Lade Inhalt...

Was brauchen wirklich braucht. Grammatikalisierung des Vollverbs "brauchen" zum Modalverb

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung: Brauchen im Spannungsfeld zwischen Lehrgrammatik und alltäglichem Sprachgebrauch

2. Brauchen zum Schließen einer semantischen Lü>2.1. Das deutsche Modalverbparadigma
2.2. Die Negation der Modalverben
2.3. Die bisherige (aktuelle) Grammatik von brauchen

3.Textbasierte Untersuchung des Grammatikalisierungsgrades
3.1. Brauchen + Inf. I im aggregierten Referenz- und Zeitungskorpus
3.1.1. Suchanfrage und quantitative Auswertung (Tokenzahl)
3.1.2. Qualitative Auswertung: Der Kontext
3.2. Vergleich verschiedener Domänen

4.Zusammenfassende Einordnung
4.1. Einordnung in die Grammatikalisierungsparameter (nach Lehmann)
4.2. Erklärung der Beobachtungen

5.Fazit und Ausblick

6.Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Brauchen im Spannungsfeld zwischen Lehrgrammatik und alltäglichem Sprachgebrauch

Betrachtet man den Status des Verbs brauchen im Deutschen, so kann man aktuell erkennen, dass es sich in einem Zustand des Umbruchs und im Interesse des wissenschaftlichen Diskurses befindet. So räumt beispielsweise die Online-Grammatik des Duden ein, dass eine Verwendung ohne zu, also mit einfachem Infinitiv, möglich sei, verortet diese Variante allerdings rein in die Umgangssprache. Auch andere Grammatiken gehen diesen Schritt mit, so das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache oder auch die Grammatik von Eisenberg (1994).

Im Gegensatz dazu lassen sich mehrere linguistische Arbeiten finden, die sich der Fragestellung, ob brauchen als Modalverb eingestuft werden kann oder nicht, annehmen und zu dem Schluss kommen, dass eine Verwendung ohne zu in Analogie zu echten Modalverben durchaus akzeptiert und damit möglich sei. So weist nicht nur Bechmann (2014) auf diesen Umstand hin, sondern auch schon Zifonun et al. (1997).

Welche Meinung ist also die vermeintlich „richtige“? Wie sehr wurde brauchen zu einem Modalverb grammatikalisiert, das heißt, wie sehr hat sich seine Kategorie bereits verändert?

Die folgende Arbeit wird sich genau mit diesem Problem beschäftigen, ob brauchen sich von einem ungrammatischen sprachlichen Zeichen zu einem grammatischen (vgl. Diewald 1997:11) entwickelt. Konkret bedeutet dies, dass eine „lexikalische, autonome Form zu einer grammatischen, unselbstständigen“ (ebd.) wird, „‚Inhaltswörter‘“ sich zu „‚Funktionswörter[n]‘“ entwickeln (ebd.:1). Ferner wird geprüft, ob dieser Prozess nun so weit vorangeschritten ist, dass eine Verortung ausschließlich in den informellen – gemeint ist der weniger grammatische – Bereich der Sprache dem Phänomen nicht mehr vollumfänglich gerecht wird.

Zur Begründing wird mit Referenz auf den Aufsatz Bechmanns (2014) herausgearbeitet, welchen Anwendungskontext brauchen und seine Negation haben, um aufzuzeigen, dass es im deutschen Paradigma der Modalverben eine semantische Lücke gibt. Diese wird durch brauchen / nicht brauchen ausgefüllt. Allerdings weder exklusiv parallel zu nicht müssen noch als Negation von können, wie von Bechmann (ebd.) dargestellt.

Um diese Behauptungen zu validieren, findet zunächst eine Untersuchung des Referenzkorpus‘ des DWDS statt. Hierbei steht die Verbreitung einer Kombination von brauchen ohne erweiterten Infinitiv und damit die allgemeinsprachliche Akzeptanz derselben im Fokus. Der Hintergrund dieser Untersuchung ist, dass eine höhere Frequenz des Ausdrucks bei einer deskriptiven Sichtweise die Verwendung von brauchen als Modalverb grammatisch zulässig macht und damit in den regelmäßigen (i.S. regelhaften) Sprachgebrauch Einzug halten lässt.

Hieraus lässt sich dann zum einen ableiten, welchen Stellenwert brauchen ggf. im Modalverbparadigma hat und zweitens, wie produktiv eine zu -Verbindung im Vergleich zum einfachen Infinitiv in der aktuellen Sprache ist. Dass der Fokus der Untersuchung gerade auf diesen Aspekt gerichtet ist, ist u.a. mit der Auffälligkeit einer solchen Konstruktion zu begründen, andererseits mit dessen Stellenwert im aktuellen Diskurs (vgl. Askedal 1997:58).

