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Gleiches Recht für alle? Der Umgang des deutschen Staates mit der Migration als Kriegsfolge des 2. Weltkrieges

Hausarbeit 2017 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Europa Nachkriegszeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Krieg und Migration

3. Flüchtlinge, Umsiedler und Vertriebene
3.1. Begriffserklärung
3.2. Ursachen und Verlauf
3.3. Staatliche Maßnahmen zur Organisation und Integration

4. Displaced Persons
4.1. Begriffserklärung
4.2. Staatliche Maßnahmen zur Organisation und Integration

5. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit mehreren Jahren und intensiver seit den großen Flüchtlingsbewegungen aus dem Nahen Osten, beschäftigt sich die deutsche Politik und Gesellschaft intensiver mit dem „Problem“ von Migration. Derzeit sind nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht vor Bürgerkrieg, Diktatur, Armut und sozialem Elend.[1] Politik und Gesellschaft stehen nun vor der Herausforderung, die nach Deutschland migrierten Menschen in die Gesellschaft zu integrieren und aufzunehmen. Diese Aufgabe und auch das Ausmaß an Migration ist in der deutschen Geschichte nicht neu. Seit der Frühen Neuzeit umfasst Migration im deutschsprachigen Raum sowohl friedliche grenzüberschreitende Bewegungen, wie auch aggressive Grenzüberschreitungen, Flucht, Aus- und Umsiedlungen. Dabei bewegten sich nicht nur die Menschen über Grenzen hinweg, sondern auch Grenzen über Menschen. So wurden Mehrheiten zu Minderheiten, Minderheiten zu Mehrheiten und Einheimische zu Fremden im eigenen Land.[2] Von den Migrationsbewegungen in der Geschichte ausgehend, war der deutschsprachige Raum schon immer sowohl Aus- als auch Einwanderungsland und brachte je nach Zuwanderungsrichtung unterschiedliche Probleme und Perspektiven der Integration mit sich.[3] Die wohl größte ‚Bevölkerungsverschiebung‘ im deutschsprachigen, aber auch europäischen Raum, erfolgte Mitte des 20. Jahrhunderts während des Zweiten Weltkrieges. Deutschland bildete dabei einen der am stärksten frequentierten europäischen Migrationsräume und blieb es auch bis in die frühe Nachkriegszeit.[4] Über zwölf Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene sowie bis zu zwölf Millionen ‚Displaced Persons‘ und ‚Evakuierte‘ mussten nach dem Ende des Krieges eine neue Heimat finden. Die Integration dieser Menschen in das massiv zerstörte und verkleinerte Nachkriegsdeutschland schien zunächst kaum lösbar. Die Besatzungsmächte und schließlich seit 1949 die Bundesrepublik Deutschland[5] und die Deutsche Demokratische Republik[6] standen vor einer riesigen Aufgabe.[7]

Wie die Besatzungsmächte und letztlich die beiden deutschen Staaten mit der Vielzahl an Migrationen und deren Integration umgegangen sind, soll Schwerpunkt dieser Arbeit sein. Welche Lösungsansätze hatten die Besatzungsmächte und später die BRD und die DDR, um sich der Vielzahl an Migranten anzunehmen und diese in ihre ‚neue‘ Heimat zu integrieren? Weiter sollen die Fragen geklärt werden, ob allen Migranten die gleichen Rechte zugestanden wurden bzw. worin die Unterschiede lagen. Um diese Fragen klären zu können werden die Migranten in unterschiedliche Gruppen differenziert. Der Vergleich beschränkt sich auf die Gruppen der ‚Flüchtlinge, Umsiedler und Vertriebene‘ sowie auf die ‚Displaced Persons‘ um den Umfang dieser Arbeit einzuhalten. Bevor die beiden Gruppen jeweils auf Ursachen und Folgen ihrer Migration und den jeweiligen staatlichen Maßnahmen untersucht werden, wird noch ein allgemeines Kapitel vorangestellt in dem die Formen von Migration unterschieden werden.

