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Der Einfluss des NS Staates auf das religiöse Leben an deutschen Schulen

Facharbeit (Schule) 2017 20 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Interview mit einer Zeitzeugin

2. Einschränkung und Beeinflussung des Religionsunterrichts durch die Nationalsozialisten von 1933 bis 1945
2.1. Politischer Kurswechsel in Bezug auf den Religionsunterricht
2.2. Einführung neuer Lehrpläne und Richtlinien für den Religionsunterricht
2.3.Veränderung des Religionsunterrichts
2.3.1. Christliche Rituale im Religionsunterricht
2.3.2. Einfluss der NS Ideologie auf die Inhalte im Religionsunterricht
2.4. Religiöses Leben an deutschen Schulen
2.4.1. Feiern, Andachten und Gebete
2.4.2. Religiöse Symbole
2.5. Religionslehrer und Pfarrer als Träger nationalsozialistischen Gedankenguts
2.5.1. Lehrer als politisches Sprachrohr
2.5.2. Herausdrängen der Geistlichen aus dem Religionsunterricht
2.5.3. Wachsender Druck auf Religionslehrer
2.6. Umwandlung der Bekenntnisschulen in deutsche Volksschulen
2.6.1. Widerstand und Reaktion der evangelischen Kirche
2.6.2. Widerstand und Reaktion der katholischen Kirche
2.6.3. Ziel der Nationalsozialisten und Rolle des Volkes

3. Fazit

4. Quellenverzeichnis

1. Interview mit einer Zeitzeugin

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Einfluss des NS Staates auf das religiöse Leben und auf den Religionsunterricht an deutschen Schulen von 1933 bis 1945. Dabei sollen folgende Fragestellungen genauer betrachtet werden: Inwieweit wurde der Religionsunterricht durch die nationalsozialistische Ideologie beeinflusst und dadurch eingeschränkt und wie veränderte sich das religiöse Leben an den Schulen. Es soll dabei auch der Fokus auf die Rolle der Religionslehrer und Pfarrer gelegt werden. Schließlich soll noch die Umwandlung von Bekenntnisschulen in Volksschulen genauer betrachtet werden.

Um einen persönlichen Bezug über die damalige Situation in der Schule und das Schulleben im Nationalsozialismus zu erhalten, habe ich ein Interview mit einer Zeitzeugin geführt, die damals zur Schule ging. Frau R. aus Eschenau ist heute 93 Jahre alt und kann sich somit altersbedingt nicht mehr im Detail an ihre Schulzeit erinnern. 1933, im Alter von 9 Jahren, besuchte sie die Volksschule in Nürnberg. Sie wohnte zu dieser Zeit in einem Internat der Hensoltshöher Gemeinschaft in Nürnberg und war Mitglied im BDM (Bund deutscher Mädchen), wie viele andere Mädchen ihres Alters. Weil sie noch ein Kind war, war sie leicht durch ihr Umfeld, Diakonissen und Lehrer zu beeinflussen. Die Schwestern der Hensoltshöhe standen damals selbst der nationalsozialistischen Ideologie unkritisch gegenüber und somit färbte die NS Ideologie auf die Schüler ab. Wie viele andere Jugendliche war auch Frau R. zu dieser Zeit begeistert von Hitler und Julius Streicher, Gauleiter von Franken. Ihre Generation, die in den Nationalsozialismus hineinwuchs, war geprägt von Faszination und Verblendung, die in den Führerkult mündete. An ihre Schulzeit und das religiöse Leben an der Schule konnte sich Frau R. nur noch bruchstückhaft erinnern. Damals erteilte eine Religionslehrerin und kein Pfarrer den evangelischen Religionsunterricht und in Frau R.s Erinnerung hat sich der Religionsunterricht durch den Nationalsozialismus nicht sehr stark verändert. Sie hatten Ferien an religiösen Feiertagen, wie zum Beispiel Weihnachten, wie es auch heute für uns selbstverständlich ist. Genaue Details zum Unterricht waren Frau R. nach so vielen Jahren leider nicht mehr präsent.

