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Lyrische Texte verstehen. Die Auflösung referentieller Unterspezifikation und Textsinnerschließung

Hausarbeit 2011 27 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Begrifflichkeit
2.1. Kohärenz
2.2. Textverstehen
2.3. Textweltmodell

3. Referentielle Unterspezifikation
3.1. Überspezifikation in literarischen Texten
3.2. Arten und Auflösung

4. Unterspezifizierte Lyrik
4.1. Peter Maiwald – Brief, 1984
4.2. Hannelies Taschau – Das war mal schön, 1986
4.3. Hannelies Taschau – Anzeige, 1986

5. Fazit

6. Quellen

1. Einleitung

Die menschliche Sprache kann unter vielen unterschiedlichen Aspekten analysiert werden. In der Phonologie untersuchen Linguisten die Bildung und Rezeption von Lauten, die Morphologie beschäftigt sich mit Wortbildung und die Syntax mit der grammatischen Konstitution von Sätzen. Doch eine der komplexesten Disziplinen der Sprachwissenschaft und diejenige, die Gegenstand dieser Arbeit sein wird ist die Wissenschaft um die Bedeutung, die Semantik. Jedes einzelne Wort in der menschlichen Sprache hat eine oder auch mehrere Bedeutungen. Jedoch soll sich hier nicht der Bedeutung von Worten gewidmet werden, sondern der Bedeutung von Texten und den kognitiven Prozessen, die für das Verstehen von Texten verantwortlich sind. Texte, deren einfachste Einheit Sätze sind, sind die Grundlage der zwischenmenschlichen Kommunikation. Texte jeglicher Art bilden das Kommunikations­medium zwischen deren Produzenten und Rezipienten, ob es sich nun um einen mündlichen Diskurs handelt oder um schriftliche Texte. Viel mehr noch als bei einzelnen Wörtern ist das Verstehen der Bedeutung von Texten ein sehr komplexer kognitiver Prozess, der auf mehreren Ebenen stattfindet. Die Bedeutung von Texten konstituiert sich nämlich nicht nur aus den Lexembedeutungen der enthaltenen Wörter und ihrer syntaktischen Relationen untereinander. Vieles wird nicht expliziert erwähnt, aber trotzdem von dem Textrezipienten verstanden. Wie ein Rezipient einen Text versteht, hängt unter anderem von dem Produzenten und seiner Intention, dem Rezipienten selbst und der Kommunikationssituation ab. Schriftliche Texte bieten dabei ein anderes Verhältnis und eine andere Distanz zwi­schen Produzent und Rezipient als mündliche Konversation. Dies gilt insbesondere für literarische Texte. Lyrik, als spezielle Gattung der Literatur lebt von der Tatsache, dass das Verständnis nicht nur aus der Textoberfläche hervorgeht. Im Allgemeinen kann man demnach sagen, dass alle natürlichen Texte referentiell unterspezifiziert sind. Für lyrische Texte gilt das in besonderem Maße. Für de­ren Verstehen muss diese referentielle Unterspezifikation aufgelöst werden. Doch wie weit geht diese Auflösung von referentieller Unterspezifikation? Welche kognitiven Prozesse kann man dazu zählen? Was kann dagegen bereits als Inter­pretation bzw. Textsinnerschließung gehandelt werden? Vor allem bei lyrischen Texten sind diese Fragen von essentieller Wichtigkeit. Diese Arbeit wird sich mit genau diesen Fragestellungen beschäftigen.

Zu Beginn ist es allerdings wichtig grundlegende Termini und Begriffe zu klären. Was ist referentielle Unterspezifikation überhaupt und wie erkennt man sie? Was macht einen Text zu einem Text? Diese und weitere wichtige Begriffe werden im ersten Abschnitt erläutert und können bereits Licht auf die vorliegenden Fragestellungen werfen. In einem weiteren Schritt wird sich diese Arbeit genauer mit den Arten referentieller Unterspezifikation und deren Auflösung beschäftigen, wobei die Theorie von Monika SCHWARZ (2000) eine Grundlage für die Erklärung der referentiellen Unterspezifikation bei einfachen Texten bietet. Schlussendlich werden anhand einiger lyrischer Beispiele die Unterschiede zwischen der Auflösung referentieller Unterspezifikation und Textsinnerschließung verdeutlicht und analysiert. Da Lyrik davon lebt, dass Dinge, die nicht auf der Textober­fläche zu finden sind trotzdem vom Leser verstanden werden, sind Gedichte ein perfektes Beispiel, um die Problematik darzustellen. Nicht zuletzt durch den ästhetischen Anspruch der Poetik ist die Natur des Verstehens dieser Textsorte schließlich das so genannte „Lesen zwischen den Zeilen“.

