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Martin W. Brock "Freitagsflug" - Eine Analyse der Kriminalistischen Merkmale des Detektivromans mit Schwerpunkt auf die Betrachtung der Romanfiguren

Zwischenprüfungsarbeit 2005 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Autor

3. Der Inhalt des Kriminalromans „Freitagsflug“

4. Merkmale des Detektivromans

5. Figuren und ihre Funktionen in einem Roman
5.1. Die Romangesellschaft
5.2. Die Gruppe der Nicht-Ermittelnden
5.2.1. Das Opfer
5.2.2. Der Mörder
5.2.3. Die Verdächtigen
5.3. Die Gruppe der Ermittelnden
5.3.1. Der Detektiv
5.3.1.1. Die Darstellung der Gestalt
5.3.1.2. Die Darstellung der Arbeitsweise
5.3.2. Die Mitarbeiter des Detektivs
5.3.2.1. Die Watson-Figur als Gefährte
5.3.2.2. Die Polizei als Mitarbeiter

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Kriminalliteratur gilt heutzutage in vielen Kreisen als Trivialliteratur. Sie dient der Unterhaltung. Der breiten Meinung zu Folge ist eine Untersuchung der Stilmittel o. ä. nicht so sinnvoll und vor allem nicht so effektiv und interessant wie eine Analyse von Goethes „Faust“ oder Schillers „Maria Stuart“. Es gibt allerdings andere interessante Punkte, die man bei Kriminalliteratur analysieren und verfolgen kann. So spielen zum Beispiel die Logik der Handlung, die Handlungsstruktur, die Figuren des Detektivromans oder auch die sozialkritischen Aspekte eine große Rolle.

In meiner Ausarbeitung möchte ich die Merkmale eines Detektivromans, insbesondere die Romanfiguren des Detektivromans, näher betrachten. Auf die allgemeinen Merkmale des Detektivromans werde ich aus Platzgründen nur sehr kurz eingehen.

2. Der Autor

Der Name Martin W. Brock steht als Pseudonym für einen verdeckten Ermittler, der mit dem Kriminalroman „Freitagsflug“ seinen ersten Titel auf den Markt gebracht hat. Die Erfahrungen, die der Autor dem Leser in seinem Buch vermittelt, stammen aus seiner langjährigen Arbeit bei der Kriminalpolizei einer deutschen Großstadt.

3. Der Inhalt des Kriminalromans „Freitagsflug“

Ricardo Bauer, ein Polizist aus Überzeugung, wird auf Grund einer Verschwörung gegen ihn unerwartet vom Dienst suspendiert. Man unterstellt ihm, dass er polizeiliche Informationen an Dritte verkauft hat. Da der Staatsanwalt Hübner sich zum persönlichen Gegner erklärt hat, liegt es an Bauer selbst seinen Fall zu lösen. Zunächst fällt er in eine Ohnmacht, aus der er dann mit eigener Kraft und Vertrauen anderer Personen aufwacht, um eine schnelle Klärung des Falls zu erreichen.

4. Merkmale des Detektivromans

Nusser erklärt, dass sich der Detektivroman aus drei wesentlichen Bestandteilen zusammensetzt. Nachdem das rätselhafte Verbrechen stattgefunden hat, beginnt die Fahndung nach dem Verbrecher, verbunden mit der Rekonstruktion des Tathergangs und der Suche nach den Motiven. Das letzte wichtige Element ist die Lösung des Falls und die Überführung des Täters[1].

Durch das Verbrechen wird die Handlung des Detektivromans ausgelöst, die nachfolgenden Ermittlungen. Es ist also das zentrale Ereignis[2].

In dem Kriminalroman „Freitagsflug“ von Martin W. Brock wird Bauer eines Verbrechens verdächtig. Hier ist also nicht ein Mord Auslöser für die Ermittlungen, sondern eine Verschwörung einer kriminellen Gruppe gegen einen Polizeibeamten. Dennoch gibt dieses Verbrechen den Beteiligten viele Rätsel auf, die mit viel Mühe und Kraft gelöst werden müssen. Im Verlauf der Geschichte geschieht zusätzlich ein Mord. Dieser hängt zwar mit dem Verbrechen an Bauer zusammen, ist aber nicht Grundlage der Ermittlung.

Bei den Ermittlungen, muss der Detektiv nach dem Täter fahnden. Dabei sollten die inhaltlichen Teilsaspekte der Fahndung berücksichtig werden. Der Detektiv muss beobachten, verhören, sich beraten, den Täter verfolgen und ihn anschließend überführen.

