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Die erste Marokkokrise. Rahmenbedingungen und Hintergründe

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 26 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Rahmenbedingungen
1.1 Die außenpolitische Situation vor der ersten Marokkokrise
1.2 Die Entente cordiale
1.3 Auf der Suche nach neuen Bündnispartnern – Zu viele Köche verderben den Brei

2. Plan und Strategie des Kaiserreichs bis hin zum Scheitern in der ersten Marokkokrise
2.1 Frankreichs Interesse an Marokko
2.2 Die Interessen des Deutschen Reichs an Marokko

3. Die erste Marokkokrise

4. Algeciras
4.1 Alle an einem Tisch – Die Konferenz
4.2 Allein gegen Alle – Die Lager verschieben sich
4.3 Das Desaster von Algeciras – Das Ende der Verhandlungen

5. Eine düstere Zukunft – Die politischen Isolation des Deutschen Reichs

Anhang

Bibliographie

Abbildungsverzeichnis

1. Die Rahmenbedingungen

1.1 Die außenpolitische Situation vor der ersten Marokkokrise

Die Ursachen der politischen Spannungen im Europa des 20. Jahrhunderts liegen weit vor ihren Krisen, welche zwar überstanden, deren Ursachen jedoch niemals beseitigt wurden, sodass der Kriegsausbruch 1914 schließlich nur ein unausweichliches Ergebnis darstellt. Die Situation Europas hatte sich schlagartig 1871 mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs und somit der Auferstehung einer wirklich ernstzunehmenden Bedrohung des, in den Augen der anderen Nationen vorherrschenden, Gleichgewichts durch die Entstehung einer weiteren Großmacht mitten in Europa verändert. Bismarck sah sich am Ziel seiner Politik angelangt und versuchte alles, um den neuen Status quo zu erhalten. Dies erreichte er durch das Versprechen, es ginge überhaupt kein Expansionsdrang vom Deutschen Reich mehr aus, welches als die Saturiertheit des Reiches bekannt ist und zum anderen durch geschickte Bündnispolitik des Reichskanzlers. Diese Bündnispolitik jedoch gilt es genauer zu betrachten, denn so genial diese auf der einen Seite auch war, so kurzsichtig war sie es auf der anderen, denn sie war ein „System starrer ‚Aushilfen‘“[1]. Eine Expansion des Deutschen Reichs und die damit verbundenen Konflikte mit den anderen Mächten in Europa waren nur eine Frage der Zeit, welchen sich zu Bismarcks Zeiten niemand stellte, vermutlich sogar niemand bedachte.

Bismarcks Versuch, Frankreich zu isolieren funktionierte zwar auf dem Papier, doch die Realität sah nicht ganz so rosig aus, wie es das Bündnissystem[2] vermuten lässt. So zum Beispiel stellten sich sowohl Großbritannien, als auch das russische Zarenreich während der Krieg-in-Sicht-Krise 1875 hinter Frankreich, obwohl 1873 das Dreikaiserabkommen zwischen Wilhelm I., Franz Joseph II. und Alexander II. unterzeichnet worden war[3]. Alle Umstände in voller Ausführlichkeit zu nennen, die schließlich zum Kriegsausbruch führten, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, weshalb sich der Verfasser darauf beschränkt, lediglich die Umrisse dieser anzuschneiden und vor allem auf die Ursachen einzugehen, welche sich bereits früh abzeichneten, aber erst nach der ersten Marokkokrise ihren Niederschlag fanden.

