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Streitschrift für eine Hinterfragung der Gesellschaft durch Sozialarbeiter(innen). Ethische Kritik aus der Sozialen Arbeit

Hausarbeit 2016 44 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Judith Butler
2.2 Pierre Bourdieu
2.3 Charles Taylor

3 Ethische Kritik aus der Sozialen Arbeit
3.1 Qualifizierung von Sozialarbeiter*innen
3.2 Schwarzbuch der Praxiseinrichtungen
3.3 Professionelle Soziale Arbeit als Appell

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Studium der Sozialen Arbeit, besonders im Masterstudium wird uns Studierenden immer wieder von Dozent*innen gesagt, was wir alles aushalten müssen. Aus diesem Grund bin ich auf die Idee gekommen diese Streitschrift in Form eines Readers zum Thema „Identität und Moral“ zu verfassen, welche sich gegen die Kultur der „alles Aushaltenden“ richtet, welche die Gesellschaft nicht hinterfragen oder unhinterfragt akzeptieren. Ich für mich habe entschieden nichts mehr aushalten zu müssen, sondern in Form dieses Readers öffentlich zu machen, was alles falsch im Studium und der Praxis der Sozialen Arbeit läuft. Es gibt zwar das „Schwarzbuch“ Sozialer Arbeit, welches als Beitrag „zur Thematisierung und Skandalisierung der Folgen neoliberaler Sozialpolitik für die Soziale Arbeit“ (Seithe 2011) zu betrachten ist, jedoch lässt dieses und alle anderen wissenschaftlichen Werke zum Thema einen großen Bereich außer Acht, nämlich den Zustand der Institutionen und die Bewertung dieser in denen Sozialarbeiter*innen in der Praxis tätig sind, oder wie an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen auf den Beruf der Sozialen Arbeit vorbereitet werden sollen.

Innerhalb meines Studiums habe ich mehrfach in den letzten 3 ½ Jahren die Erfahrung von Mobbing und Diffamierung aushalten müssen. Jedoch ist trotz Öffentlichmachung keine Konsequenz für die Täter*innen erfolgt. Ich habe es satt, Mobbing, Diffamierung, Meidung oder Diskriminierung aushalten zu müssen, ohne dass es auch nur irgendwen interessiert. Nicht zuletzt ist sogar der Fachbereichsrat der Abteilung Aachen von solchen Menschen verbal bedroht worden.

Innerhalb meiner beruflichen Tätigkeit habe ich außerdem mehrfach in den letzten Jahren auch die Erfahrung von körperlichen Angriffen, Mobbing, Diffamierung, Ausgrenzung erleben müssen. Ich bin es satt dies aushalten zu müssen, nur weil es niemanden interessiert!

Ich sage NEIN zu:

- Noten im Studium, um zu einem Masterstudium oder einer Promotion zugelassen zu werden, da ausschließlich die Noten des Bachelorstudiums maßgeblich zur Zulassung für das Masterstudium sind und die Noten des Masterstudiums ausschließlich maßgeblich für die Zulassung zur Promotion sind. Da die Noten nichts über die charakterliche Eignung zur Profession Sozialer Arbeit sind, sollten diese nicht maßgeblich sein.
- dem unhinterfragten Konzept von Bourdieu (Bourdieu 1987) zu den feinen Unterschieden in der Gesellschaft bezüglich Kapitalsorten und Habitus, welches zwar Unterschiede zeigt, aber keinerlei Auflösungsmöglichkeiten für diese Unterschiede aufzeigt.
- Mobbing, Diskriminierung, Diffamierung und Ausgrenzung sowohl im Studium der Sozialen Arbeit, als auch in der Praxis Sozialer Arbeit.
- Überteuerten Wohnräumen für Menschen. Kostenloses Wohnen für alle muss möglich sein. Da viele Studierende nebenbei arbeiten müssen, weil sie kein Bafög erhalten, sollte generell Wohnraum kostenlos für alle Menschen zur Verfügung stehen.
- Sozialversicherungsbeiträgen. Eine kostenfreie Nutzung von Krankenkassen muss für alle Menschen möglich sein. Eine Leistungsunterscheidung gibt es dann nicht mehr, weil jeder die bestmögliche Leistung erhält. Es kann nicht sein, dass man als Studierende beispielsweise 90 Euro im Monat bezahlt und nur schlechte bis gar keine Leistungen von Ärzten und falsche Behandlung erhält, weil man nicht privat versichert ist.
- Institutionen und dahingehend Menschen, die andere Menschen bewusst psychisch kaputtmachen, um sich selbst und ihr eigenes Kapital als „legitim“ aufzuwerten.
- Dem unhinterfragtem Hinnehmen von Gesetzen der Bundesrepublik Deutschland.

Ich sage JA zu:

- Der kritischen Hinterfragung und Bekämpfung des Konzepts von Bourdieu (Bourdieu 1987) zu den feinen Unterschieden in der Gesellschaft bezüglich Kapitalsorten und Habitus. Natürlich ist es gut diese Unterschiede zu kennen, viel wichtiger ist es allerdings gegen diese gesellschaftlich erzeugten Unterschiede vorzugehen, denn diese werden allein von Menschen innerhalb der Gesellschaft erzeugt. Diese Unterschiede gehören wiederlegt und bekämpft.
- Außerdem spricht Foucault von Moral und Machtstrukturen, ähnlich wie Bourdieu. Warum bekämpft niemand diese Machtstrukturen?
- Der kritischen Hinterfragung der „Freiheit der Lehre“ und den Nutzen für das Studium Sozialer Arbeit. Darf es sein, dass die „Freiheit der Lehre“ dazu genutzt wird, Bulimielernen zu fördern und sich völlig unkritisch mit falschen Inhalten auseinanderzusetzen und diese gelernten Inhalte dann in einer Klausur abzuprüfen?
- Der kritischen Hinterfragung aus der Sozialen Arbeit heraus zu den Geschehnissen der letzten Monate (Brexit, Axtmord in Würzburg, Amoklauf in München, Schwertangriff in Würselen). In den Medien wird immer nur über die furchtbare Tragödie berichtet, nie hinterfragt man aber wirklich, was dazu geführt hat. Die Menschen, welche Morde begehen werden immer nur als „Täter“ dargestellt, der getötet werden „musste“ oder sich selbst getötet hat. Das kann und darf nicht sein.
- Der kritischen Hinterfragung von sogenannter „Hochschulpolitischer Arbeit“, in den letzten Jahren, in denen ich drei Jahre als Finanzreferentin des Hochschulpolitischen Gremiums AStA StuPa an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen tätig war, wurden viele tausende Euro für Unsinn ausgegeben, beispielsweise Semesteranfangsparty, Semesterfahrt, Sommerfest, Macbook und Videokamera statt diese in längerfristige Projekte zu investieren, ruht man sich lieber auf kleinen Projekten wie eintägige Tagung gegen Diskriminierung aus, während weiterhin Arbeitskreise, die längerfristig zur Verbesserung der Studiensituation und wichtige längerfristige Ausgaben, wie die Unterstützung der Barrierefreiheit an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen auf der Strecke bleiben. Außerdem ist dieses Gremium selbst an Mobbing, Diffamierung und Ausgrenzung beteiligt, was dazu geführt hat, das ich im März mein Amt niedergelegt habe. Als Masterstudierende muss ich mir nicht sagen lassen, ich hätte (und das ohne Beweise des AStA StuPa) Gelder unterschlagen oder das Tagesmuttermodell der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen zerstört. Außerdem wurde ich über einen längeren Zeitraum nachts angerufen, obwohl alle wussten, dass ich neben meinem Studium 30 Stunden pro Woche im Einzelhandel arbeite, dementsprechend fit sein muss. Wie kann es sein, das soetwas unter vorgehaltener Hand von Studierenden der Sozialen Arbeit geduldet wird? Und sogar eine verbale Bedrohung im Fachbereichsrat ohne Konsequenzen zu ziehen, hingenommen wird?
- zur kritischen Hinterfragung der Professionalität von Dozent*innen an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen. Es kann nicht sein, dass Dozierende auch zu Mobbing, Diffamierung oder Ausgrenzung beitragen.
- Zur kritischen Hinterfragung der Duldung, dass beim Prüfungsamt bereits bekannte Dozent*innen Studierende grundlos in Bachelor-Thesen durchfallen lassen, aus dem Grund das man als Dozent*in seine Vormachtsstellung gegenüber dem Studierenden ausnutzt, weil man augenscheinlich mit den Studierenden nicht zu recht kommt und keine bis kaum Diskussionsmöglichkeiten bleiben aufgrund der hohen Lehrdeputate.
- Zur kritischen Hinterfragung der Professionalität des Masterstudiengangs Sozialer Arbeit. Von einem forschungsorientierten Masterstudiengang erwarte ich Studierende, welche sich für Forschung interessieren und nicht Studierende, welche nur aufgrund ihrer herausragenden Leistungen angenommen werden. Nur zwei Personen von 34 möchten nach dem 4. Semester im Masterstudiengang Sozialer Arbeit promovieren.
- Zur kritischen Hinterfragung der sogenannten „Unterstützung von Studierenden im Studium Sozialer Arbeit“. Mit dem Argument fehlender Kapazitäten in Form von Lehrdeputaten, wird die Unterstützung in Form von Hilfe und Beratung bei einem Promotionsvorhaben abgeschmettert. Gerade in einem ausgeschriebenen forschungsorientierten Masterstudiengang darf dies nicht sein!
- Zur kritischen Hinterfragung von Unterstützung im Studium Sozialer Arbeit. An dieser Stelle möchte ich mein eigenes Beispiel (bis September 2016) als Appell nutzen: Vom Bafögamt erhalte ich 360 Euro, von denen ich 260 Euro Miete, 31 Euro Strom, 83 Euro Krankenversicherung bezahle. Unterm Strich bleibt nichts übrig. Das Arbeitsamt sagt, da ich in einem Vollzeitstudiengang Soziale Arbeit studiere, ist ALG I nicht möglich, da ich dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehe. Das Jobcenter sagt, da ich in einem Vollzeitstudiengang Soziale Arbeit studiere, ist ALG II nicht möglich, da ich nicht berechtigt bin ALG II zu beziehen, da ich zum einen Bafög erhalte und zum anderen nur gefördert würde, wenn ich das Studium aufgebe und an einer Maßnahme teilnehme. Das Bafögamt sieht sich auch nicht in der Pflicht eine höhere Zahlung vorzunehmen, sodass ich wiederum dadurch gezwungen bin eine Stelle mit hohem Arbeitspensum anzunehmen, um mir Lebensmittel leisten zu können, da ich keine Freunde und Verwandte habe, die mich unterstützen könnten. Selbst das Sozialamt sagt, ich sei nicht berechtigt Hilfe zu erhalten, da ich studiere und Bafög beziehe. An dieser Stelle erfahre ich nichts von sozialer Sicherheit und Anspruch darauf. Wie mag es dann erst denjenigen gehen, die nach hier kommen, ohne gerade ein Studium zu absolvieren? Ein Stipendium ist an dieser Stelle aufgrund der Kürze des Studiums (Übergang zwischen zweitem und dritten Semesters des Masterstudiums) nicht möglich.
- Der kritischen Hinterfragung der Bundesrepublik Deutschland GmbH und dahingehend eigenen Möglichkeiten die Staatsangehörigkeit und Wohnsitz gänzlich aufzugeben, sowie auf die Auflösung der Sozialleistungsbeiträge hinzuwirken und eine Steuerabschaffung zu erzwingen.

In Kapitel 2 werden zunächst theoretische Grundlagen auf Basis von Judith Butler, Pierre Bourdieu und Charles Taylor erläutert, welche mich dazu angeregt haben, mich kritisch mit Kontexten von Studium, Praxis und Gesellschaft auseinander zu setzen.

In Kapitel 3 folgt abschließend eine ethische Kritik aus der Sozialen Arbeit, welche sich mit der Qualifizierung von Sozialarbeiter*innen, dem Schwarzbuch der Praxiseinrichtungen, professioneller Sozialer Arbeit als Appell und Konsequenzen für professionelle Soziale Arbeit aufzeigen soll.

