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Depressionen und Suizid im Kindes- und Jugendalter. Präventive Maßnahmen und Hilfen

Examensarbeit 2005 147 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Heranführung an das Thema Suizid
1.1 Begriffsklärungen
1.2 Unterschied zwischen Suizid und Suizidversuch
1.3 Aktuelle Statistiken
1.4 Entwicklung des Todesbewusstseins bei Kindern und Jugendlichen
1.4.1 Kleinkinder im Vorschulalter
1.4.2 Grundschulkinder von 6 bis 9 Jahren
1.4.3 Schulkinder von 9 bis 12 Jahren
1.4.4 Jugendliche von 12 bis 18 Jahren

2. Belastungs- und Risikofaktoren für die Entwicklung von Suizidalität
2.1 Anzeichen für eine Suizidgefährdung bei Kindern und Jugendlichen
2.1.1 Das Präsuizidale Syndrom nach Erwin Ringel
2.2 Motive und Ursachen für den Suizid bei Kindern und Jugendlichen
2.3 Suizidalität und psychische Störungen
2.3.1 Depressionen
2.3.2 Persönlichkeitsstörungen und Schizophrenie
2.3.3 Sucht und Suizidgefahr

3. Suizidales Verhalten
3.1 Unterschied Erwachsenen- und Jugendsuizid
3.2 Suizidmethoden

4. Präventionsmaßnahmen, Therapien und Hilfe nach dem Suizid
4.1 Präventionsmaßnahmen bei einer Suizidgefährdung
4.1.1 Prävention in der Schule
4.1.2 Prävention in der Familie
4.2 Therapien bei Suizidalität
4.3 Hilfsmöglichkeiten für Hinterbliebene nach einem Suizid

5. Zusammenfassung der Autorenaussagen

6. Umfragen bei Beratungsstellen und Schulpsychologien
6.1 Beratungsstellen
6.1.1 Psychologische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche
6.1.2 Familienberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt für Kinder, Jugendliche und Eltern
6.1.3 NEUhland- Beratungsstelle für suizidgefährdete Kinder und Jugendliche
6.2 Schulpsychologien
6.2.1 Schulpsychologie Oldenburg
6.2.2 Schulpsychologischer Dienst Bremen
6.3 Auswertungen der Umfragen

7. Abschließende Gegenüberstellung der Autorenaussagen und der Auswertungen der Umfragen

8. Schlusswort

9. Quellenverzeichnis

10. Anhang
10.1 Suizidpräventionsprogramme in der Schule
10.2 Umfragetabellen
10.2.1 Umfrage 1: Psychologische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche
10.2.2 Umfrage 2: Familienberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt für Kinder, Jugendliche und Eltern
10.2.3 Umfrage 3: NEUhland- Beratungsstelle für suizidgefährdete Kinder und Jugendliche
10.2.4 Umfrage 4: Schulpsychologie Oldenburg
10.2.5 Umfrage 5: Schulpsychologischer Dienst Bremen

0. Einleitung

Jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens mit Suizid oder einem Suizidversuch konfrontiert, sei es in der eigenen Familie, im Freundes- oder Bekanntenkreis oder nur durch Zeitungen, Filme und nicht zuletzt auch durch die Literatur. Jedoch ist vielen oft nicht bewusst, dass sich nicht nur Erwachsene das Leben nehmen, sondern es bereits Fälle gab, in denen ein nur drei Jahre alter Junge sterben wollte. Dabei stürzte er sich über einen längeren Zeitraum eine hohe Treppe hinunter und erlitt schwere Prellungen. Oftmals schlug er auch mit dem Kopf gegen den Boden und zog sich blutende Verletzungen zu. Als Begründung gab er an: „Jeff ist böse und böse Jungen müssen sterben.“ (Myschker 2002, S. 407).

Der folgende Zeitungsartikel zeigt deutlich, wie aktuell das Thema „Suizid bei Kindern und Jugendlichen“ ist und in welch hohem Ausmaß dieser vorkommt:

Berlin (dpa) - Selbstmord ist eine der häufigsten Todesursachen bei Jugendlichen in Deutschland. Durch Suizid sterben bundesweit fast so viele junge Menschen wie im Straßenverkehr, teilte der Verein «Hilfen für suizidgefährdete Kinder und Jugendliche» am Mittwoch in Berlin mit. Allein in Berlin kamen im vergangenen Jahr nach Angaben des Statistischen Landesamtes rund 500 Menschen durch Suizid ums Leben, darunter rund 40 Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren. Die Zahl der Selbstmordversuche junger Menschen schätzt der Verein 20 bis 30 Mal höher ein. «Suizid bei Kindern und Jugendlichen ist ein unterschätztes Problem», sagt Michael Witte, Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft für Suchtprävention. Gründe für die Selbsttötung junger Menschen seien sowohl negative Lebenserfahrungen wie Gewalt oder sexueller Missbrauch als auch Belastungen wie Liebeskummer oder Schulversagen. «Suizidgedanken sind immer Ausdruck eines schwerwiegenden Problems», erläuterte Psychologin Monika Schnell. Ein Selbstmordversuch solle oft ausdrücken, was sich mit Worten nicht mehr sagen ließe. In Deutschland starben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2002 rund 11 000 Menschen durch Suizid. Das seien mehr Todesfälle als durch Aids, Verkehrunfälle und Tötungsdelikte zusammen, ergänzte Witte.

