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Der Beziehungsaspekt in der stationären Erziehungshilfe

Diplomarbeit 2005 75 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Eltern-Kind-Beziehung
2.1 Eltern-Kind-Beziehung als erste Beziehungserfahrung
2.2 Die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung für die Entwick- lung der sozialen und emotionalen Kompetenz der Kinder
2.3 Die Bedeutung der Qualität der Beziehung zwischen den Eltern für die Entwicklung des Kindes
2.3.1 Die dialogische Beziehung zu glücklichen Eltern
2.3.2 Die Beziehung zu getrennten Eltern
2.4 Trennung der Kinder und Jugendlichen von den Eltern

3. Die Beziehung zwischen Kind und pädagogischen Mitarbeitern
3.1 Helfende Beziehung
3.2 Historischer Abriss der Beziehungsarbeit in der stationären Erziehungshilfe
3.3 Aufbau und Gestaltung von Beziehung in der stationären Erziehungshilfe
3.3.1 Vertrauen
3.3.2 Kommunikation
3.3.3 Beziehungsarbeit ist Netzwerkarbeit
3.4 Die Bedeutung der Beziehung im erzieherischen Alltag
3.5 Bezugserzieher
3.6 Probleme in der Beziehungsarbeit im Heim

4. Beziehungsarbeit mit schwierigen Kindern und Jugendlichen
4.1 Ausgangspunkt Zwangsbeziehung
4.2 Gesellschaftliche Ebene
4.3 Mitarbeiterebene S:
4.4 Ebene der Kinder und Jugendlichen
4.5 Problematische Interaktionen im Heimalltag

5. Heimerziehung und Familie
5.1 Gleiche Ansprüche an verschiedene Erziehungsinstitutionen?
5.2 Paradoxe Ansprüche an die Heimerziehung

6. Die Bedeutung von Familienorientierung in der stationären Erziehungshilfe
6.1 Die Situation nach dem zweiten Weltkrieg
6.2 Vergleich verschiedener Sozialisationsorte
6.2.1 Sozialisation in der elterlichen Familie
6.2.2 Sozialisation in einem Groß-/ Normalheim
6.2.3 Sozialisation in einer Pflegefamilie
6.2.4 Sozialisation in einer familienorientierten Kleinsteinrichtung
6.3 Zum Begriff „Familie“
6.4 Familienorientierte Heimerziehung am Beispiel der Kinder- hauses Eiderstedt in Tetenbüll
6.4.1 Bedeutung und Auftrag
6.4.2 Bedeutung von Alltag und Ritualen
6.5 Familienorientierte Heimerziehung am Beispiel der SOS-Kinderdörfer
6.5.1 Lebensort Kinderdorffamilie aus pädagogischer Sicht
6.5.2 Die Bedeutung der Beziehung
6.5.3 Bildung eines Familienklimas
6.6 Kritik an der familienähnlichen Erziehungshilfe

7. Heimerziehung aus Kindersicht
7.1 Woran leiden fremduntergebrachte Kinder?
7.1.1 Biografische Brüche S:
7.1.2 Funktionalisierung von Beziehungen
7.1.3 Elternbild
7.1.4 Aussonderungserfahrungen
7.1.5 Sanktionen
7.1.6 Zukunftshoffnungen und Zukunftsangst
7.2 Konsequenzen für die pädagogischen Mitarbeiter

8. Der Loyalitätskonflikt
8.1 Loyalitätsbindungen der Kinder
8.2 Bedeutung der Heimunterbringung eines Kindes für die Eltern
8.3 Die Bedeutung der Loyalitätsbindungen der Kinder für die Heimerziehung
8.4 Die Ambivalenz der Eltern und ihre Auswirkungen auf das Kind

9. Elternarbeit in der stationären Erziehungshilfe
9.1 Die Bedeutung der Elternarbeit
9.2 Ziele der Elternarbeit
9.3 Konkurrenz zwischen Heim und Elternhaus

10. Zusammenfassung

Literatur

Verzeichnis der Internetquellen

1. Einleitung

§ 34 Kinder- und Jugendhilfegesetz:

„Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform. (1) Hilfe zur Erziehung in einer Einrichtung über Tag und Nacht (Heimerziehung) oder in einer sonstigen betreuten Wohnform soll Kinder und Jugendliche durch eine Verbindung durch Alltagsleben mit pädagogischen und therapeutischen Angeboten in ihrer Entwicklung fördern. (2) Sie soll entsprechend dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes oder des Jugendlichen sowie den Möglichkeiten der Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie

1. eine Rückkehr in die Familie erreichen versuchen oder
2. die Erziehung in einer anderen Familie vorbereiten oder
3. eine auf längere Zeit angelegte Lebensform bieten und auf ein selbstständiges Leben vorbereiten.

(3) Jugendliche sollen in Fragen der Ausbildung und Beschäftigung sowie der allgemeinen Lebensführung beraten und unterstützt werden.“

So lauten die gesetzlichen Bestimmungen zur stationären Erziehungshilfe heute. Doch Heimerziehung in Deutschland hat sich im Laufe der Jahre gewandelt, von den ersten Waisenanstalten im 16. Jahrhundert über den durch Rousseau ausgelösten und von Pestalozzi geprägten familienorientierten Ansatz, der durch die ideologische Erziehung im Dritten Reich abgelöst wurde, bis hin zu heutigen verschiedensten Wohnformen, in denen Kinder und Jugendliche ein Zuhause finden.