2 Theoretische Grundlagen

„Ich habe nie einen Ort für mich gefunden und ich glaube auch nicht, das ich jemals einen finden werde. Viele sind ja der Meinung wir sollten alle einen Ort, einen festen Platz haben. Einen festgelegten, durch das Geschlecht bestimmten Ort. Es heißt dann wir sollen uns in unserem Körper zu Hause fühlen und mit uns im Reinen sein. Für andere mag das eine Möglichkeit sein, aber ich glaube nicht daran. Ich denke vielmehr falls meine Gedanken dazu überhaupt produktiv sind, aber das müssen andere beurteilen. Ich jedenfalls identifiziere mich niemals vollständig mit einer vorgegebenen Position, egal welcher. Ich passe nicht besonders gut in vorgefertigte Kategorien. Andererseits bin ich auch kein Mensch, der diese Kategorien munter überwindet. Ich bin auch gar keine Verfechterin davon. Für mich ist Geschlecht ein ambivalentes Terrain.“ (Butler 2006)

Judith Butler hat mit ihren Theorien einen wesentlichen kritischen Beitrag zur Hinterfragung von vorgefertigten Gesellschafts- und Geschlechtsstrukturen geleistet (Butler 1991). In der nun vorliegenden Arbeit, sollen zunächst drei Theorien vorgestellt werden, allerdings dabei auch in Kapitel 3 die Grund- und Menschenrechte als zentrale Werte unserer Gesellschaft hinzugezogen werden, welche die Tätigkeit als Sozialarbeiter*in innerhalb der Gesellschaft beeinflussen, um nachfolgend die vorherrschende Gesellschaftsstruktur kritisch zu betrachten und Konsequenzen für professionelle Soziale Arbeit aufzuzeigen.

Eingangs habe ich mir zunächst bei der Theorierecherche folgende Fragen gestellt:

Braucht es 60 Geschlechterkategorien (Kelle 2016), um in der Gesellschaft anerkannt oder definiert zu werden?

Braucht es nicht eher starke Menschen, die sich gegen Schubladendenken, Rassismus und Diskriminierung einsetzen?

Zu welchem Zweck wird das „Geschlecht“ von Gesellschaft überhaupt gesellschaftlich konstruiert?

Wozu wird zum gesellschaftlichen Leben ein „Geschlecht“ gebraucht?

Gibt es Strukturen in denen weder das biologische, noch das gesellschaftlich konstruierte Geschlecht eine Rolle spielen?

Warum braucht es das Gleichgewicht (entweder bin ich Mann oder ich bin Frau) um als menschliche Person existieren zu können?

Lässt sich durch die Abschaffung des „Geschlechts“ Diskriminierung auf kultureller Ebene lösen?

Schränken uns die Begriffe des Geschlechts und der Geschlechtsidentität ein?

Ist Familie der Ort, an dem Einübung und Achtung vor dem „Geschlecht“ passieren muss?

Innerhalb der psychologischen Einordnung gibt es den Begriff der Geschlechtsdiffusion. Jemand, der sich einem Geschlecht nicht klar zuordnen kann/will ist „krank“. Homosexualität wurde auch als Krankheit im ICD-10 aufgenommen. Wie seriös und vor allem professionell ist die klinische Bestimmung von Krankheit im Bezug zum Menschen wirklich?

Die drei Theorien sollen dabei Aufschluss über gesellschaftlich konstruierte Gellschaftsstrukturen geben und einen Einblick in Thematiken geben, mit welchen sich professionelle Soziale Arbeit innerhalb der Gesellschaft zwangsläufig auseinandersetzen muss. Was es braucht, sind vor allem kritisch hinterfragende Sozialarbeiter*innen, die sich für die Belange der Menschen in unserer Gesellschaft, in der wir leben einsetzen und sich theoretisch fundiert, kritisch mit diesen auseinandersetzen zu können. Um auf das Zitat von Judith Butler zurückzukommen, sehe ich viele Parallelen zu meiner eigenen Arbeit. Ich selbst bin mir auch nicht sicher, ob ich jemals einen Ort für mich finden werde, welcher durch das Geschlecht bestimmt ist. Ich fühle mich in meinem Körper nicht zu Hause oder im Reinen, weil ich mit diesen Begriffen als Minimalistin und Pragmatikerin nichts anfangen kann. Ich kann und will mich nicht mit einer vorgegebenen Position identifizieren, da ich für mich festlege, dass es mir nicht ausreicht die nachfolgend vorgestellten Theorien zu kennen, sondern es neuer, zeitgemäßer Theorien bedarf, um selbst in Lehre und Forschung etwas bewirken oder gesellschaftliches Denken und gar die Gesellschaft verändern zu können. Angetrieben davon, habe ich mich eingehend mit den Grund- und Menschenrechten beschäftigt und festgestellt, dass diese für professionelle Soziale Arbeit gesellschaftlich zu hinterfragen sind. Möchte ich in dieser Gesellschaft so leben? Wie muss sich die Gesellschaft verändern, damit ein Leben möglich wird? All diese Fragen sind enorm wichtig zu stellen, können aber in ihrem Umfang auch nicht in der vorliegenden Arbeit ausführlich behandelt werden und dienen als Einstieg für die Master-Thesis. Allerdings möchte ich an dieser Stelle der Einleitung kurz darauf eingehen, dass die Problematik von Diskriminierung, Diffamierung und Mobbing auch im Studium der Sozialen Arbeit, nicht nur im Bezug zu Gender-Thematiken vorzufinden ist, sondern dies auch Studierende betrifft. Gerade aus der Sozialen Arbeit heraus, ist die Mobbingrate am höchsten (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2002) was sehr paradox erscheint in einem Berufsfeld, in dem „Arbeit auf Augenhöhe“ und „Achtung der Menschenwürde“ Teil des Studiums, aber augenscheinlich nicht des eigenen Selbst sind, somit nicht authentisch gehandelt, sondern Theater gespielt wird (Goffman 2003). Seitdem ist auch kein weiterer Mobbingreport mehr erschienen. Eine Aktualitätsanalyse für sozialarbeiterische Berufsfelder im Bezug zu Mobbing in den eigenen Reihen liegt dahingehend seit 2002, also knapp 15 Jahre später nicht vor. Es lässt sich die Hypothese generieren: Vielleicht wurde aus gutem Grund kein weiterer Mobbingreport mehr erstellt? Mobbing, Diffamierung, Diskriminierung und Ausgrenzung sind bis heute Tabu-Themen, welcher aber aktueller denn je höchste Relevanz haben.

2.1 Judith Butler

Judith Butler bewegt Menschen mit ihrer kritischen Hinterfragung von gesellschaftlichen Strukturen. Sie hinterfragt Dinge, von denen man im Studium Sozialer Arbeit sonst nichts erfährt. Als einzige Studierende der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen, habe ich mich im Juni 2016 auf den Weg nach Köln gemacht, um Judith Butler, welche die Albertus-Magnus-Professur an der Universität zu Köln inne hatte, zu hören. Sie hat mich an dieser Stelle zum Nachdenken über die Gesellschaftsstrukturen angeregt. Vorstellen möchte ich an dieser Stelle deshalb kurz ihre Theorien im Bereich der Gender und Queer Studies.

Sie gilt als eine der bedeutendsten Mitbegründerinnen der Queer-Theorie (queer theory), die sich kritisch mit den Beziehungen zwischen Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität (gender) und Begehren (desire) befasst (Butler 1991).

„Ich wollte wissen, ob wir wirklich jemals zu einer Frau werden, oder ob die Tatsache, eine Frau zu sein, nicht eher eine Art endlosen Werdens ist, also etwas, das kein Ende nimmt und auf kein Ziel ausgerichtet ist.“ (Butler 2006).

Der Begriff Gender meint dabei kulturell und gesellschaftlich bedingte Identitäts-konzepte, die dem „Männlichen“ und dem „Weiblichen“ zugeordnet werden. Der Begriff Gender wird verwendet um ein soziales Geschlecht zu beschreiben.

Der Begriff Sex meint dabei die Tatsache anatomisch-biologischer Gegebenheiten eines weiblichen bzw. eines männlichen Körpers. Der Begriff Sex wird verwendet um biologisches Geschlecht zu beschreiben.

Der Begriff Desire meint dabei ein erotisches Begehren eines Menschen. Der Begriff Desire wird verwendet um einen Wunsch, also ein erotisches Begehren zu beschreiben. Allerdings sind in diesem Kontext immernoch heutige Tabu-Themen wie Zweigeschlechtlichkeit, Gender-Normen und Zwangsheterosexualität zu betrachten, welche ein offenes erotisches Begehren in vielen Ländern heute noch unmöglich macht. (Butler 2015)

Um ihre Ansätze und Kritiken verstehen zu können, bedarf es eines Vorverständnisses von Macht und Ausgrenzung. Wissenschaft und Gesellschaft sind geprägt von einer jahrhundertelangen Ausgrenzung und Entmächtigung des (weiblichen) Geschlechts. (de Beauvoire 1949; Bourdieu 1987).

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird es.“ (de Beauvoire 1949).

Ihre Ausgangsfrage war dabei: Wenn das biologische Geschlecht keinerlei determinierende Effekte für das soziale Geschlecht hat, welcher Stellenwert kann ihm dann noch beigemessen werden?

Sie stellt fest, dass Männlichkeit und Weiblichkeit performativ, dass heißt durch bestimmte Kleider- und Bewegungscodes sowie sprachliche Akte hervorgebracht werden. Geschlecht ist definiert als Effekt äußerlicher Verhaltensweisen, von Kleidung, Gestik, Mimik usw. Geschlecht ist ein Tun! (doing gender) (Butler 1990). Männlichkeit und Weiblichkeit ergeben sich aus permanenten Wiederholungen von Praktiken. Doing gender funktioniert sowohl über das alltägliche Verhalten als auch über die alltägliche Wahrnehmung. Jedes Individuum ist dafür verantwortlich, das eigene Geschlecht ‚richtig‘ darzustellen und muss lernen, den eigenen Körper so darzustellen, als sei er natürlich so. Die Ressourcen dafür sind beispielsweise Kleidung, Mimik, Gestik, Stimme oder Nutzung von Räumen. Geschlecht ist Maskerade nicht Essenz. Allerdings kommt man hier zu der Frage: Warum? Um Geschlechterinszenierungen zu beschreiben lässt sich Lippenstift beispielsweise als ein traditionellerweise von Frauen benutzter Körperschmuck beschreiben und wird dadurch zu einem weiblichen Objekt, woraufhin Personen, die Lippenstift benutzen, weiblich beziehungsweise verweiblicht werden. (Butler 2015). Weiterhin stellt sie fest, dass jeder alltäglichen Wahrnehmung von Menschen und jeder sozialen Interaktion zudem eine Geschlechtszuordnung der Interaktionspartner*innen voraus geht. Hierbei ist zu unterscheiden zwischen der Geschlechtszuweisung, welche einmalig bei der Geburt erfolgt und sich an den Genitalien orientiert, und der Geschlechtszuschreibung (Geschlechtsattribution), bei der es sich um einen kontinuierlichen interaktiven Prozess handelt, der ebenfalls an gesellschaftlichen Normen und Regeln orientiert ist. Jedes Individuum ist als Interaktionspartner*in gleichzeitig verpflichtet und befähigt, einer anderen Person ein Geschlecht, das sozial und kulturell sinnhaft ist, zuzuschreiben. (Butler 1993). Wenn wir einer Person kein Geschlecht zuordnen können, bekommen wir gravierende handlungspraktische Probleme. Weiterhin lässt sich an dieser Stelle wiederum hinterfragen: Warum? Auch das anatomische Geschlecht ist eine soziale Konstruktion! Wer sind wir, wenn das anatomische Geschlecht auch sozial konstruiert ist? Das soziale Geschlecht produziert das anatomische. Der geschlechtliche Leib ist ein Produkt gesellschaftlicher Markierungen. Die scheinbar natürliche Geschlechterordnung – heterosexuelles Begehren und weibliches wie männliches Geschlecht – ergeben sich aus disziplinarischen Zurichtungen des Körpers, die ein vielfältiges Begehren ‚verknappen‘. (Butler 2014). Geschlecht als Norm ist eine Form der Macht, durch die ein Bereich von erkennbaren Subjekten geschaffen wird, aus dem nicht ausgebrochen werden kann, ohne sich als Subjekt aufs Spiel zu setzen.

Deutlich wird an dieser Stelle, dass es keine kritische Auseinandersetzung oder radikale Bekämpfung von Mobbing, Diskriminierung, Diffamierung oder Ausgrenzung aufgrund von Geschlecht an dieser Stelle gibt. Ausserdem wird die Definitionsmacht – Wer definiert eigentlich was „Geschlecht“ und „Sex“ ist? nicht hinterfragt. Eine Aushebelung der vorherrschenden Gesellschaftsvorstellungen gibt es an dieser Stelle auch nicht.