2. Krieg und Migration

Der von Deutschland inszenierte Zweite Weltkrieg setzte die Bevölkerung Europas in Bewegung. Millionen von Menschen waren kriegsbedingt oder notgedrungen unterwegs.[8] Mit dem Kriegsende und der deutschen Kapitulation im Mai 1945 begangen die wohl größten Bevölkerungsverschiebungen und Migrationswellen des 20. Jahrhunderts. Bevor im Einzelnen darauf eingegangen wird, ist es wichtig zwei Formen von Migration zu unterscheiden und voneinander abzugrenzen: Zwangsmigration und freiwillige Migration. Freiwillige Migrationen sind wie das Wort ‚frei‘ schon vorgibt individuelle motivierte und selbstbestimmte Wanderungen. Unter Zwangsmigrationen hingegen werden räumliche Bevölkerungsbewegungen verstanden, die durch staatliche Maßnahmen verursacht beziehungsweise bedingt werden.[9] Zwangsmigration kann dabei durch verschiedene Maßnahmen und Formen umgesetzt werden: Flucht, Evakuierung, Vertreibung, Umsiedlung, Deportation und Ausweisung. Zwangsmigrationen in Folge von Krieg kann dabei zu vielfachen Überscheidungen der Erscheinungsformen führen.[10] So sind Fluchtbewegungen oder Evakuierungen eine unmittelbare Folge von Kriegsgeschehen. Die Verlagerung der Kampfzonen, Bombardierung der Städte oder das Vorrücken feindlicher Truppen veranlasste Millionen von Menschen ihre Heimat zeitweilig oder dauerhaft zu verlassen. Zwangsmigration durch Vertreibungen, Ausweisungen und Umsiedlungen in Kriegssituationen sind das Ergebnis von Nationalstaatsbildung und nationalistischer Aus- und Abgrenzung.[11] Im Zuge der Parolen „Heim ins Reich“ und „Lebensraum Ost“ wurden in den Jahren 1939 bis 1944 über eine Million ‚Volksdeutsche‘ in östliche Gebiete umgesiedelt. Die dort ansässige polnische, tschechische und jüdische Bevölkerung wurde zugunsten der ‚Volksdeutschen‘ aus ihrer Heimat vertrieben, deportiert oder ermordet. Mit dem Kriegsende gingen die von Deutschland annektierten Gebiete wieder in polnischen, tschechoslowakischen und sowjetischen Besitz über. Nun waren es die ‚Volksdeutschen‘ die aus ihrer Heimat in den Ostgebieten vertrieben wurden.[12]

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass Deutschland Dreh- und Angelpunkt europäischer Zwangsmigration des 20. Jahrhunderts war. Der Vormarsch Deutscher im Westen und vor allem Richtung Osten löste millionenfache Fluchtbewegungen und Evakuierungen aus. Die fremdenfeindliche Besatzungs- und Annexionspolitik hatte massenhafte Ausweisungen, Vertreibungen ganzer Bevölkerungsgruppen und Deportationen zur Folge.[13] Mit den Folgen der immensen Bevölkerungsverschiebung während des Zweiten Weltkriegs sowie der Aufnahme und Integration der von Flucht und Vertreibung betroffenen deutschen Bevölkerung hatten die Besatzungsmächte sowie die BRD und DDR in den Folgejahren massiv zu kämpfen.

3. Flüchtlinge, Umsiedler und Vertriebene

Eine der vielen Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs ist unter anderem eine riesige Bevölkerungsbewegung in Ost-West-Richtung. In den letzten Kriegsjahren und Nachkriegsjahren mussten Millionen Deutsche ihre Heimat dauerhaft verlassen. Die Migrationsbewegung, der im östlichen Reichsgebiet angesiedelten Deutschen, fand ihren Anfang in der Flucht vor der Roten Armee und ihren Höhepunkt in der systematischen Austreibung und Ausgrenzung der dort beheimateten Deutschen, aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Grenze und aus Ostmittel- und Südosteuropa.[14] Dieses Kapitel soll sich im Folgenden nun mit den Ursachen und Folgen dieser Migrationsströmung beschäftigen. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem Umgang des Staates mit Migration infolge des Krieges und die Frage eines Rechtsanspruchs sowie die Schwierigkeiten der Integration in die Gesellschaft.