Genauso hat sich auch die Bedeutung der Beziehungsarbeit innerhalb der stationären Erziehungshilfe geändert.

Beziehungsstrukturen können sehr komplex und weitreichend sein. Jeder Mensch steht in der Mitte eines individuellen Netzes von Beziehungen und Kontakten zu verschiedenen Personen. Zu jedem Menschen in seinem sozialen Umfeld hat man eine individuelle Beziehung. Sei es zu Familienangehörigen, Freunden, Mitschülern, Nachbarn oder pädagogischen Kräften.

Die Frage ist, in wie weit und für wen Beziehung wichtig ist. Welche Rolle spielt der Begriff „Beziehung“ innerhalb der stationären Erziehungshilfe und gibt es Unterschiede der Intensität von Beziehung in den verschiedenen Formen der stationären Einrichtungen? Wie fühlt sich ein Kind, wenn es von den Eltern getrennt und fremduntergebracht wird? Wie fühlen sich die Eltern? Ist es möglich eine Fremdunterbringung des Kindes mit einer guten Beziehung des Kindes zu den Eltern zu vereinen? Was ist nötig um Beziehung zu gestalten?

In dieser Diplomarbeit soll es primär um die Beziehung der Kinder und Jugendlichen zu ihren primären Bezugspersonen wie Eltern oder Erzieher gehen.

Die Bedeutung und die Auswirkungen sowohl positiver als auch negativer Eltern-Kind-Beziehungen werden näher betrachtet. Außerdem soll die Beziehung der Kinder und Jugendlichen zu den Erziehern und anderen pädagogischen Fachkräften untersucht werden. Welche Vorraussetzungen bringen die verschiedenen Beteiligten in den Beziehungsprozess mit? Und kann die stationäre Erziehungshilfe überhaupt an die Ideale einer Familie anknüpfen? Im sechsten Kapitel werden verschiedene Formen familienorientierter Heimerziehung besprochen und die Beziehungsarbeit an zwei Beispielen familienanaloger Heimerziehung verdeutlicht.

Danach soll auch die Sicht der Eltern berücksichtigt werden. Wie agieren alle Betroffenen im ständigen Spannungsfeld zwischen Kind, Eltern und Heim? Wie und in welchem Maße können Loyalitätskonflikte entstehen und wie geht man mit ihnen um?

Im Schlussteil werden Handlungsstrategien aufgezeigt, wie Loyalitätskonflikte gelöst oder vermieden werden können und wie die Arbeit mit den Eltern eine Rückführung oder eine bessere Beziehung zwischen Kind und Eltern fördern kann.

2. Die Eltern-Kind-Beziehung

2.1 Die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung in den

frühen Lebensjahren

Die ersten Erfahrungen mit Beziehungen macht das Kind vom Tag seiner Geburt an. Denn schon Säuglinge haben intensiv teil an der Interaktion mit den primären Bezugspersonen wie den Eltern. Aus diesem Grund hat die Qualität der Beziehung zu den Eltern und das emotionale Klima innerhalb der Familie große Bedeutung für den weiteren Entwicklungsprozess des Kindes. Das bedeutet, dass diese einen angemessenen Rahmen schaffen müssen, in dem die Beziehung mit dem Kind gestaltet werden kann. Die Eltern müssen sich auf die Bedürfnisse und die Signale des Kindes einlassen und offen für Veränderungen sein.

Das Bedürfnis nach Bindung gilt als ein biologisches Grundbedürfnis und „Bindungsbedürfnis und Bindungsbeziehung sind (…) unabhängig von der Qualität der jeweiligen Beziehung eines Kindes mit einer Bezugsperson“ (Ziegenhain, U., o.J., o.S). Das bedeutet, dass sowohl Kinder, die positive, liebevolle Beziehungserfahrungen gemacht haben, eine ebenso tief greifende Bindung zu ihren Eltern haben wie Kinder, die von ihren Eltern misshandelt oder vernachlässigt werden. Das beruht darauf, dass stammes- und evolutionsgeschichtlich betrachtet das Bindungssystem eines Menschen die Sicherung des Überlebens in Angst- und Notsituationen bedeutet.

Doch in der heutigen Zeit spielt dieser Aspekt des Überlebens eine eher untergeordnete Rolle in Bezug auf die Eltern-Kind-Beziehung, ausgenommen der physiologischen Versorgung des Kindes. Neben physiologischen Bedürfnissen haben Kinder auch „Sicherheitsbedürfnisse (nach Bestätigung, Schutz, Angstfreiheit, Überschaubarkeit, Regelhaftigkeit usw.), Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Liebe sowie Bedürfnisse nach Wertschätzung. An der Spitze steht das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung“ (Textor, M.R., o.J., o.S.). In den meisten Familien werden die physiologischen Bedürfnisse ausreichend befriedigt, doch häufig werden Kinder von ihren Eltern emotional vernachlässigt, abgeschoben oder abgelehnt. Auch reine kognitive Förderung durch ständiges Belehren kann sich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken, denn dadurch wird dem Kind die Möglichkeit genommen, die Welt mit seiner eigenen Kreativität und Selbständigkeit zu entdecken.

