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Die Satzdefinition der Duden-Grammatik. Eine kritische Betrachtung

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Das Problem der Satzdefinition

2. Hauptteil
2.1. Methodische Vorüberlegungen: Kriterien für eine korrekte Definition
2.2. Die Satzdefinition der Duden-Grammatik
2.3. Kritische Betrachtung
2.4. Anwendung

3. Fazit: Quo vadis, Satzdefinition?

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Das Problem der Satzdefinition

„Jede Wissenschaft definiert sich durch ihr Objekt, und der Satz ist ein – wenn nicht d a s – Objekt der Grammatik.“ (Müller 1985b, S. 21, Anm. 3)

Die Satzdefinition bereitet der Linguistik schon seit Jahrhunderten Kopfzerbrechen. Trotz einer stattlichen Anzahl von Definitionsversuchen (Ries 1931, Seidel 1935) konnte bisher kein Ansatz alle Kriterien erfüllen, was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass sich noch keiner in der Forschung durchgesetzt hat (Müller 1985a, S. 23) und man stattdessen weiterhin größtenteils auf den intuitiven Satzbegriff rekurriert (s. a. das Fazit der vorliegenden Arbeit).

Müller (1985b) zeichnet ein nüchternes Bild der Geschichte um die Satzdefinition. Viele Ansätze entfernen sich zu weit von der Linguistik, um ihr noch nützlich zu sein, und andere scheitern schlicht an den Anforderungen der Aufgabe. So stellt Ries (1931, S. 3) fest: „Es ist eine (allerdings befremdliche) Tatsache, dass viele der bisherigen Satzdefinitionen nicht einmal den formalen Anforderungen, die an jede Definition zu stellen sind, entsprechen.“ Die meisten (auch Ries selbst, wie Müller (1985a, S. 43) herausstellt) geraten bei ihrer Definition in den Teufelskreis der Zirkularität, wodurch jede Begriffsbestimmung wertlos wird.

Solange keine konsensfähige Definition vorhanden ist, besteht die Hauptaufgabe zunächst darin, bestehende Ansätze in kritischem Licht zu betrachten und somit Impulse für Verbesserungen zu schaffen. Zu diesem Zweck beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit dem Ansatz der Duden-Grammatik, deren Relevanz für die Bestimmung des Satzes sich bereits aus der Menge ihrer Benutzer ergibt. Zudem eignet sich diese Definition, da es sich hier (aufgrund der Heterogenität der Zielgruppe, m. a. W. der Ausrichtung an der Gesamtbevölkerung) um einen möglichst allgemeingültigen und dennoch ausschließlich linguistischen Ansatz handelt.

Nach einigen methodischen Vorüberlegungen zu den Anforderungen beim Aufstellen einer Definition werde ich die Satzdefinition(en) der Dudengrammatik vorstellen und anschließend unter Einbezug realer Beispielsätze kritisch beleuchten. Aus Platzgründen wird es nicht möglich sein, auf alle Kritikpunkte einzugehen, weshalb sich diese Arbeit auf die zentralen Punkte beschränken muss. Im abschließenden Fazit erörtere ich neben einer Zusammenschau der Ergebnisse die Frage, inwieweit eine zukünftige Beschäftigung mit dem Problem der Satzdefinition überhaupt sinnvoll ist.

2. Hauptteil

2.1. Methodische Vorüberlegungen: Kriterien für eine korrekte Definition

Wie für jede wissenschaftliche Methode gibt es auch für das Definieren von Begriffen gewisse Richtlinien, um etwa Logikfehler oder mangelnde Präzision zu vermeiden. Seiner kritischen Beschäftigung mit bisherigen Satzkonzepten und dem Versuch einer neuen Definition stellt Müller (1985a, S. 15) eine kurze Einleitung zu diesem Thema voran.

Die wohl wichtigste Voraussetzung für eine glückende Definition ist das strenge Vermeiden des Definiendums im Definiens. Der zu bestimmende Ausdruck darf nicht unter Rückgriff auf denselben erfolgen. Sobald dies geschieht, wird die Bestimmung wertlos. Dies macht unter anderem die Schwierigkeit einsprachiger Wörterbücher aus.

