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Populistischer Nationalismus? Ein Vergleich der Diskurse, Vorstellungen und Feindbilder des Nationalismus und rechtspopulistischer Bewegungen

Hausarbeit 2017 24 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Allgemeines / Vergleiche

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Nationalismus
2.1 Typologien des Nationalismus in der Forschung
2.2 Leitbilder der nationalistischen Ideologie

3. Nationalistische Elemente des Rechtspopulismus

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Der Titel dieser Arbeit unterstellt dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts und dem gegenwärtigen Rechtspopulismus bereits gewisse Kongruenzen. Die vorliegende Arbeit thematisiert das Phänomen des deutschen Nationalismus hinsichtlich seines Entstehungszusammenhangs und seiner Ideologie im 19. Jahrhundert. Als Instrument zur Ideologisierung diente dem Nationalismus ein reiches Repertoire stereotyper Vorurteile, die der Identitäts- und Alteritätskonstruktion dienten. Nachgegangen werden soll der Frage, ob diese im 18. Jahrhundert zu ideologischen Zwecken gebildeten Stereotype bis in die jüngste Zeit überlebt haben und im derzeitigen rechtspopulistischen Diskurs eine Renaissance erfahren. Was ist eine Nation? Was ist Nationalismus und warum entstanden beide Phänomene? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Nationalismusforschung spätestens seit 1945 intensiv. Daher werden zu Beginn die wichtigsten Definitionen und Forschungsschwerpunkte der jüngeren Nationalismusforschung komprimiert dargestellt. Im Anschluss daran soll der Entstehungszusammenhang des Nationalismus kurz erläutert werden. Nach Hans-Ulrich Wehler entstand der Nationalismus als Antwort auf strukturelle Krisen der frühmodernen westlichen Gesellschaften und ihrer brüchig gewordenen Weltbilder.1 Schien der Nationalismus seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges an Wirkmächtigkeit verloren zu haben, so ist er in der Denkart der deutschen Bevölkerung seit einiger Zeit wieder auf dem Vormarsch.2 Die Zugehörigkeit zu einer Nation ist bis heute für einige Menschen von elementarer Bedeutung. Zwar stimmt die aktuelle historische Forschung überein, dass die Nation keine natürlich gewachsene Größe ist, dennoch sind im Alltagswissen Vorstellungen über die Wesenhaftigkeit von Nationen und Nationalitäten vorhanden. Benedict Anderson prägte den Begriff der Nation als „ imagined community “. Doch diese imaginierten Vorstellungen schaffen tatsächlich Realitäten, die die politische und gesellschaftliche Großwetterlage in jüngster Zeit prägen.3 Es fällt schwer diese „re-nationalisierenden“ Tendenzen, die europaweit zu beobachten sind, einzuordnen. Wie sind diese Phänomene zu bewerten und warum gibt es sie? Was ist Patriotismus und was ist Nationalismus gestern und heute? Wie verhält sich Rechtspopulismus zum Nationalismus? Peter

Alter bemerkt, dass der alte Nationalismus der neue sei. Genau wie beim alten benötige der neue Nationalismus ebenso seine Feindbilder.4 Im dritten Kapitel soll der Frage nachgegangen werden, welche Elemente des Nationalismus populistisch sind und welche Feindbilder er hat. Es soll aufgezeigt werden, auf welchen Ideenfundus der deutsche Rechtspopulismus zurückgreift und welche Feindbilder er hat. Ziel dieser Arbeit ist es darzustellen, welche Elemente des frühen Nationalismus bis in den gegenwärtigen rechtspopulistischen Diskurs überlebt haben.