[…](Quelle: Netdoktor vom 09. September 2004)

Als ich mich im Rahmen meines Studiums mit dem Thema Suizid im Kindes- und Jugendalter beschäftigte, wurde auch mir bewusst wie viele Kinder und Jugendliche sich das Leben nehmen oder es versuchen. Für mich war es unbegreiflich und ich begann mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Dabei stieß ich auf eine Aussage, die mich dazu brachte, diese Arbeit über dieses wichtige Thema zu schreiben. Die Aussage lautete: Wenn die Selbsttötung eines Erwachsenen schon die Umwelt erschreckt und irritiert, so lösen Suizide von Kindern und Jugendlichen, die gerade erst ihr Leben beginnen, es noch gar nicht recht kennen, in der Bewältigung nicht erprobt sind, äußerste Betroffenheit, große Nachdenklichkeit und bei den Angehörigen oder näheren Bezugspersonen auch tiefe Schuldgefühle aus (vgl. Orbach 1990).

Ich selbst kenne eine Frau, deren Sohn sich im Alter von 16 Jahren vor einen Zug geworfen hat. Ich habe zwar nie mit ihr darüber gesprochen, aber ihre Schuldgefühle waren zu spüren. Nicht allein deshalb nahm ich mir vor, dass meine Arbeit einen Überblick darüber geben soll, wie Lehrer und Lehrerinnen[1], Eltern, Geschwister oder Freunde merken können, ob jemand suizidgefährdet ist und wie sie ihm helfen können. Des Weiteren soll gezeigt werden, wie Hinterbliebenen nach einem vollendeten Suizid geholfen werden kann bzw. wie Hinterbliebene sich selber helfen können.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt demnach bei den präventiven Maßnahmen und Hilfen für Angehörige und Hinterbliebene.

Das Thema Depressionen, wie es in meiner Themenstellung genannt ist, soll nur ein Randthema sein und im Rahmen der Risikofaktoren für einen Suizid genannt werden.

Während ich mich mit der vielfältigen Literatur zu dem Thema beschäftigte, traten bei mir zahlreiche Fragen auf. Die verschiedenen Autoren machten unter anderem Aussagen zu den Anzeichen und Gründen eines Suizids bei Kindern und Jugendlichen. Ich fragte mich, ob sich dieses theoretische Wissen der Autoren auch auf das reale Leben übertragen lässt. So entschied ich mich bei Menschen nachzufragen, die in ihrem beruflichen Leben mit Suiziden von Kindern und Jugendlichen konfrontiert werden. Ich plante eine Umfrage bei Beratungsstellen und Schulpsychologien. Mein Fragebogen bestand aus Fragen, die ich mir bereits in der Literatur beantwortet hatte und nun wollte ich den „Wahrheitsgehalt“ dieser theoretischen Antworten „überprüfen“.

Insgesamt brachten diese Umfragen ein sehr eindeutiges Ergebnis, welches in dieser Form nicht zu erwarten war.

Zusammenfassung

Zunächst soll im ersten Kapitel an das Thema herangeführt werden. Es werden verschiedene Begrifflichkeiten wie Suizid, Selbstmord oder Freitod genauer erläutert und aktuelle Statistiken gezeigt, die das häufige Vorkommen des Suizids bei Kindern und Jugendlichen noch einmal verdeutlichen sollen. Des Weiteren wird der Unterschied zwischen einem Suizid und einem Suizidversuch dargelegt. Abschließend wird in diesem ersten Teil der Arbeit das Todesbewusstsein bei Kindern und Jugendlichen thematisiert.

Im zweiten Kapitel werden die Risiko- und Belastungsfaktoren für die Entwicklung von Suizidalität verdeutlicht. Zunächst wird versucht, die Anzeichen für eine Suizidgefährdung bei Kindern und Jugendlichen hervorzuheben. In diesem Zusammen-hang ist auch das Präsuizidale Syndrom nach Erwin Ringel zu erwähnen.

Anschließend werden Motive und Ursachen für den Suizid bei Kindern und Jugendlichen genannt und schließlich wird auf den Zusammenhang zwischen einem Suizid und psychischen Störungen aufmerksam gemacht. An dieser Stelle sind Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie und Sucht als wichtige Faktoren zu nennen.

Das dritte Kapitel thematisiert das suizidale Verhalten. Es werden einige Unterschiede zwischen einem Suizid bei Erwachsenen und einem bei Jugendlichen angesprochen und verschiedene Suizidmethoden dargelegt.

Im vierten Kapitel werden Präventionsmaßnahmen, Therapiemöglichkeiten und Hilfestellungen nach dem Suizid genannt. Zunächst werden Präventionsmaßnahmen bei einer Suizidgefährdung verdeutlicht und anschließend wird die Prävention in der Schule und in der Familie genauer thematisiert.

Anschließend wird über die Therapie von Suizidanten berichtet und wenn alle Präventionsmaßnahmen und Therapien nicht helfen konnten und der Suizidant sich das Leben genommen hat, könnten die Hilfsmöglichkeiten für Hinterbliebene am Ende des vierten Kapitels hilfreich sein.

Im fünften Kapitel sollen die Ergebnisse der ersten vier Kapitel in tabellarischer Form noch einmal nach Themen und Autoren sortiert zusammenfassend dargestellt werden. Dies soll der Übersichtlichkeit dienen und deutlich machen, nach welchen Kriterien ich meinen Fragebogen für den folgenden empirischen Teil erstellt habe.

Das sechste Kapitel umfasst die Ergebnisse der Umfragen bei den Beratungsstellen und den Schulpsychologien. Zunächst werden die Kernaussagen der drei befragten Beratungsstellen und der zwei Schulpsychologien präsentiert und anschließend werden diese Aussagen miteinander verglichen und ausgewertet.

Im siebten Kapitel werden die Autorenaussagen und die Auswertungen der Umfragen gegenübergestellt und miteinander verglichen. Es wird verdeutlicht inwiefern sich die Ergebnisse gleichen und unterscheiden.

In einem Schlusswort wird das Thema zu guter Letzt abgerundet.

