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Das narrative Interview als Forschungsmethode im Kontext der Erziehungswissenschaft

Hausarbeit 2017 13 Seiten

Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vorstellung der Methode
2.1. Qualitative Interviews
2.2. Forschungsverfahren „narratives Interview“
2.3. Ablauf des narrativen Interviews
2.4. Vorteile und Nachteile des narrativen Interviews
2.5. Auswertung des narrativen Interviews

3. Vorstellung der Studie: Akademikerinnen, die in Fernbeziehung leben

4. Anwendung des narrativen Interviews in der Studie

5. Darstellung der Ergebnisse

6. Aktualität der Studie

7. Diskussion
7.1. Anwendung des narrativen Interviews im Kontext der Erziehungswissenschaft
7.2. Kritik des Verfahrens

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Im Seminar „Einführung in die qualitative Sozialforschung“ bekommen Studierende die Möglichkeit, unterschiedliche Themenbereiche kennenzulernen: Grundlegendes zur qualitativen Forschung, Sampling, qualitative Interviews, Fokusgruppen, beobachtungsgestützte Datenerhebung, Verhältnis zwischen Forscher/in und Teilnehmer/in, Fotografie und Videografie, Triangulation und grundsätzliche Prinzipien der Datenanalyse. In dieser Arbeit geht es um den Einsatz einer dieser Methode in der Forschung, und zwar das narrative Interview. Im ersten Teil werden die Begriffe, die Methode in ihren theoretischen Grundlagen und die methodologische Diskussion genauer vorgestellt. Des Weiteren wird die Anwendung des narrativen Verfahrens anhand eines Beispiels dargestellt: einer Studie zu den Auswirkungen auf die Lebensführung akademisch gebildeter Frauen, wobei im Mittelpunkt der Untersuchung „Akademikerinnen, die in Fernbeziehungen leben“ (Scheunemann, 2009), stehen. Scheunemann fragt, wie Frauen aus dem akademischen Milieu mit der Situation einer Fernbeziehung umgehen, wie sie diese kommunizieren und reflektieren und welche Auswirkungen gesellschaftliche Mobilitätserfordernisse auf ihre Lebensführung haben. Diese Studie gelang der Autorin mithilfe von narrativen Einzelinterviews, die mit der qualitativen Inhaltsanalyse wissenschaftlich bearbeitet wurden. Im Folgenden soll zunächst die Anwendung der Interviewmethode auf die Studie betrachtet werden. Des Weiteren erfolgt eine Diskussion über mögliche Probleme qualitativer Interviews und Schwierigkeiten der Studie. Die qualitative Inhaltsanalyse als herangezogene Auswertungsstrategie wird ebenfalls vorgestellt. Abschließen soll diese Arbeit mit einem Fazit, das aufzeigt, ob die Methodenwahl im Hinblick auf die Studie und die Anwendung des narrativen Interviews im Kontext der Erziehungswissenschaft geeignet sind.

2. Vorstellung der Methode

2.1. Qualitative Interviews

Unter qualitativer Sozialforschung ein sinnverstehendes, interpretatives wissenschaftliches Verfahren bei der Erhebung und Analyse sozial relevanter Daten zu verstehen. Die qualitative Forschung setzt vielfältige Methoden ein. Als Methode nach Bennewitz (2010) werden einzelne Verfahren der Erhebung und Auswertung empirischer Daten bezeichnet. Zu den Methoden der qualitativen Sozialforschung gehören die qualitativen Interviews. Im deutschsprachigen Raum wird in der erziehungswissenschaftlichen qualitativen Forschung die Erhebungsmethode des Interviews bevorzugt (vgl. Bennewitz, 2010, S. 49). „Interviews werden deshalb häufig eingesetzt, erhält man doch auf diesem Weg einen Zugang zum Forschungsfeld, zu den interessierenden Personen und ihren Konstruktionen von Sinn und Bedeutungen, die wiederum ihr Handeln steuern“ (Friebertshäuser, Langer & Prengel, 2010, S.437). Ziel des qualitativen Interviews ist es, möglichst unverfälscht die Redeweise des Befragten zu erfassen. Anhand eines Leitfadens werden „offene“ Fragen gestellt.