2. Einschränkung und Beeinflussung des Religionsunterrichts durch die Nationalsozialisten von 1933 bis 1945

2.1. Politischer Kurswechsel in Bezug auf den Religionsunterricht

Von 1933 bis 1945 hat sich die Bedeutung und Rolle des evangelischen Religionsunterrichts stark gewandelt. Zu Beginn der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er als ordentliches Lehrfach in der Schule unterrichtet. Doch im Laufe der Machtspanne fand eine Entwicklung vom Pflichtfach bis zur Ausgliederung aus dem Schulwesen statt.[1]

Am Anfang der Machtübernahme 1933 war die Politik der Nationalsozialisten noch kirchenfreundlich und sie hielten das Konkordat aus der Weimarer Republik ein, das heißt dass Religion an den Schulen Unterrichtsfach blieb und die Bekenntnisschulen weiterhin existierten. Doch die deutschchristliche Reichskirchenpolitik scheiterte, da es zu keiner Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Evangelische Kirche (DEK) und Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) kam. Somit hatte die Landeskirche ihren Einfluss auf das religiöse Leben an den Schulen verloren.[2]

1936 gab es einen kirchenpolitischen Kurswechsel und die Nationalsozialisten versuchten, die Kirche aus dem Schulwesen herauszudrängen und die Bekenntnisschulen in Gemeinschaftsschulen umzuwandeln. Außerdem wurden verschiedene Reichsrichtlinien und Entwürfe erstellt, die sich aber nicht durchsetzen. Als Folge herrschte starke Verunsicherung unter der Lehrerschaft und der Religionsunterricht war sehr chaotisch.[3]

1937 versuchten die Nationalsozialisten den Religionsunterricht zu beseitigen oder die Erteilung zu erschweren und das religiöse Leben an den Schulen abzuschaffen.[4]

Die Entwürfe von Lehrplänen für den evangelischen Religionsunterricht wiesen eine starke politische Anpassung auf und waren von der nationalsozialistischen Weltanschauung beeinflusst.[5] Man sprach von dem "deutschen Religionsunterricht"[6] und dem "deutschen Glauben"[7]. Der Religionsunterricht wurde in Anlehnung an die nationalsozialistische Rassenideologie unterrichtet. Aus diesem Grund ging das christliche Bekenntnis weitgehend verloren.[8]

In den Zeiten des Krieges wurde der Religionsunterricht dann ganz aus den Schulen verdrängt.[9]

In der folgenden Abhandlung sollen diese Punkte nun näher erörtert werden.

2.2. Einführung neuer Lehrpläne und Richtlinien für den Religionsunterricht

Schon zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft führten die Nationalsozialisten wesentliche Reformen des Schulsystems durch, die die Lehrpläne und Richtlinien betrafen. Das Schulsystem wurde gleichgeschaltet, da der Reichserziehungsminister Rust reichseinheitliche Anordnungen erließ und die einzelnen Länder nur noch die Möglichkeit hatten diese umzusetzen.[10] Doch erst ab 1937 traten die "reichseinheitlichen Richtlinien für Unterricht und Erziehung"[11] in Kraft.

Schon 1936 kritisierte die Bekennende Kirche, dass die bestehenden Lehrpläne für den Religionsunterricht missachtet würden und dass "biblische Lehren"[12] aus dem Unterricht verdrängt wurden und an ihre Stelle "unchristliche Stoffe"[13] getreten seien, wie das altgermanische Heidentum.[14] So stand z.B. im Lehrplan der Grundschulen, dass an Weihnachten neben dem Heiland als Erlöser und seiner treuen Liebe das Märchen von dem Wolf und den sieben Geißlein durchgenommen werden sollte. Auch sollten andere Märchen, wie zum Beispiel Rotkäppchen, Dornröschen und Aschenputtel immer wieder mit biblischen Geschichten vermischt werden. Und in dem 3. und 4. Schuljahr sollten sogar "germanische Mythenstoffe"[15] gelehrt werden, wie Thor, Wotan und die Widardichtung.[16]