1.2 Die Entente cordiale

Die Vielseitigkeit des bismarckschen Bündnissystems brachte auch eine Vielzahl von Konfliktmöglichkeiten innerhalb diesem mit sich. So war es nicht verwunderlich, dass die Balkankrise von 1877/78 zwischen dem russischen und dem Habsburger Reich zu einer Annäherung zwischen Russland und Frankreich führte, da sich diese durch die Berliner Konferenz und die damit verbundene Vermittlung durch Bismarck verärgert sahen[4]. Zwar band diese Krise die beiden deutschen Nationen enger aneinander und der Zweibund sollte auch auf andere Länder, wie zum Beispiel Italien und Rumänien - zumindest vorrübergehend - eine gewisse Attraktivität ausstrahlen, doch bedeutete sie vor allem, dass es keine Möglichkeit mehr gab, das alte, bismarcksche Bündnissystem aufrechtzuerhalten. Die Diskrepanzen zwischen Russland und Österreich-Ungarn waren nicht mehr zu überwinden, eine Verlängerung des Dreikaiserabkommens, kam nicht mehr zustande[5]. Bismarck rettete das Deutsche Reich zwar noch vorübergehend vor einer Zweifrontensituation im Kriegsfall, doch der Rückversicherungsvertrag mit Russland zeigt deutlich, dass es sich nur um eine Übergangslösung handelte, welche durch die Zusicherung der russischen Gebietsansprüche auf dem Balkan im offenkundigen Gegensatz zum Zweibund standen[6]. Der Verlust einer der beiden Bündnispartner war also auf lange Sicht hin nicht zu vermeiden, wodurch der Rückversicherungsvertrag nach „der Entlassung Bismarcks […] 1890 nicht mehr verlängert“[7] wurde.

Die Annäherungsversuche an Großbritannien mussten schließlich auch an den verschiedenen Reibepunkten zwischen dem britischen Empire und dem deutschen Kaiserreich scheitern und so wurde, neben den wirtschaftlichen und territorialen, vor allem der Flottenkonflikt zum Zerreisspunkt der Bündnisbemühungen[8]. Von Deutschland abgewandt, suchte auch Großbritannien weiter nach Bündnispartnern und wurde durch das Flottenabkommen mit Japan von 1902 und wurde durch dessen Krieg mit Russland an den Rand eines kriegerischen Konflikts mit diesem und dessen Bündnispartner Frankreich geführt. Dadurch wurde eine Annäherung an letzteres unausweichlich[9]. Geschüttelt von Krisen in der Kolonialfrage[10], schafften es die Langzeitkonkurrenten schließlich doch, sich zu einigen und die Beilegung der Kolonialstreitigkeiten fand in der Entente cordiale 1904 ihren Niederschlag[11]. Es handelte sich dabei zwar förmlich nicht um ein Bündnis, sondern um ein „herzliches Einvernehmen“[12] und die Tragweite dieses Abkommens kam zum einen für das Deutsche Reich vollkommen überraschend und wurde indes auch noch vollkommen unterschätzt[13], doch „die einvernehmliche Lösung der Kolonialfragen bot die Basis für eine Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Großbritannien, die in den folgenden Jahren auch Europa einschloss und neue Perspektiven für die Kooperation und Bündnispolitik eröffnete“[14].

1.3 Auf der Suche nach neuen Bündnispartnern – Zu viele Köche verderben den Brei

Obwohl sich diese Vorgänge wie bereits aufgeführt über mehrere Jahre ankündigten und auch abzeichneten, wurde die politische Lage des Deutschen Reichs von seinen führenden Politikern immer wieder verkannt und es selbst durch oft unüberlegt wirkende Manöver seiner führenden Politiker noch mehr ins bündnistechnische Abseits geführt. Doch was waren die Intentionen dieser Politiker, denn die Situation, wie sie bei Kriegsausbruch vorherrschte, kann aufgrund der Bündnisbemühung nicht angestrebt worden sein. Ein Sprichwort sagt „zu viele Köche verderben den Brei“ und so salopp diese Formulierung auch sein mag, so ist der Verfasser dennoch der Meinung, dass sie es im Prinzip genau auf den Punkt bringt. In der nachfolgenden Arbeit sollen die Absichten der politischen Protagonisten, vor allem Reichskanzler Bülows sowie des Kaisers beleuchtet werden und den Ursprüngen, weshalb sich Bülow mit seiner politischen Strategie gegen Wilhelm durchsetzen konnte, auf den Grund gegangen werden. Die Forschung ist geteilter Meinung über Bülows politische Pläne und Absichten. Während Peter Winzen davon ausgeht, dass Bülow das Deutsche Reich vor allem auf Kosten Großbritanniens zur Weltmacht erheben wollte[15], wohingegen Gerd Fesser dem Reichskanzler eine solch vorausschauende Politik schlichtweg nicht zutraut[16]. Der Verfasser steht in seinem Standpunkt auf Seiten Fessers, weshalb er sich in seiner Argumentation vor allem auf diese Forschungstheorie stützt. Die Arbeit beleuchtet die verschiedenen Möglichkeiten der deutschen Bündnispolitik anhand der Orientierung nach Russland und der nach Westen. Sie geht auf die Umstände der Verhandlungen und das Scheitern dieser ein und beantwortet die Frage, ob die erste Marokkokrise den Weg in die politische Isolation darstellte.