Abschließend wird dann resümiert, als wie weit vorangeschritten die Grammatikalisierung auf Grundlage der erhobenen Daten tatsächlich beschrieben werden kann und welche Implikationen das für eine Verwendung mit dem erweiterten zu -Infinitiv hat.

Konkret werden bei der Untersuchung des Zeichens also folgende Merkmale untersucht:

1. Hat sich die Semantik des Wortes verändert?
2. Hat sich das Umfeld, in dem das Wort Anwendung findet, gewandelt?

(vgl. hierzu auch 2011:11-12).

2. Brauchen zum Schließen einer semantischen Lücke: Charakteristika der Modalverben

Um die Motivation zu erklären, derentwegen Grammatikalisierungsprozesse überhaupt initiiert werden, schildert SZCZEPANIAK (2011:29), wie „‚Lücken‘“ innerhalb der Grammatik einer Sprache in „kreative[r] Weise“ durch die Sprecher gefüllt werden. Zugrunde liegt dieser Annahme, dass „[das] übergeordnete Ziel von Sprachhandlungen […] die erfolgreiche Kommunikation [ist].“ (ebd.).

Diese prinzipielle Vorstellung soll im Folgenden als Anlass dazu dienen, zu untersuchen, inwiefern es im deutschen Modalverbparadigma eine solche Leerstelle gibt, derer Füllung es bedarf. Das ist deshalb von Interesse, weil so eine erste Erkenntnis gewonnen werden kann, ob ein Grammatikalisierungsprozess überhaupt zu erwarten ist. Eine solche „Lücke“ stellte somit eine hinreichende Bedingung für die Initiierung der Grammatikalisierung dar.

2.1. Das deutsche Modalverbparadigma

Diewald (1997:24) konstatiert, dass „[die] Modalverben, deren Kernbestand von den sechs Verben dürfen, können, mögen, müssen, sollen und wollen gebildet wird, [. . .] in zwei Gebrauchsweisen [auftreten]. [. . . ] [Diese] nennt man meist ‚deontisch‘ [bzw.] ‚epistemisch‘“. Es gibt also eine grundsätzliche Dichotomie zwischen solchen Modalverben, die graduell variierend eine Notwendigkeit ausdrücken (i.e. müssen, sollen, auch können und wollen in bestimmten Aussagen, vgl. ebd.) und solchen, die auf einen Erkenntnisgewinn des Sprechers referieren, oder wie Diewald (ebd.) es ausdrückt, eine „Faktizitätsbewertung“ vornehmen. Vereinfacht: Modalverben dienen im Deutschen dazu, entweder einen illokutionären Aspekt zu verbalisieren, oder aber die Sprecherrealität bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes zu determinieren, was eher der Seite des propositionalen Aktes zuzurechnen ist.[1]

Neben diesen „klassischen“ Modalverben lassen sich in der Literatur auch noch so genannte „Halbmodalverben“ oder „Modalitätsverben“ finden (vgl. Colomo 2011: 216). Diese können nach der Autorin (Colomo 2011:217) zusammenfassend so definiert werden, dass sie „subjektorientierte Anhebungsverfahren [sind], die den 2. Status [d.h. den erweiterten Infinitiv mit zu, Anm. d. Autors] regieren und obligatorisch kohärent konstruieren.“ Das bedeutet, dass solche Halbmodalverben immer mit dem zu- Infinitiv stehen und zusammen mit einem infiniten Verbbestandteil einen Verbalkomplex bilden, der nicht aufgelöst werden kann. Außerdem stellt sie an selber Stelle fest, dass „sie sich durch eine modale Bedeutung [auszeichnen]“. Sie haben also eine klar differente Semantik, die sie von den homonymen Vollverbentsprechungen abgrenzt.

Zu den weiteren distinktiven Merkmalen des Paradigmas der Modalverben zählt, dass sie „in der Regel keine Imperativform [formen] [. . .]. Ein Passiv wird kaum gebildet [. . .]. [Außerdem] bilden [sie] die zusammengesetzten Tempusformen nicht mit dem Partizip II, sondern mit dem Infinitiv.“ (Hoffmann 2013:292).

2.2. Die Negation der Modalverben

Eine weitere wichtige Feststellung bei der Besprechung des Paradigmas sind die Negationsmöglichkeiten der Modalverben. So gibt es hierbei zwei Möglichkeiten, wie sich eine Verneinung mittels Negationspartikel nicht auf die Implikation des Satzes auswirkt. Auf der einen Seite ist ein enger Skopus der Negation möglich, in anderer Lesart spricht man von einem weiten Skopus. Unter diesen Theorien versteht man den Wirkungsgrad der Partikel. Bezieht sich nicht tatsächlich auf das Modalverb selbst, so handelt es sich um einen weiten Skopus. Der enge Skopus liegt hingegen dann vor, wenn der Negator die Proposition insgesamt umkehrt, das Modalverb sich also auf die negierte Proposition bezieht (vgl. Lehmann 2013b, Stichwort „Skopus“).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten2

Welche der beiden Bedeutungen vom Sprecher intendiert ist, lässt sich nur durch die Akzentsetzung bestimmen. Da dieses Merkmal jedoch in geschriebener Sprache fehlt, herrscht hier eine Ambiguität in Form der Homographie vor (vgl. ebd.).

