Lade Inhalt...

Die elektronische Patientenakte. Eine Erfolgsgeschichte?

Hausarbeit 2015 37 Seiten

Gesundheit - Public Health

Leseprobe

Inhalt

1 Ausgangssituation: Medizinische Dokumentation und papierbasierte Krankenakte

2 Die elektronische Patientenakte (EPA)
2.1 Definitionen und Begriffe / Formen der EPA
2.2 Inhalte der EPA
2.3 Ziele und Nutzen einer EPA

3 Anforderungen / Voraussetzungen der EPA
3.1 Rechtliche Anforderungen
3.1.1 Inhalte
3.1.2 Datenschutz
3.1.3 Datensicherheit
3.2 Technische Anforderungen
3.2.1 Interoperabilität
3.2.2 Technisches Umfeld
3.3 Personelle Anforderungen
3.4 Akzeptanzvoraussetzung

4 Internationaler Überblick
4.1 Deutschland
4.2 Österreich
4.3 Frankreich
4.4 Vereinigte Staaten
4.5 Australien
4.6 Asien
4.6.1 Singapur
4.6.2 Hong Kong
4.6.3 Taiwan
4.6.4 Japan

5 Praxisbeispiel: Soarian am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
5.1 Über das UKE
5.2 Systemlandschaft / Einführung von Soarian
5.2.1 Soarian Clinicals
5.2.2 Soarian Health Archive
5.3 Papierloses Krankenhaus
5.3.1 Datenschutz und Datensicherheit
5.3.2 ISO-27001 Zertifizierung und EMRAM Award

6 Abwägung der Vor- und Nachteile
6.1 Vorteile
6.2 Nachteile

Literaturverzeichnis

1 Ausgangssituation: Medizinische Dokumentation und papierbasierte Krankenakte

Nach Schmücker definiert sich eine Patientenakte wie folgt: „Die Patientenakte ist primär eine Sammlung von Dokumenten, die im Zusammenhang mit der medizinischen Versorgung eines individuellen Patienten an einer medizinischen Versorgungseinrichtung erstellt wird. Sie stellt einen mehr oder weniger umfassenden Auszug aus der medizinischen Historie eines individuellen Patienten dar.“[1] Die Patientenakte stellt dabei ein zentrales Werkzeug bei der täglichen Arbeit von medizinischen Einrichtungen dar, da sie als Basis für Entscheidungen von Ärzten herangezogen wird und – im besten Fall – eine Dokumentation aller Krankheiten, Diagnosen und Behandlungsvorgänge eines Patienten darstellt.

Sie dient zur Unterstützung der Patientenbehandlung und Rechtsdokumentation, weiterhin hilft sie in vielen Bereichen der Forschung und Schulung von medizinischem Personal und wird ebenso als Mittel des Managements für Abrechnungen und organisatorische Abläufe genutzt.

Allerdings muss man auch deren Nachteile berücksichtigen. Sie ist an einen Ort gebunden und kann deshalb immer nur von einer Person eingesehen werden. Sie kann nicht alle Aufgaben für die verschiedenen Nutzer abdecken. Auswertungen können nur mühselig von Hand vorgenommen werden. Von sich aus gibt sie keine Hinweise oder Warnfunktionen.[2]

Zusammenfassend kann man sagen, dass die konventionelle Patientenakte zwar ausreichend Informationen zum Gesundheitszustand des Patienten enthält, diese Informationen aber häufig unstrukturiert und oft nur einem bestimmten Arzt zur Verfügung stehen. Es ist davon auszugehen das bei einer Vielzahl von Behandlungen bei verschiedenen Ärzten und Einrichtungen somit Informationen, die evtl. für die Genesung des Patienten wichtig wären, übersehen werden.

