulla als Wiedergutmachung erfolgreich die Geiseln von Scipio zurückverlangte. Daraufhin wechselte des Konsuls Heer aus Verachtung auf Sullas Seite. Sertorius soll sich mit Suessa auf nach Spanien gemacht haben.[22] Exsuperantius (Opus. 7-8) hingegen berichtet lediglich davon, dass Scipios Armee zu Sulla überläuft und Sertorius sich, um Nachschub an Soldaten zu erbitten, nach Etrurien begibt.

2.1.1.4 Danach wird er als Prätor nach Hispania Citerior [23] abgesandt, weil er sich erdreistet hatte, die Soldaten Sullas und ihn selbst öffentlich als tüchtiger zu bezeichnen als es die Marianer waren. Unklar ist, wann diese Abreise genau stattfand. Spann kommt aufgrund einiger Passagen bei Exsuperantius zu dem Schluss, dass Sertorius Rom im Januar des Jahres 82 aufgrund seiner Insubordination verlassen musste.[24] Bei Plutarch wird erwähnt, dass Sertorius nach Spanien ging, um dort einen Ort für seine Freunde zu bereiten, die in Rom eine schlechte Behandlung erfahren hatten, was uns darüber informiert, dass Sertorius dieses Schicksal alles andere als schwer nahm, sondern es vielleicht genau das war, was er sich zu tun vorgestellt hatte.[25] Sallust stellt sogar fest, dass Spanien ohnehin seine ursprüngliche Heimat sei (Hist. I, 93*).

Wahrscheinlich erreichte Sertorius Spanien irgendwann im März 82, nachdem die Reise mindestens zwei Monate gedauert haben musste. Er hatte sicherlich zumindest Rekruten an seiner Seite, obwohl sich Rom mitten im Krieg mit Sulla befand, da er seine Autorität natürlich, gerade während des Bürgerkriegs, untermauern musste.[26] Dort an der Macht, bemühte er sich, das Vertrauen und die Gunst der dort ansässigen Spanier zu erwerben, indem er persönlichen Kontakt zu den führenden Personen unterhielt, Steuern erließ und dafür sorgte, dass seine Männer das Leben der Spanier nicht mehr als nötig störten oder beeinträchtigten.[27] Dennoch war es ihm ebenso wichtig, dass die Menschen seine Macht respektierten und ihn auch in gewisser Weise fürchteten, wie Exsuperantius berichtet: „ut et carus esset, et tamen ab omnibus timeretur.“[28]

Während Sertorius sich in Hispania citerior seine Herrschaft aufbaute und sicherte, war Ende 82 in Rom die Regierung durch Sulla gestürzt worden und Norbanus und Marius waren entweder geflohen oder vom Feind eingeschlossen.[29] Also baute Sertorius in der Gewissheit, bald von Sulla angegriffen zu werden, seine Verteidigung aus und blockierte die Zugänge nach Spanien über die Pyrenäen (Hist. I, 97). Jedoch konnte C. Annius Lucus, ein Anhänger Sullas, im Jahr 81 diese Blockade durchbrechen und Sertorius’ Truppenführer Iulius Salinator (Hist. I, 96 *) wurde dabei, laut Sallust durch einen gewissen Calpurnius, der den Beinamen Lanarius trug (Hist. I, 95*), hinterrücks ermordet, wobei jedoch unklar ist, ob besagter Mörder zu Sullas oder Sertorius’ Seite zu zählen ist.[30]

2.1.1.5 Auf dieses Geschehnis hin, zog Sertorius sich mit den etwa 3000 noch vorhandenen Streitkräften, die er wohl von ihrer Loyalität ihm gegenüber überzogen konnte, nach Cartagena zurück, wo er sie für die Überfahrt nach Lybien in Afrika einschiffte.[31] Von Plutarch wissen wir, dass dort die Barbaren über Sertorius und seine Männer herfielen und er sich gezwungen sah, wieder nach Spanien, wahrscheinlich an die Ostküste, zurückzusegeln.[32] Keinen anderen Ausweg mehr sehend, ließ er sich auf eine Allianz mit Cilikischen Piraten ein und griff mit ihrer Hilfe die Insel Ibiza an, woraufhin Annius eine 5000 – Mann-Flotte dorthin schickte, die etwa zwei bis drei Wochen später dort ankam.[33] Sertorius sah sich bei der Konfrontation auf See vor die Entscheidung gestellt, ob er an Land gegen Annius’ Übermacht kämpfen und verlieren, oder gen Kanarische Inseln segeln sollte, von welchen er von anderen Seemännern erfahren hatte. Diese soll Homer als Elysium besungen haben, wie Fr 91 aussagt. Sertorius trat die Reise nun teils aus Notwendigkeit der sofortigen Flucht – er hatte mit seiner geringen Stärke keine Chance, die feindlichen Linien zu durchbrechen (Hist. I, 99*) – teils aus menschlicher Neugier an,[34] wie Sallust beschreibt: „more humanae cupidinis ignara visendi“ (Hist. I, 103*) Jedoch entschloss er sich am Ende doch dafür, nach Afrika zu segeln, weil seine Männer diesen Plan eindeutig befürworteten und die Piraten ihm die Hilfe abschlugen. In Mauretanien angekommen, einigten sie sich mit dessen Herrscher Ascalis – Sallust spricht paradoxerweise von einem gewissen König Leptasta (Hist. II, 20) – darauf, einige Zeit bleiben zu dürfen.[35]