1. Was für ein Bild möchtest du kaufen?

- Weiß ich noch nicht. Es muss kein großer Künstler sein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gleiches hat auch Gültigkeit für die Kombination mit Modalpartikeln wie nur oder bloß, die eine Restriktion ausdrücken (vgl. Penka/ v. Stechow 2001:266).

2. Ich kann nur zwei Fremdsprachen lernen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Penka und von Stechow (2001:266) stellen dabei fest, dass „die Modalverben müssen, können und dürfen in zirkumstantieller Lesart [d.h. deontischer, Anm. d. Autors] eine klare Präferenz für weiten Skopus der Negation [zeigen].“

Die folgenden Übersichten sollen die Ordnung der Modalverben mit ihren hier besprochenen Eigenschaften zusammenfassend veranschaulichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Gebrauch der Modalverben

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Negationen der MV

Man kann also erkennen, dass das entsprechende Paradigma grammatisch relativ stark organisiert ist, auf semantischer Ebene allerdings noch einige Variabilität ermöglicht. Dieser Umstand ist für das Ziel dieser Arbeit von Bedeutung, da hierin die thetische Begründung für einen teilweisen Wechsel von brauchen in selbiges liegt.

2.3. Die bisherige (aktuelle) Grammatik von brauchen

Um erkennen zu können, wie sehr und in welchen Bereichen sich das Zeichen brauchen im Deutschen verändert hat, ist es grundlegend, den Status quo zu kennen.[3] Es geht also um die Frage, welche Eigenschaften dem Wort in den gängigen Grammatiken zugesprochen werden. Das Augenmerk der Klassifikation liegt hierbei auf den Bereichen, die Lehmann in seinen Parametern erwähnt.

Betrachtet man zuerst den Skopus des bisherigen Vollverbs, so ist evident, dass brauchen ein Subjekt (Wer braucht etwas?) und ein Akkusativobjekt („Was braucht er/sie?) bzw. ein Adverbialkomplement (wozu?) (s. E-VALBU) fordert. Somit ist die Satzkonstruktion relativ komplex, das „syntagmatische Gewicht“ (Szczepaniak 2011:21) des Vollverbs entsprechend groß.

Wenn man sich die Semantik des als Vollverb verwendeten Zeichens anschaut, lassen sich mehrere Deutungen beschreiben. So kann es in einem Satz wie Ich brauche dringend Urlaub. als Hauptinformationsträger des Satzes (Prädikat) ausdrücken, dass etwas erwünscht, benötigt wird (hier also der Urlaub). An anderen Stellen lässt sich durch das Verb aber auch auf eine zeitliche Ebene Bezug nehmen (Er braucht zwei Stunden für den Weg zur Arbeit). Ferner kommt in bestimmten Fällen auch eine Paraphrase durch „bedürfen“ in Frage (Es braucht nur einen kleinen Windstoß und das Kartenhaus stützt ein.). Andere Lesarten umfassen außerdem die Bedeutungen von „verbrauchen“ und „gebrauchen“ (zu allen vgl. Duden Online Stichwort „brauchen“). Das Vollverb brauchen ist also polysemantisch und die Bedeutung des Zeichens damit stark kontextabhängig. Damit geht einher, dass es eine relative Wählbarkeit zwischen diesem Wort und einem anderen, synonymen verwendbaren Zeichen gibt, wie schon die Beispiele zeigen. Einzig verbindend ist die obligate Forderung eines Substantives als direktes Objekt.

[...]


[1] Zu den Begrifflichkeiten „Illokutionärer Akt“ und „Propositioneller Akt“ siehe Searle, John R. (1983). Sprechakte. (Originaltitel: Speech Acts). Übersetzung von Rolf Wiggershaus, Renate Wiggershaus. Berlin: Suhrkamp.

[2] Die Zuordnung basiert hier auf der Betrachtung der Negation. Der Skopus des Modalverbs ist entsprechend diametral.

[3] Den Begriff des Status quo ante habe ich deshalb hier in Parenthese eingefügt, weil die Grundlage der Arbeit ja gerade ist, dass der jetzige Stand des Verbs brauchen bereits den modalen Gebrauch inkludiert. Somit ist die folgende Beschreibung logischer Weise eher auf die angenommene Vergangenheit des Zeichens fokussiert.

Details

Seiten
20
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668652583
ISBN (Buch)
9783668652590
Dateigröße
789 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v414385
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Schlagworte
Grammatikalisierung Modalverb Negation Grammatikalisierungsparameter

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Was brauchen wirklich braucht. Grammatikalisierung des Vollverbs "brauchen" zum Modalverb