2.2. Forschungsverfahren „narratives Interview“

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf einer besonderen Form des Interviews, und zwar auf dem narrativen Interview, das eine Form des qualitativen Interviews darstellt. Das Verfahren wurde in den 1970er und 1980er Jahren von dem Soziologen Fritz Schütze entwickelt. Wichtig ist für diese Interviewform der Begriff „Erzählung“. „Der Befragte wird nicht in distanzierter Weise zu einem Geschehen und seinem Handeln befragt, sondern wird zum Wiedererleben eines vergangenen Geschehens gebracht und dazu bewegt, seine Erinnerung daran möglichst umfassend in einer Erzählung zu reproduzieren“ (Küsters, 2009, S.21). Das narrative Interview ist „eine derjenigen Erhebungs- und Analyseverfahren, welche die Erfahrungs- und Orientierungsbestände des Informanten bei weitgehender Zurücknahme des Forschereinflusses unter den Relevanzgesichtspunkten des Informanten möglichst immanent zu rekonstruieren versucht“ (Schütze, 1987a, S.254). Es zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Verlauf des Interviews völlig offen ist und dem Befragten genügend Zeit gegeben wird, über besondere Ereignisse oder entscheidende Punkte seines Lebens zu erzählen. Diese Ereignisabläufe soll er in einer Stegreiferzählung wiedergeben. Stegreiferzählungen sind unvorbereitete Erzählungen, während der der Erzählende nicht unterbrochen werden darf. Nach Glinka (2003) entstehen Stegreiferzählungen aus der Situation heraus als etwas Neues. Der Hauptteil eines narrativen Interviews besteht aus der Erzählung selbst erlebter Ereignisse durch den Befragten, d.h., in allen narrativen Interviews handelt es sich um Erzählungen von Ereignissen, an denen der Erzähler selbst teilhatte, sei es in der Rolle des Gestalters, des Opfers oder von jemandem, der nur dabei war. „Oberstes Handlungsziel des narrativen Interviews ist es, über expandiertes Erzählen die innere Form der Erlebnisaufschichtung des Informanten hinsichtlich der Ereignisse zu reproduzieren, in welche er handelnd und erleidend selbst verwickelt war“ (Schütze, 1987a, S.49). Dementsprechend ist das Ziel des narrativen Interviews, „[…] durch die Dynamik des Erzählvorgangs wieder zu verflüssigen und so der Tendenz nach […] den damaligen Erlebnisstrom erneut zu verlebendigen und auf diese Weise die Erfahrungsaufschichtung des Gedächtnisses zu konkretisieren und aufzufrischen“ (ebd., S.237).

2.3. Ablauf des narrativen Interviews

Voraussetzung für das narrative Interview ist die Bereitschaft des Interviewpartners, über sein Leben zu erzählen, die in der Regel mit der Zustimmung zu einer Interviewdurchführung gegeben ist. „Am Anfang des Interviews besteht die zentrale Aufgabe des Interviewers in der ‚Öffnung der Bühne‘, damit die beteiligten Personen ihre Rollen finden und einnehmen können“ (Hermanns, 2000, S.363 zitiert nach Jakob, 2010, S.225). Bevor der Interviewer eine Erzählaufforderung einsetzt, gibt er eine kurze Einführung in den Zweck des Interviews bzw. wofür die Angaben der Befragten verwendet werden. Technische Modalitäten, wie Anonymität oder Aufzeichnung des Gesprächs, können ebenfalls thematisiert werden. Wenn dies alles verstanden und akzeptiert worden ist, „kann eine offen gehaltene Erzählaufforderung formuliert werden, die vom/von der/dem Erzähler/-in ratifiziert werden muss“ (Jakob, 2010, S.225). Hier wird versucht zu erklären, unter welchen Aspekten selbst erlebte Ereignisse erzählt werden sollen. Dem/der Befragten soll klargemacht werden, dass er/sie nicht berichten, sondern zwanglos erzählen soll. Nach der Erzählaufforderung folgt dann die Haupterzählung. In dieser Phase beginnt der/die Befragte ohne Unterbrechungen zu erzählen. Während der Haupterzählung nimmt der/die Interviewer/in die Rolle eines/einer interessierten Zuhörers/Zuhörerin ein und unterstützt durch gelegentlich aufmunternde verbale Äußerungen oder nonverbale Gesten (vgl. Glinka, 2003, S.12). Nach Abschluss der Haupterzählung können Nachfragen, die während des Erzählens entstanden sind, gestellt werden. „In der sich anschließenden Phase der exmanenten Nachfragen können Themen angesprochen werden, die bisher nicht erwähnt wurden, aber aus der Forschungsperspektive wichtig sein könnten. Die exmanenten Nachfragen können auch dazu genutzt werden, Bilanzierungen und Deutungen des Erzählers im Hinblick auf seine Lebensgeschichte zu ermitteln“ (Jakob, 2010, S. 225). Abschließend wird das bisher Erzählte zusammengefasst und bewertet.

