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Kann bei Victor von Aveyron von Erziehung im Sinne der Protopädie gesprochen werden?

Hausarbeit 2017 15 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung

2. Begriffsbestimmungen
2.1. Erziehung
2.2. Protopädie und Pädeutik

3. Der Fall Victor von Aveyron

4. Betrachtung der Fallbeispiele aus Sicht von Wolfgang Sünkel
4.1. Verhalten
4.2. Sprache

5. Quellenkritisches Resümee und Forschungsausblick

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Hinführung

„Erziehung besteht aus zwei Dingen: Beispiel und Liebe“ (zitate.net, 2017). Gemäß dieser Auffassung von Friedrich Fröbel sind dies die zwei Elemente von Erziehung. Was ist jedoch, wenn eines oder beide nicht vorhanden sind? Was passiert, wenn ein Kind fernab von jeglicher Zivilisation und ohne soziale Kontakte aufwächst? Kann hier, bei solchen extremen Fällen von kindlicher Isolation, auch von Erziehung gesprochen werden? Oder ist es möglich, dass, bedingt durch solche Situationen, gar keine Erziehungsprozesse in Gang gesetzt werden? All diese Fragen stellen sich mitunter, wenn von wilden beziehungsweise isolierten Kindern die Rede ist. Der Fundus an Berichten über wilde Kinder ist immens und reicht bis hin zu Romulus und Remus, zwei Findelkinder, die, laut bekannter Überlieferungen, von einer Wölfin großgezogen wurden (vgl. Roma-online.de, 2017). Unter dem Begriff wilde Kinder versteht man Kinder, die nicht von ihren leiblichen Eltern großgezogen wurden, sondern eine Zeit lang in der Wildnis ohne soziale Kontakte lebten. Hierbei gibt es jedoch wenig Aufschluss darüber, aus welchen Gründen sie in die Wildnis gelangt sind (vgl. Eppler, 2014, S. 22-23). Oft übernehmen auch Tiere, vornehmlich jedoch Wölfe, die Rolle der Ersatzeltern, weswegen eine Vielzahl dieser Kinder auch als Wolfskinder deskribiert werden (vgl. ebd., S. 36).

In der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit werden zunächst die Begriffe Erziehung, Protopädie und Pädeutik näher bestimmt, um diese, nach einer Fallbeschreibung von Victor von Aveyron, darauf anzuwenden. Ziel ist es, aus der Perspektive Wolfgang Sünkels zu überprüfen, ob wirklich Erziehung beziehungsweise Vermittlungs-Aneignungs-Vorgänge während seiner Isolation auf protopädischer Ebene stattgefunden haben. In einer abschließenden Betrachtung werden dann gewonnene Erkenntnisse der Vermittlungs-Aneignungs-Vorgänge zwischen Mensch und Tier herangezogen, welche weiterführend auf protopädische Erziehungsvorgänge bei Tieren untereinander bezogen werden.

2. Begriffsbestimmungen

Um ein ganzheitliches Verständnis zu gewährleisten und die nötigen Begrifflichkeiten für die spätere Analyse zu kennen, werden zunächst die substantiellen Begriffe Erziehung, sowie Protopädie und Pädeutik in knapper Form illustriert.

2.1. Erziehung

In einem allgemeinen Verständnis sind bei Erziehung „diejenigen Akte, die sich auf das heranwachsende Individuum richten und dessen Entwicklung […] fördern“ (Miller-Kipp & Oelkers, 2012, S. 204) zu verstehen, wobei primär der Fokus auf den Aspekten Individuum und Förderung liegt. Betrachtet man hingegen die Definition von Sünkel, in der er postuliert, dass Erziehung „die vermittelnde Aneignung nicht-genetischer Tätigkeitsdispositionen“ (Sünkel, 2008, S. 21) ist, so wird einerseits deutlich, dass Erziehung immer vermittelt und in einem strukturellen Verhältnis angeeignet wird (vgl. Sünkel, 2011, S. 85), egal ob unbewusst oder bewusst. Andererseits ist in der Definition feststellbar, dass es um eine Aneignung nicht-genetischer Tätigkeitsdispositionen geht. Folglich handelt es sich um anthropologische Vorbedingungen, wie zum Beispiel Errungenschaften kultureller Entwicklung und nicht um die Entfaltung bereits geerbter Gene, welche Sünkel als genetische Tätigkeitsdispositionen deklariert (vgl. ebd. S. 42).