1. Heranführung an das Thema Suizid

Das folgende Kapitel soll eine Einführung in die Thematik der Suizidalität sein. Zunächst werden verschiedene Begrifflichkeiten geklärt, die für das Verständnis der Arbeit wichtig sind. Anschließend wird die Aktualität des Themas anhand von Statistiken verdeutlicht und der Unterschied zwischen einem Suizid und einem Suizidversuch erklärt. Am Ende des ersten Kapitels wird die Entwicklung des Todesbewusstseins bei Kindern und Jugendlichen genauer betrachtet.

1.1 Begriffsklärungen

In der Literatur werden ganz unterschiedliche Begriffe zur Kennzeichnung des Suizidgeschehens benutzt, die alle eine bestimmte Einstellung zum Suizid deutlich werden lassen. So spricht Ringel (1974, 1981a, 1981b) von „Selbstmord“, Menninger (1978) von „Selbstzerstörung“ und Améry (1976) von „Freitod“. Die Bezeichnungen „Selbstzerstörung“ oder „Selbstmord“ erhalten durch den zweiten Wortteil eine zu negative Aussage. Ich ziehe den Begriff „Suizid“ den anderen vor, weil sich so das Geschehen betrachten lässt, ohne durch die Wortwahl vorschnell Stellung nehmen zu müssen.

Das Synonym „Freitod“ lehne ich völlig ab, da es für mich sinnentstellend ist. Es stehen immer in der Person oder ihrer Umwelt begründete Zwänge dahinter.

In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff „Suizidalität“ für alle Formen suizidalen Verhaltens und Erlebens verwendet, worunter sowohl Suizidideen, Suizidversuche als auch Suizide fallen.

In der Literatur wird der Begriff „Suizid“ oft unterschiedlich und nicht selten mehrdeutig benutzt. Deshalb ist es sinnvoll, sich vorweg begrifflich festzulegen (Pohlmeier 1995):

Die „Suizidhandlung“ [2] wird als Oberbegriff verstanden und meint jede gegen das eigene Leben gerichtete Handlung, unabhängig davon, ob der Tod intendiert wird oder nicht und unabhängig davon, ob sie zum Tode führt oder nicht.

Der „Suizid“ ist eine gegen das eigene Leben gerichtete Handlung mit tödlichem Ausgang, unabhängig davon, ob der Tod intendiert wurde oder nicht.

Ein „Suizidversuch“ ist eine gegen das eigene Leben gerichtete Handlung, die nicht zum Tode geführt hat, unabhängig davon, ob der Tod intendiert wurde oder nicht.

Es führt über das sprachliche Problem hinaus, wenn man den Begriff „Suizid“ definieren möchte. „Suizid“ setzt sich aus den beiden lateinischen Ausdrücken sui cadere (sich töten) oder sui cidium (Selbsttötung) zusammen. Diese Übersetzung sagt jedoch noch nichts darüber aus, ob wir es beim Suizid mit einem einheitlichem Phänomen zu tun haben, ob es so etwas wie einen zum Suizid hin lebenden Menschentypus gibt oder ob an eine Fülle durch Suizid endender Entwicklungsprozesse zu denken ist, wo die Suizidneigung als ein Symptom mit unterschiedlichem Stellenwert erscheint. Diese gegensätzlich theoretischen Vorstellungen haben zur Folge, dass die Suiziddefinitionen sehr unterschiedlich oder verschwommen wirken (Lewinsky- Aurbach 1980).

Im folgenden Abschnitt wird der bereits angedeutete Unterschied zwischen einem Suizid und einem Suizidversuch genauer betrachtet.

1.2 Unterschied zwischen Suizid und Suizidversuch

In der Literatur wird die Frage, ob es einen qualitativen oder nur einen quantitativen Unterschied zwischen Suizid und Suizidversuch gibt, kontrovers diskutiert.

Stengel (1969) sieht einen qualitativen Unterschied, der sich im Suizid durch eine entschlossene Abkehr vom Leben und dem festen Willen, aus der Gemeinschaft auszuscheiden, ausdrückt, während der Suizidversuch vor allem ein Appell an die Umwelt und damit eher eine Zuwendung zur Gemeinschaft darstellt als eine Abwendung von ihr. Er sieht deutliche Unterschiede im Grad der Selbsttötungsabsicht und glaubt daher, Suizid und Suizidversuch als unterschiedliche Handlungen ansehen zu können.

Stengel (1961) formulierte zudem präzise die Unterschiede zwischen den Gruppen von Menschen mit Suiziden und denen mit Suizidversuchen. Laut Stengel sind die Gruppen unterschiedlich groß, wobei die der Suizidversuche um ein Vielfaches größer ist als die der Suizide.

Die Zusammensetzung der beiden Gruppen in Bezug auf Geschlecht und Altersverteilung ist eine andere. Bei der Gruppe der Suizide überwiegen die Männer, bei der Gruppe der Suizidversuche eindeutig die Frauen. In höherem Alter ist die Zahl der Suizide häufiger und in jüngerem Alter die der Suizidversuche.

Nach Stengel (1969) verüben Personen, die einen Suizidversuch unternommen haben, zwar häufig weitere Suizidversuche, jedoch selten Suizide, so dass der Suizidversuch neben seiner autoagressiven Tendenz (dem Körper z.B. durch Öffnen der Pulsadern Schaden zuzufügen) vor allem durch seinen Appellcharakter (Aufmerksam machen auf die eigene verzweifelte Lage) gekennzeichnet werden kann.

Oft sprechen die Wahl der Mittel, der Ort der Ausführung und die Begleitumstände wie Zeitpunkt, Ankündigungen, versteckte oder offene Botschaften dafür, dass eine suizidale Handlung bewusst als Suizidversuch angelegt war und im Nachhinein nicht nur als ein „missglückter Suizid“ angesehen werden kann. Ein Suizidversuch ist eine Handlung mit geringem autoagressiven Potenzial in Verbindung mit einem starken Appellcharakter (Bründel 1993).