2. Zur Begrifflichkeit

Ein Text ist eine aus Sätzen bzw. Propositionen bestehende, zusammenhängende und komplexe sprachliche Einheit. (SKIRL/ SCHWARZ-FRIESEL, 2007) Diese bestehen wiederum aus miteinander in Beziehung stehenden Wörtern und bieten jeder für sich Referenzpotential. Welches sind jedoch die Eigenschaften, die einen Text zu einem Text machen? Wie sind diese definiert? Woraus setzt sich die Bedeutung eines Textes im Gegensatz zu den Einzelbedeutungen der beinhal­teten Wörter zusammen? Das Kriterium was einen Text als Text definiert ist seine zusammenhängende Bedeutung. Auch wenn nicht alle relevanten Informationen explizit formuliert werden, was oft der Fall ist, denn alle natürlichen Texte sind referentiell unterspezifiziert, so verfügen sie dennoch, und gerade aufgrund dieser referentiellen Unterspezifikation über eine zusammenhängende Bedeutung. Aneinandergereihte Propositionen, die keinerlei Bezug zueinander haben, können nicht als Text bezeichnet werden. BUSSE bezeichnet „Texte […] als semantische Einheit.“ (1992:95) Das zentrale Kriterium einen Text als Text zu definieren ist also seine Kohärenz. Diese ist essentiell für das Verstehen. Ein Text der in sich nicht kohärent ist, entzieht sich der menschlichen Fähigkeit des Verstehens. „Das heißt, dass der Textbegriff nur über eine Klärung des Kohärenzbegriffs präzisiert werden kann.“ (HASEBRINK, 1986:22) Dies soll im folgenden Unterkapitel geschehen.

2.1. Kohärenz

Damit ein Text als Text bezeichnet werden kann muss er kohärent, also in sich schlüssig sein. Das bedeutet, dass zwischen den Sätzen Relationen bestehen, die Propositionen beziehen sich also aufeinander.

(1) „Der Papst sah die Armen und Hilflosen. Er siegte in Wimbledon. Er bereitete seinen Wahlkampf vor. Er war der erste Mondbesucher.“ (VAN DE VELDE, 1981:29)

Ein Text wie (1) besteht aus an sich sinnvollen Sätzen. Jedoch kann er nicht als kohärenter Text bezeichnet werden, da die Propositionen keinen Bezug zueinander haben. Der Rezipient eines solchen Textes kann die Bedeutung nicht verstehen, also keine Kohärenz etablieren, da diese Bezüge nicht mit seinem Wissen von der Welt zu vereinbaren sind. Dieser Text wird sofort als nicht kohärent erkannt, denn alle Texte basieren auf einer latenten Produzent-Rezipient-Interaktion. Die Grundannahme des Rezipienten ist nämlich die folgende: „[Der] Textproduzent ist der kommunikativen Kooperativität verpflichtet, und die im Text gebotenen Informationen sind deshalb relevant und inhaltlich nachvollziehbar.“ (SKIRL, 2009:146) Im Gegensatz zu (1) wäre demnach der Text (2) kohärent, da die Propositionen aufeinander und auf einen gemeinsamen Sachverhalt der außersprachlichen Welt referieren.

(2) „Wer als Katholik ein Kondom benutzt, muss nicht mehr zwingend ein schlechtes Gewissen haben: Papst Benedikt XVI. hat einen eingeschränkten Gebrauch erlaubt. Die neue Linie des Vatikan gilt allerdings nicht für die normale Empfängnisverhütung, sondern nur in Ausnahmefällen, etwa um die Verbreitung von Aids durch homosexuelle Prostituierte zu verhindern.“ (Spiegel Online, 20.11.2010)

Auch der Gebrauch metaphorischer Ausdrücke lebt von der oben erwähnten Grundannahme. Obwohl eine metaphorische Aussage wie

(3) Mein Freund ist ein Schrank.

eigentlich semantisch falsch ist, nimmt der Rezipient an, dass dieser Satz aufgrund des Kooperativitätsprinzips einen Sinn ergeben, also kohärent sein muss, erkennt ihn deshalb als Metapher. Auf die Problematik von Metaphern genauer einzugehen würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit übersteigen.

