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Müssen wir von der Scham erlöst werden? Überlegungen zur theologischen Bedeutung des Schamgefühls nach Dietrich Bonhoeffer

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition: Scham
2.1. Nichttheologische Definition von Scham
2.2. Scham und Schuld

3. Theologie der Scham
3.1. Zur Biografie Bonhoeffers
3.2. Bonhoeffers Werke
3.3. Bonhoeffers Theologie der Scham
3.3.1. Entzweiung und Sehnsucht nach Harmonie
3.3.2. Grenze und Lebensbewahrung
3.3.3. Geheimnis und dessen Bewahrung
3.4. Befreiung von der Scham

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Scham, ein Gefühl, das durch Verlegenheit, Schüchternheit oder auch durch Bloßstellung in uns hervorgerufen wird. Es tritt in alltäglichen Situationen auf, zum Beispiel wenn wir uns unangemessen angezogen fühlen, einen schlechten Beitrag im Unterricht leisten oder uns etwas anderes Unangenehmes widerfährt.

Die Scham steigt immer dann in uns auf, wenn die Grenze unserer eigenen Intimsphäre übertreten wird äußert sich sogar in körperlichen, unkontrollierbaren Erscheinungen, wie dem Erröten, dem Herzklopfen oder dem Schwitzen. Wir reagieren meist mit einem Senken des Blickes oder anderen Gesten der Verhüllung auf das Auftreten von diesem Schamgefühl. Man möchte im schlimmsten Falle metaphorisch „im Erdboden versinken“.

Zunächst kommt man bei der Beschäftigung mit der Scham wohl nicht auf den Gedanken, die Ursachen dieses Gefühls in unserer Religiosität zu suchen. Doch gerade dies ist der Gegenstand dieser Hausarbeit. Die theologischen Aspekte, die hinter dem Schamgefühl stecken, sollen erläutert werden, um das Vorkommen und die Funktionen der Scham besser zu verstehen. Der namhafte Theologe Dietrich Bonhoeffer spielt in dieser Arbeit zur „Theologie der Scham“ eine wichtige Rolle.

Problematisch wird es, das Schamgefühl näher zu definieren es von der besser untersuchten Schuld abzugrenzen. Deshalb wird die Frage, ob wir Menschen von dem Gefühl der Scham, genau wie von der Sünde und Schuld, erlöst werden müssen zur Leitfrage dieser Arbeit.

Nach einer detaillierteren Beschäftigung mit dem Begriff der Scham wird als nächstes der Schambegriff vom Begriff der Schuld unterschieden. Nach Schaffung dieser theoretischen Grundlagen rückt Dietrich Bonhoeffer mit seinem Lebenslauf, seinen Werken und schließlich seiner Theologie des Schams in den Fokus der Hausarbeit. Im letzten Schritt wird die Frage nach der notwendigen oder aussichtslosen Befreiung von Scham diskutiert.

2. Begriffsdefinition: Scham

Um im folgenden Verlauf dieser Arbeit unmissverständlich über den Schambegriff sprechen zu können, soll im ersten Schritt der Untersuchungsgegenstand genauer festgelegt werden. Noch weit entfernt von der theologischen Betrachtung der Scham soll zuerst die humanwissenschaftliche Definition beleuchtet werden. Denn hierbei handelt es sich um die uns aus dem Alltag bekannte Auslegung des Begriffs „Scham“.

2.1. Nichttheologische Definition von Scham

In der heutigen Umwelt ist der Schambegriff stark geschlechtlich und sexuell konnotiert.[1] Wenn wir von der Scham sprechen, meinen wir häufig die Bezeichnung für den Bereich um die Geschlechtsorgane. Hier geht es aber um das Scham gefühl, zu welchem das Verb „sich schämen“ gehört. Dieser Affekt gehört zur menschlichen Grundausstattung an Gefühlen[2], und wird erst einmal als negative, quälende und störende Erscheinung empfunden.[3] Es handelt sich bei der Scham nicht um ein rein subjektives Gefühl, denn selbst wenn anderen Leuten etwas Beschämendes widerfährt, kann bei Zuschauern das sogenannte „Fremdschämen“ auftreten.[4]