2 Die elektronische Patientenakte (EPA)

Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte sollten die Nachteile der konventionellen Patientenakte vermieden werden. Sie soll allen berechtigten Personen die Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort und in der gewünschten Form zur Verfügung stellen. Die elektronische Patientenakte bietet eine Reihe von Vorteilen gegenüber der konventionellen

Patientenakte, welche auf die allgemeinen Vorteile der elektronischen Datenverarbeitung zurückzuführen sind. So ermöglicht sie eine höchstmögliche Verfügbarkeit der Daten, da man nicht mehr von Öffnungszeiten der Krankenhausarchive abhängig ist.[3] Darüber hinaus ermöglicht die digitale Form der Datenhaltung parallele Zugriffe von unterschiedlichsten Standorten. Ein weiterer großer Vorteil ist, dass große Massen an Daten wesentlich übersichtlicher und strukturierter dargestellt werden können.

2.1 Definitionen und Begriffe / Formen der EPA

Für den Begriff Elektronische Patientenakte existiert in der Literatur keine einheitliche Definition. Laut Haas, der dies als ,,verwirrende Begriffsvielfalt" bezeichnet[4], gibt es eine Fülle an Begriffen und Definitionen, welche häufig synonym verwendet werden wie die Elektronische Fallakte (EFA), die Elektronische Krankenakte (EKA), die elektronische Karteikarte und die Elektronische Gesundheitsakte (EGA). International finden sich entsprechend Bezeichnungen wie Electronic Health Record (EHR), Computer-Based Patient Record (CPR), Computerized Medical Record (CMR) und weitere.[5]

Weit verbreitet ist das 5-Stufen-Modell nach Waegemann[6] vom Medical Record Institute: dieses beschreibt die Entwicklungsstufen ausgehend von der einrichtungsbezogenen, rechnerunterstützten, noch papiergebundenen Dokumentation von Patientendaten hin zu einer von Patient sowie Leistungserbringern gemeinschaftlich moderierten, elektronischen Dokumentation sämtlicher Krankheits- und Gesundheitsdaten.

1. „Automated Medical Record (AMR)“ (automatisierte Krankenakte): Die traditionelle Papierakte bildet die Basis der medizinischen Dokumentation. Die Funktionen des KIS, wie Patientendatenverwaltung, Abrechnung, Radiologiesystem, Laborsystem und medizinische Basisdokumentationen (Diagnosen, Prozeduren) als EDV-Anwendungen erzeugen Papierausdrucke, die in die traditionelle Krankenakte eingefügt werden. Ca. 50 % der Dokumentation wird rechnergestützt erstellt, über unabhängige Softwareprogramme, z. B. zur Verschriftlichung von Berichten.
2. „Computerized Medical Record (CMR)“ (computerisierte Krankenakte): Die Krankenakten werden nach wie vor papiergebunden geführt, jedoch werden über ein zentrales System sämtliche Dokumentationen elektronisch, mittels Einscannen der Papierdokumente, zusammengefasst und dem Patienten zugeordnet. Klinische PC-Arbeitsplätze ermöglichen den Online-Abruf der eingescannten Dokumente. Der einzige Vorteil zur traditionellen Akte ist die gleichzeitige Verfügbarkeit an mehreren Orten.
3. „Electronical Medical Record (EMR)“ (elektronische Krankenakte): Auf dieser Stufe erfolgt eine, wie in den vorangehenden Stufen, einrichtungsbezogene Dokumentation von Patientendaten, mit dem Unterschied, dass die Daten ausschließlich rechnergestützt erfasst werden. Die Daten aus der elektronischen Krankenakte können auf verschieden Weisen dargestellt und ausgewertet werden, z.B. zur Entscheidungsunterstützung.
4. „Electronic Patient Record (EPR)“ (elektronische Patientenakte): Die einrichtungsbezogene elektronische Dokumentation wird mit weiteren Institutionen verbunden. Die IT-Systeme, z. B. von Krankenhäusern und ambulant tätigen Ärzten, werden miteinander verbunden, so dass eine einrichtungsübergreifende Patientenakte von den Beteiligten geführt werden kann. Die papierbasierte Akte wird schrittweise völlig ersetzt. Wie auch in den Stufen eins bis drei geht es vorwiegend um krankheitsrelevante Daten einer Person.
5. „Electronic Health Record (EHR)“ (elektronische Gesundheitsakte): Darunter wird die über die krankheitsbezogenen Daten hinausgehende Dokumentation eines Patienten verstanden. Der Patient ist selbst in der Lage, Eintragungen in der Akte vorzunehmen und Informationen zur eigenen Gesundheit, wie z. B. Ernährungs- oder Sportgewohnheiten, aufzunehmen. Das System ist grundsätzlich (wie in Stufe vier) einrichtungsübergreifend ausgelegt. Dem Patienten wird Zugriff auf seine Daten und deren Bearbeitung ermöglicht. Im Idealfall werden die Patientendaten lebenslang geführt und gespeichert.