Mit Hilfe der Beobachtungen, die der Detektiv vornimmt, ist es ihm möglich, den Tathergang Stück für Stück zu rekonstruieren. Die Ergebnisse der vorgenommenen Verhöre unterstützen dabei seine Beobachtungen. Entweder sie unterstreichen Vermutungen zum Tathergang oder sie widerlegen diese. Weiterhin ist es möglich, dass dem Detektiv neue Informationen zugetragen werden, die ihn auf neue Ideen und Betrachtungsansätze bringen. Der Autor kann so auch die Möglichkeit wahrnehmen, den Leser und Detektiv durch eine falsche Aussage auf eine falsche Fährte zu Locken. Die Folgen sind falsche Schlussfolgerungen. Diese werden laut Nusser vor allem auch in Beratungen mit beteiligten Personen gezogen.

Diese Teilaspekte der Fahndung lassen sich in der vorliegenden Detektivgeschichte sehr gut wieder finden. Bauer beobachtet z B. gemeinsam mit Port einen Rechtsanwalt (S. 163[3] ). Dieser verlässt nach gewisser Zeit seine Kanzlei und Bauer nimmt die Verfolgung auf (S. 164f.). Die Unterhaltungen mit Maria Sanchez (S. 117-121) oder Frau Zechmeister (S. 153-157) stellen Bauers polizeiliches Können der Verhörung unter Beweis. Zwischenzeitliche Beratungen und ein Abgleich der bisherigen Ermittlungen finden zwischenzeitlich immer wieder mit Dr. Keufer und Port statt (z. B. S. 54-58, 65-69, 82-92, 123-125).

Der letzte Teilaspekt der Fahndung ist die Überführung des Täters und die Aufklärung des Verbrechens. Der Abschluss der Fahndung ist somit also auch das letzte wichtige Element des Detektivromans nach Nusser. In „Freitagsflug“ gibt es allerdings keine typische Überführungsszene. Der Täter wird nicht öffentlich identifiziert. Bauer und Doris Buck erfahren lediglich den Namen des Täters im Reisebüro, sie überführen ihn aber nicht der Täterschaft.

Die charakteristischen Personen eines Detektivromans werde ich im Folgenden genauer betrachten.

5. Figuren und ihre Funktionen in einem Roman

5.1. Die Romangesellschaft

Befasst man sich mit Interviews verschiedener Schriftsteller von Kriminalliteratur, so erkennt man eine Art und Weise der Entstehung eines Kriminalromans, nach der der Autor oder die Autorin zunächst die Handlung der Geschichte im Kopf haben. Um diese verwirklichen zu können benutzen sie dann die Romanfiguren. Letztere sind also nur ein Mittel, um einen bestimmten Zweck erfüllen zu können, nämlich die Durchführung einer kriminalistischen Handlung mit der dazugehörigen Aufklärung des Falles. So erklärt auch Nusser dieses Phänomen. Er sagt, dass die Figuren eines Detektivromans dem Handlungsplan unterworfen sind. Das bedeutet, der Autor verwendet sie um einen Vorgang deutlich zu machen. Sie „illustrieren einen prinzipiell festgelegten Vorgang“[4].

Die handelnden Personen in einem Roman lassen sich nach Nusser in zwei Gruppen unterteilen. Es gibt die Gruppe der Nicht-Ermittelnden und die Gruppe der Ermittelnden. Der Detektiv und die restlichen Ermittelnden wie Polizei und persönliche Helfer bilden die Gruppe der Ermittelnden und damit die kleinere Gruppe. Die Gruppe der Nicht-Ermittelnden ist größer. Sie umfasst sowohl die potentiellen Täter als auch das bzw. die Opfer.

Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Handlung des Kriminalromans zeigt, „wie die kleinere Zahl der detektorisch Aktiven sich mit der größeren Zahl der um das Opfer versammelten und daher Verdächtigen auseinandersetzt, um deren Beziehungen untereinander, deren Beziehungen zum Opfer und schließlich den Mord aufzuklären“[5].

Neben der Einteilung in ermittelnde bzw. nicht-ermittlende Figuren lässt sich die Romangesellschaft anhand anderer Aspekte untersuchen. Sie hat eine bestimmte Struktur. Jede einzelne Figur nimmt darin eine bestimmte Rolle und somit verschiedene Funktionen wahr. Der Autor verwendet dafür eine bestimmte Anzahl von Einzelheiten und Begriffen, um eine Person näher zu beschreiben. Diese signalisieren positives oder negatives Auftreten des jeweiligen Charakters. Suerbaum erklärt, dass der Leser während der Exposition mehr mit der Entschlüsselung von sozialen und gesellschaftlichen Bedeutungen einzelner Personen beschäftigt ist, als mit dem bevorstehenden Verbrechen[6]. Die wichtigsten Figuren werden dem zu Folge bereits sehr früh eingeführt und dem Leser bekannt gemacht. Zum Ende der Exposition kann der Leser sie einstufen und unterschiedlichen Sympathien zuordnen.