Eine weitere Eigenschaft von Scham ist die Tatsache, dass wir ihr Auftreten nicht kontrollieren können. Es handelt sich bei dem Schamgefühl um ein Affekt, das sich rasend schnell im Körper ausbreitet.[5] Die Scham äußert sich sogar in deutlich erkennbaren körperlichen Reaktionen wie der typischen Schamesröte, dem automatisierten Niederschlagen der Augen, starkem Herzklopfen und aufsteigender Hitze.[6] Wir fühlen uns plötzlich winzig und passiv. Viele kennen auch das Gefühl, am liebsten im „Erdboden zu versinken“, sich selbst als Grund der Scham auszulöschen, oder unsichtbar zu machen.[7]

Aber nicht immer tritt die Scham so offensichtlich aus uns hervor, es gibt auch sogenannte Masken der Scham. Hierzu gehören das Ausdrücken von Scham in Kälte und Distanz, Unterwürfigkeit, Erniedrigung, aber auch Wut und Zerstörungsdrang können auf eine verletzte Scham hinweisen.[8]

Nach dem das Schamgefühl genauer untersucht wurde, stellt sich noch die Frage, in welchen Situationen dieses Gefühl auftritt. Was genau führt dazu, dass wir uns schämen?

Scham ist ein Gefühl der Grenzerfahrung.[9] Sie tritt dann auf, wenn Menschen mit ihrer eigenen Begrenztheit, ihrer Unvollkommenheit konfrontiert werden.[10] Besonders Menschen mit sehr hohen Erwartungen an sich selbst, leiden oft unter Schamgefühlen, wenn sie ihre hoch gesteckten Ziele nicht erreichen und an ihre Grenzen stoßen.[11] Menschen schämen sich für ihre vermeintlichen Mängel oder Fehler, es besteht eine Spannung zwischen dem tatsächlichen „Ich“ und dem „Ich-Ideal“.[12]

Dem Philosophen Dr. Hilge Landweer zufolge entsteht Scham durch aufeinander treffen von drei Komponenten: dem Schaminhalt, den Schamzeugen und der Kategorie des Verborgenen. Wir schämen uns für etwas (Schaminhalt), das aus einem bestimmten Grund verborgen bleiben soll (Kategorie des Verborgenen), vor jemandem (Schamzeugen).[13] Widerfährt uns etwas Beschämendes in Abwesenheit fremder Blicke, löst dies auch keine Scham in uns aus. Nur wenn uns selbst die Möglichkeit genommen wird, über das, was verborgen bleibt und das, was wir offenbaren zu entscheiden, entsteht in uns das Schamgefühl.

2.2. Scham und Schuld

Bei der Beschäftigung und Definition der Schamthematik trifft man immer wieder auf den Begriff der Schuld, welche ein sehr zentrales Thema im Christentum ist. Als Einstieg in die theologische Dimension der Scham soll das Verhältnis von Schuld und Scham überprüft werden.

Heutzutage taucht in den Medien immer wieder die Unterscheidung von Scham- und Schuldkulturen auf. Unterschieden wird hiermit ob eher die Gefühle von Scham oder von Schuld die Gesellschaft regulieren.[14] Diese beiden Begriffe wurden von der Anthropologin Ruth Benedict während des Zweiten Weltkriegs eingeführt.

Beispiele für Schuldkulturen sind heute die westlichen Länder, zum Beispiel die USA. Die zentrale Instanz, die das Verhalten der Bürger reflektiert, ist in ihnen selbst vorhanden: das menschliche Gewissen oder auch nach Siegmund Freuds Instanzenmodell das „Über-Ich“. Hieraus ergeben sich die in den USA zentralen Themen der Schuld und Sühne. Unabhängig von den Blicken der restlichen Gesellschaft entscheiden die Amerikaner vornehmlich selbst darüber, welches Verhalten sie schuldig macht und gesühnt werden muss, um das Gewissen zu beruhigen. Das Über-Ich wird hierbei von den Eltern, der Gesellschaft und anderen moralischen Maßstäben herausgebildet. Die Scham bleibt in solchen modernen Schuldkulturen meist eher im Verborgenen.[15]