Mindestens ebenso wichtig ist begriffliche Klarheit. Die Definition darf keine Zeichen, d. h. Wörter, enthalten, die ihrerseits noch nicht unmissverständlich geklärt worden sind. Entsprechend ist es bisweilen notwendig, der eigentlichen Definition zunächst eine Bestimmung der darin verwendeten Begrifflichkeiten vorauszuschicken. Dies führt natürlich streng genommen zu einem unendlichen Regress, jedoch ist die Klärung der Ausdrücke nur bis auf ein gewisses Level erforderlich und auch machbar. Grundsätzlich gilt natürlich, dass eine Definition umso wertvoller und auch besser anwendbar ist, je präziser jeder Bestandteil bestimmt ist. So ist ein weiteres Kriterium für Müller, keine schwammigen Termini zu verwenden. Er weist selbst darauf hin (Müller 1985a, S. 12), dass diese Regeln im Grunde selbstverständlich sein sollten, jedoch oft genug missachtet werden. Darin kann man durchaus auch einen Indikator für die Schwierigkeit einer konsensfähigen und dabei begrifflich präzisen Satzdefinition sehen.

Zudem ist es wichtig, zwischen einer objektsprachlichen und einer metasprachlichen Bestimmung zu unterscheiden (Müller 1985a, S. 17): Objektsprachliche Aussagen müssen nicht zwingend das gesamte Wesen einer Sache erfassen, sondern sind auch korrekt, wenn sie nur Teilaspekte beinhalten. So wäre eine Bestimmung des Satzes durch „enthält Wörter“ objektsprachlich korrekt, da dies in der Tat eine Eigenschaft von Sätzen ist. Als meta-sprachliche Bestimmung des Satzes kann das jedoch nicht gelten, da für das Wesen des Satzes weitere Merkmale konstitutiv sind. Entscheidend ist also bei der Prüfung einer Definition nicht nur, ob sie korrekte Aussagen über den Gegenstand macht, sondern auch, ob diese ein vollständiges Bild ergeben.

2.2. Die Satzdefinition der Duden-Grammatik

Mit welchem schwierigen Unterfangen man es bei der Satzdefinition zu tun hat, zeigt sich bereits an der Tatsache, dass die Duden-Grammatik drei verschiedene, auf den ersten Blick gleich gewichtete Ansätze entwickelt. Doch vor der detaillierten Betrachtung der Definitionen muss zunächst geklärt werden, wofür sie gelten sollen, wie sie entwickelt wurden und gegen welche verwandten Konzepte sie abgegrenzt werden.

Gleich im ersten Abschnitt des Kapitels „Was ist ein Satz?“ (Duden 2009a, Rn. 1163-1166) heißt es, hinter der Bezeichnung „Satz“ stehe „nicht ein einzelner Begriff, sondern eine ganze Familie sich überschneidender Begriffe“. Für ein gutes Verständnis des Satzkonzeptes ist eine Differenzierung also entscheidend. Zunächst erfolgt der Hinweis, dass die vorliegenden Satzdefinitionen eigens für die geschriebene Sprache entwickelt worden sind und entsprechend nicht ohne weiteres auf die gesprochene Sprache übertragen werden können. Nicht explizit erwähnt, aber aus dem Aufbau der Definitionen und der Einbettung in das grammatische Regelwerk ersichtlich ist, dass es sich um grammatikalische Defi­nitionsansätze handelt, die z. B. psychologische und intonatorische Faktoren nicht be­rück­­sichtigen.

Dem ersten Definitionsansatz wird eine grundlegende Vorstellung über Sätze voraus-geschickt: „Sätze sind weitgehend vom finiten Verb bestimmt bzw. von dem damit gebildeten Prädikat.“ So orientiert sich der erste Ansatz auch an der Verbvalenz und lautet: „Der Satz ist eine Einheit, die aus einem Prädikat mit finitem Verb und allen zugehörigen Satzgliedern besteht.“ Diese Bestimmung gilt für den „prototypischen Satz“; es sind also (auch wenn sie in diesem Kapitel nicht aufgeführt werden) Sätze denkbar, die nicht nach dieser Regel funktionieren. Dies gilt auch für die beiden anderen Ansätze.

Anschließend an die erste Definition wird zwischen ausgebautem Satz und satzwertigen Fügungen unterschieden. Letztere werden mangels finiten Verbs von der vorangegangenen Definition nicht beschrieben, die Grammatik verweist hierzu auf die beiden folgenden De-finitionen.