3.1. Begriffserklärung

Die Begriffe ‚Flucht und Vertreibung‘ haben sich in der deutschen Sprache zu einer stehenden Wendung entwickelt, die ein unzutreffendes Bild eines im Wesentlichen gleichförmigen, zeitlich und räumlich überschaubaren Geschehens suggeriert. Das umrissene Bedeutungsfeld ist hingegen eher mehrschichtig und komplex und erst durch das Erschließen aller Dimensionen lässt sich die Breite und Vielschichtigkeit des komplexen Themas erkennen.[15] Dabei umfassen die Begriffe ‚Flucht und Vertreibung‘ geographisch verschiedene Räume und sind zeitlich durch die Überlappung mehrere Phasen gekennzeichnet.[16] In diesem Zusammenhang wird der Begriff ‚Flucht und Vertreibung‘ für die gewaltsame, von Willkür und Zwang begleitete Verschiebung von mehr als zwölf Millionen deutscher Reichsbürger und Angehöriger deutscher Minderheiten aus Ostmittel- und Südosteuropa verwendet. Zeitlich umfasst diese Bewegung die letzten Kriegsjahre des Zweiten Weltkriegs und die ersten Nachkriegsjahre bis 1950.[17] In Deutschland bürgert sich schnell der Pauschalbegriff ‚Flüchtling‘ für alle Personen ein, die ihre Heimat aufgrund des Krieges verlassen mussten. Amtlich korrekt definiert wurde der Begriff in dem Bundesvertriebenengesetz von 1953, dort heißt es:

Vertriebener ist, wer als deutscher Staatsangehöriger oder deutscher Volkszugehöriger seinen Wohnsitz in den zur Zeit unter fremder Verwaltung stehenden deutschen Ostgebieten oder in den Gebieten außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches nach dem Gebietsstande vom 31. Dezember 1937 hatte und diesen im Zusammenhang mit den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges infolge Vertreibung, insbesondere durch Ausweisung oder Flucht, verloren hat.[18]

Zudem differenziert das Gesetz zwischen ‚Heimatvertriebenen‘ und ‚Sowjetflüchtling‘.[19] Im Allgemeinen, aber auch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch werden die Begriffe ‚Vertriebene‘ und ‚Flüchtlinge‘ meist synonym gebraucht, wobei historisch gesehen viele Betroffene sowohl Flucht als auch Vertreibung erlitten haben, meist in wechselnder Reihenfolge. So folgte für viele nach der Flucht aus Ostpreußen nach Pommern nur wenig später die Vertreibung von dort.[20]