2. Plan und Strategie des Kaiserreichs bis hin zum Scheitern in der ersten Marokkokrise

Nachdem nun auf die diplomatischen Rahmenbedingungen eingegangen wurde, befasst sich diese Arbeit mit den verschiedenen politischen Akteuren des deutschen Kaiserreichs und deren individuelle Vorstellungen der Außenpolitik und deren Ziele. Beginnend mit der prestigeträchtigsten Persönlichkeit des deutschen Kaiserreichs, dem Kaiser selbst, Wilhelm II. Dieser fühlte sich vor allem einem Bündnis mit England zugewandt und eine sehr gute Möglichkeit zu einem solchen bot der Krankenbesuch bei seiner Großmutter im Januar 1901. Wilhelm erlangte bei der britischen Bevölkerung durchaus positives Ansehen, da er sich schlichtweg, wie ein besorgter Enkel verhielt[17]. Er wurde jedoch von Holstein angehalten, nichts zu überstürzen[18]. Durch ungeschicktes diplomatisches Verhalten verlor die Bündnisfrage jedoch an Glaubhaftigkeit[19]. Als „Gegenspieler“ ist Reichskanzler Bülow zu nennen, welcher alles mit einer gewissen Sorglosigkeit betrachtete. Er schätzte die Lage so ein, dass eine Einigung mit England immer im Bereich des Möglichen sei, sofern eine solche gewünscht wäre[20].

Er dachte jedoch zu keiner Zeit daran, ein Bündnis mit Großbritannien einzugehen, wodurch Holsteins Traum der Quadrupelallianz platzte[21]. Bülow wollte nicht, dass das Deutsche Reich in einer Allianz mit Großbritannien von diesem niedrig gehalten würde und zielte vielmehr auf ein Bündnis mit Russland zur Unterwerfung des Empires ab.

[...]


[1] Angelow, Jürgen: Kalkül und Prestige. Der Zweibund am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Böhlau Verlag. Köln/Weimar/Wien 2000. S. 118.

[2] Abbildung 2

[3] vgl. Vocelka Karl: Geschichte der Neuzeit, 1500 – 1918. Böhlau Verlag Wien. Wien/Köln/Weimar. 2010. S. 594.

[4] vgl. ebd. S. 595.

[5] vgl. ebd. S. 595.

[6] vgl. ebd. S. 594.

[7] ebd. S. 595.

[8] vgl. ebd. S. 596.

[9] vgl. ebd.

[10] Anmerkung: Die Faschodakrise führte beide Nationen an den Rand eines Krieges, siehe: Dallinger, Gernot/Golz, Hans-Georg: Weltgeschichte der Neuzeit. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bonn 2005. S. 156.

[11] vgl. ebd. S. 165.

[12] ebd.

[13] Anmerkung: man erachtete sich noch immer als einzig möglichen Bündnispartner für England, siehe ebd.

[14] ebd. S. 165f.

[15] Hildebrand, Klaus: Deutsche Aussenpolitik 1871-1918. München. ³2008. S. 141f.

[16] vgl. ebd.

[17] Chamier, Daniel: Wilhelm II.. Der deutsche Kaiser. Langen Müller. München/Berlin. 1989. S. 158.

[18] vgl. ebd.

[19] Anmerkung: Der deutsche Abgeordnete Eckardstein machte entgegen seiner Anweisungen dem englischen Abgeordneten Lansdowne das Angebot, neue Bündnisverhandlungen anzutreten, kommunizierte jedoch nach Deutschland, dass dieser ein solches Angebot getätigt hatte. Als keine konkreten Vorschläge nachgereicht wurden, weckte dies das Misstrauen der jeweilig anderen Partei. Siehe: ebd. S. 159f.

[20] Clark, Christopher: Wilhelm II., Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers, Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2009. S. 188.

[21] Winzen, Peter (Hg.): Berhanrd Fürst von Bülow, Deutsche Politik, Bouvier Verlag, Bonn, 1992. S. 35.

Details

Seiten
26
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668652002
ISBN (Buch)
9783668652019
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v414552
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
2,0
Schlagworte
Marokkokrise erste Bülow Kaiserreich Entente Cordiale Algeciras Marokkokonferenz

Autor

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