Während mit dem „gelungenen Suizidversuch“, d.h. dem Suizid, das Leben des Individuums zum Abschluss kommt, wird der „missglückte“ Suizidversuch ein bedeutungsvolles Ereignis im Leben des Individuums und führt oft zu entscheidenden Veränderungen in seiner Lebenssituation, besonders in den Beziehungen zu den Mitmenschen (Stengel 1969).

Der Ausgang einer Suizidhandlung ist jedoch oftmals nur vom Zufall abhängig und die Grenzen zwischen einem nicht ernst gemeinten Suizidversuch und einem dennoch gelingenden Suizid können fließend sein.

Wellhöfer (1981), Ringel (1974) und Orbach (1990) sehen zwischen dem Suizid und dem Suizidversuch nur einen quantitativen Unterschied und halten sie für dieselben suizidalen Handlungen, jedoch mit unterschiedlich ausgeprägten Selbsttötungs-absichten. Ringel (1974, S. 57f) differenziert diese noch innerhalb des Suizidversuchs und unterscheidet mehrere Intensitäten des Todeswunsches, die von absoluter Ernsthaftigkeit über den Glauben an eine Gottesurteilsfunktion bis hin zum rein demonstrativen und nicht sehr ernst gemeinten Todeswunsch reichen.

Ich halte eine qualitative Unterscheidung zwischen Suizid und Suizidversuch bei Kindern und Jugendlichen für nicht sehr sinnvoll, da es schwierig ist zu entscheiden, inwieweit eine Suizidhandlung ernst gemeint ist oder als demonstrativ einzuordnen ist bzw. wie intensiv der Grad einer Tötungsabsicht ist. Auch bei einem Suizidversuch ist der Lebenswille ernsthaft verändert, wenn auch der Bezug zum Mitmenschen noch nicht so einschneidend gestört bzw. verändert ist.

Im nächsten Abschnitt werden aktuelle Statistiken gezeigt, um ein Bild über die Aktualität und das Ausmaß des Themas „Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen“ zu bekommen.

1.3 Aktuelle Statistiken

Bei der Betrachtung der Statistiken fällt auf, dass viele Menschen durch die eigene Hand sterben. Anhand dieser Zahlen wird deutlich, dass das Problem Suizid allgemein unterschätzt und tabuisiert zu sein scheint.

Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes nahmen sich im Jahr 2000 insgesamt 8145 Männer und 2934 Frauen in der Bundesrepublik Deutschland das Leben. Die Verteilung der Suizide über die Geschlechter kann mit Hilfe der so genannten Suizidziffer ausgedrückt werden. Die Suizidziffer hält fest, wie viele Menschen von 100.000 Einwohnern durch Suizid in einem Jahr ums Leben kommen. Im Jahr 2000 betrug die Suizidziffer bei den Männern 20,28 und bei den Frauen 6.97 (Giernalczyk 2003).

In Abbildung 1[3] ist zu erkennen, dass die Suizidziffern der Männer und Frauen seit Mitte der 70er-Jahre abnehmen. Dieser abnehmende Trend betrifft alle Altersgruppen. Es ist jedoch anzunehmen, dass gerade Suizide alter Menschen aufgrund der häufigen Verwendung eher „weicher“ Suizidmethoden[4] (beispielsweise Über- oder Unter-dosierung der verschriebenen Medikamente) nicht als solche erkannt werden und stattdessen eher der Kategorie der „unklaren Todesursachen“ zugeordnet werden (Schmidtke et. al. 2002b).

Abbildung 1: Langfristiger Trend der Suizidziffern in der Bundesrepublik Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Statistisches Bundesamt Berlin und Wiesbaden)

Wenn man die Altersverteilung der Suizidziffern in Deutschland genauer betrachtet, fällt auf, dass die Suizidgefährdung mit dem Alter für Männer und Frauen signifikant zunimmt (Schmidtke et. al. 2002b).

Abbildung 2: Anzahl der Suizide in Deutschland nach Alter und Geschlecht im Jahr 2000

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Statistisches Bundesamt 2000)

In Abbildung 2 ist deutlich zu sehen, dass die Gruppe der Kinder, Jugendlichen und junger Erwachsener im Vergleich zu anderen Altersgruppen keine sehr hohe Suizidrate aufweist. Man kann generell sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, durch Suizid zu sterben, mit dem Lebensalter zunimmt. Bei jungen Menschen ist die Wahrscheinlichkeit, durch andere Todesursachen zu sterben, ebenfalls gering. So kommt es, dass trotz niedriger Suizidrate der Suizid die dritthäufigste Todesursache bei jungen Menschen darstellt. Bei jungen Männern um das 20. Lebensjahr steht der Suizid sogar an zweiter Stelle der Todesursachen (NEUhland 2004).

Aktuell sind 35% der Männer, die sich selbst töten, über 60 Jahre alt. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt dagegen nur 20%. Bei den Frauen sind fast 50% der Suizidenten über 60 Jahre alt, aber ihr Anteil liegt bei nur 27% der Gesamtbevölkerung (Statistisches Bundesamt 2000).

Generell sterben Männer doppelt so häufig wie Frauen durch Suizid, was im Vergleich von Abbildung 3[5] und 4[6] deutlich zu erkennen ist. Dieser geschlechtsspezifische Unterschied kommt bei jungen Menschen noch deutlicher zum Ausdruck (NEUhland 2004).

Besonders zur Verdeutlichung der Altersgruppe „5 - 10 Jahre“ steht unter den Abbildungen 3 und 4 jeweils die genaue Anzahl der Suizide in einer Tabelle. Diese Zahlen sind so gering, dass sie in der Grafik kaum sichtbar sind.