Da es oft nicht möglich ist, innerhalb der Familie alle Bedürfnisse des Kindes vollständig zu befriedigen, ist Frustration in einem bestimmten Maß nicht zu vermeiden. Doch auch durch solche Erfahrungen kann das Kind lernen mit Belastungen und Problemen zurecht zu kommen und an ihnen zu wachsen, indem es neue Kompetenzen und Fähigkeiten entwickelt. Doch es gibt auch bestimmte Risikofaktoren, die für die frühkindliche Entwicklung langfristig negative Auswirkungen haben können wie z. B. zu starke und lang andauernde Frustration (z. B durch Deprivation), Armut, psychische Erkrankungen, disharmonische Elternbeziehung und Kriminalität.

Eine Untersuchung (Baur, D., u.a, 2002, S. 209 ff.) beleuchtete die Beziehungsverhältnisse innerhalb der Familien zu Beginn einer stationären Erziehungshilfe und kam zu folgendem Ergebnis: In knapp der Hälfte der untersuchten Familien wird das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern als ambivalent beschrieben. Weiterhin wurde die Eltern-Kind-Beziehung bei 12,7% der Familien als ausbeutend und belastend und in weiteren 18,3 % sogar als ablehnend beschrieben. Das sind insgesamt rund 80% der Familien, die ihren Kindern keine psychosozialen Bedingungen garantieren können, die für eine gesunde und positive Persönlichkeitsentwicklung notwendig wären. Außerdem werden in 27,4% aller Fälle „verhärtete Strukturen im Familiengefüge“ (S.209) als ein Grund für die Fremdplatzierung eines Kindes angegeben. Unter dieser Formulierung verbergen sich z.B. schädigende Beziehungsstrukturen, Gewaltanwendungen Abhängigkeiten, Suchtprobleme, schwere Erkrankung eines Elternteils oder starke psychische Belastungen.

Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass im Vergleich zu anderen Hilfen zur Erziehung die Begründungsmuster und Problembereiche in Bezug auf eine Fremdunterbringung eines Kindes eher im gesamten Familiensystem gelagert sind. „Häufiger werden bei den Begründungen für eine stationäre Erziehungshilfe Belastungen der Eltern wie Alkoholprobleme und psychische Belastungen neben sozioökonomischen Faktoren genannt, weniger stark sind es Schwierigkeiten der Kinder oder sehr spezifische Behinderungen, Entwicklungsverzögerungen oder gravierende Verhaltensauffälligkeiten der Kinder. Am deutlichsten zeigen sich aber im Vergleich zu den anderen Hilfeformen die Belastungen in den Beziehungen zwischen Eltern und Kind und die verfahrenen und teilweise chaotischen Beziehungsverhältnisse in der gesamten Familie als Hintergründe für die Notwendigkeit einer stationären Erziehungshilfe“ (S.211).

Doch nicht alle Risikofaktoren müssen zwangsläufig zu Entwicklungsstörungen führen. Einige Kinder scheinen resistent dagegen zu sein oder erholen sich später aufgrund positiver Einflüsse wieder. Ausschlaggebend hierfür sind „Geschlecht, Alter, Persönlichkeitscharakteristika und Umweltfaktoren“ (Textor, M.R., o.J., o.S.). Außerdem wirken ein gutes Verhältnis zu Freunden und Verwandten, ein gutes Selbstbild und gute Schulleistungen kompensatorisch auf negative Einflüsse. Doch in Wechselwirkung oder Kumulation mit anderen Risikofaktoren geraten die Kinder in die Gefahr, dass später Verhaltens- und Entwicklungsauffälligkeiten auftreten können. Psychosoziale Risiken wie instabile Lebensverhältnisse und Trennungserfahrungen, Armut, Mangel an sozialer Unterstützung werden somit begünstigt.

2.2 Die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung für die Entwicklung der sozialen und emotionalen Kompetenz der Kinder

Es bestehen bestimmte Zusammenhänge zwischen frühen Beziehungserfahrungen der Kinder und späterem Verhalten. Das emotionale Klima innerhalb der Familie während der frühen Entwicklung des Kindes ist verantwortlich für die weitere Entwicklung des Kindes, denn es bildet den Rahmen, in dem die Beziehungen zu dem Kind gestaltet werden können. Zur Bewältigung verschiedener Entwicklungsschritte innerhalb einer Familie ist es notwendig, dass ein „Austausch von Gefühlen und nonverbalen Informationen erfolgen kann“ (Ziegenhain, U., o.J., o.S.). Das bedeutet, dass die Eltern bereit und fähig sein müssen, bestimmte Signale des Kindes wahrzunehmen und auf diese einzugehen, und dass sie offen für Veränderungen sein müssen, die die Entwicklung des Kindes zwangsweise mit sich bringt. Schon früh lernt der Säugling die verschiedenen Gesichtsausdrücke der primären Bezugspersonen kennen und ist fähig, zumindest basale Gesichtsausdrücke nachzuahmen. Schon nach wenigen Wochen ist er in der Lage durch Ausdruck und Stimmlage zwischen verschiedenen Stimmungen wie Wut, Traurigkeit und Freude zu unterscheiden.

Besonders für Kleinkinder ist Kontinuität ein wichtiger Faktor für die Grundlage der Beziehung zu den Eltern. Hinzu kommt dann noch die Qualität der Beziehung, die durch ein bestimmtes Maß an Tiefe, Gegenseitigkeit, Emotionalität und Bedürfnisbefriedigung gekennzeichnet ist (Hanselmann, P.G., Weber, B., 1986, S. 25).