„Wenn man den unveränderlichen Charakter des Geschlechts bestreitet, erweist sich dieses Konstrukt namens ‚Geschlecht‘ vielleicht als ebenso kulturell hervorgebracht wie die Geschlechtsidentität. Ja, möglicherweise ist das Geschlecht (sex) immer schon Geschlechtsidentität (gender) gewesen, so dass sich herausstellt, dass die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität letztlich gar keine Unterscheidung ist.“ (Butler 1991).

Sie stellt fest, dass Homosexuelle und Lesben „Heterosexualität“ nicht immitieren, aber sie zeigen, dass diese konstruiert ist. Ehe wird dabei allerdings als Immitation von Heterosexualität verstanden. Anhand der Geschlechtsorgane werden Menschen von ihren Eltern trainiert zu gehen, sprechen und Aktivitäten auszuüben, die dem „idealen maskulinen Mann“ und der „idealen femininen Frau“ entsprechen. Wenn sowohl gesellschaftliches, als auch biologisches Geschlecht konstruiert sind: Wer sind wir ohne Geschlecht? Wer sind wir wirklich und was definiert die Gesellschaft in uns? Wenn ich als Frau einen Bart trage, weil er natürlich gewachsen ist, wer bestimmt dann, ob ich Mann oder Frau bin?

Deutlicher werden Ihre Gedanken innerhalb der Albertus-Magnus-Professur dahingehend, dass Sie dazu anregt, die Gesellschaft gänzlich kritisch zu hinterfragen. (Butler 2016).

Im Rahmen der Vorlesung „Die Ethik und Politik der Gewaltlosigkeit“, fragt Sie: Wessen Leben sind von Belang? Welches Leben ist erhaltenswert? Und bezieht sich dabei auf das biopolitische System nach Focault (Focault 2005). Butler fordert dazu auf, kritisch zu hinterfragen: Was ist Recht? Was soll Recht sein? Weshalb erfordert Rechtsverbindlichkeit Zwang? Und zu verstehen, dass Gesetze zu Instrumenten von Gewalt werden können. Rechtliche Gewalt ist dabei legitimiert durch rechtliche Instanz, dahingehend findet eine unhinterfragte, “freiwillige” Unterordnung statt. (Butler 2016). Das Gesetz ist gerechtfertigt, weil es das Gesetz ist / weil es gesetzt ist. Hierbei stellt sich die Frage: Ist der Staat, sowie sein Rechtsapparat legitim? Geht es nicht vielmehr darum, die Herrschaft des Gesetzes zu vernichten. Gewalt wird über Rahmenbedingungen vordefiniert. Es gibt Verankerungen, welche Gewaltformen gerechtfertigt sind oder nicht. Dahingehend muss der Legitimationsbogen hinterfragt werden und Fragen bezüglich Medien und Gewalt kritisch gestellt werden. Es fehlt an dieser Stelle allerdings die Handlungsableitung aus der Theorie heraus und wie nun die Struktur der Gesellschaft bekämpft oder vernichtet werden kann. Solange es Armut, Diskriminierung o.Ä. gibt, braucht es Feminist*innen, die dies aufdecken und öffentlich machen! Erweitern möchte ich dies an der Stelle dahingehend, dass es nicht nur bei der Aufdeckung und Öffentlichmachung bleiben darf, sondern es einem aktiven Kampf gegenüber gesellschaftlicher Norm, Werte und Vorstellungen, vorgestellt nachfolgend durch Bourdieu (Bourdieu 1985), bedarf um daraufhinzuweisen, dass dies so noch keine Welt ist, in der Menschen wohlwollend zusammen leben können oder wollen. 2010 lehnte Judith Butler den Zivilcourage-Preis des Berliner CSD ab (3Sat 2010). 2012 erhielt sie als erste Frau den Theodor-W. Adorno-Preis. Kritik an Ihr dadurch: Antisemitismus! (3Sat 2012). Allerdings habe ich mich, nachdem ich mich zum ersten Mal Wochen vor und Tage nach dem Besuch der Universität zu Köln und dahingehend Judith Butlers Vorträgen im Rahmen der Albertus-Magnus-Professur bezüglich der Universität zu Köln gefragt: Wie kann es sein, das Judith Butler den Zivilcouragepreis des CSD ablehnt wegen rassistischer Kritiken ihrerseits, aber andererseits die Albertus-Magnus-Professur dankend annimmt, obwohl an der Universität zu Köln rassistische Kritiken im Jahr 2016 laut geworden sind.

2.2 Pierre Bourdieu

Pierre Bourdieu unterscheidet in seinen Ausführungen zwischen verschiedenen Kapitalsorten, welche das Leben im Wesentlichen ausmachen (Bourdieu 1987). Beispielsweise körperliches Kapital zeichnet handwerkliches, sportliches, stimmliches oder bewegliches Talent aus. Hinzu kommen ein gutes Aussehen, Gesundheit, Fitness, Benehmen, Stil, Fleiß, Ausdauer und Disziplin, welche als Fähigkeit zur Überwindung von körperlicher Faulheit gesehen wird (Bourdieu 1987). Er legt fest, dass körperliches Kapital einen Eigenwert hat und in anderes Kapital wie ökonomisches, soziales, oder kulturelles Kapital konvertierbar ist. Körperliches Kapital kann allerdings laut Bourdieu nicht unabhängig vom Individuum akkumuliert werden und trägt den Stempel der sozialen Klasse, aus der er stammt. Dahingehend entwickelt er die Theorie des Habitus, welcher als Ordnungsgrundlage für die Wahrnehmungen, das Denken und die Vorstellungen der Gesellschaft dargelegt werden (Bourdieu 1987). Parallel dazu erzeugt dies ein System von Grenzen und bildet eine Erzeugungsgrundlage für das Handeln in einer Gesellschaft, welches mimetisch inkorporiert und gelernt werden muss. Der Klassenhabitus ist dabei sozial geteilt und verweist auf die sichtbare Verkörperung der Lebensgeschichte (Bourdieu 1992).

Außerdem betrachtet Bourdieu ausführlich das Bildungswesen.

“Obwohl sich das Bildungswesen gerne als demokratische Institution sozialer Mobilität gebärdet, trägt es doch maßgeblich dazu bei, eine ungleiche Verteilung der Bildungschancen zu rechtfertigen und festzuschreiben, wenn seine Bewertungsmaßstäbe sozial begründete Privilegien in persönliche Verdienste oder 'Gaben' verwandeln.

Anhand statistischer Analysen der Zugangswahrscheinlichkeit zu den höheren Bildungseinrichtungen und gestützt auf Befragungen von Studenten und Professoren lässt sich hinter ökonomischen Ungleichheiten die Rolle des kulturellen Erbes zeigen – eines subtilen Kapitals von Kenntnissen des Verhaltens und Sprechens, das Kinder aus gehobenen Kreisen ihrer familiären Umgebung verdanken und das einen umso einträglicheren Besitzstand bezeichnet, je hartnäckiger sich Professoren und Studenten weigern, ihn als soziales Produkt wahrzunehmen. Ein weiterer Klassiker Bourdieus aus den Sechzigerjahren, der die unterschwelligen Mechanismen sozialer Reproduktion im und durch das Bildungswesen schonungslos offen legt und damit heute aktueller denn je erscheint.“ (Bourdieu 2007).

Seine Ausführungen zeigen dabei zwar anhand statistischer Analysen und Befragungen zwar die ökonomische Ungleichheit auf, jedoch bleiben Lösungsmöglichkeiten aus, gegen die vorherrschenden Institutionen des Bildungswesens vorgehen zu können und eine Leistung, nicht nach dem sozialen Hintergrund des kulturellen Erbes oder des Kapitals von Kenntnissen des Verhaltens und Sprechens aufzuzeigen. Sondern einzufordern, Kinder aus gehobenen Kreisen ihrer familiären Umgebung nicht als Bewertungsmaßstab für eine Vergleichbarkeit von Leistungen zu nutzen, denn Leistungen sind keineswegs vergleichbar, sondern werden durch andere Kapitalsorten determiniert. Eine Loslösung von gesellschaftlich vorherrschenden Zwängen und ein Appellieren an den gesunden Menschenverstand, hin zur Betrachtung des Individuums, welches sich nicht anhand seines Kapitals messen lässt und sich auch nicht anhand seines Kapitals in der Gesellschaft auszeichnen darf. Solange es die Theorie gibt, dass Kapital die Berechtigung zur Ungleichbehandlung von Menschen ist, muss es im 21. Jahrhundert an der Zeit sein, gegen solche Vorstellungen vorzugehen und das daraufhin aufgebaute System zu stürzen. Nur weil Menschen soziales, ökonomisches, kulturelles oder symbolisches Kapital aufweisen können, heißt dies nicht, dass diese Menschen dazu berechtigt werden aufgrund des Vorhandenseins der Kapitale ungleiche Behandlung gegenüber Menschen zu betreiben, die diese Kapitalsorten nicht aufweisen können.

„Sapere Aude!“ – Wage es dich der Vernunft zu bedienen. (Immanuel Kant 1784).

„Das Kapital erlaubt es, unerwünschte Personen oder Sachen auf Distanz zu halten und zugleich sich den (gerade hinsichtlich ihrer Verfügung über Kapital) erwünschten Personen oder Sachen zu nähern. (…) Der Mangel an Kapital (…) kettet an einen Ort.“ (Bourdieu 1987).

Generell fehlt es gänzlich daran, Menschen dafür zur Verantwortung zu ziehen, welche sich anhand Kapitals „unerwünschte Personen oder Sachen auf Distanz halten“ (Bourdieu 1987), sondern dahingehend, sich von Menschen fern zu halten, welche generell Menschen als unerwünscht bezeichnen. Außerdem fehlt es mir an dieser Stelle gänzlich an Erkenntniss, welche Möglichkeiten es gibt, sich gegen die Gesellschaft als Konstrukt im Sinne von Mobbing, Diffamierung, Diskriminierung zu wehren. Gespräche „auf Augenhöhe“ sicherlich nicht. Einen interdisziplinären Austausch halte ich jedoch nur bedingt zur Wissensvermittlung in Form eines pädagogischen Austausch geeignet, da es keine Studien gibt, die belegen, dass interdisziplinärer Austausch positiv in diesen Kontexten zur Beteiligung von Sozialarbeiter*innen beiträgt, sondern der Erfahrung nach, eher abschreckend, denunzierend wirkt, teilweise Mobbing, Diskriminierung, Diffamierung und Ausgrenzung noch fördert. Durch die Dominanz von Lehrer*innen, Umweltwissenschaftler*innen oder ähnlichen, die der Sozialen Arbeit fachfremd sind und dies nicht studiert haben, wäre zu analysieren, ob diese Berufsgruppen, Sozialarbeiter*innen nicht auf Augenhöhe gegenüber treten, um sich beispielsweise im Kontext von Schule zu legitimieren. Sich gleichzeitig aber auch diese Dominanz nicht durch Sozialarbeiter*innen auflösen lässt und unter Umständen in einigen Feldern erst gar keine Sozialarbeiter*innen als Leiter*innen oder ausführende Kräfte gewünscht sind. Meiner Meinung nach, werden sogenannte „Fachidioten“ dadurch erzeugt, dass andere Berufsgruppen versuchen, sich in Feldern der Sozialen Arbeit zu bewegen, diese zu dominieren oder gar als „Erfüllungsgehilfe“ zu missbrauchen, von denen beispielsweise Lehrer*innen, Umweltwissenschaftler*innen – und es mag vielleicht anmaßend klingen, aber dazu stehe ich - absolut keine Ahnung haben. Es ist daher unabdingbar, Sozialarbeiter*innen zu kritisch hinterfragenden Menschen auszubilden und diese zu unterstützen und zu ermutigen, sich kritisch gegenüber Menschen, Theorien und Arbeitsbedingungen zu äußern.

2.3 Charles Taylor

Nun möchte ich Sie auf eine Reise mitnehmen, die genau in mir etwas zum klingen gebracht hat. Zunächst müssen einige Begrifflichkeiten geklärt werden. Nach Taylor (und Frankfurt) werden sinnliche Erlebnisse zum Beitrag der Werte beschrieben. Identität meint einen aktiven Vorgang eine Balance herzustellen von Selbsterfahrung und Selbstbild. Wir finden es vor, dementsprechend ist Sinn als Selbstüberschreitung auf das Ganze hin zu sehen. Der Sinnbegriff an sich hat etwas mit Transzendenz zu tun. Sinn kann religiös sein, muss es aber nicht. Transzendenz ist alles, was es in einer sinnlichen Welt gibt. Identität ist in diesem Zusammenhang als Spiegel zu betrachten (Taylor 1996).