Als Beispiel einer Schamkultur dient heutzutage Japan: In diesem Land sind Ehre und Schande noch sehr zentrale Themen. Die Gesellschaft urteilt als Bewertungsinstanz über das Verhalten jedes einzelnen Bürgers und ist damit nach Landweers Model die Schamzeugin.[16] Das Ideal ist eine möglichst unauffällige, rollenkonforme Verhaltensweise. So erlangen die Bürger soziale Anerkennung und Schutz, müssen allerdings aus Schamangst an eigener Identität einbüßen.

Auch für das Alte Israel wird das Vorherrschen einer solchen Schamkultur angenommen. Die Ehre und Würde der Menschen sind in der jüdischen Tradition zentral. Jemanden absichtlich zu beschämen wird dem Morden gleichgesetzt.[17] Es handelt sich um eine schwere Sünde. Öffentliche Beschämung ist in der Schamkultur des Alten Israels gleichzusetzen mit sozialer Vernichtung.[18] Die ausgeprägte Schamangst hindert das Volk Israel daran, überhaupt erst Sünden zu begehen.[19] Eine strikte Einordnung der Kultur des Alten Israels als Schamkultur ist allein aufgrund der vorliegenden, mangelnden Beweislage nicht möglich. Dennoch hilft die Erforschung der zentralen Bedeutung von Scham im Alten Israel uns dabei, die Bibel besser zu verstehen.

Bei der Unterscheidung von Scham- und Schuldkulturen wird deutlich, dass diese beiden Affekte eine strukturelle Ähnlichkeit aufweisen,[20] beide stehen im Zusammenhang mit Beurteilung von Verhalten durch äußere Instanzen oder Selbstreflexion.[21] Auch Emotionspsychologen konnten die nahe Verwandtschaft von Schuld- und Schamempfinden bestätigen.[22] In der christlichen Religion sind Schuld oder Sünde und die Sühnung oder Vergebung zentrale Themen. Wir finden etliche Texte in der Bibel, die sich mit dieser Thematik befassen. Der Rechtfertigungslehre nach dürfen wir auf die Vergebung unserer Schuld durch Christus‘ Kreuzestod vertrauen. Wie aber verhält es sich mit der Scham? Wir haben herausgefunden, dass Scham und Schuld eine strukturelle Ähnlichkeit aufweisen. Muss die Christenheit demzufolge auch von der Scham erlöst werden? Um eine Antwort auf diese tiefgründige Frage zu finden, soll zunächst ein Blick auf den Umgang mit der Scham in der christlichen Theologie geworfen werden. Wie entstand die Scham? Welche Funktionen hat sie? Wie können wir uns von ihr befreien? Das nächste Kapitel soll versuchen diese und weitere Fragen zu beantworten.

3. Theologie der Scham

Bei der Zuwendung zur theologischen Thematisierung von Scham wird insbesondere auf Dietrich Bonhoeffers Ausführungen zu diesem Thema eingegangen. Zuerst wird einen Blick auf die Person ihren Lebenslauf geworfen.