Insgesamt ist zu erkennen, dass die Anzahl der Suizide in den Altersgruppen „5 - 20 Jahre“ in dem Zeitraum 1990 bis 2002 in etwa gleich blieb. Es gab nur geringe Schwankungen.

In der Altersgruppe „20 - 25 Jahre“ ist im gleichen Zeitraum sowohl bei den Mädchen als auch bei den Jungen ein Rückgang der Suizide festzustellen.

Abbildung 3: Sterbefälle durch Suizid und Selbstschädigung in der Bundesrepublik Deutschland (weiblich)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: NEUhland 2004)

Abbildung 4: Sterbefälle durch Suizid und Selbstschädigung in der Bundesrepublik Deutschland (männlich)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: NEUhland 2004)

Das Verhältnis von Männern und Frauen dreht sich bei den Suizidversuchen um. Mehr Frauen als Männer begehen Suizidversuche, obwohl mehr Männer als Frauen durch Suizide ums Leben kommen (Giernalczyk 2003).

In der Bundesrepublik Deutschland besteht seit 1963 keine Meldepflicht mehr für Suizidversuche, so dass sich seit diesem Zeitpunkt alle statistischen Angaben nur noch auf „vollendete Suizide“ beziehen und über die tatsächliche Anzahl der Suizidversuche nur noch Vermutungen angestellt werden können (Bründel 1993).

Suizidversuche sind jedoch wesentlich häufiger als Suizide. Es werden etwa 10 - 15mal mehr Suizidversuche als Suizide begangen (Kreitmann 1986[7]: Zitiert nach Bronisch 1999).

Abbildung 5: Suizidversuchsraten in den einzelnen Altersgruppen in Würzburg im Jahr 2001

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: WHO/ EURO Multicentre Study on Suicidal Behaviour, Würzburger WHO-Forschungsgruppe 2001)

In Abbildung 5 ist deutlich zu erkennen, dass die Suizidversuchshäufigkeit in jüngeren Altersgruppen am höchsten ist. Am meisten gefährdet sind die 15 – 25jährigen jungen Frauen (Schmidtke et al. 2002b).

Da Suizidversuche aus Gründen des Datenschutzes amtlich nicht mehr erfasst werden, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Verbindung mit einer Würzburger Forschungsgruppe eine Stichprobe in Würzburg Stadt und Land durchgeführt (Abbildung 5). Die auf der Basis dieser Stichprobe geschätzten Suizidversuchsziffern könnte man auf Gesamtdeutschland übertragen (Schmidtke et. al. 2002b).

Abschließend muss gesagt werden, dass in der Regel alle Statistiken eine hohe Dunkelziffer aufweisen und nur Minimalangaben wiedergeben. Viele Suizide, besonders die von Kindern und Jugendlichen, werden im Nachhinein von den Angehörigen als Unfälle getarnt, um damit Gefühlen der Scham, Schande, Schuld und der moralischen Verurteilung zu entgehen (Bründel 1993).

Um begreifen zu können, inwiefern sich Kinder und Jugendliche überhaupt nach dem Tod sehnen können, muss man sich erst mit ihrem Todesbewusstsein auseinandersetzen. Dies wird das Thema des nächsten Abschnitts sein.

1.4 Entwicklung des Todesbewusstseins bei Kindern und Jugendlichen

Ein suizidales Verhalten wird bei Kindern erst ab dem achten Lebensjahr beobachtet, in Ausnahmefällen auch schon früher (Orbach 1990). Dies hängt mit der Entwicklung der kindlichen Todesvorstellung zusammen. Man muss demnach erst die Vorstellung der Kinder vom Tod kennen, um verstehen zu können, ab wann Kinder ernsthaft eine Todessehnsucht entwickeln.

Das Kind verfügt bei seiner Geburt über kein inneres Wissen, dass das Leben des Menschen begrenzt ist. Die erste Konfrontation mit dem Tod wird von kleinen Kindern häufig missverstanden als ein vorübergehendes Weggehen. Die Endgültigkeit des Todes wird geleugnet und eine frühe Ahnung von der Unabwendbarkeit wird abgewehrt (Leist 1999).

Man kann beim Kind zwei Todeswirklichkeiten unterscheiden. Es gibt den massenmedial- vermittelten Tod oder die beiläufige Alltagskommunikation eines Todesthemas (indirekte Todeserlebnisse). Diese haben andere Auswirkungen als der Tod im engeren oder weiteren Beziehungsfeld eines Kindes (direkte Todeserlebnisse).

Der Tod im Fernsehen wird meist als nicht real angesehen, schließlich stirbt der Schauspieler nicht wirklich. So wird für Kinder die Annahme der Endgültigkeit und des Irreparablen im Tod erschwert (Leist 1999).

Sind die Kinder jedoch selbst im Familien- oder Bekanntenkreis betroffen, sehen sie den Tod oft anders, direkter.

In jeder Altersstufe ist der Welteindruck ein anderer. Auch die Vorstellungen vom Tod ändern sich. Die Gedanken der Kinder dazu hängen von ihrem allgemeinen Entwicklungsstand, den bisherigen Erfahrungen und auch wesentlich vom Verhalten der sie umgebenden Erwachsenen ab. Die folgenden Altersangaben sind deshalb nur als Anhaltspunkte zu verstehen. Auch Kinder gleichen Alters können aufgrund eines verschiedenen Hintergrunds unterschiedliches Verhalten zeigen (Finger 1998).

1.4.1 Kleinkinder im Vorschulalter

Wesentlich für diese Altersgruppe ist, dass die Kinder keine Todesvorstellungen haben, sondern Trauergefühle bei Trennungen. Sie haben große Angst vor dem Verlassen-werden (Finger 1998).