Um Identität, Werte und Wille als Begriffe zu veranschaulichen, ist das Willenskonzept daher parallel von Frankfurt (Frankfurt 1981) zu betrachten. Ein Mensch hat dabei einen Willen, der sich auf zwei Willensebenen bewegt. Wollen 1 und Wollen 2. Wollen 1 wird von Wollen 2 zum Objekt gemacht. Wobei zunächst zu hinterfragen ist, was ein Objekt in diesem Sinne meint. Der Interpersonale Vorgang wird dabei zum Objekt von Wollen 2.

Um diese Thematiken besser verdeutlichen zu können, ist zunächst von Frankfurt Sinn, Werte, Bindung, Identität und Verantwortung in diesem Zusammenhang näher zu betrachten. 1. Der Wille 2. Das Werten 3. Das Selbst.

Second order volitions meint reflexives Stellungnehmen, d.h. Bewerten zu Wünschen 1. Stufe. Der Wille ist ein reflexives Selbstverhältnis: Ich verhalte mich zu mir indem ich im Wollen 2 Stellung nehme zum Wollen 1. Wie Taylor und Frankfurt beschreiben, ist dies nu runs Menschen vorbehalten, auch wenn die Wissenschaft versucht dies zu wiederlegen durch Tierstudien zu Raben, Affen oder ähnlichen.

Dieses Selbstverhältnis ist nicht kausal determiniert, sondern beruht auf der freien Akzeptanz von Gründen. So kann der Wille sich selbst bestimmen. Will ich beispielsweise Kuchen (Wollen 1) oder will ich keinen Kuchen (Wollen 2). Aber: Was ist denn mit der unfreien Akzeptanz von Gründen? Fällt diese ganz heraus?

Taylor entwickelt danei eine Differenzierung zwischen schwachen und starken Wertungen. Schwache Wertungen meint, dass das Resultat des Bewertungsvorgangs keinen Einfluss auf mein Selbstbild hat. Ein Beispiel dazu wäre: Nehme ich das eine (Wollen 1) oder das andere Stück Kuchen (Wollen 2). Ich wage dies nach Geschmack, Befindlichkeit, finanziellen Ressourcen und meiner Vorliebe bzw. Meinem Körperbild ab unter beispielsweise den Fragestellungen: Bin ich zu dick? Werde ich zu dick? Kann ich mir das leisten?

Ein Autounfall beschreibt hingegen eine starke Wertung durch Flucht (Wollen 1) oder Strafe (Wollen 2). Starke Wertung meint dabei das Resultat des Bewertungsvorgangs betrifft positive oder negative mein Selbstbild (Taylor 1996).

Ein weiteres Beispiels diesmal im Bezug zu Sozialer Arbeit wäre die desaströse Einrichtung, die ich zuletzt von Januar bis März geleitet habe: Gehe ich, weil Kinderschutz, Aufsichtspflich von mir alleine für die Kinder nicht gewährleistet werden können, weil ich von der Pfarre unter der ich angestellt bin, weder Hilfe noch Geld erhalte, um die Einrichtung retten zu können (Wollen 1) oder achte ich auf mich, meine Gesundheit auch wenn es bedeuten würde, dass die Kinder keine Einrichtung mehr haben, da ich den hohen Zeitaufwandt, Diffamierung, Mobbing, Diskriminierung und fehlende Unterstützung mit meinem Selbstverständnis von professioneller Sozialer Arbeit nicht vereinbaren kann, da ich promovieren möchte und meine Leistungen und mein Arbeitspensum für das Studium Sozialer Arbeit im Masterstudiengang absolute Priorität für mich hat (Wollen 2).

Wir können unser Selbstbild nicht beliebig machen, sondern finden es in wesentlichen Strukturen bereits vor. Was ist denn mit Menschen, die gar kein Selbstbild haben? Bzw. Wie wirkt sich denn Kultur und Gesetze auf das eigene Selbstbild aus? Eine starke Wertung, die unser Selbstbild verletzt, zeigt uns, dass wir gegen etwas in uns selbst gehandelt haben. Was ist denn mit äußerlichen, starken Wertungen, die unser Selbstbild angreifen oder gar zerstören? Er beschreibt auch nicht, wie man mit soetwas umgeht bzw. Welche Möglichkeiten es gibt. Ich bin mir nicht sicher, ob es daran liegt, dass ich bestimmte Werte vertrete, aber wer sagt mir denn, dass ich mein Selbstbild nicht beliebig machen kann? Am meisten haben sich starke, negative Wertungen von außen auf meine “Identität” ausgewirkt. Zu dem Beispiel mit dem Autounfall lässt sich folgendes festhalten: Ich hatte ja schonmal einen Unfall und habe nie darüber nachgedacht oder eine Fluchtreaktion verspürt, aus dem Grund, dass das Gesetz dabei Strafe vorsieht. Ich finde nicht, dass das Selbstbild in beliebigen Strukturen bereits vorliegt, sondern die Gesellschaft das eigene Selbst bedeutend formt. Es gibt ja auch Kulturen, bei denen man keinen eigenen Einfluss auf das eigene Selbst hat. Werden wir durch Austausch und Diskurs nicht eher viel mehr der Verletzung des eigenen Selbst ausgesetzt, was dazu führt, unser eigenes Selbstbild zu verlieren? Beispielsweise können ja andere Menschen Schuld sein, sein eigenes Selbstbild zu verlieren. Sind nicht sogar andere Menschen daran Schuld, dass man sein eigenes Selbstbild verliert und nicht man selbst? Als Argumente der Medien werden immer “Ballerspiele” und “psychische Erkrankung” genannt. Das Problem dabei sind nicht die Spiele, sondern die Menschen, die andere Menschen zerstören. Ein “psychisch kranker” Mensch hat sich sicherlich nicht selbst ausgesucht, ach heute werde ich mal psychisch krank, sondern andere Menschen haben ihn psychisch krank gemacht. Über das eigentliche Symptom wird dabei nie gesprochen. Die starke Wertung von außen nimmt nämlich dann derjenige vor, der den Menschen angreift, mobbt, diskriminiert, diffamiert etc. Viele starke Wertungen, die das Selbstbild äußerlich verletzen führen ja auch dazu, dass man sein Selbstbild verliert.. Ich habe mir dahingehend dann die Fragen gestellt: Habe ich ein Selbstbild von mir? Welches ist mein Selbstbild? Brauche ich überhaupt ein Selbstbild? Wenn ja, wozu?

Ist eine starke Wertung, die unser Selbstbild verletzt nicht eher von anderen gegeben, dass jemand gegen etwas in uns selbst gehandelt hat. Beispielsweise: Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe, die zur Auflösung des eigenen Selbst führt. Und dahingehend die Frage: Was kann ich dafür als Frau, Deutsche, Weiß geboren zu sein. Genauso: Was kann jemand dafür als Frau, mit eine dunkleren Hautfarbe und kongolesisch geboren zu sein?

Starke Wertungen sind auch immer mit Macht verbunden (Focault, Bourdieu, Butler) von außen verbunden, von Kultur, gesellschaftlichen Rahmenbedingugen. Beispiele: Durch Mobbing, Ausgrenzung, Beleidigung, Tötung. Welchen generellen Einfluss haben andere Menschen auf das “Selbst”?

Taylor benutzt den Begriff Resonanz dafür um Starke Wertungen zu beschreiben. Das Resultat des Bewertungsvorgangs betrifft positive oder negative mein Selbstbild.

Wir haben ein Bild von uns und von dem wie der Andere uns sehen soll. Wir wünschen uns, wie die Anderen uns sehen. Identität ist dynamisch, spielt sich dabei ab zwischen Ist- und Soll-Zustand. Werten wird nicht beliebig gemacht. Der radikale Konstruktivismus (von Glasersfeld 1997) wiederlegt dies allerdings.

Der Ist-Soll-Zustand muss immer wieder neu realisiert werden. Eine weitere Kritik der Betrachtung ist an dieser Stelle dabei die goldene Regel vs. Zwang.

Das Selbst / die Identität bildet faktisches Tun. Werte spielen eine enorme Rolle. Wert meint dabei was zutiefst in meiner Subjektivität Resonanz findet. Der Bewertungsvorgang ist dabei eine Selbstinterpretation. Identität existiert nur in Bezugnahme was uns wertvoll ist. Werte gehören von Anfang an dazu. Kritik am bio-psycho-Soziosystem. Was ist mir wertvoll, sodas ich nicht darauf verzichten kann oder will? Der Entdeckungszusammenhang dabei ist die Introjektion: Du darfst dies oder jenes nicht. Und die Verkapselung nach Freud (Freud 2014).

Introjekte und Angstpädagogik werden auch ähnlich wie das weiße Band heute noch dazu genutzt, sich selbst zu legitimieren und Macht über andere auszuüben.

Um nochmals auf den Begriff etwas zum schwingen bringen zurückzukommen. Bildung wird immer als Selbstbildung verstanden (Ausdrücke, Redeweisen von Anderen). Wieso ist dies in leistungsorientierten Kontexten wie Schule und Berufsleben heute noch nicht angekommen?

Menschenwürde und Menschenrechte haben bei mir etwas zum schwingen gebracht. Eine Artikulation von etwas, bei dem, was uns am wichtigsten ist. Menschenwürde meint dabei, wir wollen, dass wir respektiert werden, dass wir nicht gemobbt, diffamiert, diskriminiert werden. Deutlich werden hierbei: “Rückstoß” (Tugendhat 1990) und Resonanz (Taylor 1996). Das Genom liegt fest. Außerhalb der Natur (Sinnsphäre), das was unsere Kultur ausmacht und manifestiert sich an Praktiken (manifestierter Sinn) fügen sich zu einem Gesamtbild zusammen. Werte sind außerhalb des Subjekts und finden im Inneren Resonanz. Wellenlänge ist dabei eine Metapher für Resonanz.

Bildung ist immer Selbstbildung. Selbstbildung meint Arbeit an der eigenen Identität, einem Austarieren zwischen Ich-Ideal und der faktischen Existenz. Identitätsarbeit heißt Sensibilisierung für die individuelle Resonanz überindividueller Werte. Unsere Gesellschaft ist taub, unempfindlich und dumm geworfen gegenüber den wirklichen Hintergründen von Gewalttaten, des hinter die Fassade schauens und hinterfragens ob wirklich “Ballerspiele” oder “psychische Erkrankung” an Amokläufen o.Ä. Schuld sind, oder nicht eher andere Menschen, die Menschen wie Dreck behandeln.

Werte sind kulturell vermittelte Sinnobjektivationen.

Bildung ist Arbeit am Sinn. Dies ist contrair zu den Bildungsvorstellungen der Schule, Hochschule oder Arbeitswelt, da Leistungen und Noten im Vordergrund stehen, die die eigene Identität nachhaltig schädigen können.

Weiterentwicklung geschieht durch das Konzept von Taylor. Auf Ebene 2 (Wollen 2) gibt es starke und schwache Wertungen. Er knüpft dabei einen Zugang zur Identität. Wir merken, wenn wir bei starker Wertung unsere Ich-Identität verletzen (also gegen uns handeln), wenn wir Wollen 1 durchsetzen. Resonanz und Rückstoß auf unsere Identität, wenn wir Wollen 1 gegen Wollen 2 siegen lassen verletzen wir uns selbst.

Hierbei wäre die Frage zu stellen: Wie viele Menschen merken, wenn Sie von außen bei starker Wertung einen anderen Menschen verletzen? Wie viele Menschen tun dies bewusst?

Wie viele Menschen merken nicht, wenn sie gegen sich selbst handeln?

Ich finde das, was Taylor beschreibt so fest und würde das alles so nicht unterschreiben, weil er viele wesentliche Punkte wie bereits erläutert, nicht betrachtet. Ich bin mir nicht sicher, ob das bei mir so ist oder bei anderen. Er berücksichtigt keine Wertungen von Außen, die die Identität schädigen oder zerstören. Dies ist aber gerade aus meiner Sicht als professionelle Sozialarbeiterin aufgrund der Geschehnisse im Juli 2016 (Brexit, Axtmord in Würzburg, Amoklauf in München, Schwertangriff in Würselen) zu betrachten. Identität muss immer wieder neu hergestellt werden, sie kann angekratzt oder beschädigt werden. Hier ist die gänzliche Auflösung des Identitätsbegriffs nicht betrachtet. Was ist, wenn eine Identität sich nicht mehr neu herstellen lässt, weil diese gänzlich aufgelöst ist durch starke Wertungen?