Ebenso ist Erziehung nach Sünkel an drei anthropologische Voraussetzungen geknüpft. Einerseits die Sozialität, die meint, dass menschliche Handlungen in Abhängigkeit mit denen anderer Menschen stehen. Andererseits die Kulturalität, die beschreibt, dass der Mensch ein Kulturwesen ist und dass durch sein Handeln eine kulturelle Evolution gelingen kann, indem der Mensch neue Möglichkeiten durch modifizierte Handlungen erschafft. Die Mortalität macht Erziehung notwendig, da der Mensch sterblich ist und somit keine nicht-genetischen Tätigkeitsdispositionen ohne eine erzieherische Tätigkeit weitergeben kann (vgl. ebd. S. 19-22).

2.2. Protopädie und Pädeutik

Erziehung geschieht demnach bei Sünkel in Vermittlungs-Aneignungs-Vorgängen. Diese können wiederum in zwei voneinander abgrenzbare, sich aber nicht gegenseitig ausschließbare, Vorgänge unterschieden werden. Sünkel nennt diese Vorgänge Protopädie und Pädeutik (vgl. Sünkel, 2008, S. 8) .

Sie dienen als Substitution für die noch omnipräsenten Begriffe intentional und funktional, die Sünkel als irreführend und unzureichend kategorisiert. Ferner asseriert er, dass eine Unterscheidung für ihn nicht sinnstiftend ist, da egal ob Erziehung absichtsvoll (intentional) oder unbeabsichtigt (funktional) stattfindet, die Erziehungsakte, -situationen, sowie Erziehungsprozesse gleich bleiben (vgl. Sünkel, 2011, S. 73-74). Für präziser befindet er einerseits protopädische Erziehungsstrukturen, also die „Erziehung, die, in Aneignung oder Vermittlung oder in beiden, nicht als gesonderte Tätigkeit in Erscheinung tritt, sondern sich gleichsam auf dem Rücken anderer Tätigkeiten mitvollzieht“ (Sünkel, 2008, S. 24). Somit beschreibt die Protopädie Erziehungsvorgänge, die versteckt und nicht absichtsvoll auftreten und aus diesem Grund als indiskret-implizierte Tätigkeiten bezeichnet werden. Ferner besteht die Möglichkeit, protopädische Erziehungsstrukturen zu differenzieren. Somit ergeben sich vier Unterformen: „die mimetische, die systematische und die symbolische Aneignung sowie die Vermittlung durch Erwartung und Sanktion“ (ebd., S. 8) Pädeutik hingegen beschreibt diskret-explizite Tätigkeiten, bei denen es sich sowohl bei der Vermittlung, bei der Aneignung, aber auch bei beidem um eine differenzierbare und somit abgrenzbare Tätigkeit handelt (vgl. ebd. S. 24).

Protopädische und pädeutische Erziehungsstrukturen sind jedoch nicht in einem invarianten Widerspruch zueinander zu verstehen, sondern können sich wechselseitig ergänzen, unterstützen, aber auch gegenseitig behindern beziehungsweise beschädigen (vgl. Sünkel, 2011, S. 80-81).[1]