2.4. Vorteile und Nachteile des narrativen Interviews

Wie jedes Forschungsinstrument hat auch das narrative Interview seine Grenzen. Glinka (2003) sagt, dass mit diesem Verfahren nicht alle denkbaren Typen sozialer Erscheinungen untersucht werden können. Die folgende Tabelle veranschaulicht die Vor- und Nachteile des narrativen Interviews:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Stangl, Werner (1997). Zur Wissenschaftsmethodik in der Erziehungswissenschaft.

2.5. Auswertung des narrativen Interviews

Zunächst ist für die Auswertung eines Interviews eine Transkription notwendig. Dabei wird das Interview zugleich anonymisiert. Es gibt viele Auswertungsverfahren, mit denen narrative Interviews analysiert werden können, wie beispielsweise das Auswertungsverfahren nach Schütze, das in sechs Arbeitsschritte gegliedert ist: 1. formale Textanalyse, 2. strukturelle inhaltliche Beschreibung der Darstellungsstücke, 3. analytische Abstraktion, 4. Wissensanalyse, 5. kontrastive Vergleiche unterschiedlicher Interviewtexte, 6.Konstruktion eines theoretischen Modells (vgl. Küsters, 2009, S.77). Eine weitere Möglichkeit ist das Auswertungsverfahren nach Rosenthal. Das Verfahren gliedert sich in die folgenden Auswertungsschritte: „1. Analyse der biographischen Daten (Ereignisdaten); 2. Text- und thematische Feldanalyse (Analyse der Textsegmente – Selbstpräsentation/erzähltes Leben); 3. Rekonstruktion der Fallgeschichte (erlebtes Leben); 4. Feinanalyse einzelner Textstellen (kann jederzeit erfolgen); 5. Kontrastierung der erzählten mit der erlebten Lebensgeschichte; 6. Typenbildung“ (Rosenthal, 2005: 152, zitiert nach Küsters, 2009, S.83). Neben diesen beiden Möglichkeiten der Analyse ist es auch möglich, narrative Interviews mit anderen texthermeneutischen Verfahren zu analysieren. Da in dieser Arbeit hinsichtlich der vorgestellten Studie von Scheunemann auf die qualitative Inhaltsanalyse als Auswertungsstrategie zurückgegriffen wurde, wird zunächst dieses Verfahren genauer vorgestellt. „Bei einer qualitativen Inhaltsanalyse werden in der ersten Phase der Auswertung und Analyse qualitativer Interviewdaten die auf einem Datenträger aufgezeichneten Gespräche nach vorher festgelegten Transkriptionsregeln […] transkribiert und anonymisiert“ (Scheunemann, 2009, S.98). Der Grundgedanke der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2010) ist, die methodische Systematik der Content Analysis im Umgang mit auch umfangreichen Textmaterialien beizubehalten und auf die qualitativen Analyseschritte der Textinterpretation anzuwenden. Es geht um eine Zusammenfassung des Textes, die den im Text enthaltenen Sinn in sogenannten Kategorien darstellt, die ihrerseits in einem System organisiert sind. Die qualitative Inhaltsanalyse kann nach Mayring (2010) manifeste Kommunikationsinhalte, also bewusste und explizite Aussagen von Befragten, untersuchen. „Der Psychologe arbeitet mit einem aus neun Stufen bestehenden Ablaufmodell, das auch bei der vorliegenden Untersuchung berücksichtigt wurde:

1. Festlegung des Materials (relevante Ausschnitte, Textstellen)

2. Analyse der Entstehungssituation (Beschreibung der Erhebungssituation)

3. Formale Charakterisierung des Materials (Transkriptionsregeln)

4. Richtung der Analyse (Was möchte ich herausfinden?)

5. Theoriegeleitete Differenzierung der Fragestellung (Forschungsfrage)

6. Bestimmung der Analysetechnik (siehe Stufe 8)

7. Definition der Analyseeinheit (Kategorien)

8. Analyse des Materials

a) Zusammenfassung

b) Explikation als Kontextanalyse

c) Strukturierung

9. Interpretation (Gesamtdarstellung)“ (Scheunemann, 2009, S. 100).

„Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich bei der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring um einen Reduktionsprozess handelt. Nachdem der/die ForscherIn das vorliegende Material sichtet, legt er/sie ein System von Kategorien fest. Bestimmte Aussagen werden durch die interpretativen Techniken Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung herausgearbeitet und den Kategorien zugeordnet“ (ebd.).

[...]

Details

Seiten
13
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668647749
ISBN (Buch)
9783668647756
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v413488
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
interview forschungsmethode kontext erziehungswissenschaft

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Titel: Das narrative Interview als Forschungsmethode im Kontext der Erziehungswissenschaft