Wie kann man nun den Begriff Kohärenz am treffendsten definieren? Laut SCHWARZ-FRIESEL wird ein Text dann als kohärent beurteilt, wenn „die Sätze (bzw. die Propositionen der Sätze) semantisch-konzeptuell aufeinander bezogen werden können und in einer referentiellen Kontinuität stehen“ (2006:66), wie es bei (2) auch der Fall ist. Also stehen „die Sätze in einem Text semantisch-konzeptuell in bestimmten Relationen zueinander.“ (SCHWARZ; 2007:97)

Dabei muss als besonderer Fall die globale Kohärenz hervorgehoben werden. Bei dieser speziellen Form haben die Propositionen keinen direkten Bezug zu einander, und auf den ersten Blick auch keine gemeinsame Bedeutung. Allerdings lassen sie sich einer übergeordneten kognitiven Domäne zuordnen, werden zum Beispiel durch das Konzept, welches der Titel vorgibt zu einem kohärenten Text. (SCHWARZ-FRIESEL, 2006) Viele Gedichte bauen auf diesem Prinzip der globalen Kohärenz auf und funktionieren nur dadurch. Ein Beispiel dafür ist das folgende Gedicht:

(4) Das unvergessliche Jahr 1945

Der Brand leuchtete wie ein Sonntag

Im Februar. Im Mai

War das Gras grün wie kein Gras

Der Himmel blau wie kein Himmel

Davor danach.

Ein Augenblick Freiheit

Ration für ein Leben.

(B.K. Tragelehn, 1995 in LENTZ/ OPITZ, 2010)

Hier wird nur durch den Titel deutlich, dass die Beobachtungen der Umwelt sich auf den zweiten Weltkrieg beziehen, welcher wie das historische Weltwissen der Textrezipienten, das vom Produzenten vorausgesetzt wird, besagt im Mai 1945 nach vielen Bombenangriffen und anderen Kriegshandlungen offiziell endete und die Menschen sich frei gefühlt haben für eine kurze Zeit, da sie danach wieder Repressionen ausgesetzt waren. Ohne die konzeptuelle Referenz des Titels hat dieses Gedicht keine semantische Kohärenz, da der Rezipient nicht wissen kann worauf der Produzent referiert.

Damit kommen wir zum zweiten Teil der Produzent-Rezipient-Interaktion. So wie der Rezipient voraussetzt, dass der Produzent einen kohärenten Text produziert, setzt auch der Produzent Weltwissen beim Rezipienten voraus. (SCHWARZ, 2000) Daher muss er nicht alle Informationen explizit versprachlichen, sondern kann Redundantes weglassen. Die Referenzen aller Texte sind also lückenhaft, obwohl die Texte kohärent sind. Die Auswahl dessen was versprachlicht wird hängt ab vom Wissensstand des Produzenten, dem Wissensstand des Rezipienten, und insbesondere von dem vom Produzenten antizipierten Wissensstand des Rezipienten. Es werden also nur Informationen weggelassen, die als überflüssig angesehen werden und im kognitiven Prozess des Textverstehens rekonstruiert werden können. (SCHWARZ, 2000) Eben dieser Prozess wird im folgenden Untekapitel genauer betrachtet.

2.2. Textverstehen

Texte sind Einheiten der Sprache. Sprache kann auch als kognitives Handeln bezeichnet werden, so wie das Verstehen kognitives Handeln ist. Jedoch stellt sich BUSSE die Frage, ob man Verstehen tatsächlich als Handeln bezeichnen kann, denn „eine Handlung kann man unterbrechen/ abbrechen, ein Verstehen nicht.[…] Ich kann nicht willentlich nicht verstehen.“ (BUSSE, 1994:57) Er vergleicht das Verstehensmodell mit dem Transportmodell der Kommunikationswissenschaft. Bei dem letzteren verfügen Nachrichtenproduzent und –rezipient über das gleiche Zeicheninventar, welches für das Decodieren bzw. Encodieren von Nachrichten nötig ist. Die Nachricht wird dabei über einen Kanal übertragen, der allerdings störbar ist. Textverstehen unterscheidet sich aber von diesem Modell insofern, dass Texte eine sprachliche Einheit bilden und