3. Der Fall Victor von Aveyron

Bevor eine Fallbeschreibung erfolgt, muss zunächst kurz die Einstellung zu wilden Kindern eruiert werden. Maßgeblich durch Carl von Linné wurde im 18. Jahrhundert ein Bild von wilden Kindern, sogenannte homines feri, gezeichnet, die alle bestimmte Merkmale aufwiesen. Charakteristika sind ein tierisches Auftreten, was sich durch ihr sehr raues und haariges Erscheinungsbild zu erkennen zeigt, sowie fehlender Spracherwerb. Ebenso sind homines feri nicht in der Lage, aufrecht zu gehen und müssen deshalb ihre Hände und Füße für die Fortbewegung nutzen (vgl. Bruland, 2008, S. 289). Durch Linné wurde folglich eine erste Systematisierung, die sogenannte „Systema Naturae“ (Dammer, 1999, S. 61), vorgenommen. Aus diesem Grund muss mit Überlieferungen kritisch umgegangen werden, da die Chance besteht, dass Autoren spezifische Merkmale von wilden Kindern intentional so modifiziert haben, damit sie eher der Norm eines wilden Kindes entsprachen. So kann unter Umständen erklärt werden, warum viele Autorinnen und Autoren wilde Kinder in ihren Schriften immer mit denselben Merkmalen umschrieben. Womöglich ist dies der Tatsache geschuldet, dass durch genannte Systematisierung gewisse Stereotypen geschaffen wurden, welche die Autorinnen und Autoren in gewisser Art und Weise in ihrer Wahrnehmung beeinflussten (vgl. Bruland, 2008, S. 58). Diese Vermutung kann durch die elfte Grundkenntnis beim Verstehen wissenschaftlicher Texte durch hermeneutische Verfahren bekräftigt werden. Diese sagt aus, dass es tendenziell möglich ist, dass Autoren durch gesellschaftliche Situationen oder Situationen, in denen sie sich befinden, in ihren Argumenten, Auffassungen, Thesen oder Zielsetzungen beeinflusst werden. Dies kann zum Teil auch unbewusst geschehen. Aufgrund dieser Tatsache, muss sich eine Interpretation eines Textes immer auf das Verhältnis von gesellschaftlicher Lage und dem jeweiligen Bewusstsein stützen (vgl. Klafki, 2006, S. 145-147).

Victor von Aveyron wurde erstmals im Jahr 1797 beim einem Wald in Südfrankreich gesichtet, als er komplett entblößt[2] auf Nahrungssuche war. Kurze Zeit später, nach einigen Begegnungen mit Bauern, die Victor stets mit Nahrung versorgten, wurde Victor von Waldarbeiten, trotz vehementer Gegenwehr, in die Stadt transportiert und öffentlich zur Schau gestellt. Es wurde versucht durch den Zustand des Wilden Aufschlüsse über die menschliche Natur zu erlangen (vgl. Renner, 1997, S. 20-21). Nach seinem Fund wurde Victor mehrfach beobachtet. Unter anderem geschah dies durch Abt Pierre-Joseph Bonnaterre und Philippe Pine (vgl. Looke, 2013, S. 31-35), wobei der Wilde von Aveyron die längste Zeit bei Jean Marc Gaspard Itard verweilte. Jean Itard, der zunächst als Chirurg und danach als Chefarzt in einem Taubstummeninstitut in Paris arbeitete, war gekennzeichnet von einem Geist, der sich für mannigfaltige Gebiete interessierte. Aus diesem Grund eruierte er die verschiedensten Fragen und schrieb mitunter auch über Spracherziehung (vgl. Itard, 1965, S. 7-8). Ebenso wurde bei Victor mehrfach Schwachsinnigkeit und Stummheit beziehungsweise Hörschäden diagnostiziert (vgl. Blumenthal, 2003, S. 142). So könnten dies zwei Gründe dafür sein, warum Itard die Erziehung von Victor übernahm, obwohl er eigentlich medizinisch tätig war. Denn Itard vertrat die Auffassung, dass ein Mensch aufgrund von fehlender Sozialisation, folglich durch Isolation, schwachsinnig wird, es jedoch die Möglichkeit besteht, diese, mithilfe von intensivster Betreuung, zu überwinden. Seine Ansicht, dass der Verstand der Menschen beim Eintritt in die Welt eine tabula rasa sei, welche nach einer Zeit und durch gesellschaftliche Erfahrungen beschrieben werde (vgl. Dammler, 1999, S. 65-66), könnte, zusammen mit der Tatsache, dass die Wissenschaft gehörrelevante Aspekte vernachlässigt hat, zudem dazu geführt haben, dass Itard sich dem Wilden von Aveyron annahm (vgl. Itard, 1965, S. 8-9). Die Erziehung des wilden Kindes dokumentierte er in zwei ausführlichen Berichten[3], die 1801 und 1806 erschienen sind, wobei für vorliegende Arbeit vor allem der erste Bericht, in dem Itard über die Ausgangslage von Victor schreibt, von Bedeutung ist.