1937 gab es keinen einheitlichen Lehrplan für den Religionsunterricht, obwohl dieser von den Religionslehrern sehr erwünscht war. Viele erlassene Richtlinien setzten sich in der Schulpraxis nicht durch und führten dagegen zu einer Verunsicherung der Lehrerschaft. Deshalb wären eindeutige Richtlinien, die den neuen Inhalt für den Religionsunterricht festlegten, den Lehrern sehr willkommen gewesen.[17] Die Religionslehrerschaft war sehr verunsichert, welche Inhalte sie unterrichten sollte und welche sie nicht behandeln durfte und so wurde die damalige Situation beispielsweise in einer Denkschrift, vermutlich von Theodor Ellwein, als sehr "chaotisch"[18] beschrieben:

„Der gegenwärtige Religionsunterricht […] bietet weiterhin das Bild chaotischer Zustände. Die Lehrer […] wissen zu einem großen Teil nicht mehr, was sie bieten sollen, können oder dürfen. Ein Teil hält sich an die alten Lehrpläne- da sie ja noch nicht außer Kraft gesetzt sind […]. Andere stehen unter dem Einfluss kirchenpolitischer Auffassungen […]. Wieder andere, in ihrem ganzen Denken und Fühlen auf das Rassenproblem eingestellt, übertreiben diesen Gesichtspunkt so sehr, dass ihr RU sich zu einer angewandten Rassenkunde auswächst.“ [19]

Schon im Jahre 1933 versuchte die nationalsozialistische Regierung neue Richtlinien in die Religionslehrpläne einzuführen, doch in den Jahren 1937, 1938 und 1939 äußerte sich das Ministerium nur knapp in Bezug auf Lehrplanerlasse für den Religionsunterricht: "Die Herausgabe neuer Richtlinien für den Religionsunterricht beleibt vorbehalten."[20]

1939 erließ das bayerische Kultusministerium die Anordnung, den Religionsunterricht auf maximal 2 Wochenstunden zu begrenzen.[21] 1940 riet der Reichsstatthalter in Hessen den Schulen, den Religionsunterricht auf die Eckstunden oder auf den Nachmittag zu legen. Schüler, die sich vom Religionsunterricht abmeldeten, durften schon früher nach Hause gehen. In manchen größeren Schulen, die sich nicht an den Rat hielten und den Religionsunterricht weiterhin auf die Vormittagsstunden legten, mussten sich die Schüler, die den Religionsunterricht nicht besuchten, "angemessen beschäftigen"[22]. So genossen die Schüler den Vorzug, schon ihre Hausaufgaben erledigen zu dürfen oder Sport zu treiben.[23]

1940 wurde der "Religionsunterricht in den letzten vier Schuljahren der höheren Schulen"[24] abgeschafft. 1943 kam es zur völligen Ausgliederung des Religionsunterrichtes, da dieser nicht mehr in den Schulräumen stattfinden durfte, sondern im Gemeindehaus oder in der Kirche erteilt werden musste.[25]

2.3.Veränderung des Religionsunterrichts

2.3.1. Christliche Rituale im Religionsunterricht

Die Einführung neuer Lehrpläne und Richtlinien für den Religionsunterricht durch die Nationalsozialisten wirkte sich auch auf die christlichen Rituale im Religionsunterricht aus, speziell auf die Schulgebete.

1933 hatte das hessische Ministerium für Kultus und Bildungswesen das Schulgebet wiedereingeführt und das Beten unterstützt. Doch an den verschiedenen Gebetsvorschlägen wird deutlich, dass die geläufigen Gebete durch das nationalsozialistische Gedankengut beeinflusst wurden. Bei manchen Strophen wurden nationale Strophen hinzugefügt, wie zum Beispiel "Halte deine Hand, Deine starke Hand über unserem Vaterland"[26] und " Lieber Gott, ich bitte Dich für Volk und Führer und für mich".[27]