Das individuelle Bindungsverhalten stellt eine Anpassungsstrategie an die jeweilige Beziehungsumwelt dar. Diese Anpassungsstrategie bzw. das Bindungsverhalten sichert „aus biologischer Sicht das physische Überleben des Kindes“ und aus psychologischer Sicht die „emotionale Sicherheit und Selbstvertrauen“ (Ziegenhain, U., o.J., o.S.). Dieses sind Charakteristika einer idealen Beziehungserfahrung sicher gebundener Kinder, die sich in emotionalen Notsituationen auf ihre Bezugspersonen verlassen können.

Dahingegen erfahren unsicher gebundene Kinder nur bedingt emotionale Sicherheit und schlimmstenfalls auch nur mangelhafte physiologische Fürsorge. „Längerfristig betrachtet haben unsicher gebundene Kinder im Vergleich mit sicher gebundenen Kindern allerdings Entwicklungsnachteile. Nach Forschungsbefunden gelten sie im Kindergarten- und Schulalter als weniger selbstbewusst und weniger sozial kompetent und flexibel“ (Ziegenhain, U., o.J., o.S.).

2.3 Die Bedeutung der Qualität der Beziehung zwischen den Eltern für die Entwicklung des Kindes

2.3.1 Die dialogische Beziehung zu glücklichen Eltern

Nicht nur die Befriedigung physischer und emotionaler Bedürfnisse ist wichtig für die gesunde Kindesentwicklung, sondern auch eine gute Ehe oder Partnerschaft der Eltern steht im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit des Kindes.

Eltern sind Vorbilder für ihre Kinder und wenn sie psychisch gesund sind, können die Kinder von ihnen rationales Denken und richtigen Umgang mit Problemen, Konflikten und Gefühlen erlernen. Psychisch gesunde Eltern sind gut in der Lage das rationale Denken der Kleinen positiv zu fördern. Wenn die Ehe gut verläuft, erfahren die Kinder innerhalb der Familie ein hohes Maß an Sicherheit und Geborgenheit, da sie nicht in Partnerkonflikte mit einbezogen werden und keine Angst vor Trennung oder Scheidung der Eltern haben müssen. Somit können die Kinder ausreichendes Vertrauen entwickeln, welches für ihre weitere Entwicklung und das Erforschen ihrer Umwelt notwendig ist. Wenn die Eltern die jeweilige Individualität des Partners akzeptieren, so können sie dieses auch gegenüber ihren Kindern praktizieren. Somit können sich auch diese frei entfalten und sich ganz nach ihren Bedürfnissen selbst verwirklichen. In einer gut funktionierenden Beziehung der Eltern wird das Kind nicht als Ersatzpartner missbraucht. Durch feste Regeln und Autoritätsstrukturen ergibt sich für das Kind ein Gefühl der Verlässlichkeit. Der größte Teil der Erziehung erfolgt unbewusst durch die Wirkung des elterlichen Vorbildes und die Umwelt. Deshalb lässt sich sagen, dass eine positive Elternbeziehung und eine „gesunde Familie“ (Textor, M.R., o.J., o.S.) dem Kind als Modell für die Gestaltung von eigenen Beziehungen auch außerhalb der Familie dienen können. Eine „gesunde Familie zeichnet sich u. a. durch folgende Merkmale aus: feste Regeln, klare hierarchische Strukturen, klare Aufgabenverteilung, klare Rollendefinition, die Elternbeziehung wird gegenüber den Kindern abgegrenzt, Dialoghaftigkeit, Verständnis, Verlässlichkeit, Kontinuität, Vertrauen, Sicherheit, Anerkennung, Selbstbestätigung, Autonomie, Solidarität, weder Vernachlässigung noch Überbehütung, flexibles Gleichgewicht im Innern der Familienstruktur, Bieten von Lernanreizen und Erfahrungsmöglichkeiten, Akzeptanz und Förderung des Ablösungsprozesses des Kindes“ (Textor, M.R., o.J., o.S.).