Weiterhin werden nach Haas[7] die bereits oben erwähnten Aktenformen unterschieden: elektronische Fallakten, elektronische Patientenakten, elektronische Gesundheitsakten und die noch nicht genannten Registerakten.

Diese sind wie folgt definiert:

Unter einer „Elektronischen Fallakte (EFA)“ ist eine Behandlungsdokumentation zu verstehen, die sic[8] h auf einen konkreten Zeitraum bezieht oder sich an einer bestimmten Erkrankung orientiert. Die EFA ist eine Kommunikationsplattform für Ärzte zu einem medizinischen Fall eines Patienten. Das Konzept ist besonders für komplexe Behandlungsabläufe ausgelegt, die eine enge Kooperation von Ärzten über Einrichtungs- und Sektorengrenzen hinweg erfordern, wie etwa bei schweren Krebserkrankungen. Die EFA bietet bei Bedarf einen raschen Zugriff auf benötigte Dokumente (etwa Arztbriefe, Befunde, OP-Berichte, Verordnungen) und ermöglicht den Ärzten einen aktuellen und vollständigen Überblick über den bisherigen Behandlungsverlauf. In der Regel bleiben die medizinischen Daten dezentral in der Einrichtung, in der sie erstellt oder erhoben wurden, gespeichert. Die an der Behandlung beteiligten Ärzte führen die EFA. Wer auf die EFA zugreifen kann, bestimmt der Patient. Er erteilt die Zugriffsrechte und hat aber auch die Möglichkeit diese jederzeit zu widerrufen. So bleibt das Recht auf freie Arztwahl gewährleistet. Bereits bei der Anlage der EFA legt der Patient zudem fest, welche weiteren Ärzte auf die Daten zugreifen dürfen.

Die „Elektronische Patientenakte (EPA)“ beinhaltet alle medizinischen Daten und Behandlungsdokumentationen zu einem Patienten. Sie enthält somit alle Fallakten eines Patienten.[9] Die EPA wird, wie die EFA vom Arzt moderiert, das heißt, er allein erstellt sie, kann Änderungen an Einträgen vornehmen und Nutzerrechte vergeben. Natürlich ist auch hier der Patient der Entscheidungsträger, der Arzt (zumeist der Hausarzt) führt die Anweisungen aus. Die EPA ist des Weiteren ein Medium der Informationsspeicherung und Kommunikation, sie erfasst alle Patientendaten, Diagnosen, Therapieempfehlungen, unverträgliche Medikamente und andere Informationen in elektronischer Form, die der Patient zur Verfügung stellen möchte. Die Hauptaufgabe der EPA besteht darin, alle gesundheitsrelevanten Daten zentral aufzubewahren. Unterschied hierbei zur EFA ist, dass nicht nur einzelne Fälle, sondern die gesamte Krankengeschichte des Patienten individuell gespeichert werden. Verbindungsmedium des Patienten ist die Gesundheitskarte. Durch sie werden Informationen in der Akte gespeichert. Die Berechtigung des Arztes erfolgt durch den elektronischen Heilberufsausweis (HBA). Archiviert werden wichtige Dokumente, wie Arztbriefe, Befunde, Röntgenbilder usw.