„Sprachregeln sind soziale Regeln und werden in einem langen Sozialisationsprozeß erworben. Zwei Menschen wachsen niemals unter vollständig identischen Sozialisationsbedingungen auf, d.h. jeder Mensch verfügt wenigstens z.T. über spezifische Kommunikationserfahrungen, die er in dieser Zusammensetzung mit keinem anderen Sprachteilhaber teilt.“ (BUSSE, 1994:51)

Man kann natürlich durch weitere Daten und Fragestellungen das erstmalige Verstehen korrigieren, jedoch zählt das bereits zur Interpretation. Das Verstehen ist einmalig, somit also keine Handlung als solche. Allerdings ist das Textverstehen ein „aktiver, dynamischer kognitiver Prozess.“ (SKIRL, 2009:144) Es besteht aus kognitiven Teilprozessen zu denen nicht nur die Aufnahme der expliziten Information aus der Textoberfläche gehören, sondern auch Schlussfolgerungen und der Aufbau eines Textweltmodells mit Hilfe von konzeptueller Information aus dem Langzeitgedächtnis. Wie bereits in Kapitel 2.1. erwähnt wird nicht jede Information in einem Text explizit gemacht. Vieles wird vom Produzenten als redundant empfunden da er Weltwissen beim Rezipienten voraussetzt. Diese Lücken in der Textbasis werden durch Schlussfolgerungen gefüllt und damit wird Kohärenz hergestellt. Der kognitive Prozess des Schlussfolgerns wird auch Inferenz genannt. (HASEBRINK, 1986) Dabei wird Weltwissen aktiviert, um die im Text vermittelte Information zu vervollständigen. „Die implizierte Textbasis wird durch die Bildung intendierter [beabsichtigter] Inferenzen zur expliziten Textbasis ergänzt.“ (HASEBRINK, 1986:25) Diese Lücken werden nicht nur durch aktiviertes Weltwissen gefüllt sondern auch durch Informationen, die aus dem Kotext und Kontext gezogen werden, wobei der Kontext nichts weiter ist als die situative und/ oder sprachliche Umgebung eines Textes.

Ulrich BECKMANN (1991) unterscheidet außerdem zwischen textbezogenem und autorbezogenem Verstehen. Dabei ist das textbezogene Verstehen allein durch die Textoberfläche motiviert, beinhaltet also nur die explizit erwähnten Informationen während autorbezogenes Verstehen das Textweltmodell des Autors repräsentieren muss. „Dabei entspricht der Grad des Verstehens dem Ausmaß der Approximation zwischen Repräsentationsmodell und seinem Original.“ (BECKMANN, 1991:13) Bei schriftlichen Texten ist die Kommunikationssituation eine andere als bei mündlichen. Der Produzent hat weniger konkretes Wissen über den eventuellen Rezipienten, deshalb sind diese oft expliziter formuliert. (BUSSE, 1992) Der Produzent kann weniger Wissen beim Rezipienten voraussetzen, da keine direkte mündliche Kommunikationssituation besteht. Bei literarischen Texten, insbesondere bei der Lyrik, ist das sehr häufig der Fall. Denn „zeitliche Entfernung zwischen Textproduktion und Textrezeption vermindert den Umfang des tatsächlich noch vorhandenen ‚gemeinsamen Wissens‘.“ (BUSSE, 1992:85) Auch die Textsorte und Textfunktion spielen eine Rolle bei der Frage wie explizit ein Text ist. So sind beispielsweise juristische Texte in ihrer Natur weitaus expliziter als die Lyrik. Das Wissen um die Textsorte gehört aber zum antizipierten Weltwissen, sowie zum Kontext, welcher beim Aufbau eines Textweltmodells hilft.