Während seinem Aufenthalt dort, weit entfernt von seiner Heimat, erfuhr Sertorius vom Tode seiner Mutter und wenn wir Plutarchs Bericht Glauben schenken dürfen, trauerte er tiefer, als man es von einem solchen Mann gewohnt war und schwieg sieben Tage lang[36], was ihn charakterlich sympathisch macht. Es ist anzunehmen, dass Plutarch dies auch in seinen Bericht mit aufnimmt, um eben diesen Zweck damit zu erfüllen und somit auch seine zweite weiche und menschliche Seite neben der des entschlossenen Militärs offenzulegen. Nach dieser Trauerzeit entschloss er sich, es war im Jahre 80, ein Abkommen mit den Lusitanern einzugehen, die ihn um Hilfe womit nun das eigentliche Bellum Sertorianum seinen Anfang nimmt.[37]

2.1.2 Die Darstellung des Kriegs gegen Sertorius, basierend auf Sallusts Historienberichten

2.1.2.1 In der Mitte des Jahres 80 v. Chr. brach Sertorius vermutlich nach Südspanien auf. Er verlässt Mauretanien heimlich bei Nacht, im zweiten Sommer, wie Sallust verrät, und „versuchte so einer Schlacht zu entgehen“ (Hist. I, 104). Von Plutarch (Sert. 12,3) erfahren wir jedoch, dass dieser Versuch scheiterte und Sertorius er bei der Überfahrt auf einen kleinen Widerstand stößt, welcher von einem nicht näher bezeichneten Cotta initiiert wurde. Neben L. Cotta, zu dieser Zeit noch etwas jung, um mit einer solchen Aufgabe betraut zu werden, und M. Cotta, dem Konsul im Jahr 74, ist C. Cotta die wohl passendste Person in diesem Zusammenhang. Seiner Rede in den Historien ist zu entnehmen, dass er mehrere militärische Niederlagen über sich ergehen lassen musste (Hist. II 47,1), jedoch bleiben dabei immer noch ein paar Fragen offen, welche jedoch Sertorius nicht wirklich betreffen.[38]

Seine nun folgenden Schritte sind nicht genau bekannt. Entweder wandte er sich nach Norden und stieß kurz darauf auf einen gewissen L. Fufidius, welcher möglicherweise der Statthalter von Hispania Ulterior[39] war, oder begab sich vor diesem Kampf noch nach Lusitanien um seine Kräfte dort aufzustellen und zu mobilisieren, wie Plutarch berichtet. Jedoch spricht ein Fragment Sallusts für erstere Variante, welche impliziert, dass kaum Zeit vergangen sein kann seit dem Sieg über Cotta bei Mellaria: „Et mox Fufidius adveniens […]“ (Hist. I, 108).

Etwa dort, wo sich heute Sevilla befindet, am Ufer des Baetis, traf Sertorius mit seinen insgesamt 8000 Männern, von welchen nur 2600 Römer waren, auf die 10.000 Mann starke Armee von Fufidius, wie auch Sallust beschreibt: „Et mox Fufidius adveniens cum legionibus, postquam tam ‹al›tas ripas, unum haud facilem pugnantibus vadum cuncta hosti quam suis oportuniora videt.“ (Hist. I, 108). Fufidius wird am Ende von Sertorius besiegt und muss den Verlust von 2000 römischen Soldaten verschmerzen. Das Fragment 109* bei Sallust, „Ita sperat pugnam illam pro omine bello futuram“, könnte so zu deuten sein, dass Sertorius nun hofft, dass dieser Kampf nun ein gutes Omen für den Ausgang des Krieges sein werde. Nach diesem erneuten Sieg begibt sich Sertorius wieder zurück nach Lusitanien[40], dessen Volk von Sallust als sonst „wenig kontaktfreundlich“ (Hist. I,106) bezeichnet wird. Fufidius überlebte die letzte Schlacht und zog sich in eine der befestigten Städte der Gegend zurück. Später wird er von Lepidus in den Historien als „praelatus in magistratibus capiendis, ancilla turpis, bonorum omnium dehonestamentum“ (Hist. I 55, 22)“ bezeichnet.