Jean Itard beschrieb Victor als eine mit Narben übersäte Person, die eine sichtliche Antipathie gegenüber der Gesellschaft hatte. Itard beobachtete unter anderem, dass sich das wilde Kind sträubte, Kleidung zu tragen, in Betten zu schlafen und sich an weitere gesellschaftliche Gewohnheiten anzupassen. Zudem war das wilde Kind von einem omnipräsenten Drang geprägt, stets in die Natur zu flüchten. Ebenso fiel es Victor sichtlich schwer sich an einen menschlichen Gang anzupassen. Stattdessen verspürte er die Neigung, sich trab- und galoppartig fortzubewegen. Auch für seine Lebensmittelzufuhr, die sich eingangs auf Eicheln, rohe Kartoffeln und Kastanien beschränkt hatte, benutzte er lediglich seine Schneidezähne. Als weitere Merkmale von Victor listete Jean Itard weiterführende Eigenschaften, beispielsweise das Victor darauf beharrte, sämtliche Dinge zu beriechen, nicht der Sprache[4] mächtig war, sowie häufig biss und kratze, auf (vgl. Itard, 1965, S. 23-27). Ferner asserierte Bonnaterre zuvor, dass der Wilde von Aveyron in seiner Art sehr bedürfnisfixiert war[5] und nur dann gewisse Handlungen, die von Intelligenz oder Vernunft gekennzeichnet sind, stattfanden, wenn sie mit der natürlichen Bedürfnisbefriedigung einhergingen (vgl. Looke, 2013 S. 32). Dies beobachtete auch Itard und stellte fest, dass Victor lediglich „vier Dinge kannte: schlafen, essen, nichts tun und die Landschaft durchstreifen“ (Itard, 1965, S. 30). Sein Gehör schien auch keinen Schaden genommen zu haben, wobei er nur auf für ihn relevante Geräusche wie das Herunterfallen einer Kastanie reagierte, wohingegen er andere, ihm fremde, Geräusche ignorierte (vgl. ebd. S.45-46).

[...]


[1] Der Fall Victor von Aveyron wurde ausgewählt, da es sich mit Sicherheit um einen „echten“ wilden Menschen handelt, da dieser mehrere Jahre wiederholt in Wäldern gesehen wurde (vgl. Blumenthal, 2003, S. 142).

[2] Hier findet sich ein erstes Indiz auf ein isoliertes und vagabundierendes Aufwachsen, da Victor zahlreiche Narben aufwies, die, betrachtet man die Art und Anzahl, darauf schließen lassen, dass er über einen längeren Zeitraum jenseits jeglicher Zivilisation gelebt hat (vgl. Eppler, 2014, S. 25).

[3] Es ist unklar, für wen Jean Itard seine Berichte geschrieben hat. Es kann angenommen werden, dass er einerseits ein vorherrschendes Bild, wie etwa das Victor schwachsinnig sei, eliminieren wollte. Daher könnten seine Berichte für die Öffentlichkeit gedacht sein. Andererseits ist es plausibel, dass er die wissenschaftliche Erkenntnis bei Störungen des Gehör- und Sprechorgans vorantreiben wollte und aus diesem Grund seine Berichte auch für Wissenschaftler/innen beziehungsweise Fachpersonal für unter anderem Taubstummeninstitute bestimmt sein könnten.

[4] Victor konnte jedoch unverständliche Laute und Schreie gutturaler Natur ausstoßen (vgl. Itard, 1965, S. 24).

[5] Hiermit ist gemeint, dass Victor nur nach seinen eigenen Bedürfnissen gehandelt hat und seine Entscheidungen vorwiegend nach Instinkt und nicht nach rationalen Gesichtspunkten getroffen hat (vgl. Pethes, 2007, S. 81). Ebenso subsumiert das Adjektiv solche Eigenschaften Victors, wie zum Beispiel, dass er sich nicht ablenken ließ als er aß, aber auch solche, dass er auf seinen eigenen Vorteil bedacht war und keinerlei Vorstellung von fremden Eigentum hatte und somit auch stahl (vgl. Blumenthal, 2003, S. 133).

Details

Seiten
15
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668631427
ISBN (Buch)
9783668631434
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v411966
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
Wilde Kinder Victor von Aveyron Protopädie Pädeutik Elementarpädagogik Isolation Erziehung

Autor

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