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John Maynard Keynes und seine Kritik an den wirtschaftlichen Bestimmungen des Versailler Vertrages

von Georg Andreas Richter (Autor)

Hausarbeit 2018 23 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhalt

1.1 Einstieg
1.2 Inhalt und Aufbau

2.1 Keynes´ Biographie und sozialer Hintergrund
2.2 Keynes´ Theorie

3.1 Historischer Hintergrund
3.2 Vertragsbedingungen

4.1 Keynes´ Kritik an den Vertragsbedingungen
4.2 Situation in der Weimarer Republik
4.3 Untersuchung des Eintretens der Vorhersagen von Keynes

5.1 Zusammenfassung
5.2 Ausblick

6. Bibliographie

1.1 Einstieg

„[Es gibt] wenige geschichtliche Vorgänge, die die Nachwelt weniger Grund haben wird zu verzeihen“[1]

John Maynard Keynes gehört zweifellos zu den wichtigsten Denkern der Wirtschaftsgeschichte. Mit seinen Ideen prägte er nicht nur Theorie und Wissenschaft. Er war im Laufe der letzten Jahrzehnte auch immer wieder Gegenstand aktiver Wirtschaftspolitik. In Deutschland weist nicht zuletzt das Stabilitätsgesetz von 1967 deutliche Züge von Keynes´ Modellen auf.[2] Bezeichnend ist zudem, dass seine Theorien einen mit seinem Namen verbundenen Ismus begründeten.

Keynes Grundhaltung, dass sich der Staat in das Wirtschaftsgeschehen aktiv einmischen müsse, es regulieren solle, galt lange Zeit als abgelöst. In Folge der ab 2008 auch in Deutschland spürbaren Finanzkrise wurden aber wieder keynesianische Rezepte angewandt. Der Staat versuchte antizyklisch zu handeln und den wirtschaftlichen Abwärtstrend durch staatliche Ausgaben abzuschwächen. Darüber hinaus wurden etwa durch die sogenannte Abwrackprämie[3] private Ausgaben gefördert, was das gleiche Ziel verfolgte. Keynes und seine Wirtschaftsrezepte erfuhren so eine kleine Renaissance. Der langjährige FAZ-Wirtschaftsredakteur Gerald Braunberger bezeichnete es als ein „unwahrscheinliches, aber doch auch verständliches Comeback“.[4]

Zum anderen jährt sich im Jahr 2019 zum 100sten Male die Unterzeichnung und Ratifizierung des Versailler Friedensvertrages. Anlässlich des 90sten Jahrestages brachte Der Spiegel in Ausgabe 28/09 eine Titelgeschichte, die unter der vielsagenden Überschrift „Der Unfriede von Versailles“ erschien. Und tatsächlich sehen viele Historiker mehr im Versailler Vertrag als im Ersten Weltkrieg die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Der Vertrag, der darauf abzielte, die Deutschen zu erniedrigen und auszuhungern, war eine der Grundlagen für den schnellen Aufstieg des Diktators Hitler und der mit ihm verbundenen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs.

John Maynard Keynes nahm als junger Ökonom an den Friedensverhandlungen teil und reiste schließlich, vom Verhandlungsstil und den Verhandlungszielen der anderen Teilnehmer schockiert, ab.

Mit seinen zum Versailler Frieden verfassten Schriften, die eine kluge und umfassende Kritik darlegen, wurde John Maynard Keynes auf einen Schlag weltberühmt.

Als einer der frühen und profiliertesten Kritiker des Versailler Vertrages gilt er in vielen Aufsätzen zu diesem Thema als wichtige Quelle.

Durch die „Renaissance“ von Keynes´ Theorien im Zuge der weltweiten Finanzkrise und das runde Jubiläum des Versailler Vertrages, seines Objektes heftiger Kritik, erscheint es interessant, diesen Teilaspekt aus Keynes´ Analyse genauer zu untersuchen. Die Frage, ob J. M. Keynes mit seiner Kritik und Analyse der Vertragsbedingungen und ihrer Folgen recht behalten hat, drängt sich also fast auf.

1.2 Inhalt und Aufbau

Der Bedeutung der Person Keynes entsprechend musste zum besseren Verständnis bereits ein erster Schwerpunkt auf seinen persönlichen Hintergrund und die wichtigsten seiner Theorien gelegt werden. Natürlich konnte allein auf Grund der Themenstellung auf diesen Aspekt ebenso wie den des historischen Hintergrundes nur insoweit eingegangen werden, als hier ein grober Überblick geschaffen wird. Von den Vertragsbedingungen werden selbstverständlich nur die genannt und aufgeführt, die im Weiteren auch relevant sein werden.