Diese entfernen sich von der Bestimmung des Satzes über das finite Verb: Die zweite Bestimmung lautet: „Ein Satz ist eine abgeschlossene Einheit, die nach den Regeln der Syntax gebildet worden ist.“ Eingeschoben vor der letzten, ähnlich klingenden Definition, „Ein Satz ist die größte Einheit, die man mit den Regeln der Syntax erzeugen kann“, ist eine Differenzierung des Begriffs „Satz“ in einfache Sätze, Teilsätze und komplexe bzw. zusammengesetzte Sätze.

Dass der Satz die „größte Einheit“ der Syntax ist, wird im letzten Abschnitt erläutert: Alles, was kleiner als ein Wort bzw. größer als ein Satz ist, fällt in den Gegenstandsbereich der Morphologie bzw. der Textlinguistik, die jeweils eigene Regeln haben.

2.3. Kritische Betrachtung

Der Aufbau des Abschnittes „Was ist ein Satz?“ ist etwas eigenwillig. Zunächst wird erläutert, dass die Syntax den Satz zum Gegenstand hat und sich daraus die Frage ergibt, wie Sätze definiert werden müssen. Die Grammatik verweist auf das Problem, dass unter diesem Konzept mehrere verwandte Begriffe stehen. An diesem Punkt erwartet der Leser eine Aufzählung dieser Begriffe und eine (zumindest grobe) Abgrenzung gegeneinander. Stattdessen lässt der Duden hier im Unklaren, von welcher „Familie sich überschneidender Begriffe“ die Rede ist. Erst auf der nächsten Seite und nach zwei der drei Definitionen erfolgt eine Differenzierung des Satzbegriffes in einfache Sätze, Teilsätze und komplexe Sätze, wobei nicht klar ist, ob hiermit die sich überschneidenden Begriffe gemeint sind.

Dass die Abgrenzung von ausgebauten Sätzen und Satzäquivalenten nicht zu Beginn erfolgt, ist dagegen nachvollziehbar, denn für diese Differenzierung bedarf es ja zunächst einer Satzdefinition, die Satzäquivalente von vollständigen Sätzen überhaupt trennt.

Wichtig ist die Vorbemerkung, dass es sich hierbei um Definitionen für den Satz in der geschriebenen Sprache handelt und dass diese auf die gesprochene Sprache nicht unmittelbar anwendbar sind. Dieser Hinweis trägt zur korrekten Einordnung der Satzbestimmungen bei und erläutert, warum Kriterien wie Intonation hier keine Anwendung finden. Gleichzeitig impliziert dies jedoch für den Leser, dass gesprochene Sprache nicht Gegenstand der Syntax ist. In Anbetracht der Tatsache, dass gesprochene Sprache – wenn auch teilweise in veränderter Form – ebenfalls nach den Regeln der Syntax funktioniert, ist ihr Ausschluss fragwürdig. Sinnvoll wäre daher zumindest ein Ansatz zur Satzdefinition für die gesprochene Sprache gewesen.

Im Folgenden postuliert die Grammatik, Sätze seien weitgehend vom finiten Verb „bzw. von dem damit gebildeten Prädikat“ bestimmt. Wie „weitgehend“ hier zu verstehen ist, wird offen gelassen. Es könnte bedeuten, dass nicht alle Sätze vom finiten Verb bestimmt sind, oder dass in einem Satz nicht das finite Verb alleine als bestimmender Faktor auftritt. In beiden Fällen fehlt eine Erläuterung.

Am Beispiel der finiten Verbform „fragte“ werden die Ergänzungen mit jeweiliger semantischer Rolle sowie mögliche fakultative Angaben aufgeführt. Beide Kategorien werden als Satzglieder bezeichnet, was insofern problematisch ist, als der Satz nun in einer ersten Bestimmung als Summe aus Prädikat mit finitem Verb und allen zugehörigen Satzgliedern definiert wird. Aus „zugehörig“ geht nicht hervor, ob lediglich die obligatorischen Ergänzungen oder auch die fakultativen Angaben gemeint sind. Der kleine Duden ist an dieser Stelle genauer. Er definiert den Satz als „eine Redeeinheit, die ein finites Verb und alle notwendigen Satzglieder enthält“ (Duden 2009b, Rn. 459, Hervorhebung durch die Ver­fasserin).