2. Nationalismus

2.1 Typologien des Nationalismus in der Forschung

Der Begriff des Nationalismus ist einer der mehrdeutigsten Begriffe in der Geschichtswissenschaft. Der Begriff kann sowohl die Unterdrückung anderer „Völker“ als auch eine liberale Freiheitsbewegung meinen.5 Aus diesem Grunde muss im Folgenden genauer definiert werden, was unter den Begriffen Nation und Nationalismus in der Wissenschaft gemeint ist, um in einem weiteren Schritt das zu beobachtende Erstarken des Nationalismus in der Gegenwart besser einordnen zu können. Der folgende Abschnitt soll einen zumindest holzschnittartigen Überblick über die wichtigsten Leitbegriffe und Typologisierungen der jüngeren Nationalismusforschung geben. Dieser Abriss kann aufgrund der Fülle der Publikationen zum Thema keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern versucht wichtige Meilensteine der neueren Nationalismustheorien nachzuzeichnen. Da es zum einen wenig sinnvoll wäre alle Definitionen passiv- rezipierend darzustellen und dies darüber hinaus im Rahmen dieser Seminararbeit nicht geleistet werden kann, benenne ich an dieser Stelle nur diejenigen Begriffsannäherungen, die mir bei der Beantwortung der eingangs gestellten Leitfrage, welche Elemente des Nationalismus rechtspopulistisch sind, zielführend erscheinen. Um einen ausführlichen Überblick in die Nationalismusforschung zu erhalten, empfehle ich die Einführung „ Nation und Nationalismus “ von Rolf- Ulrich Kunze.6

In der Wissenschaft lassen sich präzisiert drei Forschungsschwerpunkte festmachen. Der erste Forschungsstrang untersucht die sozialen Strukturen und ihre Träger. Dabei werden vor allem die verschiedenen Formen des Nationalismus analysiert. Die zweite Richtung erforscht den Zusammenhang zwischen Modernisierung und „ nationbuilding “. Diese Ansätze betrachten den Nationalismus primär als Integrationsideologie und als Reaktion auf den Niedergang der bis dato geltenden Sinngebungssysteme. Drittens lässt sich ein kulturwissenschaftlicher Forschungsstrang festmachen, der nationale Identität als Ergebnis beständiger Konstruktionsprozesse betrachtet. In meine Arbeit fließen vor allem die kulturwissenschaftlichen Arbeiten der jüngeren Nationalismustheorien ab den 1980er Jahren, aber auch die Untersuchungen der zweiten Forschungsrichtung ein. Denn die sozialen, industriellen und politischen Modernisierungsprozesse waren von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung westlicher Gesellschaften. Aus diesem Grund muss der Nationalismus im Kontext dieser Umbrüche betrachtet werden.7

Am Beginn der modernen Nationalismusforschung steht der französische Orientalist, Religionswissenschaftler und Schriftsteller Ernest Renan, der sich 1882 in seinem Vortrag „ Was ist eine Nation? “, die bis heute für die Wissenschaft zentralen Fragen aufwarf. Renan kann als erster Begründer der modernen Nationalismusforschung gelten, da er bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts Nationen als moderne Phänomene begreift, die keine ahistorische Gebilde sind.8 Nationen sind nach Renans Verständnis nicht das Resultat einer zielgerichteten geschichtlichen Entwicklung ethnisch homogener Völkergruppen, die sich von Stammesverbänden, über Großreiche bis endlich zur Nation hin entwickelten.9 Der Autor weist darüber hinaus auf einen weiteren wichtigen Punkt hin. Er thematisiert die Kriterien, nach denen darüber entschieden wird, wer sich einer bestimmten Nation zugehörig fühlen darf: „ Man verwechselt die Rasse mit der Nation und spricht den ethnischen oder besser den sprachlichen Gruppen eine Souver ä nit ä t nach dem Muster der wirklich existierenden V ö lker zu. Versuchen wir also, ü ber diese schwierigen Fragen nachzudenken, bei denen die geringste Unklarheit ü ber den Sinn der Worte am Ende zu den verh ä ngnisvollsten Irrt ü mern f ü hren kann. “ 10