Ohne die EPA werden Daten ausschließlich beim behandelnden Arzt archiviert, ein Austausch unter den Ärzten erfolgt kaum (maximal werden vermutete Diagnosen auf der Überweisung notiert). Dadurch geht bei jeder Überweisung durch die Neuaufnahme viel Zeit verloren, im Zweifelsfall können kostspielige Doppeluntersuchungen die Behandlung verlängern.

Mit der EPA ändert sich der Ablauf. Der Patient gibt einmalig seine Zustimmung zur Erstellung seiner EPA in Art und Umfang. Ohne seine Zustimmung darf keine EPA erstellt werden. Auf der EPA werden die wichtigen Dokumente erstellt. Zusätzlich kann der Patient in enger Abstimmung mit dem Arzt Prioritäten festlegen. Der Patient hat grundsätzlich das volle Leserecht der Daten und kann jederzeit die Löschung einzelner Daten oder der gesamten Akte verlangen. Ebenfalls ist eine Sperrung einzelner Daten für bestimmte Ärzte/ Therapeuten möglich.

Hierzu ein praktisches Beispiel: Ein Patient war wegen einer akuten Depression nach einem Unfall in psychiatrischer Behandlung. Er möchte die Unterlagen, die während der Behandlung entstanden sind, in seiner EPA archivieren. Er möchte aber nicht, dass jeder Arzt sofort davon erfährt. Der Orthopäde, der die Entzündung der Sehne im Ellenbogen aufgrund der hohen Arbeitsbelastung am Schreibtisch behandelt, soll diese Unterlagen nicht sehen. Er gibt den Zugriff deshalb nur für seinen Hausarzt frei.

Unter „Elektronischen Gesundheitsakten (EGA)“ versteht man eine Dokumentation aus medizinischen und gesundheitsbezogenen Aufzeichnungen der Leistungserbringer und des Patienten. Letzterer moderiert eine solche Akte, welche meist auf einer Web-Anwendung basiert und zugänglich ist. Der Patient allein verfügt über die EGA und kann selbständig Daten einstellen, z. B. zu Wellness, Ernährungsgewohnheiten, Sport oder anderen gesundheits- oder krankheitsrelevanten Gewohnheiten.[10] Aufgrund der dezentralen Speicherung sind die Speicherungsmöglichkeiten nahezu unbegrenzt, ein lebenslanger Abruf soll garantiert werden.

Bisher existieren elektronische Gesundheitsakten unabhängig von oder parallel zu elektronischen Patientenakten, sie können aber auch an diese angekoppelt werden. Die Informationen der EGA entstammen in der Regel der EPA. Sie werden vom Patienten eingepflegt und mit zusätzlichen Informationen versehen.[11] Der Patient entscheidet direkt, wer Informationen sehen, speichern, ändern/ergänzen oder löschen darf.

Die Registerakten enthalten meist Teildokumentationen der Fall- oder Patientenakten. Sie dienen Forschungszwecken und beinhalten die Informationen eines Patienten zu einem Krankheitsbild, die für das Register relevant ist. Meist werden die Daten pseudonymisiert ausgewertet und betreffen den konkreten Behandlungsverlauf nicht.[12]

Haas differenziert weiterhin die unterschiedlichen Kriterien Gegenstandsbereich, Verwendungszweck, Implementierungsumfang, Krankheitsbezug und Moderation bei der Begriffsbestimmung und Einteilung von elektronischen Patientenakten.[13] Diese Aspekte überschneiden sich teilweise mit den bereits genannten Begriffen und Definitionen und seien deshalb hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass unter einer elektronischen Patientenakte eine einrichtungs- und krankheitsübergreifende Akte zu verstehen ist, die alle medizinischen Informationen zu sämtlichen Behandlungen eines Patienten enthält und einen strukturierten Zugriff und gezielte Auswertungen für Forschung und Gesundheitsberichterstattung ermöglicht. Sie dient außerdem als Grundlage für Abrechnungszwecke und gesetzlich geregelte administrative Aufgaben. Ein Ordnungssystem und einheitlich festgelegte Arbeitsstrukturen sind von hoher Bedeutung.