2.3.2 Die Beziehung zu getrennten Eltern und die Folgen einer Scheidung

In den meisten Sorgerechtsverfahren im Zuge einer Scheidung der Eltern erhält die Mutter die elterliche Sorge. Scheidungs- und Sorgerechtsverfahren können belastende wirtschaftliche Folgen für die Mutter haben. Finanzielle Engpässe, der Zwang zur Berufstätigkeit und Wohnungsprobleme machen es oft fast unmöglich, das Kind selbst zu betreuen, auch wenn der Wille der Mutter vorhanden ist. Doch oft liegen die Probleme noch viel tiefer. Der mögliche Hass und die Enttäuschung der Mutter gegenüber dem Vater können sich leicht auf das Kind übertragen. Falls die Mutter versucht, auch noch die Rolle des Vater in sich zu vereinen und mit zu viel unnatürlicher Männlichkeit auftritt, bleibt sie nicht das, was sie eigentlich für das Kind sein sollte: die Mutter, bei der das Kind Ausgeglichenheit, Wärme und Ruhe findet. Gefährlich für die Entwicklung des Kindes wird es auch dann, wenn die Mutter zu stark auf der Suche nach einem neuen Partner ist, bewusst oder unbewusst, oder wenn das Kind als Partnerersatz missbraucht wird und mit den Gefühlen seiner Mutter förmlich erdrückt wird. Doch je nach Art des Verlaufs kann eine Scheidung unterschiedliche Auswirkungen auf das Kind haben. Am schlimmsten ist es für das Kind, wenn sich die Eltern nicht einigen können, wem von beiden die elterliche Sorge oder zumindest das Aufenthaltsbestimmungsrecht übertragen wird. Die gesetzliche Situation ist eindeutig: wenn die Eltern sich nicht einigen können, entscheidet das Familiengericht darüber und dem „Unterlegenen“ wird ein Besuchsrecht eingeräumt. Was auf dem Papier einfach und logisch erscheinen mag, ist eine schwere Belastung für das Kind. Meist glaubt sich jedes Elternteil im Recht und in vielen Fällen geht es irgendwann nicht mehr um das Wohl des Kindes, sondern das Kind wird als Mittel zum Zweck missbraucht. Der materiell besser gestellte Elternteil kann das Kind leicht durch schöne und teure Geschenke „bestechen“, welche die Liebe zu ihm beweisen sollen. Derjenige, bei dem das Kind lebt, kann leicht darin verfallen, kein gutes Wort an dem anderen zu lassen und ihn bei jeder Gelegenheit bei dem Kind schlecht zu machen. Solch ein Verhaltern der Eltern kann zur Folge haben, dass das Kind nicht mehr so recht weiß, wohin es gehört. Nicht selten wird das Kind dann gezwungen zu heucheln: um sich die Liebe der Mutter zu erhalten, verheimlicht das Kind aus Angst die Anhänglichkeit zum Vater oder umgekehrt.

In dem Fall, dass beide Eltern das Sorgerecht für das Kind ablehnen, weil sie nach den schweren erlebten Enttäuschungen ihre eigenen Wege gehen wollen und auch nicht mehr die Sorge für ein oder mehrere Kinder, die aus der Ehe stammen, tragen wollen, hat man es mit Heimkindern zu tun, die man in erster Linie nur über den schmerzlichen Verlust der Eltern trösten kann. Später kann man nur abwarten, wie sich die Dinge weiterentwickeln und dem Kind schließlich dabei behilflich sein, sein Schicksal anzunehmen.

Eine weitere Folge, die eine Scheidung der Eltern mit sich ziehen kann ist, dass zu frühe negative Erfahrungen das Kind sehr misstrauisch machen und mit dem Ansehen der Eltern schwindet auch ihre Autoritätsanerkennung überhaupt, was sich in der Anfangsphase im Heim dann zu einem großen Problem entwickeln kann (Mehringer, A., 1994, S. 70 f.).

2.4 Trennung der Kinder und Jugendlichen von den Eltern

Eine Trennung von den Eltern oder eines Elternteils kann aus verschiedenen Gründen erfolgen wie z. B. Tod, Scheidung, Heimaufenthalt des Kindes, Kur- und Krankenhausaufenthalt oder Haft eines Familienmitgliedes. Wie schwerwiegend die Belastung durch die Trennungserfahrung ist, hängt von „der Dauer, der Permanenz und der Wiederholung“ (Yarrow, L.J., 1964, S. 114) ab. Trennungserlebnisse werden von Kindern ganz unterschiedlich aufgenommen und verarbeitet, je nachdem ob die Trennung nach andauernder Zurückweisung oder Feindseligkeit erfolgt, oder ob es trotz eines stabilen Beziehungsgefüges zu einem Bruch kommt und ob die Trennung zeitlich begrenzt ist oder auf Dauer erfolgt. Leon J. Yarrow (1964) beschreibt sechs Hauptarten von Trennung, die je nach Intensität, psychischer und physischer Verfassung des Kindes unterschiedliche Auswirkungen haben können:

1. Einmalige kurze Trennung mit anschließender Wiedervereinigung mit den Eltern. Typische Beispiele für diese Art von Trennung können sein, der Urlaub der Eltern und ein daraus resultierender Aufenthalt des Kindes bei einer Pflegeperson, kurzer Krankenhausaufenthalt des Kindes oder eines Elternteils, stundenweise andauernder Aufenthalt des Kindes im Kindergarten oder in der Schule.
2. Mehrfache kurze Trennungen mit anschließender Wiedervereinigung. Diese Art der Trennung entscheidet sich von der oben genannten nur in Bezug auf die Häufigkeit des Trennungserlebnisses. Hierbei kann es entweder zu einer erhöhten Empfindlichkeit oder zu einer Abstumpfung des Erlebens kommen.
3. Eine einmalige länger andauernde Trennung mit anschließender Wiedervereinigung, die sich in der Dauer der Trennung von den ersten beiden Typen unterscheidet. Außerdem kann es in diesem Fall möglich sein, dass weitere äußere Umstände die Trennungserfahrung mit beeinflussen wie z.B. heftige Krise innerhalb der Familie, schwere Erkrankung eines Familienmitgliedes oder Notstände bei Naturkatastrophen oder Krieg.
4. Mehrfache lang andauernde Trennungen mit Wiedervereinigung. Dieser Typ tritt gehäuft in Familien auf, in denen konstant Krisensituationen das Familienleben bestimmen. Dieses sind typische Fälle, die unter Beobachtung und Begleitung von Sozialen Diensten stehen und die Kinder sich z. T. in Pflegefamilien oder anderen stationären Maßnahmen befinden.
5. Einmalige dauernde Trennung z.B. durch Tod oder schwerer psychischer oder physischer Beeinträchtigung eines Elternteils, wodurch eine umfassende Versorgung des Kindes nicht mehr gewährleistet ist. Die Folge ist eine Adoption oder die Aufnahme des Kindes in eine Einrichtung im Rahmen der stationären Jugendhilfe.
6. Mehrfache dauernde Trennungen. Dies ist der extremste Typus von Trennungserfahrung. Diese Art von Trennung findet statt bei einem ständigen Wechsel der Pflegestellen und stationären Einrichtungen. Das Kind hat nicht die Möglichkeit „Ersatz-Beziehungen zu entwickeln“ (Yarrow, L.J., 1964, S. 115), weil es immer wieder aus seiner Umgebung gerissen wird und somit nicht die Möglichkeit bekommt, Vertrauen und Bindung zu andern Personen aufzubauen. Diese immer wiederkehrenden schweren Trennungserlebnisse können Ursache für Deprivation und verschiedene Traumata sein (Yarrow, L.J., 1964, S. 114 f.).