3.2. Ursachen und Verlauf

Die Ursprünge und Ursachen dieser großen Bevölkerungsbewegung liegen in der nationalsozialistischen ‚Terrorherrschaft‘, die ab Herbst 1939 zu einer der wohl größten Umsiedlungs-, Emigrations- und Vertreibungswellen der Neuzeit führte.[21] Auslöser für diese große Bevölkerungswanderung waren die Ideologie und Politik der Nationalsozialisten, dabei dienten die Umsiedlungen und Vertreibung als Mittel zur Verwirklichung ihrer Rassen- und Expansionspolitik.[22] Die Um- und Ansiedlung von ‚Volksdeutschen‘ in Ostmittel- und Südosteuropa von 1939 ging mit der Ausweisung und Vernichtung der polnischen und jüdischen Bevölkerung einher und bildete den Auftakt der groß angelegten ‚völkischen Neuordnung‘. Unter der Parole ‚Heim ins Reich‘ wurden die Umsiedlungen von Volksdeutschen durchgeführt und mündete organisatorisch, personell und in ihrer Zielsetzung in die nationalsozialistische Vernichtungspolitik.[23] So ist der Beginn von Flucht und Vertreibung der Deutschen als Kriegsfolge bereits schon 1939 anzusetzen. Die Vertreibung der Deutschen nach 1945 war somit eine logische, unvermeidliche Konsequenz von Vorangegangenem.[24] Während des Krieges und vor allem in den letzten Kriegsjahren erfolgte ein wesentlicher Teil deutscher Zwangsmigrationen aus den Ostgebieten. So wurde nicht erst mit dem von Goebbels am 18. Februar 1943 ausgerufenen ‚totalen Krieg‘ auch das totale Ende der deutschen Bevölkerung in den Ostgebieten eingeläutet. Vielmehr schuf der fanatische Endkampf katastrophale Bedingungen und erschwerte die Evakuierung, Flucht, Vertreibung und Umsiedlung der deutschen Bevölkerung aus den jeweiligen Gebieten.[25] Mit der Ankunft der Roten Armee in Ostpeußen im August 1944 begann die Flucht der Deutschen aus den Ostgebieten zunächst nach Schlesien und Pommern.[26] Mit der bedingungslosen Kapitulation und dem Ende der Kampfhandlungen im Frühjahr 1945 glaubten viele Geflüchtete noch eine Chance auf die Rückkehr in ihre Heimat zu haben und traten im großen Umfang eine Rückbewegung an. Doch für die Millionen von Deutschen, die entweder noch in den Gebieten verblieben waren sowie nach der Kapitulation dorthin zurückströmten, gab es keine Zukunft mehr. Mit dem Ende der deutschen Herrschaft begannen die Polen und Tschechen unter sowjetischer Zustimmung sofort, alle Deutschen östlich der Oder-Neiße-Linie und im Sudetenland auszuweisen und zu vertreiben.[27] Schon während des Krieges wurde diese Bevölkerungsbewegung von Seiten der tschechischen und polnischen Exilregierung gefordert und von den Alliierten akzeptiert. Auf der Potsdamer Konferenz von 1945 bemühten sich die Westalliierten darum, die bereits angelaufenen ‚wilden Vertreibungen‘ in den Ostgebieten in geordnete und humane Bahnen zu lenken, was in den Jahren 1946 und 1947 einigermaßen glückte. Ende 1947 waren die Vertreibungen im Wesentlichen abgeschlossen.[28] Die Besatzungsmächte standen nun vor der riesigen Aufgabe die Migrationsströme der Flüchtlinge und Vertriebenen zu lenken und sie in die Gesellschaft zu integrieren.