2.2 Inhalte der EPA

Es sind klare Regelungen zu treffen, welche Informationen die EPA enthalten soll. Alle Daten in die EPA aufzunehmen hätte zur Folge, dass sie unpraktisch wird und nicht mehr dem Zweck der Vereinfachung und Verbesserung der Patientenbehandlung dient. Haas empfiehlt, diese Entscheidung dem Arzt in Absprache mit dem Patienten zu überlassen. Gemeinsam sollte nach jedem Arztbesuch besprochen werden, welche Behandlungsinformationen in die EPA übernommen werden.[14].

Prinzipiell orientieren sich die Inhalte der EPA an dem nachgeordneten Verwendungszweck (Patientenbehandlung, administrative Aufgaben, Forschungszwecke).[15] In jedem Fall werden die Patientenstammdaten (Name, Adresse usw.) gespeichert, womit eine Zuordnung der Behandlungsfälle ermöglicht wird. Darüber hinaus sind administrative Daten (z. B. zur Abrechnung) und Fallmanagementdaten in der EPA vorhanden. Der Hauptzweck besteht in der medizinischen Dokumentation der Patientenbehandlung. Die EPA enthält somit die Daten zu einzelnen Behandlungsfälle bzw. fallübergreifende Daten. Diese beinhalten Symptome, Diagnosen, Verlauf, Behandlungsziele und -plan, eventuell auftretende Probleme und Notizen des Behandlers. Weiterhin können Laborwerte, Medikationsprofile und Pflegemaßnahmen zum jeweiligen Behandlungsfall eingestellt werden. Als Ergebnis dieser medizinischen Patientendaten können der elektronische Arztbrief, das elektronische Rezept und die Patientenquittung verstanden werden. Da mehrere Behandlungsfälle existieren bzw. unterschiedliche Versorgungsinstitutionen zu den Behandlungsfällen Dokumentationen einstellen, ist eine genaue Zuordnung der Informationen nach vorher definierten Zugriffsrechten von Nöten.[16] Darüber hinaus ist die Speicherung von Notfalldaten, gerade für EPA auf tragbaren Speichermedien (z. B. der elektronischen Gesundheitskarte), in einigen Modellprojekten und Einsatzszenarien vorgesehen. Dazu können Informationen zu Grunderkrankungen, wie z. B. Allergien, zur momentanen Medikation eines Patienten und zu bereits erfolgten und wichtigen Operationen ebenso zählen wie der Impfstatus sowie die Kontaktdaten der Angehörigen oder des behandelnden Arztes.[17] Abgesehen von den medizinischen Daten sollte die EPA ein Kommunikationsmodul zum Datenaustausch, wie z. B. Arztbriefe, sowie eine Sicherheitskomponente für den Datenschutz enthalten.[18]

Die elektronische Patientenakte wird zurzeit in unterschiedlichen Projekten und Modellen erprobt bzw. in die Praxis eingeführt. Die Einsatzorte und -szenarien sind sowohl von den technischen Aspekten als auch bezüglich der Zielorientierung sehr verschieden ausgerichtet. Einheitliche Modelle und Standards für eine einrichtungsübergreifende EPA in der Gesundheitsversorgung gibt es bisher nicht, es wird jedoch weltweit daran gearbeitet. Das größte, von der Politik forcierte Projekt ist die elektronische Gesundheitskarte mit der freiwillig nutzbaren elektronischen Patientenakte. Neben dem Pflichtteil, der die administrativen Daten, die europäische Krankenversicherungskarte und das elektronische Rezept beinhaltet, soll die Speicherung von medizinischen Behandlungsdaten und Arzneimitteldokumentationen innerhalb einer EPA sowie der Patientenquittung und eines Notfalldatensatzes als freiwillige Option möglich sein. Die Entscheidung über den Inhalt dieses freiwilligen Teils trägt der Patient.