In einer Besprechung zwischen den Vertretern des württembergischen Kultusministeriums und des Oberkirchenrats 1936 wurde festgelegt, dass "die Möglichkeit des Schulgebets"[28] auch noch weiterhin erhalten bleiben soll. Doch in manchen Schulbezirken wurden die Bibelworte durch nationalsozialistische Parolen ersetzt.[29]

Anhand der Beispielgebete des bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus für die Direktorate der höheren Lehranstalten aus dem Jahre 1941 wird deutlich, dass die Gebete ihren religiösen Wert weitgehend während des Krieges verloren haben. Der Schwerpunkt lag nicht mehr auf den Werten des Christentums und der Verehrung Gottes, sondern auf der Huldigung des Führers und des Vaterlandes Deutschland. Es wurde darum gebetet, dass Gott mit dem "Führer"[30] sei und ihn "erhalte"[31]. Außerdem verehrten die Nationalsozialisten Adolf Hitler wie ein Gott, da sie "im Geiste Adolf Hitlers"[32] immerdar leben wollten. Darüber hinaus behandelte der Inhalt der Gebete den Krieg, da Gott gebeten wurde, den "deutschen Waffen den Sieg"[33] zu schenken. Dies entspricht nicht den biblischen Aussagen zur Feindesliebe und Friedfertigkeit.[34]

[...]


[1] Vgl. Kraft, Friedhelm: Religionsdidaktik zwischen Kreuz und Hakenkreuz: Versuche zur Bestimmung von Aufgaben, Zielen und Inhalten des evangelischen Religionsunterrichts; dargestellt an den Richtlinienentwürfen zwischen 1933 und 1939, de Gruyter, 1996, S.5

[2] Vgl.ebd., S.9f

[3] Vgl. ebd., S. 11ff

[4] Vgl. ebd., S. 15ff

[5] Vgl. ebd., S.46

[6] Vgl. ebd., S.73

[7] ebd.

[8] Vgl. Kraft 1996, S. 73

[9] Vgl. Dienst, Karl: Kirche-Schule-Religionsunterricht, Untersuchung im Anschluss an die Kirchenkampfdokumentation der EKHN, Lit- Verlag, 2009, S.262

[10] Vgl. Böhme, Günther: Erinnerungen an die Schulzeit im Nationalsozialismus und ihr historischer Hintergrund, Schulz-Kirchner, 2001, S.93

[11] ebd.

[12] Müller-Rolli, Sebastian: Evangelische Schulpolitik in Deutschland 1918 - 1958, Vandenhoeck & Ruprecht, 1999, S. 162

[13] ebd.

[14] Vgl. ebd.

[15] Bolle, Rainer (Hrsg.): Hauptströmungen evangelischer Religionspädagogik im 20. Jahrhundert, Waxmann, 2002, S. 90

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. Dienst 2009, S.253

[18] Kraft 1996, S.14

[19] Kraft 1996, S.14, zitiert nach EZA Berlin

[20] Dithmar, Reinhard (Hrsg): Schule und Unterricht im Dritten Reich, Luchterhand, 1989, S. 92

[21] Vgl. Gradl, Jürgen: Das Volksschulwesen in der NS- Zeit am Beispiel des Stiftlandes, Grin Verlag, 2008, S.13

[22] Dienst 2009, S. 261

[23] Vgl. ebd.

[24] Böhme, Günther: Erinnerungen an die Schulzeit im Nationalsozialismus und ihr historischer Hintergrund, Schulz-Kirchner, 2001, S.180

[25] Vgl. Dienst 2009, S. 262

[26] ebd., S. 158

[27] ebd.

[28] Müller- Rolli 1999, S. 155

[29] Vgl. ebd.; S. 187

[30] Gradl 2008, S. 69 (Staatsarchiv Amberg Schulgebet)

[31] ebd.

[32] ebd.

[33] Gradl 2008, S. 70

[34] Vgl. ebd., S. 69f

Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668638150
ISBN (Buch)
9783668638167
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412393
Note
1,0
Schlagworte
NS- Zeit religiöses Leben deutsche Schulen Religionsunterricht Nationalsozialismus

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