2.3. Textweltmodell

Wie bereits erwähnt wird das Verstehen eines Textes durch Kohärenzetablierung ermöglicht. Dabei wird ein Textweltmodell konstruiert. Doch was bedeutet dieser Begriff? Im kognitiven Prozess des Textverstehens „[konstruiert der Rezipient] über die grammatisch kodierte Textsemantik die Repräsentationen der im Text dargestellten Sachverhalte und baut ein mentales Textweltmodell auf.“ (SCHWARZ-FRIESEL, 2006:67) Dieses Textweltmodell ist also die Repräsentation der Informationen, die der Rezipient aus dem Text zieht, und findet im Kopf des Rezipienten statt. SKIRL und SCHWARZ-FRIESEL definieren es des Weiteren wie folgt:

„Das Textweltmodell ist […] eine komplexe, konstruktiv erstellte mentale Repräsentation des im Text Dargestellten, die immer mehr Informationen enthält, als im Text tatsächlich sprachlich explizit kodiert sind.“ (2007:65)

Sowohl der Rezipient als auch der Produzent verfügen über eine Repräsentation des Textes. Bei der Konstruktion des Textweltmodells ist der Rezipient interessiert daran, nicht irgendeine mentale Repräsentation zu erlangen, sondern diejenige, die dem Textweltmodell des Produzenten zumindest entspricht, wenn sie nicht die Gleiche ist. (BECKMANN, 1991) Die Basisprozesse des Heranziehens von Hintergrund- und Kontextwissen zur Textbasis laufen automatisch und unbewusst beim ersten Verstehen.

Der Aufbau eines Textweltmodell ist bei kurzen Texten wie Witzen und Gedichten unproblematisch, wobei bei langen Romanen die Schwierigkeit besteht einen Überblick zu behalten über den Ko- und Kontext, welcher einen großen Einfluss auf das Textweltmodell hat. „Die Funktion der literarischen Kommunikation in einer Gesellschaft ist dem historischen Wandel ihrer Produktion, Publikation und Rezeption unterworfen.“ (SKIRL/ SCHWARZ-FRIESEL, 2007:86) Also müssen wir in der Literatur nicht nur das Weltwissen, Ko- und Kontextwissen und Textsortenwissen einfließen lassen, um ein Textweltmodell aufzubauen, sondern auch metasprachliches Wissen über den Text und seine Geschichte. In der Literatur begegnet die Konstruktion des Textweltmodells des Weiteren einer besonderen Herausforderung. Denn vor allem in fiktionalen Texten, wie Gedichten, Romanen oder Märchen muss Kotextwissen herangezogen werden, schließlich entspricht in diesen Fällen die Textwelt oft nicht den Sachverhalten in der realen Welt. Das Modell dessen was in der realen Welt plausibel ist, ist nämlich weitgehend homogen. (SCHWARZ-FRIESEL, 2006) Je ähnlicher das Weltmodell und das Textweltmodell sind, desto einfacher ist es für den Rezipienten Kohärenz zu etablieren. Allerdings akzeptiert man in fiktionaler Literatur Sachverhalte, die man in der realen Welt nicht akzeptieren würde.

(5) „‘EXPECTO PATRONUM‘ he yelled. And out of the end of his wand burst […] a blinding, dazzling, silver animal.“ (ROWLING, 1999:442)[1]

In Beispiel (5) akzeptiert der Leser zum Beispiel die Tatsache, dass Zauberstäbe existieren, die silberne Tiere produzieren können, welches in der realen Welt nicht der Fall ist. In der Textwelt von Harry Potter wird dies allerdings als Tatsache gehandelt und als Kontextwissen vorausgesetzt, gehört somit zur mentalen Repräsentation des Textes, also zum Textweltmodell. Dasselbe gilt für die Kausalbeziehung zwischen dem Ausruf der Formel „Expecto Patronum!“ und dem Erscheinen des Tieres. Allerdings wird diese Kausalität nicht explizit erwähnt, sondern impliziert. Dieser kurze Textauszug ist also bereits referentiell unterspezifiziert. Der Rezipient versteht die Beziehung zwischen beiden Propositionen, obwohl diese nicht erwähnt wird. Dies geschieht im kognitiven Prozess der Auflösung referentieller Unterspezifikation. Genau diese beiden Sachverhalte werden Gegenstand des nächsten Kapitels sein.