2.3 Ziele und Nutzen einer EPA

Der Vorteil einer elektronischen Patientenakte gegenüber der Papierakte wird insbesondere in der schnelleren und gezielteren Verfügbarkeit, auch über Gesundheitsversorgungseinrichtungen hinweg, gesehen. Konventionelle Dokumente beziehen sich meist auf eine Einrichtung und können nicht schnell und handlich verfügbar gemacht werden. Die EPA ist gleichzeitig von unterschiedlichen Leistungserbringern nutzbar, was eine erhöhte Transparenz und Qualität der Dokumentation und der abgespeicherten Informationen zur Folge hat sowie die zusammengeführte Speicherung unterschiedlicher Dokumente (Röntgenbilder, EKG-Daten usw.). Die Erfüllung administrativer Pflichtaufgaben (Abrechnung, Berichte usw.) und die Übermittlung von Daten werden erleichtert.[19]

Aus Sicht der Politik wird die elektronische Patientenakte als Schlüsselelement der Gesundheitstelematik interpretiert, die zu Prozessoptimierungen beitragen soll. Im SGB V ist daher verankert, dass die papiergebundene Kommunikation schrittweise durch die elektronische Kommunikation abgelöst werden und die gesetzlichen Krankenkassen diesen Prozess mit finanziellen Mitteln unterstützen sollen[20] bzw. auch die Möglichkeit besteht, dass die Krankenkassen ihren Versicherten Gesundheitsakten von Drittanbietern finanzieren.[21]

Durch die bessere Verfügbarkeit und Übermittlung von Informationen soll die Transparenz für alle Akteure der Gesundheitsversorgung erhöht werden, womit sich eine Verbesserung der Patientenbehandlung ergeben kann. So können aufgrund der ständigen Verfügbarkeit von Informationen zur Krankengeschichte des Patienten Diagnosen schneller und sicherer gestellt und frühzeitig geeignete Therapiemaßnahmen vorgenommen werden.[22]

Das Bundesministerium für Gesundheit sieht die Notfalldaten als Bestandteil der EPA auf der elektronischen Patientenakte als Vorteil an und wirbt für eine bessere Notfallversorgung. Im Ernstfall soll der behandelnde Arzt auf diese Daten zugreifen und entsprechend zum Vorteil des Patienten schneller reagieren können.[23]

Die Vermeidung von unerwünschten Medikamentenwechselwirkungen wird über dokumentierte Medikationsprofile und Arzneimittelunverträglichkeiten prognostiziert.[24]

Weiterhin kann die Überwindung des Bruchs zwischen ambulanter und stationärer Behandlung und die damit verbundene Vermeidung von Doppeluntersuchungen eine Entlastung des Patienten bedeuten und die Ressourcen im Gesundheitswesen schonen, also Einspareffekte zur Folge haben.

Hinsichtlich der verbesserten Zusammenarbeit zwischen dem ambulanten und stationären Sektor wird die EPA als Kommunikations- und Informationsgrundlage für die Umsetzung der integrierten Versorgung (§ 140 a-d SGB V), der strukturierten Behandlungsprogramme für chronisch Kranke (Disease Management Programme (DMP), §137f SGB V), für medizinische Versorgungszentren und weiterer Kooperationsmodelle gesehen. Durch die EPA und weitere IT-Technologien wird das Funktionieren dieser Konzepte ermöglicht.[25]

Die EPA wird als Mittel gesehen, den Patienten mehr in den Mittelpunkt des Gesundheitssystems zu rücken und somit dessen Eigenverantwortung zu stärken.[26]

Abschließend kann festgehalten werden, dass mit der EPA eine qualitativ hochwertigere Gesundheitsversorgung erzielt werden soll und der Patient in den Mittelpunkt rückt: er soll eine bessere Behandlung erhalten und gleichzeitig aktiver an dem Behandlungsprozess beteiligt werden. Der Hauptgrund für die Forcierung der EPA aus Sicht der Politik und der Kostenträger liegt aber sicherlich in den zu erreichenden ökonomischen Effekten sowie der Lösung von strukturellen Problemen.