Für Kleinkinder sind die Übergänge zwischen Leben und Tod fließend. Der Tod ist noch nicht irreversibel, er betrifft noch nicht alle Menschen und wird noch nicht als unvermeidbar empfunden (Harder 1992).

Manche Kinder fragen, wodurch Lebewesen sterben und was mit ihnen passiert, wenn sie gestorben sind. Jedoch fragen die wenigsten danach, warum Lebewesen sterben (Leist 1999).

1.4.2 Grundschulkinder von 6 bis 9 Jahren

Die Kinder fangen an den Tod zu akzeptieren, sie begreifen, dass alle Menschen irgendwann sterben. Die Endgültigkeit des Todes wird anerkannt. Der Tod wird aber immer noch als ein Prozess gesehen, der außerhalb von einem selbst liegt und dem man sich unter bestimmten Voraussetzungen, z.B. Jugend oder List, entziehen kann (Leist 1999).
Das Kind zeigt ein sachliches Interesse an allen mit dem Tod verbundenen Umständen. Kinder fangen an, den Erwachsenen teilweise unbequeme Fragen zu stellen. Sie wollen wissen, wie ein Toter aussieht und was mit seinem Körper geschieht. Es bestehen aber auch noch immer Ängste vor unverstandenen, nicht erklärbaren (oder nicht erklärten) Dingen (Finger 1998).

In dieser Phase kann es also durchaus vorkommen, dass ein Kind Todeswünsche äußert und sich auch dessen bewusst ist, was es bedeutet, tot zu sein.

1.4.3 Schulkinder von 9 bis 12 Jahren

Kinder haben in diesem Alter den Tod als abschließendes und unausweichliches Ereignis im Leben erkannt. Er bedeutet für sie Trennung, Liebesverlust und End-gültigkeit (Leist 1999).

Sie verstehen ihn immer mehr als den biologischen Ausfall aller Organfunktionen eines Lebewesens (Finger 1998).

Die Themen Tod und Sterben sind mehr im Leben der Kinder integriert. Ihre scheinbar nur nüchterne Herangehensweise darf, meines Erachtens nach, nicht darüber hinweg-täuschen, dass der Tod auch bei ihnen starke Gefühle auslöst.

1.4.4 Jugendliche von 12 bis 18 Jahren

Zu den bereits vorhandenen Vorstellungen vom Tod muss in diesem Alter die Pubertät mit berücksichtigt werden. Jugendliche in diesem Alter befinden sich mitten in der Pubertät, die für die meisten eine große Herausforderung darstellt. Sie sind hin und her gerissen zwischen endlich erwachsen sein und doch lieber Kind bleiben wollen (Harder 1992). Das führt dazu, dass sie auch sehr unterschiedlich denken. Für die einen liegt der Tod in so weiter Zukunft, dass er sie nicht zu berühren scheint. Andere verbergen ihre Ängste mit Zynismus und Rauheit, wieder andere gelangen über eine Weltschmerzstimmung zu einer Art Todessehnsucht. In diesem Alter beginnen ihre Todesvorstellungen denen der Erwachsenen zu gleichen (Bründel 1993).

Nicht ohne Grund kommt es in diesem Alter vermehrt zu Suizidversuchen und manchmal sogar zum Suizid[8]. Jugendliche fragen sich, ob und warum es sich lohnt zu leben. Die Ursache dafür sind Gefühle tiefster Ängste und Selbstunsicherheit, wie auch Trauer und Einsamkeit. Es besteht eine Wechselwirkung zwischen den Anforderungen der erwachsenen Umgebung und den extremen Gefühlsschwankungen des Jugend-lichen. Die Sexualität ist teils unbewältigt, teils überwältigend. Teilweise spielen auch Vergeltungsfantasien mit hinein, in denen Eltern und kritisierendes Umfeld durch einen Suizid bestraft werden sollen (Harder 1992).

In der Forschungsliteratur herrscht keine Einheit darüber, wann genau und in welcher Reihenfolge die Komponenten des Todesbegriffs, nämlich Irreversibilität, Universalität und Erlöschen der Lebensfunktionen, vom Kind erlangt werden. Die Entwicklung eines derart komplexen Todesbegriffs, so schreiben die Autoren, sei nicht mit derselben Präzision zu beschreiben wie die Entwicklung des logisch-physikalischen Denkens. Der Suizid stellt dann eine Handlungsoption dar, wenn die Kinder erkannt haben, dass das Sterben nicht nur ein unabwendbares und alle Menschen gleichermaßen betreffendes Geschehen ist, sondern auch als Handlung begriffen werden könne, die sich bewusst herbeiführen lässt. Handlungen werden dann als suizidal bezeichnet, wenn ihnen der bewusste Entschluss, das Leben aufzugeben, innewohnt, auch wenn dieser Entschluss stets ambivalent bleibt (Bründel 1993).

Nachdem an dieser Stelle bereits eine gewisse Vorstellung von dem Thema Suizid vorhanden ist, werden im zweiten Kapitel die Faktoren, die Kinder und Jugendliche zur Suizidalität führen können, thematisiert.

2. Belastungs- und Risikofaktoren für die Entwicklung von Suizidalität

Eine suizidale Handlung ist oft mit zeitgleich eintretenden Ereignissen oder Umständen verknüpft. Zwar sind diese Faktoren nicht der alleinige Grund für den Suizid, aber sie können ihn auslösen. Die häufigsten Auslösefaktoren sind belastende Ereignisse, affektive und kognitive Veränderungen, Alkohol- und anderer Drogenkonsum, psychische Störungen und Modelllerneffekte (das Nachahmen von berühmten suizidalen Persönlichkeiten) (Comer 2001).

Menschen mit bestimmten Merkmalen sind wesentlich suizidgefährdeter als andere. Man nennt sie deshalb auch Risikogruppen. Giernalczyk (2003) führt fünf besonders gefährdete Risikogruppen an.