Damit beschreibt Renan die Auffassung eines subjektiven Nationsbegriffs. In der Nationalismusforschung wird zwischen einem „subjektiven“ und einem „objektiven“ Nationsbegriff unterschieden. Der subjektive Nationsbegriff beschreibt die Vorstellung, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation auf der freien Entscheidung eines jeden Individuums beruht. Festgemacht wird die Zugehörigkeit nicht an vermeintlich „objektiven“ Eigenschaften, wie der Sprache, Ethnizität oder Ähnlichem, sondern beruht allein auf der individuellen Überzeugung der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation. Nach dieser Logik wird die Staatsangehörigkeit mit der Nationszugehörigkeit gleichgesetzt.11 Das Konzept des subjektiven Nationsbegriffs geht auf die Französische Revolution zurück. Für den Abbé Sieyès ist eine Nation schlicht eine Gesellschaft, die unter einem gemeinschaftlichen Gesetz lebe und durch dieselbe gesetzgebende Versammlung vertreten werde.12 Bereits Friedrich Meinecke unterscheidet 1908 zwischen der Staats- und der Kulturnation13, um durch diese Differenzierung den Nationsbegriff zu definieren.14 Meineckes Begriff der Staatsnation entspricht einem subjektiven Nationsbegriff. Ein objektiver Nationsbegriff kongruiert hingegen mit dem Begriff der Kulturnation. Kulturnationen beruhen nach Meinecke auf einem gemeinsamen Kulturbesitz, wie beispielweise der Religion. Staatsnationen hingegen auf einer politischen Verfassung. Dabei können Nationen jedoch auch gleichzeitig Staats- und Kulturnation sein.15 Rainer Lepsius definiert den Begriff der Kulturnation nicht wie Meinecke über die Übereinstimmung ethnischer Merkmale. Eine Kulturnation akzeptiere lediglich die „Unrealisierbarkeit“ eines Nationalstaates und versucht als Substitut dafür eine kulturelle Identität herzustellen.16 In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Vorstellung einer gemeinsamen Kultur als Zugehörigkeitskriterium besonders in den Ländern von Bedeutung, die noch nicht über einen Nationalstaat verfügten, wie in Deutschland, Italien, in Osteuropa und Südeuropa.17 Otto Dann stellt die Behauptung auf, dass es für Deutschland bis heute ein besonderes Merkmal sei, eine Kulturnation zu sein.18 Trifft diese Behauptung zu? Und wenn ja, was sollen dann diese „objektiven“ Merkmale der deutschen Nation sein? Als Pendant zu dem in der Forschung geläufigen Begriff der Kulturnation, der von „objektiven“ Kriterien der Zugehörigkeit ausgeht, verwendet Lepsius den Begriff der „Volksnation“. Die „Volksnation“ konstituiert sich nach Lepsius auf einer behaupteten gemeinsamen ethnischen Abstammung. Da diese ethnische Gleichheit oftmals nur schwer festzumachen sei, wird eine kulturelle Identität konstruiert, die sich in Kategorien wie der Religion, Sprache oder einer historischen gemeinsamen Vergangenheit eines Volkes festmacht. Dabei wird dieses Volk als eine ahistorische und nicht politische Einheit imaginiert. Gleichzeitig wird in einer „Volksnation“ das Wohl des Volkes über das des Individuums gestellt, sodass nach Lepsius demokratische und individuelle Freiheitsrechte zugunsten des Volkes eingeschränkt werden. Diese Form der Nation zeichne sich vor allem auch durch eine Herrschaft der Eliten aus, in der jede Opposition als „unnational“ oder als „Reichsfeinde“ diffamiert werden könne. Generell enthalte die Idee der „Volksnation“ das Potential der Abwertung anderer Völker.19 Lepsius definiert Nationen als gedachte Ordnungen, die Solidarverbände zu einer Einheit bestimmen. Diese Kollektive erklären sich nach bestimmten Kriterien zu eben jener Einheit. Diese Ordnungsprinzipien können kultureller, ethnischer oder staatsbürgerlicher Art sein. Da die Prinzipien, nach denen sich Nationen gründen gedacht und unterschiedlicher Art sind, können diese keineswegs naturwüchsig sein, womit sie den jeweiligen historischen und soziokulturellen Bedingungen und Machtverhältnissen unterworfen ist. Das Ordnungskriterium der Nation erhebt dabei gegenüber anderen Kategorien, wie beispielsweise der Religion, Konfession oder der Klasse einen höherrangigen und allgemeineren Anspruch.20

Die Forschung geht bis etwa 1980 von einem essentialistischen Nationsbegriff aus. In der älteren Forschung bestand überwiegend Konsens darüber, dass Nationen ahistorische Gebilde seien, die immer existiert haben. Zwar konnten Nationen eine gewisse Zeit durch bestimmte Ereignisse verborgen gewesen sein, dennoch hätten sie stets existiert. Nationen sind dann folglich natürlich gewachsene Gebilde oder wie Wehler es präzisiert, die Nation wurde als „ ahistorisches sozialontologisches Kollektiv “ gedacht. 21 In der Wissenschaft wurde die Auffassung vertreten, dass diese als ewig existierend vorgestellte Nation das Anrecht auf einen eigenen Staat besessen habe. Um die Existenz der Nation zu legitimieren und ihr Sinnhaftigkeit zu verleihen, wurde ein eigenes Wertesystem entwickelt.22