In einer Romangesellschaft ist der gesellschaftliche Status der einzelnen Figuren unterschiedlich. Nach Suerbaum lebt der klassische Detektivroman von eben dieser Tatsache. Durch den unterschiedlichen gesellschaftlichen Status entstehen möglicherweise Spannungen. Es gibt menschlich-moralische Aspekte zwischen den für den Leser sichtbaren und den tatsächlich vorhandenen Beziehungen, die diese Spannungen erhöhen. Neben dem Rätsel um den Täter und der Frage nach dem Ablauf der kriminalistischen Handlung, interessiert den Leser die Enthüllung. Er möchte wissen, wie die Figuren sich hinter ihrem Erscheinungsbild tatsächlich geben. Das bedeutet für die Romanfiguren, dass sie sich teilweise verstellen. Die Gesellschaft, oder ein Teil von ihr, ist also anders, als sie zu sein scheint.

5.2. Die Gruppe der Nicht-Ermittelnden

Die Gruppe der Nicht-Ermittelnden lässt sich nach Nusser durch zwei Merkmale charakterisieren. Es handelt sich bei dieser Personengruppe um einen geschlossenen Personenkreis, deren Darstellung einer starken Typisierung unterliegt[7].

Das bedeutet für den Leser und den Ermittelnden, dass die Anzahl der Personen sehr früh bekannt ist. Sie ist begrenzt und überschaubar. Eine Veränderung findet nicht statt. Natürlich ist es möglich, dass einige Personen im weiteren Verlauf der Geschichte eingeführt werden. Unter diesen ist nach Nusser allerdings nicht der Täter zu suchen. Sie erfüllen hauptsächlich die Funktion, die Falllösung weiterzuführen. Würden diese Voraussetzungen nicht erfüllt werden, wären die Anstrengungen der Untersuchung sowohl für den Detektiv als auch für den Leser vergeblich, weil beide für gewöhnlich nur Personen verdächtigen, die Ihnen bekannt sind. Aus dem Grund der scheinbaren Bekanntheit des Täters entsteht Verunsicherung des Lesers. D. h. wenn neue Aspekte in der Geschichte aufgedeckt werden, kann der Leser in seiner Verdächtigung verunsichert oder eben auch bestätigt werden.

Beispiele für die zuvor genannten Personen sind Doris Buck oder Bruno.

Doris Buck ist 30 Jahre alt. Sie ist eine Kollegin von Ricardo Bauer und Polizistin aus Überzeugung (S. 101). Sie macht ihre Arbeit, um der Gerechtigkeit und Aufklärung Willen. Dabei interessiert sie sich nicht für ihre Karriere. Durch ihre Erfolge hat sie sich bei all ihren Kollegen Respekt verschafft (S. 100). Sie weiß wie weit ihre Grenzen gesteckt sind und vermittelt dies auch den restlichen Kollegen (S. 100). Auf den Leser mach sie den Eindruck einer klugen Frau, die ihren Erfolg ihrer harten Arbeit verdankt.

Ihr Verhältnis zu Ricardo Bauer gründet zunächst auf den gemeinsamen Arbeitgeber. Während ihrer Unterhaltungen wird aber deutlich, dass sie sich sehr gut verstehen. Doris Buck hilft ihm, vertrauliche Informationen herauszufinden, die zur Aufklärung beitragen, und riskiert dadurch ihren Job. Bauer erzählt ihr im Gegenzug von seinen laufenden Ermittlungen und den bisher erlangten Ergebnissen. Außerdem bietet Doris Buck ihm die Möglichkeit, sich über die Beziehung zu Marion mit ihr zu unterhalten. Sie ist für Bauer eine der wenigen Vertrauenspersonen.

Ihre literarische Funktion beschränkt sich auf das Voranbringen des Falls. Sie wird sehr spät in die Geschichte eingeführt und dem Leser bekannt gemacht (ab S. 100). Ein Verdacht bei dieser Person ist also laut Nusser ausgeschlossen.

Ebenso verhält es sich mit Bruno. Er ist 26 Jahre alt und wohnt unter der Wohnung von Alex. Er ist blass und hat tief liegende Augen. Äußerlich wirkt er krank und ungepflegt. Ein möglicher Grund hierfür könnte sein Drogenkonsum sein (S. 76). Er wirkt sehr zerbrechlich, die Arme hängen wie „Fischgräten“ (S. 76) aus dem T-Shirt. Er teilt mit Alex die Antipathie gegenüber der Polizei.