Es ist anzunehmen, dass der Q. Caecilius Metellus Pius, der als nächster von Sulla mit dieser unangenehmen Situation betraut wurde, Anfang 79 mit vier Legionen nach Spanien aufbrach, wo auch M. Domitius Calvinus mit zwei Legionen zum Angriff bereitstand: „Domitium proconsulem ex citeriore Hispania cum omnibus copiis, quas paraverat, arcessivit.“ (Hist. I, 111). Metellus wurde anscheinend durch einen Brief vorab darüber informiert, welche Truppenstärke ihn – entweder auf der eigenen Seite, oder, was wahrscheinlicher ist, auf Seiten des Gegners Sertorius – dort erwartete (Hist. I, 110). Domitius wurde bald von Sertorius’ Quästor Hirtuleius vernichtet, während Sertorius selbst den Legaten des Metellus, L. Thorius Balbus, in der Nähe des Flusses Anas dem Erdboden gleichmachte. Näheres zu den Hintergründen ist leider nicht bekannt.[41] Wir wissen aber, dass sich die Stärke von Sertorius’ Truppen aufgrund seines siegreichen Rufs kontinuierlich vergrößerte.[42]

[...]


[1] Spann, Philip Owen: “Quintus Sertorius – Citizen, Soldier, Exile”, S. 2.

[2] Spann, Philip Owen: „Quintus Sertorius and the legacy of Sulla“, S. 1.

[3] Ebd., S. 3.

[4] municipalis = Kleinstadtbürger.

[5] Spann, Philip O.: „Quintus Sertorius and the legacy of Sulla“, S. 5.

[6] Ebd., S. 4.

[7] contubernalis = ein zur Ausbildung überwiesener, ständiger Begleiter eines Prätors.

[8] Spann, Philip Owen: “Quintus Sertorius – Citizen, Soldier, Exile”, S. 3f.

[9] Ebd., S. 5.

[10] Ebd., S. 8.

[11] Spann, Philip Owen: “Quintus Sertorius – Citizen, Soldier, Exile”, S. 14f.

[12] Ebd., S. 16f.

[13] Ebd., S. 24.

[14] Rijkhoek, Karl Guido: ”Studien zu Sertorius 123 – 83 v. Chr.”, S. 111.

[15] Spann, Philip Owen: “Quintus Sertorius – Citizen, Soldier, Exile”, S. 5.

[16] Ebd., S. 32f.

[17] McGushin, Patrick: „Sallust – The Histories“, S. 102.

[18] Ebd., S. 36.

[19] Spann, Philip Owen: “Quintus Sertorius – Citizen, Soldier, Exile”, S. 39.

[20] Ebd., S. 40.

[21] Exsuperantius, Iulius: “Opusculum”, S. 513.

[22] Spann, Philip Owen: “Quintus Sertorius – Citizen, Soldier, Exile”, S. 42f.

[23] Exsuperantius, Iulius: “Opusculum”, S. 514.

[24] Spann, Philip Owen: “Quintus Sertorius – Citizen, Soldier, Exile”, S. 46f.

[25] Ebd., S. 47f.

[26] Ebd., S. 48ff.

[27] Spann, Philip Owen: “Quintus Sertorius – Citizen, Soldier, Exile”, S. 51.

[28] Exsuperantius, Iulius: “Opusculum”, S. 514.

[29] Spann, Philip Owen: “Quintus Sertorius – Citizen, Soldier, Exile”, S. 52.

[30] Ebd., S. 56.

[31] Ebd., S. 57f.

[32] Ebd., S. 59.

[33] Ebd., S. 61.

[34] Ebd., S. 64.

[35] Spann, Philip Owen: “Quintus Sertorius – Citizen, Soldier, Exile”, S. 65ff.

[36] Ebd., S. 69.

[37] Maurenbrecher, Bertold (Hrsg.): „Sallustii Crispi Historiarum Reliquiae“, S. 44.

[38] Spann, Philip Owen: „Quintus Sertorius and the legacy of Sulla“, S. 71.

[39] Ebd., S. 75.

[40] Spann, Philip Owen: “Quintus Sertorius – Citizen, Soldier, Exile”, S. 77.

[41] Ebd., S. 80.

[42] Ebd., S. 81.

Details

Seiten
33
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638393133
ISBN (Buch)
9783638729499
Dateigröße
739 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40922
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Klassische Philologie
Note
2
Schlagworte
Bellum Sertorianum Spartacium Historien Sallusts

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Titel: Bellum Sertorianum und Bellum Spartacium in den Historien Sallusts