Seit den 1980er Jahren prägt die konstruktivistische Forschung die Nationalismusforschung. Als „Zäsur“ der klassischen Nationalismusforschung bezeichnet Hans-Ulrich Wehler die Arbeiten Ernest Gellners, Benedict Andersons und Eric Hobsbawns. Mit deren Arbeiten wurde die Nationalismusforschung auf eine neue Basis gestellt.23 Den konstruktivistischen Nationalismustheorien ab den 1980er Jahren ist gemein, dass sie davon ausgehen, dass die Nation nichts Ursprüngliches sein können.24 Wehler selbst vertritt eine Zwischenposition. Er teilt zwar die konstruktivistische Annahme, dass Nationen keine ahistorischen und natürlichen Gebilde sind, sondern sich nach bestimmten menschlichen Kriterien konstruieren. Jedoch werden bei den dekonstruktivistischen Forschungsansätzen die realen, nicht nur sprachlichen historischen Erfahrungen, wie Krieg und Revolutionen nicht mitbedacht.25

[...]


1 Wehler, Hans-Ulrich: Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen, 4. Aufl., München 2011, S. 17. Im Folgenden zitiert als: Wehler: Nationalismus.

2 Borggräfe Henning; Jansen, Christian: Nation. Nationalität. Nationalismus, Bd. 1, Frankfurt a.M./ New York 2007, S. 7f. Im Folgenden zitiert als: Borggräfe/ Jansen: Nation.

3 Wehler: Nationalismus, S. 7-9.

4 Alter, Peter: Nationalismus. Ein Essay über Europa, Stuttgart 2016, S.80.

5 Alter, Peter: Nationalismus, S. 11.

6 Kunze, Rolf-Ullrich: Nation und Nationalismus, Darmstadt 2005.

7 Gramley, Hedda: Propheten des deutschen Nationalismus. Theologen, Historiker und Nationalökonomen (1848-1880), Frankfurt a.M. 2001, S. 15f. Im Folgenden zitiert als: Gramley, Hedda: Propheten des deutschen Nationalismus.

8 Kunze, Rolf-Ulrich: Nation und Nationalismus, S. 10f.

9 Ebd., S. 11.

10 Renan, Ernest: Was ist eine Nation? Rede am 11. März 1882 an der Sorbonne, Hamburg 1996, S.8.

11 Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, erweiterte Neuaufl. Frankfurt/New York 1996, S. 20. Im Folgenden zitiert als: Die Erfindung der Nation.

12

Abbé Sieyès: Was ist eine Nation? 1789, zitiert nach: Alter, Peter (Hg.): Nationalismus.

Dokumente zur Geschichte und Gegenwart eines Phänomens, Berlin 1994, S. 37.

13 Alter, Peter: Nationalismus, S. 19.

14 Kunze, Rolf-Ulrich: Nation und Nationalismus, S. 28.

15 Meinecke, Friedrich: Weltbürgertum und Nationalstaat. Studien zur Genesis des deutschen Nationalstaates, Berlin/München 1908, S.3ff.

16 Lepsius, Rainer M.: Nation und Nationalismus in Deutschland, in: Winkler, Heinrich A. (Hrsg.): Nationalismus in der Welt von heute, Göttingen 1982, S. 19f.

17 Weichlein, Siegfried: Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa, 2.Aufl., Darmstadt 2012, S. 17. Im Folgenden zitiert als: Weichlein, Siegfried: Nationalbewegungen und Nationalismus.

18 Dann, Otto: Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, München 1993, S.36.

19 Lepsius, Rainer M.: Nation und Nationalismus in Deutschland, in: Winkler, Heinrich A. (Hrsg.): Nationalismus in der Welt von heute, Göttingen 1982, S. 15-18.

20 Ebd., S. 12f.

21 Wehler, Hans-Ulrich: Nationalismus, S.36f.

22 Wehler, Hans-Ulrich: Nationalismus, S.7ff.

23 Ebd., S.7.

24 Hobsbawn, Eric J: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780, 3. Aufl., Frankfurt a.M./New York 2005, S. S.15. Im Folgenden zitiert als: Hobsbawn, Eric: Nationen und Nationalismus.

25 Wehler, Hans-Ulrich: Nationalismus, S.10.

Details

Seiten
24
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668646476
ISBN (Buch)
9783668646483
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v413966
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
Schlagworte
populistischer nationalismus vergleich diskurse vorstellungen feindbilder bewegungen

Autor

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