- zur ersten Gruppe gehören Menschen mit direkten oder indirekten Suizidankündigungen.
- zu der zweiten Risikogruppe zählen Menschen, die schon einmal einen Suizidversuch begangen haben. Sie gelten umso gefährdeter, je kürzer der Versuch zurückliegt und je weniger sich seitdem ihre Situation geändert hat.
- die dritte Risikogruppe wird von Depressiven gebildet. Mindestens ein Drittel der vollzogenen Suizide stehen mit depressiven Erkrankungen im Zusammenhang.
- die vierte Gruppe bilden die süchtigen Menschen. Obgleich man zunächst an die Abhängigen illegaler Drogen denkt, wird doch die größte Gruppe von Alkoholikern gestellt. Ebenso müssen Medikamentenabhängige zu dieser Risikogruppe der Süchtigen gerechnet werden.
- die fünfte Risikogruppe besteht aus alten und vereinsamten Menschen.

Die genannten Risikofaktoren werden in den nächsten Abschnitten jeweils genauer erläutert. Zunächst werden die typischsten Anzeichen für eine Suizidgefährdung bei Kindern und Jugendlichen betrachtet.

2.1 Anzeichen für eine Suizidgefährdung bei Kindern und Jugendlichen

Es ist nicht möglich, allgemeine Anzeichen zu nennen, die auf jedes Kind oder jeden Jugendlichen zutreffen. Eine Suizidgefährdung, sofern diese überhaupt zu merken ist, äußert sich bei jeder Person anders. Jedoch kann man einige typische Anzeichen nennen, die bei vielen Kindern und Jugendlichen auf eine Suizidgefährdung hindeuten können.

Jugendliche in einer suizidalen Entwicklung kündigen den geplanten Suizid häufig im Voraus an. Diese direkten Suizidankündigungen werden allerdings in der Regel entweder gar nicht wahrgenommen oder nicht ernst genommen. Zum Teil auch aufgrund der falschen Meinung, wer vom Suizid rede, bringe sich nicht um. Diese Auffassung ist nicht nur fachlich widerlegt, sondern auch gefährlich. Sorgt sie doch dafür, dass suizidale Krisen zu spät oder gar nicht erkannt werden (Nevermann/ Reicher 2001).

Kinder und Jugendliche senden viele Alarmsignale aus, mit denen sie andeuten wollen, dass sie so nicht mehr leben wollen. Die wenigsten wollen tatsächlich sterben, sie wissen sich nur nicht anders zu helfen (Käsler- Heide 2001).

Allerdings kommt es auch vor, dass Kinder oder Jugendliche keinerlei Warnsignale aussenden und ihr Suizid eine Art Kurzschlusshandlung darstellt (Heuer 1979).

Es gibt bestimmte Verhaltensweisen und Äußerungsformen, die Zeichen für eine extrem starke Krisensituation sein können. Beispielsweise sollte man bei auffälligem Verhalten der Kinder und Jugendlichen hellhörig werden. Dieses könnte sich durch plötzliches Schuleschwänzen bemerkbar machen oder einen plötzlichen Leistungsabfall in der Schule (Nevermann/ Reicher 2001; Käsler- Heide 2001; Döring 1997; Topel 2000; Witte 1997).

Manche Kinder und Jugendliche sind durch die schulischen Ansprüche schlichtweg überfordert. Andere haben Probleme mit Klassenkameraden oder Lehrern. Ebenfalls kann das Schuleschwänzen durch eine schwierige häusliche Situation begründet werden. Manche Kinder fühlen sich durch Probleme zu Hause so belastet, dass sie auch dem schulischen Druck nicht mehr standhalten können (Käsler- Heide 2001).

Ein weiteres Anzeichen kann das Weglaufen von zu Hause sein (Nevermann/ Reicher 2001; Käsler- Heide 2001; Döring 1997; Topel 2000; Witte 1997). Dieses kann vieles bedeuten. So zum Beispiel das Weglaufen aus einer Konfliktsituation in der Familie oder ein Austesten des Jugendlichen, wie weit er sich gegen elterliche Grenzen und Regeln wehren kann. Jedoch sollte man bei allen möglichen Gründen für das längere Weglaufen von Kindern und Jugendlichen aus der elterlichen Wohnung erkennen, dass es sich um eine Flucht aus einer unerträglich empfundenen Situation handelt (Nevermann/ Reicher 2001).

Wenn junge Leute anfangen nachts herumzustreunen und durch zu Kneipen ziehen, kann, laut Käsler- Heide (2001), von einer schwerwiegenden familiären Störung ausgegangen werden, was wiederum als ein deutliches Alarmzeichen gedeutet werden kann. Diese Form der Rebellion zeigt ihre Heimatlosigkeit: „Ich gehöre nirgendwohin, niemand nimmt mich ernst. Ich streune herum und suche.“ (Käsler- Heide 2001, S. 55). Gerade in diesen Fällen wird der Mangel an Geborgenheit sichtbar, der vielen Kindern und Jugendlichen widerfährt.

Die Verweigerung von Gesprächen in der Familie, mit dem Lehrer und den Freunden ist ebenfalls ein Anzeichen für eine mögliche Suizidgefährdung (Nevermann/ Reicher 2001; Käsler- Heide 2001; Döring 1997; Topel 2000; Witte 1997). Es kann zu einem totalen Rückzug kommen. Diese freiwillige Isolation von der Umwelt auf längere Zeit ist immer ein Zeichen von Problemen. Es kann sogar zu einer Aufgabe von gewohnten Aktivitäten, Hobbys und Verabredungen kommen. Alles, was den Kindern oder Jugendlichen in ihrem bisherigen Leben wichtig war, verliert die Bedeutung. Es kommt sogar vor, dass Kinder und Jugendliche großzügig ihre persönlichen Gegenstände verschenken (Nevermann/ Reicher 2001; Käsler- Heide 2001; Witte 1997).