Mehrfache Trennungserfahrungen und auch schon das Androhen einer Trennung führen nicht nur zu schweren Trennungsängsten, sondern verursachen beim Kind auch Angst- und Unsicherheitsbindungen an die Bezugspersonen. Das Beziehungsverhalten des Kindes ist in so einem Fall geprägt von der Angst vor dem neuen Verlust der Bezugsperson. Autonomiebestrebungen werden dadurch gehemmt. Aus Sicht der Kinder werden solche Drohungen oft wahr gemacht. Sie leben in einem Heim oder einer Pflegefamilie, in der statt der eigenen Eltern speziell ausgebildetes Fachpersonal oder Ersatzeltern für sie sorgen. Je jünger die Kinder zum Zeitpunkt solcher Erfahrungen sind, desto schwerer ist der Schock der Trennung. Die Trennung von den Eltern ist für die meisten Kinder schwerer zu ertragen als die sozialen Verhältnisse im Herkunftsmilieu. Sowohl psychische als auch physische Erkrankungen können die Folge sein. Die Auswirkungen einer Trennung werden noch von verschiedenen weiteren Faktoren beeinflusst, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem eigentlichen Trennungsmoment stehen. Die Variablen sind: Beschaffenheit der neuen, fremden Umgebung, Art der Ersatzpflege (z.B. Wohngruppe, Pflegefamilie, Kleinstheim) und die Beziehungserfahrungen vor und nach der Fremdunterbringung. Nicht nur der Ablauf, sondern auch die Umstände des Trennungsvorgangs, das Beziehungsangebot der neuen Umgebung und die vorangegangenen Erfahrungen des Kindes wirken sich auf die Intensität des Trennungsschmerzes und auf die Bereitschaft zu neuen Bindungen aus (Hanselmann, P.G., Weber, B., 1986, S. 36f.).

3. Beziehung Kind - Erzieher

3.1 „Helfende Beziehung“

In der sozialen Arbeit gibt es den Begriff der „helfenden Beziehung“.

Dieser bezeichnet die „Gesamtheit der zwischen Klient(-System) und Sozialarbeiter in einem Hilfeprozess ablaufenden Interaktionen mit dem Ziel der psychosozialen Problemlösung für den Klienten“ (Bechtler, H., 2002, S.354).

Die „helfende Beziehung“ verläuft in verschiedenen Phasen. In der ersten Phase ist es die Aufgabe des Sozialarbeiters, das Vertrauen des Klienten zu gewinnen und ihn auf diesem Weg zu einer aktiven Mitarbeit zu motivieren. Der Sozialarbeiter und der Klient treffen Vereinbarungen über die Bedingungen und Ziele der weiteren Zusammenarbeit.

Ziel der ersten Phase ist es, eine vertrauensvolle und stabile Beziehung zwischen beiden aufzubauen. Diese bildet dann die Grundlage, um in der zweiten Phase gemeinsam an der Problemlösung arbeiten zu können. In dieser Phase wird die Beziehung zwischen den beiden Beteiligten nur dann thematisiert, wenn Störungen auftreten.

In der Schlussphase wird die Problemlösung stabilisiert und der Ablösungs- und Verselbständigungsprozess wird eingeleitet.

Während des gesamten Prozesses ist der Anteil, den der Sozialarbeiter persönlich in die Beziehung gibt, besonders wichtig. Beziehungsarbeit setzt gute Selbstwahrnehmung und Selbstkontrolle des Sozialarbeiters voraus. Um einen besseren gefühlsmäßigen Zugang zu seinem Klienten zu bekommen, soll „nach der Gesprächstherapie (…) die Haltung des Therapeuten durch positive Wertschätzung und emotionale Wärme, Echtheit und Selbstkongruenz gekennzeichnet sein“ (Bechtler, H., 2002, S. 354). Diese Art der Beziehung findet sich auch in der stationären Erziehungshilfe wieder und soll im Folgenden näher erläutert werden.