Die Romanfigur Bruno wird ebenso wie Doris Buck sehr spät eingeführt. Seine Handlung in der Geschichte ist aber wesentlich kürzer. Er gibt lediglich wichtige Informationen über den Mord an Swetlana, die Freundin von Alex, an Alex weiter. Seine Funktion ist damit erfüllt und ein weiteres Auftreten nicht mehr notwendig. Ein Verdacht als Täter ist auch bei ihm ausgeschlossen.

Damit der Personenkreis geschlossen ist, spielt eine Geschichte häufig in einer „isolierten Gruppe“[8]. Die Isolation kann sowohl durch äußere Umstände entstehen, als auch durch Grade der Verwandtschaft oder enge Beziehungen unter bestimmten Berufs- oder Gesellschaftskreisen. Nach Nusser ist es wichtig, dass die handelnden Personen auf jeden Fall „zur gleichen Zeit an dem gleichen Ort […] versammelt sind, wo der Mord geschieht“[9]. Weiterhin ist es angebracht, dass sich die Personen lange und gut kennen. Die Romangesellschaft des vorliegenden Romans setzt sich aus Polizisten und einer kriminellen Bande zusammen. Die Voraussetzungen sind also erfüllt. Der Leser hat Spaß am Lesen und der Detektiv Spaß am Ermitteln. Beide erfahren die Freude am logischen Denken und der Reiz der Verunsicherung tritt ein.

Ein weiteres Charakteristikum ist, wie bereits genannt, die starke Typisierung der dargestellten Personen. Das bedeutet, dass die Personen nur in ihren äußeren Handlungen dem Leser bekannt sind. Seelische und psychische Gründe treten in den Hintergrund. Sie dienen lediglich der Information, die ein Alibi oder eine Verdächtigung abrunden. Würde der Leser die gesamte Charakteristik einer Person kennen, wäre das Geheimnis, dass sich um diese Person birgt, aufgehoben. Eine Verrätselung findet dann nicht mehr statt.

Die Reduktion des Psychologischen bei der Darstellung der Personen lässt sich nach Nusser bei den einzelnen Handlungspersonen genauer betrachten. Diese Thematik möchte ich auf den Kriminalroman „Freitagsflug bezogen an geeigneter Stelle aufgreifen.

5.2.1. Das Opfer

Das Opfer ist Ausgangspunkt der kriminalistischen Ermittlungen. Auf Grund eines Mordes zentrieren sich die Fragen und die Figuren um das Opfer. Es hat nach Nusser den „geringsten personalen Stellenwert [und] ist […] nichts anderes als ein Requisit, das einen Mechanismus in Gang setzt“[10].

[...]


[1] Vgl. Literaturverzeichnis: Nusser, Peter: Der Kriminalroman. S. 22.

[2] Vgl. Literaturverzeichnis: Nusser, Peter: Der Kriminalroman. S. 22.

[3] Die angegebenen Seitenzahlen im laufenden Text beziehen sich auf den Kriminalroman „Freitagsflug“ von Martin W. Brock. Es handelt sich dabei um ausgewählte Beispiele und nicht um alle passenden Textpassagen.

[4] Vgl. Literaturverzeichnis: Nusser, Peter: Der Kriminalroman. S. 34.

[5] Vgl. Literaturverzeichnis: Nusser, Peter: Der Kriminalroman. S. 34.

[6] Vgl. Literaturverzeichnis: Suerbaum, Ulrich: Krimi. Eine Analyse der Gattung. S. 77.

[7] Vgl. Literaturverzeichnis: Nusser, Peter: Der Kriminalroman. S. 35.

[8] Vgl. Literaturverzeichnis: Nusser, Peter: Der Kriminalroman. S. 34.

[9] Vgl. Literaturverzeichnis: Nusser, Peter: Der Kriminalroman. S. 34.

[10] Vgl. Literaturverzeichnis: Nusser, Peter: Der Kriminalroman. S. 35 f.

Details

Seiten
30
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638395731
ISBN (Buch)
9783638687423
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41281
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
2,5
Schlagworte
Martin Brock Freitagsflug Eine Analyse Kriminalistischen Merkmale Detektivromans Schwerpunkt Betrachtung Romanfiguren Tatort Deutschland

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Titel: Martin W. Brock "Freitagsflug" - Eine Analyse der Kriminalistischen Merkmale des Detektivromans mit Schwerpunkt auf die Betrachtung der Romanfiguren