3.3. Staatliche Maßnahmen zur Organisation und Integration

Mit dem Beschluss und gemäß dem Artikel XIII der Potsdamer Konferenz erarbeitete der Alliierten Kontrollrat am 20. November 1945 einen Plan betreffend Lenkung und Verteilung der Migration der Vertriebenen. Der Plan umfasste die Zahl der zu überführenden Personen, den zeitlichen Ablauf und das Ziel- beziehungsweise das Aufnahmegebiet.[29] Insgesamt galt es 6,75 Millionen Menschen auf die Besatzungszonen zu verteilen. So sollte die sowjetische Besatzungszone 2,75 Millionen Deutsche aus Polen und der Tschechoslowakei aufnehmen, 2,25 Millionen Deutsche aus Ungarn und Tschechoslowakei sollten in die US-Zone, 1,5 Millionen Vertriebe aus Polen in die Britische Besatzungszone und 150.000 Reichsdeutsche aus Österreich sollten in die Französische Besatzungszone überführt werde.[30] Doch mit der Verteilung der Flüchtlinge war das ‚Problem‘ noch nicht gelöst. Der Anspruch der alliierten Politik war es, die Flüchtlinge zu integrieren, dabei wurden je nach Besatzungszone jedoch unterschiedliche Konzepte verfolgt.[31] Die Sowjetischen Militäradministration, welche mit der Aufnahme und Unterbringung der Zwangsmigranten beschäftigten war und auch die von ihr beauftragten deutschen Behörden standen zunächst vor nahezu unlösbaren Problemen. Ähnlich wie auch in den westlichen Zonen wurden zunächst Sonderbehörden geschaffen, die für Aufnahme, Versorgung und Unterbringung der Umsiedler[32] zuständig waren. Die ‚Umsiedler‘-Ämter in den Ländern sollten die ‚wilden Binnenwanderungen‘ in der SBZ[33] unterbinden, indem sie die unkontrollierten Bewegungen der Flüchtlinge erfassen und letztlich verhindern sollten. Ab Februar 1946 waren die Länder dann zuständig für die Unterbringung der Neuankömmlinge, während die am 15. September 1945 gegründete ‚Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler‘ als oberstes und zentrales Kontrollorgan des Integrationsprozesses fungieren sollte.[34] 1950 erfolgte dann die Auflösung der Sonderverwaltung durch die Eingliederung der Umsiedlerabteilungen in den Ländern. Mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie im Görlitzer Abkommen im Juni 1950 war die Unmöglichkeit einer Rückkehr in die alte Heimat für die ‚Umsiedler‘ beschlossene Sache. Ziel war es also die neuen Bürger in die ‚alte‘ Gesellschaft zu integrieren. Als wichtigstes Mittel zur Eingliederung der Umsiedler und zugleich als integraler Bestandteil des sozialistischen Vergesellschaftungsprozesses der SBZ war die Bodenreform gedacht. Aus den Umsiedlern sollten sogenannte ‚Neubauern‘ werden. 91 000 Menschen erhielten einen Teil des zuvor enteigneten Großgrundbesitzes zur landwirtschaftlichen Nutzung zugewiesen, bis 1948 hatten jedoch nur 15% der Flüchtlingsneubauern eine ökonomisch gefestigte Existenz aufbauen können. Die allermeisten Umsiedler verließen die Landwirtschaft wieder und die Bodenreform muss letztlich als gescheitert angesehen werden.[35] Dennoch entwickelte die DDR eine Umsiedlerpolitik, die als soziale Nothilfe-Politik zu bezeichnen ist. Durch das ‚Umsiedlergesetz‘ von 1950 erhielten Landwirte, Handwerker, Schülerinnen und Schüler sowie Auszubildende finanzielle Unterstützung. Im Laufe der Jahre 1952 und 1953 stellte die DDR-Führung jedoch ihre bis dahin gezielt sozialpolitisch motivierte Umsiedler-Politik ein und proklamierte die endgültige Lösung des Problems. Sie setzte darauf, allen DDR-Bürgern unter den Bedingungen einer sozialistischen Gesellschaft eine Heimat bieten zu können. Herkunft spielte für die Regierungspolitik der DDR keine Rolle mehr. Das hatte zur Folge, dass Institutionen von ‚Neubürgern‘, da diesen keinerlei Sonderinteressen zugebilligt wurden, verboten waren.