Zu betrachten ist demnach:

è Die gänzliche Auflösung der Identität und der Frage danach: Wonach bemisst sich dann noch Wollen 2?

è Das Wollen bemisst sich zwar nach den Werten, die uns wichtig sind. Werte meint dabei: Menschen legen Wert auf unterschiedliche Werte. Es gibt Unterschiede zwischen den Menschen und Überschneidungen. Was ist aber, wenn sich Wollen, Werte und Identität durch Eingriffe von außen auflösen?

è Gibt es Menschen, die nicht nur Überschneidungen, sondern exakt die selben Werte haben wie ich? Konzept von Identität und Pluralität

è Es darf unterschiedliche Identitäten geben. Werte werden durch die Kultur vermittelt. Was ist aber wenn die Kultur unterschiedliche Identitäten nicht erlaubt?

è Werte werden/sind in einer Kultur z.B. durch Symbole manifest. Es ist nicht so, das uns die Kultur Werte aufdrückt. Ich finde schon, dass uns gerade die Kultur und Gesellschaft Werte aufdrücken, wie man zu sein hat. Ich entscheide mich ja nicht selber mit der Geburt dafür, einer bestimmten Kultur und Gesellschaft anzugehören. Dementsprechend entscheide ich mich nicht eigenständig dafür, welche Werte wir selbst haben, sondern müssen uns an die Werte der Kultur halten, da bei Nicht-Einhaltung ja auch Strafe, Ausschluss oder gar Tod erfolgen kann.

è Viele Werte gehen mich gar nichts an, nur manche finden bei mir wiederhall. Finden Werte der Gesellschaft bei mir überhaupt Widerhall, wenn sie sich mit meinen eigenen Wertvorstellungen nicht überschneiden? Bspw. Zwangsheirat, Kindersoldaten, Unterdrückung der Frau durch Diskriminierung, Rassismus o.ä. (Butler 2013).

è Durch Angebote der Kultur kann ich mich selbst finden (Selbstfindung). Dazu müsste man für mich “Kultur” erstmal näher definieren. Beispielsweise durch Besuch von Museen, Opern etc. Dazu müsste man auch erst definieren, was Selbstfindung genau heißt und wie genau man sich selbst findet. (Pragmatismus, Minimalismus als Ausgangspunkte des Selbst).

Das Selbst ist dabei unter dem Maßstab der Werte als Horizont der Selbstinterpretation zu betrachten. Second order volitions meint dabei ein reflexives Stellungnehmen zu Wünschen 1. Stufe. Zu betrachten sind “Rückstoß” (Tugendhat 1990) und “Resonanz” (Taylor 1996) auch im Hinblick auf Dworkin (Dworkin 2014). Dworkin beschreibt:”Unser physisches Leben findet in der Natur statt und zehrt von ihr. Weil wir uns aber als Gestalter unseres Lebens begreifen und Entscheidungen treffen müssen, die in der Summe Auskunft darüber geben, was wir aus unserem Leben gemacht haben, stehen wir zugleich außerhalb der Natur.”

Um eine Zusammenfassung mit Kommentierung darstellen zu können, möchte ich an dieser Stelle einige Fragen und Anmerkungen besonders hervorheben.

è Begreifen wir uns wirklich als Gestalter unseres Lebens?

Werte dienen dabei als Horizont der Selbstinterpretation: Eine Ordnung <<außerhalb des Subjekts>>, die im Inneren des Subjekts Resonanz findet und die daher unabtrennbar mit dem Index einer persönlichen Sichtweise verbunden ist (Taylor 1995).

è Externes und internes Objekt: Gibt es diese Resonanz wirklich?

è In der Kultursphäre Widerhall zum eigenen machen. Finde ich mich durch die Kultur wieder?

è Angebote zur Selbstfindung. Ähnlich wie Butler habe ich noch keinen Ort gefunden, an dem ich mich ganz zu Hause fühle.

è Bildung-Kultur-Identität: Bildung im eigentlichen Sinn ist immer Selbstbildung. Ich finde in diesem Punkt die Realität recht schwachsinnig bezogen auf unser Schul- bzw- Hochschulsystem. Genau dort, ist Bildung so wie gerade im eigentlichen Sinn eben nicht Selbstbildung, sondern Reproduktion von Wissen (Bulimie-Lernen) dessen was Lehrer*innen oder Dozent*innen vorschreiben oder abfragen. Schaut man sich die Promotionsordnungen an, wird umso deutlicher, dass nicht unbedingt die Selbstbildung, sondern die Note zählt, die unter dem Masterabschluss steht, wie an der Universität zu Köln, der Universität Görlitz, der RWTH Aachen und der FH Aachen. Diese schreiben einen Notenschnitt vor, der nicht schlechter sein darf, als eine Eins vor dem Komma. Ich habe in solchen Kontexten wie Schule, Bildung NIE als Selbstildung erlebt, sondern immer durch Lehrer*innen determiniert, die mir vorgeschrieben haben, was genau ich zu wissen und zu können habe. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich mich so schwer damit tue eine “EIGENE” Meinung zu formulieren, weil ich nicht so recht weiß, was den damit gemeint und was den davon noch eine “EIGENE” Meinung ist, wenn ich mich auf Literatur oder Artikel berufe. Ich bringe dabei ja nichts wirklich eigenes zutage, weder neue Denkanstöße, die es noch nie in irgendeiner Form gegeben hat, noch eine wirklich “EIGENE” Meinung.

è Ich finde es schwierig, das “schlechte” Noten wie eine 2,0 eine Promotion ausschließen. Man hat mir ja jetzt schon gesagt, mit einer 2,0 in der mündlichen Prüfung bräuchte ich mich schon gar nicht mehr für eine Promotion an der Fakultät bewerben. Das ärgert mich, weil ich mir bei allem immer die größtmögliche Mühe gebe, dafür aber keine angemessene Anerkennung erhalte.

è Selbstbildung meint Arbeit an der eigenen Identität. Dann bin ich wohl ungebildet, weil ich nicht weiß, was meine Identität ist. Außer das ich “schlecht” bin und von anderen in meiner Identität beschädigt werde, da ich aufgrund meines familiären Hintergrunds und meines sehr hohen eigenen Anspruchs ein leichtes Opfer für Mobbing, Ausgrenzung und Diffamierung bin. Was ja auch niemanden interessiert, wenn ich es sage!

è Indentitätsarbeit heißt Sensibilisierung für die individuelle Resonanz überindividueller Werte. So wie ich es verstehen, habe ich persönlich absolut kein Gefühl von Sensibilisierung für individuelle Resonanz. Was ist denn individuelle Resonanz?

è Werte sind kulturell vermittelte Sinnobjektivationen. Verstehe ich nicht.

è Bildung ist Arbeit am Sinn! Ist Bildung nicht eher die Frach NACH dem Sinn? Ich wüsste nicht, wie Bildung Arbeit am Sinn sein soll. Mein Sinn im Leben ist es, den Master in Sozialer Arbeit mit bestmöglichen Noten zu schaffen, um promovieren zu können und danach selbst in die Lehre zu gehen. Das ist mein Sinn. Alles in allem tue ich mich hier sehr schwer, überhaupt etwas sinnvolles zu Papier zu bringen, weil ich nicht weiß, wer ich bin auf den Begriff Identität bezogen. Ich weiß das ich 26 Jahre alt bin, in Aachen wohne usw. Aber dies hat nichts mit “mir” zu tun, um dies erklären zu können. Ich habe hier das Gefühl zu dumm zu sein, weil ich auch gar nicht weiß, wie ich mich an der Stelle selbstreflektiere. Irgendwie weiß ich nicht, wie das gehen soll, habe mich damit auch im Bachelor schon schwer getan, weil ich einfach nicht weiß, wie man das “richtig” macht. Und vorallem wozu? Ich bin immer schon sehr pragmatisch gewesen, das ist der Grund, arum ich für Selbsteinschätzung absolut kein Gefühl habe. Ich habe immer das Gefühl, mich als blöd zu outen, eben weil ich die moisten Anforderungen an eine sehr gute Leistung nicht kenne. Ich habe nur einen Hauptschulabschluss auf dem Gymnasium erreicht und nie eine Facharbeit schreiben müssen, obwohl ich eine “Fachhochschulreife” in Gestaltung danach gemacht habe. Ich habe nie Unterstützung von irgendwem oder von Eltern oder Freunden erhalten. Ich bin einfach frustriert, da ich nie gelernt habe, was ich machen muss, um sehr gut zu sein.

Anzuführen wären hier noch zu meinen Anmerkungen das Buch Ein säkuläres Zeitalter (Taylor 2012), welches sich mit der Entstehung der disziplinierenden Gesellschaft, sozialer Vorstellungsschemata der Neuzeit, dem Gespenst des Idealismus und den Begriffen von Säkularisierung und Glaube auseinandersetzt. Weiterentwickelt hat Taylor seine Thesen durch das Buch Die Wiedergewinnung des Realismus (Taylor 2016), in welchem er sich mit dem “Bild” auseinandersetzt, welches uns gefangen hielt, erläuterungen darlegt, wie man diesem Bild entkommt, Prüfungen der Überzeugungen darlegt und auf die Begriffe des verkörperten Verstehen und des pluralistischen Realismus eingeht. Aufgebaut sind seine Werke auf älteren Titeln wie: Das Unbehagen an der Moderne (Taylor 1995); Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung (Taylor 2009) und Die Formen des Religiösen in der Gegenwart (Taylor 2001), die einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung Taylors Standpunkten von Identität unter Berücksichtigung von Kultur und Werten geleistet haben.

Eine entscheidende Gegenposition seiner Darstellungen übernimmt von Glasersfeld (von Glasersfeld 1997) und Watzlawick (Watzlawick 2005) als Vertreter des radikalen Konstruktivismus. Der Radikale Konstruktivismus ist in erster Linie eine Kritik des Realismus, Er setzt jenem einen Relativismus entgegen, der Objektivität zur Unmöglichkeit erklärt. Vorallem subjektive Beobachterpositionen erscheinen ihm wesentlich.

“Tendenzen zum Solipsismus sind vorhanden, dennoch grenzt sich der radikale Konstruktivismus von diesem klar ab. Zirkuläre Denkvorgänge werden nicht als logisch fehlerhaft, sondern als unvermeidlich betrachtet. Der radikale Konstruktivismus vertritt ein kritisches Wissenschaftsprogramm, das unzureichend reflektierte Vorstellungen hinterfragt. Seine These, dass alles “nur” konstruiert sei, wird manchmal als Abwertung des konstruierens verstanden.

Der Erlanger Konstruktivismus wertet das Konstruieren dagegen auf und setzt es zur Klärung der wissenschaftlichen Grundlagen, vor allem der Begrifflichkeit wissenschaftlicher Theorien ein. Der Erlanger Konstruktivismus macht sich die nachvollziehbare Rekonstruktion von Begriffen zum Programm und ist bestrebt, begriffliche Unklarheiten in der Wissenschaft zu erkennen, begründete Alternativen dazu zu erarbeiten und auf diesem Wege Missverständnismöglichkeiten im wissenschaftlichen Austausch zu werringern. Er ist auf dem Konzept der wissenschaftlichen Gemeinschaft ausgerichtet, während der Radikale Konstruktivismus einen oberflächlichen Konsens in Frage stellt.

Der Interaktionistische Konstruktivismus bezieht Handlungen in Lebensweltlichen, soialen und kulturellen Kontexten ein. Dabei versucht er, die subjektiven Beobachterpositionen vor dem Hintergrund kultureller Teilnahme- und Aktuersrollen zu reflektieren. Neben der theoretischen Begründung legt der Ansatz vor allem Wert auf pädagogische Anwendungen.”

Abschließend halte ich es nach sorgfältiger Abwägung aller Positionen damit, mich keener so richtig zugehörig zu führen. Bei Taylor und Frankfurt fehlen mir wesentliche Aspekte von Determinierung von Außen, sowie festgeschriebene Werte oder die “Freiheit” des Willens nach Kant. Welchen ich nicht für Frei halte. Auf der Anderen Seite knn ich mich mit dem Konstruktivismus und seinen unterschiedlichen ausprägungsformen auch nicht identifizieren, gerade wenn es um Kriege, Gewalt etc. geht. Ich halte es trotzdem mit Kant an dieser Stelle: “sapere aude!” Wage es, dich der Vernunft zu bedienen und über die Sapiosexualität einen Zugang zu hochintellektuellem Austausch sowie meiner Identität zu finden.