3.2. Historischer Abriss der Beziehungsarbeit

Die Bedeutung der Beziehung im pädagogischen Kontext wurde erstmals durch Johann Heinrich Pestalozzi Ende des 18. Jahrhunderts erörtert. Ihm zufolge ist die Beziehungsarbeit innerhalb der Pädagogik der Schlüssel, das Zutrauen der Kinder und Jugendlichen zu gewinnen und ihnen die so genante pädagogische Liebe entgegen zu bringen, die durch Verantwortlichkeit, Fürsorge, Respekt und Wissen gekennzeichnet sein soll. Pestalozzi nimmt die Vater- und Mutterliebe als Vorbild, um durch alltägliche Präsenz eine Atmosphäre emotionaler Verbundenheit zu schaffen. Die Kinder sollten in dieser familienähnlichen Struktur „wie Geschwister“ zusammen leben. Pestalozzis Anliegen war es, durch diese Art der Erziehung und Beziehung das Bedürfnis der Kinder nach Geborgenheit und Vertrauen zu befriedigen.

Das Problem seiner Theorie war, dass die „erzieherische Liebe“ allein, ohne Einbezug gesellschaftlicher Ressourcen, nichts bewirken konnte. Er hoffte auch, dass die Kinder seine Liebe bedingungslos erwidern würden. Doch das blieb leider aus. Die Gründe für sein Scheitern erörterte Pestalozzi nicht.

Auch Johann Hinrich Wichern verfolgte Mitte des 19. Jahrhunderts das Prinzip der Familienstruktur in der Erziehungspraxis seines 1833 gegründeten „Rauhe Haus“ in Hamburg. Neben einer christlichen Weltanschauung und dem Prinzip der Nächstenliebe stellte Wichern das Individuum in den Vordergrund und bemühte sich, jedem Kind auch die von ihm individuell benötigte Zuneigung entgegen zu bringen.

Anfang des 20. Jahrhunderts hielt die konfessionelle Anstaltserziehung Einzug in die deutsche Heimerziehung. Die Erziehung erfolgte autoritär und im Mittelpunkt standen die Überzeugung und die Lehre des christlichen Glaubens.

Im Gegensatz zu dieser einheitlichen Massenerziehung spricht Herman Nohl im Rahmen der Reformpädagogik von der individuellen Selbstentfaltung der Kinder und Jugendlichen und lehnt eine Beeinflussung der Pädagogik durch kulturelle, kirchliche, wirtschaftliche oder politische Institutionen ab. Nohl geht von der Annahme aus, dass in jedem jungen Menschen bereits alle natürlichen Kräfte stecken, um zu einem vollkommenen Wesen zu reifen. Aufgabe der Pädagogik sei es, diese Kräfte zu wecken, zu fördern und zu leiten.

Mit Rückbezug zu Pestalozzi prägte Nohl den Begriff des „pädagogischen Bezugs“. Diesen Bezug interpretiert Colla (1999) als „ein personales wechselseitiges Verhältnis zwischen dem Erzieher und dem zu Erziehenden als die Sinnmitte der Erziehungswirklichkeit“ (S. 347f.). Um ein pädagogisches Verhältnis zwischen den Erziehern und den Kindern und Jugendlichen aufzubauen ist es an erster Stelle, einen Bezug zueinander herzustellen. Ausgangspunkt für die Erziehung ist die Kenntnis und die bedingungslose Akzeptanz des Zöglings mit seinen sämtlichen Bedürfnissen. Die Ansprüche der Gesellschaft stehen dahinter. Zu Beginn der Erziehung steht die sozialwissenschaftliche Analyse der Lebensumstände der jungen Menschen, um eine individuelle Förderung bestmöglich zu gestalten. Beziehungsstrukturen wie emotionale Nähe, sich Verstandenfühlen und Vertrauen bilden die Voraussetzung für den pädagogischen Bezug. Grundlage hierfür ist auch für Nohl, wieder in Rückbezug auf Pestalozzi, die Mutter- und Vaterliebe.

Als wichtig für den pädagogischen Prozess stellt Nohl auch den „pädagogischen Takt“ heraus. „Pädagogischer Takt“ bezeichnet einerseits allgemeine Umgangsformen wie Feingefühl, Sensibilität und Zurückhaltung und zum anderen auch die Ausgewogenheit von Nähe und Distanz. Hier verdeutlicht Colla noch einmal die Notwendigkeit von Distanz, denn „der pädagogische Takt schafft im pädagogischen Handeln den notwendigen Freiraum, den der junge Mensch benötigt, um unter der Dominanz des Erwachsenen seine Selbständigkeit entfalten zu können, für den Erzieher gibt er Raum für die Beobachtung und ermöglicht Selbstkontrolle“ (S. 350).

3.3. Aufbau und Gestaltung von Beziehung

Nicht immer kommen Kinder direkt vom Elternhaus in ein Heim. Oft haben sie schon mehre Einrichtungen der stationären Erziehungshilfe durchlaufen und deshalb viele Beziehungsabbrüche erlebt. Allen Beteiligten des pädagogischen Prozesses muss klar sein, dass jedes Kind eine individuelle Beziehungsgeschichte mitbringt. Das Kind reagiert oft mit Verletzung, Enttäuschung, Angst, Unsicherheit oder Aggression auf die neue Umgebung.

Die Beziehungsarbeit in der Heimerziehung sollte daher intensiv vom Erwachsenen ausgehen. Die Herstellung einer Beziehung kann in drei Elemente aufgeteilt werden: „Die Vermehrung der Kommunikation mit dem Erwachsenen. Das vermehrte Ansprechen des Kindes auf die sozialen Verstärker, die der Erwachsenen bereithält. Die stärkere Tendenz seitens des Kindes, sein Verhalten am Beispiel des Erwachsenen zu orientieren“ (Brendtro, L.K., 1977, S. 78).