[36] Auch in den westlichen Besatzungszonen wurden zunächst Sonderbehörden geschaffen, die für die Erstaufnahme, Verteilung und Versorgung der Neuankömmlinge zu sorgen hatten. Dabei unterschieden sich die Vorgaben für die Verwaltung bei der Aufnahme von Flüchtlingen in den britischen und US-amerikanischen Besatzungszonen kaum. Wirtschaftliche und soziale Gleichberechtigung der Zwangsmigranten mit der einheimischen Bevölkerung war das Ziel. Mit dem Gesetz Nr. 303 vom 14. Februar 1947 sollte in allen westlichen Besatzungszonen die rechtliche Gleichstellung der Zwangsmigranten mit den Einheimischen erfolgen.[37] Bis zu Gründung der BRD oblag den Ländern der Westzonen die Fürsorge für die Flüchtlinge. So sollte das im Herbst 1949 gegründete ‚Bundesministerium für Vertriebene‘ die sozialpolitischen Maßnahmen zur Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen koordinieren und ihm Rahmen des Lastenausgleichs Entschädigungen regeln.[38] In der BRD wurde ‚Flucht und Vertreibung‘ dann zum Inbegriff eines Deutschland widerfahrenden Unrechts, das wiedergutzumachen eine Maxime bundesdeutscher Politik bis zur deutschen Vereinigung 1990 war. Mit dem Bundesvertriebenengesetz von 1953 wurden die Betroffenen mit der einheimischen deutschen Bevölkerung rechtlich gleichgestellt, verfügten aber gleichzeitig über den Sonderstatus - Vertriebene mit speziellen Rechten. Einerseits sollten sie in die deutsche Gesellschaft eingegliedert werden, anderseits bestand die Option auf Rückkehr, die eines Tages erfolgen konnte. Weiterhin sollte der Vertriebenenstatus sicherstellen, dass Flüchtlinge und Vertrieben über Generationen hinweg ein sichtbarerer Ausdruck der offenen deutschen Frage bleiben sollte. Zudem bildeten diese Sonderstatuten die Voraussetzung für die Angleichung wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse von Einheimischen und Neuhinzugekommen.[39] Diesem Gesetz vorausgegangen waren die staatlichen Bemühungen um einen Lastenausgleich – die materiellen Lasten der Kriegsfolgegeschädigten sollten durch eine Umverteilung innerhalb der Gesamtgesellschaft ausgeglichen werden. Dabei ermöglichte das Gesetzt einerseits ökonomische Starthilfen in Anspruch zu nehmen, anderseits hatte es auch eine psychologische Komponente: Die Anerkennung des Status als Vertriebene und Opfer des Zweiten Weltkriegs. Die anhaltende Hochkonjunktur verbesserte die wirtschaftliche und soziale Situation der Flüchtlinge und Vertriebenen, umgekehrt wurde durch ihr qualifiziertes Arbeitspotential das so genannte ‚Wirtschaftswunder‘ erst möglich.[40] Obwohl im weiteren Verlauf alle Besatzungsmächte das Prinzip einer unmissverständlichen Assimilationspolitik verfolgten, waren die Konzepte und Pläne für die Aufnahme der Neuankömmlinge im Nachkriegsdeutschland äußerst vielgestaltig. Zwar ähnelten sich die Ansätze, so wurden aber Fragen zur Kontrolle und Verwaltung uneinheitlich beantwortet. Durch die Entstehung beider deutscher Staaten im Jahr 1949 verfestigten sich schließlich zwei unterschiedliche Integrationspfade.[41]