Eine ethische Kritik aus der Sozialen Arbeit ist daher im Folgenden unabdingbar.

3 Ethische Kritik aus der Sozialen Arbeit

Nach der Betrachtung der Theorien von Judith Butler, Pierre Bourdieu und Charles Taylor, wird im Kontext des gesellschaftlichen Lebens an dieser Stelle für mich immer deutlicher, dass es nicht nur um wissenschaftlich fundierter Analyse von Sachverhalten geht, sondern auch darum, damit aktiv die Gesellschaft kritisch zu hinterfragen und zu verändern.

Kritisch zu betrachten ist an dieser Stelle trotz der Ausführlichkeit der Erklärungen der Menschen- und Grundrechte der Inhalt. Schon in der Einleitung wird die Einhaltung der Menschenrechte als ein zu erreichendes Ideal suggeriert, faktisch festzuhalten ist jedoch, dass in keiner mir bekannten Einrichtung bis heute über die Wichtigkeit der Achtung der Menschenrechte und dahingehend die Betrachtung der 30 Artikel gesprochen wurde. Außerdem ist in diesen Artikeln nicht festgehalten, welche Konsequenzen oder Strafen ein Verstoß gegen die Menschenrechte mit sich bringen muss. Nicht alle Nationen haben die Artikel der Menschenrechte anerkannt. Dementsprechend werden diese nicht überall auf der Welt eingehalten. Kontrollen gibt es keine.

Artikel 5:

„Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“

Beinhaltet weder die Festlegung ob damit körperliche, geistige oder seelische Behandlung gemeint ist, dieser ist schwammig formuliert, da Folter oder Behandlung sowohl körperlich, als auch geistig oder seelisch sein kann. Dies wird aber nicht erwähnt, ausgeschlossen werden kann daher nicht, dass seelische erniedrigende Behandlung nicht mitinbegriffen ist.

Zu Artikel 15:

„1. Jeder hat das Recht auf eine Staatsangehörigkeit.

2. Niemandem darf seine Staatsangehörigkeit willkürlich entzogen noch das Recht versagt werden, seine Staatsangehörigkeit zu wechseln.“ (UN Department for General Assembly and Conference Management German Translation Service 2016).

Hier wäre die kritische Frage zu stellen: Warum muss ich eine Staatsangehörigkeit haben? Was ist, wenn ich keinem Staat angehören möchte? Aus diesem Artikel geht nicht hervor, ob ich eine Staatsangehörigkeit haben muss.

Artikel 16 sieht vor:

„1. Heiratsfähige Frauen und Männer haben ohne Beschränkung auf Grund der Rasse, der Staatsangehörigkeit oder der Religion das Recht zu heiraten und eine Familie zu gründen. Sie haben bei der Eheschließung, während der Ehe und bei deren Auflösung gleiche Rechte.

2. Eine Ehe darf nur bei freier und uneingeschränkter Willenseinigung der künftigen Ehegatten geschlossen werden.

3. Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat.“ (UN Department for General Assembly and Conference Management German Translation Service 2016).

Hierbei ist kritisch zu hinterfragen: Wie kann es dann sein, dass Heiratsfähige Frauen und Frauen oder heiratsfähige Männer und Männer oder heiratsfähige Trans*genderpersonen bei der Eheschließung, während der Ehe und bei deren Auflösung immernoch nicht gleiche Rechte haben? Die Familie, die auch als homosexuelles, transsexuelles oder ähnliches eine natürliche Grundeinheit der Gesellschaft bildet, hat gleichermaßen Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat. Dies passiert bis heut nicht bzw. nur durch kleinschrittige Änderungen. Sozialarbeiter*innen müssen an dieser Stelle nicht nur die Rechte der Menschen vertreten, sondern eine Gesellschaft aushebeln, in der immernoch Diskriminierung, Diffamierung, Ausgrenzung und Mobbing aufgrund von Geschlecht, Rasse oder Hautfarbe möglich ist.

Artikel 18 beschreib folgendes:

„Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.“ (UN Department for General Assembly and Conference Management German Translation Service 2016).

An dieser Stelle möchte ich kritisch auf die vorherrschenden gesellschaftlichen Standards hinweisen, welche sich nicht mit den gelehrten Theorien Sozialer Arbeit vereinbaren lassen. Dadurch, dass viele Träger einer bestimmten Glaubensrichtung angehören, werden weitaus weniger Menschen ohne religiöse Überzeugung eingestellt. Außerdem ist es in der heutigen Zeit verwerflich, dass selbst an der Katholischen Hochschule, im Bezug auf Professor*innen in Lehre und Forschung diese dem katholischen Glauben angehören müssen, um dort lehren zu dürfen. Als seien Menschen anderer Glaubensrichtungen eben Menschen zweiter Klasse. Jemand der keiner Religion, oder einer anderen als dem katholischen Glauben angehört, kann an einer katholischen Hochschule aufgrund des Wissens und der Bildung allein genauso gut dozieren, als jemand mit katholischem Glauben. Möchte man also im Bereich der Hochschullehre Fuß fassen, wird man automatisch dazu gezwungen, den katholischen Glauben annehmen zu müssen, selbst wenn man mit der katholischen Kirche so viel am Hut hat, wie ein Fisch mit Fahrrad fahren. Dies ist eine große Benachteiligung von hochintellektuellen Bildungsaspirant*innen, die in der Hochschullehre tätig werden wollen. Das Argument dabei ist immer, dass es ja auch staatliche Institutionen in Lehre und Forschung gibt, jedoch entspricht gerade im Bereich der Religion die Benachteiligung anderer Religionsformen die Freiheit der Praktizierung der Religionsfreiheit. Artikel 18 schließt allerdings die Geschlechtsfreiheit nicht mit ein, diese müsste außerdem hinzugefügt werden. Demnach müsste Artikel 18 lauten: Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens-, Geschlechts-, Rassen- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion, sein Geschlecht, seine Rasse oder Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion, sein Geschlecht, seine Rasse oder Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Darstellung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.

Artikel 22 besagt folgendes:

„Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.“ (UN Department for General Assembly and Conference Management German Translation Service 2016).

Einen persönlichen Kommentar an dieser Stelle möchte ich noch zu Artikel 22 geben: Faktisch ist es so, dass es augenscheinlich ein Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf besteht, dies aber durch die Gesellschaft verhindert wird. Ein treffendes Beispiel dafür ist meine eigene Studiensituation bis September 2016 gewesen:

Meine Stelle im Jugendzentrum musste ich aufgrund des hohen Arbeitspensums und der fehlenden Hilfe seitens der Pfarre aufgrund meines hohen Pensums für den Masterstudiengang aufgeben, da ich nach meinem Masterstudium promovieren will.

Vom Bafögamt erhalte ich 360 Euro, von denen ich 260 Euro Miete, 31 Euro Strom, 83 Euro Krankenversicherung bezahle. Unterm Strich bleibt nichts übrig. Das Arbeitsamt sagt, da ich in einem Vollzeitstudiengang Soziale Arbeit studiere, ist ALG I nicht möglich, da ich dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehe. Das Jobcenter sagt, da ich in einem Vollzeitstudiengang Soziale Arbeit studiere, ist ALG II nicht möglich, da ich nicht berechtigt bin ALG II zu beziehen, da ich zum einen Bafög erhalte und zum anderen nur gefördert würde, wenn ich das Studium aufgebe und an einer Maßnahme teilnehme. Das Bafögamt sieht sich auch nicht in der Pflicht eine höhere Zahlung vorzunehmen, sodass ich wiederum dadurch gezwungen bin eine Stelle mit hohem Arbeitspensum anzunehmen, um mir Lebensmittel leisten zu können, da ich keine Freunde und Verwandte habe, die mich unterstützen könnten. Selbst das Sozialamt sagt, ich sei nicht berechtigt Hilfe zu erhalten, da ich studiere und Bafög beziehe. An dieser Stelle erfahre ich nichts von sozialer Sicherheit und Anspruch darauf. Wie mag es dann erst denjenigen gehen, die nach hier kommen, ohne gerade ein Studium zu absolvieren? Ein Stipendium ist an dieser Stelle aufgrund der Kürze des Studiums (Übergang zwischen zweitem und dritten Semesters des Masterstudiums) nicht möglich.

Unter Hinzuziehung der Grundrechte in Form des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland, komme ich an dieser Stelle dazu, die Rechtsform der Bundesrepublik Deutschland zu hinterfragen, genauso wie die Darstellung des „Personalausweis“, welcher zur Klassifizierung als Personal der Bundesrepublik Deutschland führt. Dieser umfasst falsche Angaben(Heimat und Recht 2016) wird allerdings zur Identitätskontrolle verwendet (Schäbel 2016).

Professionelle Soziale Arbeit als Appell im Kontext von (Geschlechts-)Identität bedarf der Hinterfragung der Gesellschaft und der offenen Arbeit im Bezug zu Identität. Der Frage danach: Sind wir wirklich freie Menschen? Was ist, wenn ich mich mit dem Leben in dieser Gesellschaft nicht identifizieren kann? Was ist, wenn das Leben in dieser Gesellschaft keinen Sinn macht? Was kann man dagegen tun Personal der Bundesrepublik Deutschland GmbH zu sein?

Hierbei gilt es die drei genannten Theorien kritisch zu betrachten und gleichzeitig damit die Gesellschaft zu hinterfragen. Es braucht Theoretiker*innen, die nicht nur feststellen, dass die Gesellschaft so und so ist, sondern gleichzeitig auch, für Veränderung und Zerstörung dieser Gesellschaftsmodelle zu kämpfen. Das klingt zwar utopisch, ist aber genau der Grund, warum Sozialarbeiter*innen kaum bis nichts veröffentlichen. Weil sie sich immer auf jemanden beziehen, statt etwas gänzlich Eigenes hervorzubringen. Eigene Studien zu entwickeln und diese durchzuführen etc.

Der sogenannte Habitus, den Bourdieu beschreibt (Bourdieu 1985), wird heute immer noch unhinterfragt zu Ausgrenzung, Diskriminierung, Diffamierung und Mobbing genutzt, ohne seine Theorien kritisch zu hinterfragen oder anzuprangern. Ein Appell muss sein, sich gegen solche Konventionen zur Wehr zu setzen. Hierbei fragt man sich, warum gegen den Habitus einer Gesellschaft nicht vorgegangen wird. Warum wird es einfach so hingenommen? Warum wird Diskriminierung, Mobbing und Ausgrenzung aufgrund einer sichtbaren Verkörperung der Lebensgeschichte nach Bourdieu (Bourdieu 1985) nicht härter durchgegriffen, wenn man weiß, dass es solche Ordnungsgrundlagen gibt, die aber den Menschenrechten wiedersprechen. Warum gibt es nur wenige Menschen, die sich dafür einsetzen, für alle Menschen egal welcher Rasse, Identität, Religion, Sexualität ein gutes Leben zu schaffen. Das was Menschen machen ist Ausgrenzung, Diskriminierung, Diffamierung und Mobbing durch wegschauen unterstützen. Es wird viel zu wenig darauf geachtet, wenn Menschen offen zugeben eine oder alle dieser Verachtungsformen durch andere Menschen zu durchleben. Dagegen getan wird nichts. An dieser Stelle ist man als Mensch auf sich allein gestellt. Wie kann so etwas gerade in Sozialer Arbeit sein? Wie kann man wegschauen mit Sozialer Arbeit vereinbaren? Wie kann man fehlenden Durchgreifen höherer Instanzen bei solchen Verachtungsformen mit Sozialer Arbeit in Einklang bringen, wenn dies aus der Sozialen Arbeit heraus passiert. Bourdieu zeigt zwar anschaulich welchen Einfluss das Kapital und der Habitus auf die Gesellschaft haben, er gibt aber keine Lösungsmöglichkeiten für diese Problematiken an (Bourdieu 1985). Vielleicht weil sich niemand darum bemüht, dafür Lösungsmöglichkeiten zu finden? Wir als Sozialarbeiter*innen werden durch das Studium Sozialer Arbeit blind und taub gemacht für die wirklich relevanten Dinge Sozialer Arbeit. Nicht einmal im Bachelorstudium haben wir die Erklärung der Menschenrechte ausführlich betrachtet, nicht einmal haben wir uns ausführlich mit den Grundrechten auseinandergesetzt. Über Geschlechtsdefinitionen gab es auch keine Vorlesung oder ein Seminar. Wie kann es sein, dass Gender und Queer Studies gar nicht auftauchen? Es braucht Menschen, die sich gegen vorgefertigte Konzepte wehren, nicht mit Positionen konform gehen, sondern diese hinterfragen. Am meisten im Studium gestört hat mich, dass man fast überall fremdbestimmt wurde. Wesentliche Aspekte der Geschlechterforschung dabei aber nie betrachtet wurden.