3 Anforderungen / Voraussetzungen der EPA

Wie bereits mehrfach in dieser Arbeit erwähnt, ist die Einführung einer elektronischen Patientenakte mit gewissen Schwierigkeiten verbunden. Sie ist kein Selbstzweck, sondern stellt auch Anforderungen an das Umfeld, die Beteiligten, die Nutzer und die Betroffenen. Eine Einführung der EPA ergibt daher nur Sinn, wenn die grundlegenden Voraussetzungen erfüllt sind bzw. ohne diese erfüllt zu haben, kann nicht einmal von einer elektronischen Patientenakte gesprochen werden.

In diesem Kapitel sollen einige der Kernanforderungen und Voraussetzungen kurz näher vorgestellt werden.

3.1 Rechtliche Anforderungen

Eine der zentralsten Anforderungen an die Akte hat weniger etwas mit dem täglichen Gebrauch zu tun, sondern mit den rechtlichen Aspekten, die im Zusammenhang mit den Daten stehen, die die Akte enthalten soll bzw. enthalten könnte.

3.1.1 Inhalte

Der Inhalt einer elektronischen Patientenakte unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von jenem einer in Papierform gehaltenen Akte. Bei beiden sind die zu enthaltenden Inhalte festgelegt.[27] Jedoch unterliegt die elektronische Patientenakte noch gesonderten Vorschriften, an die sich die Ärzte halten müssen und größtenteils Aspekte des Datenschutzes und der Datensicherheit betreffen.[28] Es sollte aber bedacht werden, dass diese Vorschriften sich vermutlich ändern werden, sobald die EPA entsprechende Verbreitung gefunden hat und der Gesetzgeber reagieren muss.

[...]


[1] Vgl. Schmücker 1998, S. 223

[2] Vgl. Prokosch 2000, S. 7

[3] Vgl. Leiner 1999, S.69, S.123

[4] Vgl. Haas 2006, S. 434

[5] Vgl. ebenda, S. 434f

[6] Vgl. Waegemann nach Haas 2005b, S. 192ff.; Haas 2006, S. 436

[7] Vgl. Haas 2005b, S. 201

[8] Vgl. ebenda, S. 201

[9] Vgl. Haas 2005b, S. 201

[10] Vgl. Warda 2005, S. 15

[11] Vgl. Haas 2005b, S. 189

[12] Vgl. Haas 2005b, S. 201 und Haas 2006, S. 514

[13] Vgl. Haas 2006, S. 436ff. und Haas 2005b, S. 195

[14] Vgl. Haas 2006, S. 493

[15] Vgl. Haas 2005b, S. 275

[16] Vgl. Haas 2005b, S. 278ff. und GVG (2004), S. 43

[17] Vgl. Haas 2006, S. 492f

[18] Vgl. Haas 2005b, S. 465f. und S. 477ff

[19] Vgl. ebenda, S. 204ff

[20] Vgl. § 67 SGB V

[21] Vgl. § 68 SGB V

[22] Vgl. GVG 2004, S. 15

[23] Vgl. BMG 2014

[24] Vgl. ebenda

[25] Vgl. Haas 2006, S. 192ff

[26] Vgl. BMG 2014

[27] Vgl. Krankenhausrecht 2015a

[28] Vgl. Krankenhausrecht 2015b

Details

Seiten
37
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668641082
ISBN (Buch)
9783668641099
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412958
Institution / Hochschule
Fachhochschule Flensburg
Note
1,7
Schlagworte
Elektronische Patientenakte EPA Elektronische Fallakte EFA Elektronische Gesundheitsakte EGA Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf UKE Soarian Krankenhausinformationssystem KIS Interoperabilität Datenschutz Datensicherheit Soarian Clinicals Soarian Health Archive Siemens AG HIMSS EMRAM

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die elektronische Patientenakte. Eine Erfolgsgeschichte?