Da nach der Heimaufnahme das Verhältnis zwischen dem Kind und den pädagogischen Kräften erstmal durch Fremdheit, Unsicherheit und oft auch Unfreiwilligkeit gekennzeichnet ist, muss der Erzieher sich auf die Begegnung mit dem Kind einstellen. Das heißt, dass er das Kind oder den Jugendlichen auf der Basis seines beruflichen Selbstverständnisses als Subjekt und Mitmensch verstehen will. Er bietet dem Kind Sicherheit und Verlässlichkeit an. Wichtig ist, herauszustellen, dass Beziehungsarbeit in der Erziehung nicht automatisch vorhanden ist, sondern ein ständiger Entwicklungsprozess ist, bei dem immer der milieuspezifische Hintergrund des Kindes eine Rolle spielt, wenn es um die Gestaltung von Begegnungen und Beziehungsarbeit geht. „Beziehungsarbeit erfährt sich im Prozess des Miteinander-Seins als ein zu erreichender Entwicklungsauftrag, der durchaus im Erziehungsprozess glücken kann“ (Lemfeld, 1997, S. 281). Allerdings muss auch damit gerechnet werden, dass eine Beziehung zwischen Kind und Erzieher auch scheitern kann, denn das Eingehen einer Beziehung ist immer ein frei gewählter Vorgang und kann unter Umständen in einer Trennung enden.

3.3.1 Vertrauen

Am Anfang der pädagogischen Beziehungsarbeit steht der Aufbau von Vertrauen. Vertrauen war auch schon für Pestalozzi der Grundstein, um Beziehungen entstehen zu lassen. Auch für Nohl ist Vertrauen die Grundlage für die Entwicklung des pädagogischen Bezugs.

Ganz wichtig ist, dass eine intensive Beziehungsarbeit immer vom Erwachsenen ausgeht, denn „Vertrauen baut sich (…) über die Person des Erziehers auf“ (Stanulla, I., 2003, S.98). Dafür ist die Haltung und Einstellung des Pädagogen mitentscheidend. Diese zeichnet sich aus durch Respekt, Anteilnahme, Einfühlungsvermögen, Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit aus. Diese Eigenschaften sollten sich vor allem im alltäglichen Umgang miteinander widerspiegeln. Außerdem spielen auch Faktoren wie Sympathie, Sicherheit, Kontinuität und Zeit eine entscheidende Rolle in diesem Prozess.

Den Kindern und Jugendlichen muss das Gefühl gegeben werden, dass sie trotz der Überforderung oder Ablehnung, die sie zu Hause erfahren haben, wertvolle Menschen sind. Ihr Selbstwertgefühl wieder aufzubauen ist die Grundvorrausetzung und Basis für die Entwicklung von Vertrauen in andere. Denn nur wer sich selbst vertraut, kann auch Vertrauen zu anderen entwickeln.

In der stationären Erziehungshilfe gibt es viele Kinder und Jugendliche, die in ihrer Vergangenheit das Vertrauen in die Erwachsenen verloren haben. Durch solche schweren Enttäuschungen geprägt, scheuen sie es, neue Bindungen und Beziehungen einzugehen, aus Angst ein weiteres Mal enttäuscht zu werden.

Der Erzieher muss die unterschiedlichen Erfahrungen und Erlebnisse der Kinder akzeptieren und einen Weg finden, Situationen bereitzustellen, in denen das Kind oder der Jugendliche „eine gesicherte Kontakt-, Begegnungs- und Beziehungsatmosphäre“ (Lemfeld, 1997, S. 279) erfahren kann. Auf dieser Grundlage kann sich dann die Möglichkeit entwickeln einen Zugang zu dem Betroffenen zu finden.

3.3.2 Kommunikation

Beziehungen und deren Gestaltung beruhen auf Kommunikation. Diese ergibt sich aus einem reziproken Prozess: Zum einen dient die Kommunikation dem „Zustandekommen einer sozialen Beziehung“ (Reifarth, W., 2002, S. 562). Sie verändert und erhält sie. Auf der anderen Seite wirkt sich auch die Beziehung auf die Kommunikation aus. „Kommunikation ist ein Prozessgeschehen, bei dem sich die beiden Individuen wechselseitig beeinflussen“. Watzlawick u. a. gehen davon aus, dass es bestimmte Gesetzmäßigkeiten gibt, die die Kommunikation bestimmen, die so genannten Axiome. Reifahrt (2002) fasst diese wie folgt zusammen:

1. Axiom: Es ist unmöglich, nicht zu kommunizieren. Auch durch Vermeiden und Ausweichen einer Kommunikation werden bestimmte Botschaften übermittelt.
2. Axiom: Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, und zwar in der Hinsicht, dass die Beziehung den Inhalt durch Tonfall oder Körpersprache beeinflusst. Je mehr die Beziehung zwischen den Beteiligten gestört ist, desto mehr verliert der Inhaltsaspekt an Bedeutung.

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Details

Seiten
75
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638396110
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41327
Institution / Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,3
Schlagworte
Beziehungsaspekt Erziehungshilfe

Autor

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Titel: Der Beziehungsaspekt in der stationären Erziehungshilfe