Keynes kritisierte den Vertrag im Wesentlichen auf drei Ebenen: 1. der sittlich-moralischen 2. der wirtschaftlichen (Deutschland betreffend) 3. der wirtschaftlichen (Europa teils auch die USA betreffend). Obwohl Keynes gerade die Legitimation und das völlige Fehlen einer sittlich-moralischen Grundlage des letztendlich zustande gekommenen Vertrages immer wieder kritisiert und sogar einen gewissen Schwerpunkt darauf legt, geht die folgende Arbeit im Wesentlichen auf die wirtschaftlichen Folgen für Deutschland und nur am Rande auf sittliche und europäische Aspekte ein.

2.1 Keynes´ Biographie und sozialer Hintergrund

Am 5. Juni 1883 wurde John Maynard Keynes als Sohn des in Cambridge lehrenden Ökonomieprofessors John Neville Keynes und Florence Ada Brown, einer der ersten Studentinnen an einem College nach der Öffnung für das weibliche Geschlecht, in Cambridge geboren. „Im selben Jahr übrigens, in dem sein Antipode J. A. Schumpeter zur Welt kam und Karl Marx starb.“[5]

J. M. Keynes wuchs gemeinsam mit den Geschwistern Margaret, geboren am 04.02.1885, und Geoffrey, geboren am 25. März 1887, in bürgerlichen Verhältnissen auf. Dank einer Erbschaft von 17.000 Pfund konnte sich die Familie den Vorzug eigener Bediensteter und den Luxus von Reisen sowohl innerhalb Großbritanniens als auch im europäischen Ausland leisten.[6]

Ab 1892 besuchte Keynes die St.-Faith´s Vorbereitungsschule. Schon zu diesem Zeitpunkt fielen der Umwelt seine außergewöhnlichen geistigen und charakterlichen Gaben auf. „Er hatte eine rasche Auffassungsgabe und eine Schlagfertigkeit, die gelegentlich den gebotenen Respekt vor anderen Leuten vermissen ließ“[7]

In der Schule erhielt er auf Grund besonderer Leistungen im Fach Mathematik Förderunterricht und 1894 wurde er Klassenprimus. Sein Durchsetzungswille zeigte sich auch hier schon früh. So ließ er sich von einem seiner Mitschüler seine Schulbücher tragen, ein anderer durfte ihm nicht näher als 15 Yards kommen.[8]

Erste Annäherungen an Deutschland und die Deutschen fanden im Jahre 1894 statt. In diesem Jahr nämlich „bekamen die Keynes-Kinder zwei deutsche Erzieherinnen. So wurde John Maynard schon früh mit der deutschen Sprache vertraut. Das war ihm später sehr hilfreich bei der Lektüre der einschlägigen philosophischen und ökonomischen Literatur. Deutschland galt damals als Land der Philosophen und der Wissenschaft“.[9]

Von 1897 bis 1902 besuchte John Maynard Keynes die ebenso renommierte wie bekannte Privatschule Eton. Keynes war hier nicht nur schulisch sehr erfolgreich, er beteiligte sich auch am außerschulischen kulturellen und sportlichen Angebot. So „verfasste [er] Dramen, interessierte sich für mittelalterliche lateinische Dichtung und Geschichte und heimste alle mathematischen Preise ein“.[10] Darüber hinaus beteiligte er sich an mehreren Diskussionszirkeln zu unterschiedlichen Themengebieten.

Die besten Eton-Schüler erwarben die Berechtigung auf ein Stipendium am King´s College, einer der renommiertesten Schulen dort. Keynes begann dort Mathematik und Klassische Philologie zu studieren.[11]

Auch hier, am King´s College in Cambridge, zeichnete sich Keynes durch hohes Engagement aus. Er wurde aktives Mitglied mehrerer Clubs, wurde in den Kreis der „Apostel“, einer geheimen und elitären Vereinigung gewählt, erhielt 1904 den University Member´s Price for English Essay[12] und „befasste sich mit der Ethik des Aristoteles und war fasziniert von der griechischen Philosophie“.[13]

1906 trat Keynes, nachdem er bei den Aufnahmeprüfungen einen zweiten Platz erreichte, in die Dienste des India-Office. Eine vergleichsweise geringe Anzahl an Wochenarbeitsstunden und einem geringen Arbeitspensum ermöglichen es Keynes, während der Arbeitszeit an seiner Dissertation zu arbeiten, die er am 12.12.1907 einreichte.[14]

Keynes entschloss sich, den Dienst beim India-Office zu quittieren und „erwarb 1908 die venia legendi eines „lecturers“ (vergleichbar einem deutschen Privatdozenten) an der ökonomischen Fakultät seines King´s Colleges in Cambridge; ein Jahr später (1909) wurde daraus jenes „fellowship“, das er bis zu seinem Tode (1946) gewissenhaft beibehielt und ausfüllte“[15].

Einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die Entwicklung und das Denken von J. M. Keynes hat der ab 1907 beginnende Kontakt zum sog. Bloomsbury-Kreis. Diesem elitären Kreis, der besonders durch den Begründer des Neurealismus, den englischen Philosophen George Edward Moore, geprägt wurde, gehörten Persönlichkeiten an, die später zu wichtigen Trägern des britischen Kulturbetriebes wurden. Zu ihnen zählten neben anderen Clive und Vanessa Bell, Virginia und Leonard Woolf, Lytton Strachey und Duncan Grant[16], die allesamt ein enges Verhältnis zu Keynes band.

Nachdem Keynes 1911 zum Herausgeber des Economic Journal gewählt wurde, verbrachte er mehrere Tage pro Woche in London und zog in diesem Zusammenhang sogar mit anderen Mitgliedern des Bloomsbury-Kreises zusammen. Nach heutigen Begriffen würde man wohl von einer Wohngemeinschaft sprechen.

Mit dem Aufkommen des sog. Silberskandals 1912, der sich um den heimlichen Verkauf indischer Silberreserven und die Bereicherung von den Entscheidungsträgern nahestehenden Personen drehte, greift Keynes in die Debatte ein, verteidigt das verdeckte Handeln der Entscheider und bringt in diesem Zusammenhang sein erstes Werk heraus: Über indische Währung und Finanzen (Erscheinungsjahr 1913). Er plädiert hier für den Golddevisenstandard anstelle des klassischen Goldstandards[17].

Mit dem Kriegsjahr 1914 wird Keynes zunächst Berater im Schatzministerium, dann 1915 wird er im Dienst des Schatzministeriums Zuständiger für Angelegenheiten der Kriegslastenfinanzierung. Um seine ablehnende Haltung dem Krieg gegenüber zu zeigen, wandte sich Keynes schriftlich an die Wehrbehörde, um mitzuteilen, dass er aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe verweigern müsse. Ein symbolischer Vorgang vor allem deshalb, weil Keynes´ Unabkömmlichkeit im Schatzamt ohnehin schon beschlossen war[18].

[...]


[1] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-65954988.html; abgerufen am 26. Januar 2018 um 20:02 Uhr

[2] Vgl. Scheiffele, Dietrich: Grundelemente der Volkswirtschaftslehre. 2., überarbeitete Auflage, München (2006). S. 201 ff.

[3] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/entscheidung-in-berlin-der-suendenfall-abwrackpraemie-1.396684; abgerufen am 13. Februar 2018 um 14:46

[4] Braunberger, Gerald: Keynes für jedermann – die Renaissance des Krisenökonomen. Frankfurt (2009). S. 7

[5] Hankel, Wilhelm: John Maynard Keynes – Die Entschlüsselung des Kapitalismus. München (1986). S. 105

[6] Blomert, Reinhard: John Maynard Keynes. Reinbek bei Hamburg (2007). S. 10f.

[7] Ebenda. S. 12

[8] Ebenda. S. 12

[9] Ebenda S. 11

[10] Ebenda S. 14

[11] Vgl. Braunberger, Gerald: Keynes für jedermann – die Renaissance des Krisenökonomen. Frankfurt (2009). S. 15

[12] Vgl. Blomert, Reinhard: John Maynard Keynes. Reinbek bei Hamburg (2007). S. 16 - 19

[13] Ebenda S. 20

[14] Ebenda S. 21f.

[15] Hankel, Wilhelm: John Maynard Keynes – Die Entschlüsselung des Kapitalismus. München (1986). S. 106

[16] Vgl. Hession, Charles H.: John Maynard Keynes. Stuttgart (1986). S. 140

[17] Vgl. Blomert, Reinhard: John Maynard Keynes. Reinbek bei Hamburg (2007). S. 30f.

[18] Ebenda S. 41

Details

Seiten
23
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668643413
ISBN (Buch)
9783668643420
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412843
Note
Schlagworte
john maynard keynes kritik bestimmungen versailler vertrages

Autor

  • Georg Andreas Richter (Autor)

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