[...]


[1] http://www.politische-bildung.de/fluechtlingspolitik.html (Zugriff 23.04.2017)

[2] Bade, Klaus J./ Oltmer, Jochen: Mitteleuropa. Deutschland. In: Klaus J. Bade/ Pieter C. Emmer/ Leo Lucassen/ Jochen Oltmer (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. München/Paderborn 2007. Seite 141.

[3] Ebd.

[4] Franzen, K. Erik: Migration als Kriegsfolge: Instrumente und Intentionen staatlicher Akteure nach 1945. In: Oltmer, Jochen (Hrsg.): Handbuch Staat und Migration in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert. Berlin 2016. Seite 721.

[5] Im Weiteren abgekürzt als BRD.

[6] Im Weiteren abgekürzt als DDR.

[7] Franzen, K. Erik: Migration als Kriegsfolge. Seite 721.

[8] Beer, Mathias: Flucht und Vertreibung der Deutschen. Voraussetzungen, Verlauf und Folgen. München 2011. Seite 8.

[9] Oltmer, Jochen: Krieg, Migration und Zwangsarbeit im 20. Jahrhundert. In: Hans-Christoph Seidel/ Klaus Tenfelde (Hrsg.): Zwangsarbeit im Europa des 20. Jahrhunderts. Bewältigung und vergleichende Aspekte. Essen 2007. Seite 131.

[10] A.a.O. Seite 131f.

[11] Oltmer, Jochen: Krieg, Migration und Zwangsarbeit im 20. Jahrhundert. Seite 136.

[12] A.a.O. Seite 140f.

[13] A.a.O. Seite 152f.

[14] Benz, Wolfgang: Fremde in der Heimat: Flucht – Vertreibung – Integration. In: Klaus J. Bade (Hrsg.): Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München 1992. Seite 374.

[15] Beer, Mathias: Flucht und Vertreibung der Deutschen. Seite 13.

[16] Franzen, K. Erik: Migration als Kriegsfolge. Seite 722.

[17] Beer, Mathias: Flucht und Vertreibung der Deutschen. Seite 13

[18] Gesetz über die Angelegenheiten der Vertriebenen und Flüchtlinge (Bundesvertriebenengesetz-BVF-) vom 22. Mai 1953, Bundesgesetzblatt I, Seite 203.

[19] Vgl. § 2 und § 3 Bundesvertriebenengesetz

[20] Benz, Wolfgang: Fremde in der Heimat: Flucht – Vertreibung – Integration. Seite 374.

[21] Benz, Wolfgang: Fremde in der Heimat: Flucht – Vertreibung – Integration. Seite 374.

[22] Beer, Mathias: Flucht und Vertreibung der Deutschen. Seite 45.

[23] Ebd.

[24] Schwartz, Michael: Ethnische „Säuberung“ als Kriegsfolge. Ursachen und Verlauf der Vertreibung der deutschen Zivilbevölkerung aus Ostdeutschland und Osteuropa 1941 bis 1950. In: Rolf-Dieter Müller (Hrsg.): Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. 2. Halbband: Die Folgen des Zweiten Weltkriegs. München 2008. Seite 510.

[25] Beer, Mathias: Flucht und Vertreibung der Deutschen. Seite 67.

[26] Benz, Wolfgang: Fremde in der Heimat: Flucht – Vertreibung – Integration. Seite 379.

[27] Mirow, Jürgen: Geschichte des deutschen Volkes. Gernsbach 1990. Seite 960.

[28] Ebd.

[29] Deuerlein, Ernst: Potsdam 1945. Quellen zur Konferenz der „Großen Drei“. München 1963. Seite 367.

[30] Franzen, K. Erik: Migration als Kriegsfolge. Seite 722.

[31] Benz, Wolfgang: Fremde in der Heimat: Flucht – Vertreibung – Integration. Seite 382.

[32] Umsiedler war die offizielle Bezeichnung für Flüchtlinge und Vertriebe in der sowjetischen Besatzungszone.

[33] Sowjetische Besatzungszone wird im weiteren Verlauf mit SBZ abgekürzt.

[34] Franzen, K. Erik: Migration als Kriegsfolge. Seite 724.

[35] A.a.O. Seite 724f.

[36] A.a.O. Seite 726.

[37] Franzen, K. Erik: Migration als Kriegsfolge. Seite 727.

[38] Benz, Wolfgang: Fremde in der Heimat: Flucht – Vertreibung – Integration. Seite 384.

[39] Franzen, K. Erik: Migration als Kriegsfolge. Seite 729f.

[40] A.a.O. Seite 730.

[41] Franzen, K. Erik: Migration als Kriegsfolge. Seite 722.

Details

Seiten
15
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668647787
ISBN (Buch)
9783668647794
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v413458
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
gleiches recht umgang staates migration kriegsfolge weltkrieges

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Titel: Gleiches Recht für alle? Der Umgang des deutschen Staates mit der Migration als Kriegsfolge des 2. Weltkrieges