3. Referentielle Unterspezifikation

Wie bereits oben erwähnt, ist nicht jede Information, auf die ein Text referiert, explizit versprachlicht. Natürliche Texte sind grundsätzlich referentiell unterspezifiziert. Der Rezipient versteht die Bedeutung aber, obwohl diese nicht explizit gemacht wird. Meist geschieht dieser Prozess automatisch und unbewusst, nur selten „erfordert [er] […] erhebliche Deutungsanstrengungen [seitens] des Lesers.“ (BECKMANN, 1991:54) Referenten, die nicht im Text erwähnt werden sind aber nie einfach aus der Luft gegriffen. Die durch referentielle Unterspezifikationen entstandenen Informationslücken werden immer durch Zugreifen auf das konzeptuelle Welt- und/ oder Textweltwissen gefüllt. Letztendlich ist die Bedeutung eines Textes auch beschreibbar als „das Potential eine gezielte Aktivierung von Wissen durch Textrezipienten hervorzurufen.“ (BUSSE, 1992:101) Dies ist nur mit dem aktuellsten Wissensstand möglich. Außerdem wird das konzeptuelle Wissen durch Stereotypen ermöglicht. Das heißt, dass der Rezipient immer auf denjenigen Referenten zurückgreift, der ihm am wahrscheinlichsten erscheint. Konzepte werden durch bestimmte Informationen ausgelöst, die im Text explizit versprachlicht wurden. Um deutlich zu machen, was genau unter referentieller Unterspezifikation verstanden wird, greife ich auf die Definition von SCHWARZ zurück:

„[Referentielle Unterspezifikation] liegt in Texten vor, wenn Informationen, die zum Aufbau der mentalen Textweltrepräsentation notwendig sind nicht explizit in der sprachlichen Repräsentation genannt sind, sondern von Rezipienten aufgrund von Kontextinformationen und/ oder Weltwissensaktivierung und/ oder allgemeinen Schlussfolgerungsprozessen in die mentale Textrepräsentation eingesetzt werden.“ (2000:82)

Das Zusatzwissen, welches für die Entdeckung und Auflösung referentieller Unterspezifikation notwendig ist wird vom Produzenten vorausgesetzt und gehört zur textuellen Sprachkompetenz. Ein Beispiel, um das beschriebene Phänomen zu verdeutlichen:

(6) Tim hatte eine Panne. Die Physikklausur lief bereits seit einer halben Stunde.

In diesem kurzen Text sind viele Informationen, die für das Verstehen sehr wichtig sind, nicht genannt. Dennoch versteht jeder Rezipient die Sachverhalte auf die hier referiert wird. Bereits der erste Satz ist unterspezifiziert. Obwohl dies nicht erwähnt wird, ist es eindeutig, dass Tim eine Panne mit seinem Automobil hatte. Dies versteht der Rezipient, da das Wort „Panne“ ein stereotypes Konzeptwissen aktiviert, welches auf eine Automobilpanne schließen lässt. Hätte Timm die Panne mit einem anderen Gerät, einem Flugzeug oder Traktor zum Beispiel, müsste das explizit gesagt werden. Des Weiteren wird das Wissen impliziert, dass Tim ein Schüler oder ein Student ist, der vorhatte an der Physikklausur teilzunehmen. Dies ist stereotypes Verhalten für Schülern oder Studenten und der wahrscheinlichste Sachverhalt in diesem Text. Da Rezipienten immer von der wahrscheinlichsten Variante ausgehen, akzeptiert man diese Lesart als die wahre Bedeutung dieses Texts. Eine weitere Bedeutung dieses Textes, die nicht explizit versprachlicht, aber impliziert und dadurch verstanden wird, ist die Relation zwischen den beiden Sätzen aus denen der Text besteht. Zwischen Proposition 1 und Proposition 2 besteht Kausalität, die allerdings nicht explizit gemacht wird. Proposition 1 hat Proposition 2 zur Folge und ohne Proposition 1 könnte Proposition 2 nicht stattfinden. Die Bedeutung dieses gesamten Texts, die der Rezipient kognitiv als Textweltrepräsentation aufbaut ist daher die folgende:

[...]


[1] „‘Expecto Patronum!‘ rief er. Und aus dem Ende seines Zauberstabes barst ein blendendes, schillerndes, silbernes Tier.“ Auszug aus Harry Potter and the Prisoner of Azkaban, frei übersetzt von der Verfasserin dieser Arbeit.

Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668641044
ISBN (Buch)
9783668641051
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412998
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
1,8
Schlagworte
unterspezifikation referentielle kohärenz textverstehen lyrik sprachwissenschaft semantik überspezifikation

Autor

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Titel: Lyrische Texte verstehen. Die Auflösung referentieller Unterspezifikation und Textsinnerschließung