Ich habe es satt, mich fremdbestimmen zu lassen!

Ich habe es satt, immer alles aushalten zu müssen!

3.1 Qualifizierung von Sozialarbeiter*innen

Entwicklungsbedarf sehe ich auch meiner Meinung nach dahingehend, dass Sozialarbeiter*innen mehr auf Forschung, Lehre und Leitungspositionen vorbereitet werden sollten und dazu zeitintensive, individuelle Betreuung notwendig ist, die an der KatHO Aachen sowohl im Bachelor-, als auch im Masterstudiengang meiner Meinung nach, noch nicht gegeben ist. Im Bereich der Vorbereitung im Bachelorstudiengang auf mögliche Studien im Sinne angewandter Praxisforschung, werden leider immer weniger Programmkenntnisse und theoretisches Wissen vermittelt zum Leidwesen der Studierenden, welche auf Dozierende treffen, die sich auf die Freiheit der Lehre berufen.

„Kern der vorbehaltlos gewährten Lehrfreiheit ist insbesondere die freie Wahl von Inhalt und Methode der Lehrveranstaltungen.“ (Bundesverfassungsgericht 2010).

Einige grundlegende Probleme stellen dabei zum Einen die schwammigen Formulierungen von möglichen Lehrinhalten in den Modulhandbüchern der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen dar, welche nicht zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit ansich beitragen, zum Anderen bedeutet Freiheit der Lehre, dass Dozent*innen Inhalte und Methoden der Lehrveranstaltungen selbst wählen können, was dazu führt, dass auch Inhalte als wissenschaftlich vermittelt werden, die dann beispielsweise im nächsten Seminar als unwissenschaftlich deklariert werden. Ich sehe hier einen der Gründe für das ausbleiben kritischer Appelle, da Studierende sich an dieser Stelle nach nichts richten können, um sehr gute Leistungen zu erzielen und professionell auf den sozialarbeiterischen Beruf vorbereitet zu werden. Da die Aussagen der Dozierenden immer wieder divergieren und als „falsch“ oder „richtig“ bezeichnet werden. In einem forschungsorientierten Masterstudiengang sollte es hauptsächlich um Forschung gehen, das und Supervision, sowie berufsbezogene Selbsterfahrung kommen allerdings zu kurz. Supervision und berufsbezogene Selbsterfahrung, Genderseminare, Queerstudies, sowie Seminare, welche sich hauptsächlich mit kritischem Diskurs der Sozialen Arbeit befassen, werden nicht angeboten. Vertreter von Praxisstellen werden in Seminare eingeladen, um die Relevanz von Sozialer Arbeit zu unterstreichen, nicht aber - und da sehe ich eine große Kritik, um aufzudecken wie desaströs in und durch die Praxisvertreter*innen in den Einrichtungen gearbeitet wird und wie schlecht die Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter*innen wirklich sind.

Des Weiteren verstehe ich die Argumentationsstruktur nicht, wie man einerseits sagen kann, dass mehr Leute im Bereich der Forschung gebraucht werden, um die Profession Sozialer Arbeit zu etablieren, andererseits aber die Möglichkeiten im Bereich der Forschung in den Masterstudiengängen allein schon durch den Notenschnitt des Bachelor-Abschlusses von 2,0 als Zulassungskriterium für den Masterstudiengang beschränkt werden. Das ist für mich absolut nicht schlüssig. Jeder Bachelorstudierende sollte die Möglichkeit wie auch an anderen Hochschulen haben, ohne Numerus Clausus eine Zulassung zum Masterstudiengang seiner oder ihrer Wahl zu bekommen. Zusätzlich kommt hinzu, dass einigen Studierenden im Bachelorstudiengang der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen die Möglichkeit der Absolvierung eines Masterstudiengangs genommen wird, wenn der Bachelor-Abschluss schlechter als 2,0 bewertet wird. Um an anderen Hochschulen einen Masterabschluss zu erlangen ist meist kein Notenschnitt des Bachelors vorgegeben. Allerdings müssen Studierende, die das Bachelorstudium Sozialer Arbeit an der Katholischen Hochschule absolviert haben, für eine Zulassung zu einem Masterstudiengang an einer anderen Hochschule zusätzliche Seminare belegen, da der Abschluss mit 180 statt 210 Credits endet.

Ich habe positiv festgestellt, dass mein Anspruch an mich und andere Menschen in meinem Beruf und meinem Studium selbst immer sehr hoch ist, ich versuche immer das allerbeste Ergebnis von allen des Seminars zu erzielen und bin sehr enttäuscht, wenn ich mir die größte und meiste Mühe für etwas gegeben habe, die längste Zeit in die Arbeit für die Hochschule investiert habe und mein eigenes Ziel nicht erreicht wird. Das frustriert mich sehr, da ich mich ausschließlich durch meine Leistungen und Noten definieren kann und will. Dies findet im Kontext des Hochschulstudiums allerdings aufgrund der Vorurteile von vielen Dozent*innen gegenüber Studierenden (Faulheit) wenig anklang. Ich möchte auch in Form einer Note die Wertschätzung erhalten, die ich für angemessen halte, da absolut nicht klar ist, nach was und wie genau die Leistungen an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen bewertet werden, da dies für Studierende nicht transparent gestaltet ist.

Zur Zeit treibt mich die Situation um, einfach nicht wissenschaftlich genug zu sein. Aber was heißt es denn wissenschaftlich genug zu sein? Was muss ich denn tun, um so wissenschaftlich genug zu sein in Hausarbeiten oder ähnlichem eine 1,0 zu bekommen? Und damit zu sichern, dass ich die Promotion im Anschluss machen kann. Alle Hochschulen haben mir mitgeteilt, dass eine Promotion mit einem Schnitt von 2,0 oder schlechter nicht möglich sei. Dementsprechend muss die Gesamtleistung um einiges besser als 2,0 sein, um überhaupt zur Promotion zugelassen zu werden. Ich verstehe nicht, das dagegen niemand vorgeht so behandelt zu werden und Kapital und Habitus nach Bourdieu (Bourdieu 1985) einfach so hingenommen werden, man nichts gegen die Exzellenzkultur unternimmt. Es braucht Menschen, die Interesse an Lehre und Forschung und deren kritische Hinterfragung von Gesellschaft haben, nicht die 1,0 im Abschluss des Masterstudiengangs. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine 2,0 in einer mündlichen Prüfung für eine Hochschule mit Promotionsvorhaben ein absolutes K.O. Kriterium ist. Wie kann es sein, dass uns immer nur im Studium vorgegaukelt wird, nicht die beste Leistung für eine Promotion zählt, sondern das Forschungsinteresse? Mich stört an der Stelle, dass ich, ja auch gerade WEIL es vorausgesetzt wird, dass wir ja alle wissenschaftlich arbeiten können, keinerlei Hilfestellung seitens Dozenten oder ähnliche bekomme. Für mich ist einfach nicht klar, ist es inhaltlich nicht gut, wenn es inhaltlich nicht gut ist, warum nicht? ODER ist es formal nicht gut, wenn es formal nicht gut ist, warum nicht? Mir ist einfach überhaupt nicht klar was ich besser machen muss, um eine sehr gute Note zu erhalten! Dies wurde auch schon auf vielerlei Nachfragen im Bachelor nicht thematisiert, dann wundert es mich nämlich auch nicht, bei den Dingen, die im Bachelor gefehlt haben, dass sich so wenige für den Master entscheiden. Vieles ist absolut nicht besprochen worden und absolut nicht transparent. Ich habe beispielsweise im Bachelor erst nach Abschluss meiner Thesis in einem Seminar erfahren, mit SPSS umzugehen. Im Bachelor wurde Grafstat als Mittel der Wahl angepriesen, was im Master dann plötzlich als nicht wissenschaftlich deklariert wird. WARUM WIRD ES DANN IM BACHELOR ALS WISSENSCHAFTLICH VERMITTELT??? Warum lernen wir im Bachelor nicht, wie man wissenschaftliche Interviews führt??? Warum gehört zum Bachelor nicht dazu, von vornherein mit SPSS eine wissenschaftliche Auswertung zu lernen? Warum gibt es im Bachelor keine Seminare oder Vorlesungen zur Wichtigkeit von Forschung, Forschungsprojekten und ähnlichem? Wenn man doch den „Forschungsnachwuchs“ stärken will!!! Im zweiten Semester des Masters erst etwas über die Perspektive danach in die Forschung zu gehen, zu erfahren, finde ich die absolut falsche Herangehensweise, da es aber die einzige Stelle ist, an der das passiert, ist dies absolut notwendig. Außerdem gibt es weder im Bachelor noch im Masterstudiengang die Möglichkeit und Hilfestellung bei einem Stipendium zu erhalten, weil sich niemand konkrekt dafür zuständig fühlt! Im zweiten Semester des Masters ist der Zug dafür dann ja eh schon abgefahren. Für mich ist klar, ich will nach meinem Masterabschluss promovieren und in die Forschung, eben weil ich etwas ändern möchte dahingehend für Studierende die Situationen zu verbessern!

3.2 Schwarzbuch der Praxiseinrichtungen

Die Idee des Schwarzbuch der Praxiseinrichtungen geht auf die Idee des Schwarzbuch der Sozialen Arbeit (Seithe 2011) zurück. Es gibt zwar das „Schwarzbuch“ Sozialer Arbeit, welches als Beitrag „zur 'Thematisierung und Skandalisierung der Folgen neoliberaler Sozialpolitik für die Soziale Arbeit“ (Seithe 2011) zu betrachten ist, jedoch lässt dieses und alle anderen wissenschaftlichen Werke zum Thema einen großen Bereich außer Acht, nämlich den Zustand der Institutionen und die Bewertung dieser in denen Sozialarbeiter*innen in der Praxis tätig sind, oder wie an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen auf den Beruf der Sozialen Arbeit vorbereitet werden sollen. Dementsprechend sehe ich die Erstellung eines Schwarzbuch der Praxiseinrichtungen als Aufdeckung eines Tabu-Themas wie schlecht Einrichtungen ausgestattet sind, mit Mitarbeiter*innen umgehen oder Mobbing, Diffamierung, Diskriminierung, Ausgrenzung auf der Tagesordnung stehen, aber nicht nach außen getragen werden dürfen, um ein vorgegaukeltes „sauberes Image“ von Einrichtungen zu wahren, in denen auch zum Teil gravierend viele unbezahlte Überstunden auf der Tagesordnung stehen.

Ich sehe meine Aufgabe als Sozialarbeiter*innen die Betroffenen Sozialarbeiter*innen in Einrichtungen zu Wort kommen zu lassen, in denen über solche Themen nicht gesprochen wird und wo diese Themen nicht von Relevanz sind. Ich selbst habe meine Praktikumsstellen und Arbeitsstellen in der Sozialen Arbeit als unprofessionell und die Mitarbeiter*innen eher als stagnierend, als appellierend kennengelernt.

Meine erste Arbeitsstelle nach dem Bachelorstudium und im Masterstudium Sozialer Arbeit musste ich aufgrund des hohen Arbeitspensums und der fehlenden Hilfe und Unprofessionalität im Umgang mit Aufsichtspflicht und Kinderschutz seitens der Pfarre aufgrund meines hohen Pensums für den Masterstudiengang aufgeben, da ich nach meinem Masterstudium promovieren will.