Vielleicht wird auch einem Freund ein Traum erzählt, der voller warnender Hinweise steckt oder ein Lehrer oder ein Elternteil werden aufmerksam auf die plötzliche und beharrliche Neugier gegenüber dem Tod, dem Sterben und gegenüber dem, was nach dem Tod kommt (Crepet 1996).

Eine Ausdruckslosigkeit in Mimik, Gestik und Stimme, sowie eine schlaffe Körperhaltung können ebenfalls auf mögliche Suizidgedanken hinweisen (Döring 1997; Topel 2000; Witte 1997).

Gestörtes Essverhalten kann ebenfalls ein wichtiges Indiz für den psychischen Zustand eines jungen Menschen sein. Dies kann sich sowohl in Esssucht, Essbrechsucht (Bulimie) als auch in Magersucht (Anorexie) ausdrücken. Gestörtes Essverhalten zeigt deutlich ein angespanntes Verhältnis zum eigenen Körper.

Auch junge Menschen, vor allem Mädchen, die sexuell missbraucht werden, neigen zu Suizidalität (Käsler- Heide 2001).

Ein Warnsignal, dass keinen Zweifel mehr an der Suizidgefährdung lässt, ist der Abschiedsbrief. Wenn dieser rechtzeitig gefunden wird, kann er als letztes Alarmzeichen gedeutet werden. Schätzungsweise 12 bis 33% der Suizidanten schreiben einen Abschiedsbrief bevor sie sich das Leben nehmen. Diese Briefe beweisen deutlich ihre Absicht und geben Auskunft über ihre psychische Verfassung nur Stunden oder Minuten vor ihrem Tod (Black 1993; Leenars 1992, 1989[9]. Nach Comer 2001). Manche Briefe umfassen kaum einen einzigen Satz, andere mehrere Seiten. Menschen, die solche Nachrichten hinterlassen, wollen damit den Zurückgebliebenen etwas nachdrücklich sagen. Die meisten Botschaften sind an bestimmte Personen gerichtet. (Leenars 1989: Nach Comer 2001).

Vor allem junge Leute schreiben häufig Abschiedsbriefe, bevor sie sich das Leben nehmen. Ebenfalls wird immer wieder beobachtet, dass Mädchen häufiger Abschieds-briefe verfassen als Jungen (Heuer 1979).

Es gibt noch zahlreiche andere Anzeichen für eine mögliche Suizidgefährdung. Kerns (1997) fasste die wesentlichen Warnsignale für ein erhöhtes Suizidrisiko noch einmal folgendermaßen zusammen:

1. deutliche Verhaltensänderungen;
2. Vernachlässigung des eigenen Aussehens;
3. sozialer Rückzug und soziale Isolation;
4. Verschenken von persönlichen Wertgegenständen und Regelung persönlicher Angelegenheiten;
5. starke Beschäftigung mit dem Thema „Tod“ (Zeichnungen, Gedichte, Aufsätze, Notizen, Äußerungen etc.);
6. offene oder verdeckte Androhung von Suizid
(z.B. „Ohne mich geht es Euch besser!“);
7. vorangegangene Suizidversuche;
8. Auseinandersetzung mit Suizidmethoden, Besorgen von geeigneten Mitteln
(z.B. Schlaftabletten);
9. übermäßiger Konsum von Alkohol und Drogen;
10. Schulversagen;
11. plötzlich gehobene Stimmung bei einem bis dahin eher depressiven Kind oder Jugendlichen (möglicher Hinweis auf den Entschluss);
12. häufige Unfälle oder körperliche Beschwerden ohne medizinischen Befund;

Erwin Ringel (1974, 1981a, 1981b) hat sich intensiv mit der psychischen Befindlichkeit von Jugendlichen und Erwachsenen mit Suizidgedanken beschäftigt. Dies wird im nächsten Abschnitt genauer thematisiert.

[...]


[1] Im Folgenden sind auch die jeweils weiblichen Personen gemeint, wenn aus schreibtechnischen Gründen nur die männliche Form verwendet wird.

[2] Die Begriffe „Suizidhandlung“ und „Suizidalität“ werden synonym verwendet.

[3] Die Abbildung 1 befindet sich auf Seite 9.

[4] Die Suizidmethoden werden im Kapitel 3.2 genauer thematisiert.

[5] Die Abbildung 3 befindet sich auf Seite 11.

[6] Die Abbildung 4 befindet sich auf Seite 12.

[7] Kreitmann, N. (1986): „Die Epidemiologie des Suizids und Parasuizids“. In: Psychiatrie der Gegenwart. 2. Krisenintervention. Suizid. Konsiliarpsychiatrie. Springer- Verlag. Berlin, Heidelberg, New York, Toronto.

[8] Vgl. Kapitel 1.1.

[9] Black, S. T. (1993): „Comparing genuine and simulated suicide notes: A new perspective”. J. Cons. Clin. Psychol..

Leenars, A. A. (1989): “Suicide notes: Predictive clues and patterns”. Human Sciences Press. New York

Leenars, A. A. (1992): “Suicide notes, communication and ideation”. In: R. W. Maris, A. L. Berman, J. T. Maltsberger & R. I. Yufit (Hrsg.): “Asessment and prediction of suicide”. Guilford. New York.

Details

Seiten
147
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638393614
ISBN (Buch)
9783638706445
Dateigröße
3.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40989
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,0
Schlagworte
Depressionen Suizid Kindes- Jugendalter Präventive Maßnahmen Hilfen Angehörige Hinterbliebene

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Titel: Depressionen und Suizid im Kindes- und Jugendalter. Präventive Maßnahmen und Hilfen