Umgekehrt lässt die Definition (2009a) nicht offen, dass mehr als die genannten Bestandteile in einem Satz unterkommen können, da sie nicht von „mindestens“ spricht. Ein Nebensatz beispielsweise, der laut der Differenzierung des Satzbegriffs weiter unten auch unter diese Definition fallen muss, wird durch eine Konjunktion eingeleitet; des Weiteren gibt es Partikeln und andere Wortarten, die nicht von der Verbvalenz abhängen. Sie werden hier übergangen. Möglicherweise ist dies darin begründet, dass die Duden-Grammatik von „prototypischen“ Sätzen spricht; jedoch sind die nicht-prototypischen der Normalfall.

Mit der zweiten Definition stößt man auf ein Problem, das bereits in der ersten, wenn auch etwas versteckter, zum Vorschein kam: die Zirkularität. Wie die meisten anderen Satz­definitionen zuvor scheitert der Bestimmungsversuch in der Duden-Grammatik daran, dass zur Definition des Satzes Begriffe verwendet werden, die sich wiederum erst aus dem Satzbegriff ergeben können. In diesem Fall geschieht das ganz explizit: Der Satz ist als Einheit, die nach den Regeln der Syntax gebildet wird, bestimmt. Jedoch ist die Syntax als Lehre vom Satz definiert, so enthält das Definiens das Definiendum und wird unbrauchbar. Um Regeln für eine Satzlehre aufzustellen, bedarf es bereits einer Vorstellung über den Satz. Streng genommen muss also die Bestimmung des Satzes erfolgen, bevor die Satzlehre überhaupt formuliert wird. Bei der dritten Definition verhält es sich genauso, da die Bestimmung hier ebenfalls über die Regeln der Syntax erfolgt. Bei der ersten ist die Zirkularität, wie bereits angedeutet, auch ein Problem: Die Definition schließt das Vorhandensein aller Satzglieder mit ein. Satzglieder sind ebenfalls nur zu bestimmen, wenn bereits eine Vorstellung über den Satz vorliegt. Um die Zirkularität der Definitionen deutlich zu machen: Der Satz wird als etwas definiert, das ‚satzhafte‘ Eigenschaften aufweist.

Auch ansonsten bietet die zweite Definition gegenüber der ersten keine Verbesserung. Zwar wird auf den Begriff des finiten Verbs verzichtet, jedoch wird die Einheit Satz stattdessen schlicht als „abgeschlossen“ bezeichnet, was an keiner Stelle näher erläutert wird. Abgeschlossen könnte sich auf die Interpunktion beziehen, die einen Satz vom nächsten sichtbar trennt; ebenso auf die inhaltliche Abgeschlossenheit. Beides sind sehr unterschiedliche Kriterien und bedürften an dieser Stelle einer Erklärung, die jedoch fehlt.

Noch diffuser ist der dritte Ansatz, der mit der endlichen Komplexität von Sätzen aus Gründen der Verständlichkeit argumentiert. Man könne den Satz also als „größte Einheit“ nach den Regeln der Syntax bezeichnen, allerdings nur, wenn man die Teilsätze ausblende. Welchen Gewinn diese Bestimmung gegenüber der zweiten hat, ist fraglich. Man kann bezweifeln, dass die neue Definition, ganz abgesehen von dem weiter bestehenden Problem der Zirkularität, eine neue Information liefert: Statt als „abgeschlossene“ wird der Satz nun als „größte“ Einheit definiert, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass man die Teilsätze aus dieser Definition ausklammert. Gerade dies scheint wenig sinnvoll, denn zum einen hat die Grammatik weiter oben darauf verwiesen, dass der Ausdruck „Satz“ auch für Teilsätze gilt, zum anderen ergibt sich daraus die Schwierigkeit, exakt bestimmen zu müssen, was einen Teilsatz von einem Nicht-Teilsatz oder auch einfachen Satz unterscheidet. Dies fehlt; in der Grammatik wird keine Definition für den Terminus „Teilsatz“ gegeben.

Die Definition soll vermutlich in einem Zug den Satz begrifflich bestimmen und die Grenzen des syntaktischen Forschungsgebietes ausloten (alles, was größer ist als die Einheit Satz, gehört nicht mehr zur Syntax). Jedoch stiftet sie durch die Ausklammerung der Teilsätze stattdessen Verwirrung.

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Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668633797
ISBN (Buch)
9783668633803
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412096
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Schlagworte
syntax satz duden definition

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