Im Januar 2016 habe ich die Aufnahme der Leitungsstelle einer kleinen offenen Tür begonnen. Drei Monate habe ich folgendes erlebt: Ausschließlich nur Konflikte, Mobbing, fehlende Unterstützung, unzählige Überstunden, fehlender Vertrag bis heute, falsche und unwahre Voraussetzungen im Einstellungsgespräch, keine oder nur sehr geringe finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt bekommen, Unzufriedenheit von Eltern und mobbing mir gegenüber, Übergriffe zwischen Teilnehmer*innen, Versuch die Einrichtung inhaltlich überhaupt Arbeitsfähig zu bekommen, dahingehend auch hohe Schimmel und Müllproblematiken, Arbeit alleine ohne Mitarbeiter*innen, Honorarkräfte oder Ehrenamtliche (die, die einmal gekommen sind, wollten in der Einrichtung kein zweites Mal arbeiten), große Auseinandersetzungen mit dem Berufseinführer des Bistums Aachen und dahingehend immer wieder Offenlegung der Schließung, da es keinen Bedarf gibt und Abwerbung für andere Stellen. Auf Anraten einiger Dozenten habe ich dann die Kündigung der Stelle vorgenommen, da sich diese inhaltlich und zeitlich und aufgrund der zahlreichen Problematiken mit dem Studium nicht vereinbaren lässt. Danach schriftliche Lebens-Bedrohung und Lügen seitens der Pfarre, sowie fachliche und fundierte Auseinandersetzung mit dem Jugendamt bezüglich der Einrichtung. Allerdings ist die Stelle nun weiterhin ausgeschrieben und eine Öffentlichmachung des Grundzustands sowohl inhaltlich als auch menschlich bezüglich der Einrichtung erfolgte nicht. Das Schwarzbuch der Praxiseinrichtungen Sozialer Arbeit soll dahingehend solche Problematiken offenlegen und deutlich machen, was in Einrichtungen passiert und was falsch läuft. Was aktiv getan wird, um Soziale Arbeit aktiv mitgestalten zu können und wie die Realität sich von Arbeitsverträgen und Schönrederei in Vorstellungsgesprächen unterscheidet. Es muss dahingehend dringend nicht nur auf der Meta-Ebene offengelegt werden, wie es um die Soziale Arbeit und deren Folgen neoliberaler Sozialpolitik bestellt ist (Seithe 2011) sondern wie desaströs Sozialarbeiter*innen von Einrichtungen in der Praxis behandelt werden und welche Auswirkungen diese Macht der Leitungen o.Ä. sich auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter*innen auswirkt. Neben der Notwendigkeit für eine bessere Bezahlung zu kämpfen, geht es allerdings auch darum, Einrichtungen anzuprangern und sich für eine Schließung oder Kontrolle der Einrichtungen einzusetzen, die die Belastungsgrenzen von Mitarbeiter*innen nicht akzeptieren, an Mitarbeiter*innen sparen, dementsprechend hohe Überstunden produzieren und psychisch und körperlich sogar Schuld an Burnout oder Tod haben. Ein Tabu-Thema, dessen sich niemand annehmen will. Welche Einrichtung möchte sich schließlich öffentlich und transparent auf den Prüfstand stellen lassen und seine Mitarbeiter*innen öffentlich zu Wort kommen lassen, dass die Erwartungen der Chefs oder Leitungen dazu führen, Burnout und Tod von Mitarbeiter*innen zu begünstigen. Dementsprechend Menschen andere Menschen bewusst kaputt machen, um sich selbst aufzuwerten, wo wir wiederum bei Butler, Bourdieu, Taylor angelangt wären, welche Gesellschaftsstrukturen aufdecken, allerdings praktische Lösungsvorschläge der Auflösung von Gesellschaft oder gesellschaftlichen Problem ausbleiben. Demnach nur eine Feststellung, keine Lösungen erfolgen, wie gegen Gesellschaft vorzugehen ist, um diese zu zerstören und für alle Menschen lebenswert zu machen. Es kann nicht sein, dass sich Mitarbeiter*innen in schlechten Berufskontexten nicht öffentlich zu Wort melden, weil sie Angst um den Verlust ihres Arbeitsplatzes haben müssen und dadurch oder durch Arbeitgeber*innen gezwungen werden zu schweigen. Dies wiederspricht gänzlich den Grund- und Menschenrechten und dies gilt es aufzudecken!

Außerdem werden Studierende der Sozialen Arbeit auf eine Arbeit in Teams oder Gruppenkontexten vorbereitet. Vielfach erfolgt die Arbeit aber auch in Einzelkontexten ohne Teams, hierbei ist eine ungenügende wissenschaftliche Begleitung zu erkennen, wie denn damit umzugehen ist, wenn Einrichtungen keine Teams, oder Teamstrukturen haben und man gänzlich als Sozialarbeiter*in auf sich allein gestellt ist.

Nachfolgend möchte ich daher Professionelle Soziale Arbeit als Appell sehen und kritisch Konsequenzen für professionelle Arbeit als Apell betrachten.

3.3 Professionelle Soziale Arbeit als Appell

Wann fangen Sozialarbeiter*innen endlich an, sich zu wehren? Allem voran die Arbeit auf Augenhöhe einzufordern (Kretschmer 2014), die Wahrung und Achtung der Menschenrechte einzufordern (Amnesty International 1948), sowie die Rechte nach der UN-Kinderrechtskonvention einzufordern (Unicef 2015). Diese Impulse sind maßgeblich für die Aufdeckung von desaströsen Verhältnissen in Praxisstellen der Sozialen Arbeit und die kritische Hinterfragung dieser als Sozialarbeiter*in.

Eine reflexiv – kritisch – positionierte professionelle Identität zum Ende des Studiums setzt sich dabei kritisch mit den Schwerpunkten Demografie, Alter, gesundheitliche Vorsorge, Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession, dem Professionsverständnis, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Inklusion und Barrierefreiheit, psychosoziale Behandlung suchtkranker Menschen, Rassismus und rechtsradikale Tendenzen, Berufseinstieg, Berufsinteressenvertretung, Kirche als Arbeitgeber und staatliche Tarifsysteme auseinander. Durch umfangreiche Theorien wird ein Grundstein für die Befähigung in der Sozialen Arbeit gelegt, um die Tätigkeiten wissenschaftlich fundiert ausführen zu können, jedoch bleibt eine kritische Hinterfragung der Praxiseinrichtungen weiterhin ein Tabu-Thema.

Hierbei steht der Ethik-Code für die Soziale Arbeit nach dem Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit im Vordergrund4. Dabei stehen Kontroverse Interessen, Loyalitätskonflikte, das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle, die Interessen der Klient*innen, gesellschaftliche Anforderungen und begrenzte Ressourcen im Vordergrund und bedarf grundlegender, kritischer Reflexion. In Bezug auf Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession schreibt der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit folgendes:

„Die Profession Soziale Arbeit fördert sozialen Wandel, Problemlösungen in menschlichen Beziehungen und die Stärkung und Befreiung von Menschen, um das Wohlergehen zu stärken.

Gestützt auf Theorien über menschliches Verhalten und sozialer Systeme greift Sozialarbeit an den Stellen ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Wechselwirkung stehen.

Die Grundlagen von Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit sind für die Soziale Arbeit wesentlich.“ (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. 2015).

Wichtig ist dabei auch die Betrachtung vieler weiterer Punkte auf der Agenda des DBSH (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. 2004):

- Menschenrechte
- Kinderrechte
- Bürgerliche Rechte
- Politische Rechte
- Beseitigung von Diskriminierung

Abbau von sozial-ökonomischen Hürden, hin zu gesellschaftlicher Partizipation Um die Prinzipien hier kurz aufzuschlüsseln werden Menschenrechte, Menschenwürde und Soziale Gerechtigkeit genannt.

Menschenrechte und Menschenwürde (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. 2009):

1. Das Recht auf Selbstbestimmung achten
2. Das Recht auf Beteiligung fördern
3. Jede Person ganzheitlich behandeln
4. Stärken erkennen und entwickeln

Soziale Gerechtigkeit (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. 2009):

1. Negativer Diskriminierung entgegentreten
2. Verschiedenheit anerkennen
3. Gerechte Verteilung der Mittel
4. Ungerechte politische Entscheidungen und Praktiken zurückweisen
5. Solidarisch arbeiten

Abschließend möchte ich folgende kritische Fragestellungen zum Weiterdenken stellen:

Wie viele Sozialarbeiter*innen gibt es, die sich gegen die Gesellschaftsstrukturen stellen?

Wie viele Sozialarbeiter*innen gibt es, die öffentlich schildern, wie schlecht es in Institutionen zugeht?

Wie viele Sozialarbeiter*innen gibt es, die kein Teil der Gesellschaftsstruktur mehr sein wollen und dies ausleben?

Wie viele Sozialarbeiter*innen gibt es, die kostenlosen Wohnraum und Sozialleistungen für alle zu gleichen Bedingungen einfordern?

Wie viele Sozialarbeiter*innen spielen nicht nur „Theater“ (Goffman 2003)?

Wie viele Sozialarbeiter*innen kämpfen noch in der Gesellschaft um bessere Arbeitsbedingungen, dazu zähle ich allerdings nicht die Mitgliedschaft im Berufsverband Sozialer Arbeit oder der Arbeit im Deutschen Gewerkschaftsverband?

Wann und wie können Sozialarbeiter*innen realisieren, dass nur Sie allein für eine kritische Hinterfragung von Gesellschaft stehen und nutzen diese Möglichkeit?

Wann lösen sich Sozialarbeiter*innen endlich von Normen und Konventionen und Fordern eine individuell betrachtbare Leistung ein, statt einer habituell oder Kapital geprägten Leistungsabfrage?

Und um noch ein weiteres Fass der langen Liste an Fragen aufzumachen:

Wie gehe ich mit der fortschreitenden Ökonomisierung um, wenn ich diese nicht unterstützen möchte?

Welche Möglichkeiten habe ich, der Ökonomisierung entgegen zu wirken?

Warum darf sich mein politisches Mandat nicht ausschließlich parteilich im Sinne der Klient*innen ausrichten?

Wie kann es sein, dass viele Sozialarbeiter*innen in Ausbildung keinen revolutionären Geist mehr haben um gegen prekäre Verhältnisse etwas zu tun und sich für die Soziale Arbeit stark zu machen?

Wie kann es sein, dass viele Studierende sich mit dem Bachelor zufrieden geben?

Wie kann es sein, dass sich kaum noch Studierende der Sozialen Arbeit für kritische Soziale Arbeit, und authentische politische Aktionen interessieren?

Wie kann es sein, dass ein Master in Sozialer Arbeit einen NC von 2,0 des Bachelors braucht, obwohl die Noten in der Praxis für Forschung und Lehre nicht maßgeblich sind?

Wie kann es sein, dass muslimische Studierende im Bachelor und Masterstudiengang studieren, aber auf der anderen Seite nicht als Dozent*innen lehren dürfen, weil sie nicht dem katholischen Glauben angehören? Und das im 21. Jahrhundert!

Warum interessieren sich außerhalb des Studiums weniger Studierende für (politische) Aktionen? Wie kann es sein, dass das einfach so hingenommen wird?

Wie kann es sein, dass für den Master nur 18 Plätze jeweils angeboten werden, obwohl der Bedarf deutlich höher ist und in vielen Vorlesungen davon gesprochen wird, dass die Forschung durch uns als Sozialarbeiter*innen das Professionsverständnis weiter etabliert, gefestigt und vorangebracht werden soll?

Wie kann es sein, dass wir Studierenden im Bachelor-Studium Sozialer Arbeit nur unzureichend auf Leitungspositionen vorbereitet werden, obwohl vielfach Studierende schon jahrelange Erfahrung im Bereich der Sozialen Arbeit mitbringen?

Wie kann es sein, dass wir Studierenden im Master-Studium Sozialer Arbeit zwar auf die Ökonomisierung des sozialen Bereichs aufmerksam gemacht werden, aber beispielsweise kaum Inhalte zu sozial tragbarer und wirtschaftlicher Arbeitsweise, sowie Nachhaltigkeit haben?

Wie kann es sein, dass im Bereich des Moduls Angewandte Praxisforschung im Bachelor Studiengang Sozialer Arbeit, keine Lerninhalte wie Nutzung von Programmen zur Erstellung von Fragebögen oder Interviewkompetenzen mehr vermittelt werden?

Wie soll die Wissenschaft für gute Praxis ermöglicht werden, wenn die Professionalität der Lehre teilweise sehr in Frage gestellt werden kann (unzureichende oder gar fehlende Quellen, Rechtschreibfehler, Falsche oder unwahre Aussagen und Zitate, Verstoß gegen Bildrechte usw.)?

Wie kann eine gesellschaftliche Gestaltung ab dem Rentenalter als selbstbestimmtes Altern im ambulanten Bereich konzipiert werden?

Wieso interessieren sich immer weniger Studierende für Barrierefreiheit?

Diese Fragen können bei weiterem Nachdenken noch unendlich lang weitergeführt werden.

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Details

Seiten
44
Jahr
2016
ISBN (Buch)
9783668644328
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v413475
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,0
Schlagworte
streitschrift hinterfragung gesellschaft sozialarbeiter ethische kritik sozialen arbeit

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Titel: Streitschrift für eine Hinterfragung der Gesellschaft durch Sozialarbeiter(innen). Ethische Kritik aus der Sozialen Arbeit