3.1. Zur Biografie Bonhoeffers

Dietrich Bonhoeffer wurde, zusammen mit seiner Zwillingsschwester, am 4. Februar 1906 in Breslau geboren. Insgesamt hatte Dietrich Bonhoeffer sieben Geschwister.[23] Seit seinem sechsten Lebensjahr wuchs Bonhoeffer in Berlin auf, weil sein Vater, Karl Bonhoeffer, hier den universitären Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie, sowie die Leitung der Universitäts-Nervenklinik annahm.[24] Aufgrund dessen wird vermutet, dass Dietrich Bonhoeffers großes Interesse für die Theologie des Schamgefühls von der Tätigkeit seines Vaters als Psychologen her rühren könnte.[25] Bonhoeffers Mutter, Paula Bonhoeffer, war Lehrerin und, als Tochter von zwei Theologen, selbst eine überzeugte Christin.[26] Insgesamt verlebten die Bonhoeffer Geschwister eine sehr erfüllte Kindheit.[27] 1923 bestand der erst 17-jährige Dietrich Bonhoeffer sein Abitur, an welches er ein Theologiestudium in Tübingen anschloss.[28] Nach einigen ersten Auslandsaufenthalten schloss er dieses 1927/28 mit seinem ersten Theologischen Examen und einer 1930 veröffentlichten Doktorarbeit ab.[29] Anschließend arbeitete der junge Doktorand ein Jahr als Vikar in einer deutschen Gemeinde in Barcelona.[30] Nach seinem zweiten Theologieexamen 1930 verschlug es den noch sehr jungen Bonhoeffer für ein Studienjahr nach New York, wo er wichtige Bekanntschaften knüpfte.[31] Bei seiner Rückkehr nach Deutschland begann Bonhoeffer damit, sich für weltweite ökumenische Zusammenarbeit unter Christen einzusetzen, wobei ihm seine vielfältigen Kontakte im Ausland sehr hilfreich waren.[32] Bonhoeffers weiterer Lebensweg wurde stark beeinflusst von dem sich anbahnenden deutschen Faschismus. Schon 1931 trat Bonhoeffer als kirchlicher Oppositioneller gegen den Faschismus und die Judenfeindlichkeit in die Öffentlichkeit.[33] Er wurde ein wichtiges Mitglied der „Bekennenden Kirche“, einer kirchlichen Vereinigung gegen die nationalsozialistischen „Deutsche Christen“- Bewegung. Unter anderem wurde Bonhoeffer Leiter von Predigerausbildungsseminaren in Finkenwalde, die alsbald von den Nationalsozialisten verboten und deshalb heimlich im Untergrund weitergeführt wurden.[34] Am 5. April 1943 kam es schließlich so, wie es kommen musste: Dietrich Bonhoeffer wurde wegen staatsfeindlicher Arbeit von der Gestapo verhaftet und inhaftiert.[35] Am 7. Februar 1945 wurde der Theologe schließlich ins Konzentrationslager Flossenbürg abtransportiert, wo er am 9. April 1945 im Alter von 39 Jahren erhängt wurde.[36]

[...]


[1] Vgl. Christina-Maria Bammel, Der Schambegriff als Kommentar zur Wirklichkeit des Menschen, in: Berliner Theologische Zeitschrift 22, 2004/2, S.199.

[2] Vgl. Hanswerner Herber, Scham und Schuld, n.d., veröffentlich auf: individuatio.de, verfügbar unter: http://www.individuatio.de/scham-und-schuld/ (letzter Zugriff: 110.5.15)

[3] Vgl. H. Landweer, Scham und Macht. Phänomenologische Untersuchung zur Sozialität eine Gefühls, Tübingen 1999, 2, Zitiert nach Regine Munz, Zur Theologie der Scham. Grenzgänge zwischen Dogmatik, Ethik und Anthropologie, in: Theologische Zeitschrift 65, 2009/2, S.130.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. Jens L. Tiedemann, Scham, Gießen 2013, S.9.

[6] Vgl. Regine Munz, Zur Theologie der Scham. Grenzgänge zwischen Dogmatik, Ethik und Anthropologie, in: Theologische Zeitschrift 65, 2009/2, S. 130f.

[7] Vgl. Munz, Theologie, S.131.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd., S.129, S.134.

[10] Vgl. ebd., S.129.

[11] Vgl. Herbert Mück, Köln 2000, verfügbar unter: http://www.dr-mueck.de/HM_Scham/HM_ Scham-Entstehung.htm (letzter Zugriff: 11.5.15)

[12] Vgl. Herber, Scham.

[13] Vgl. Landweer, Scham, zitiert nach Munz, Theologie, S.132; Munz, Theologie, S.135.

[14] Vgl. Alexandra Grund, Schmähungen der dich Schmähenden sind auf mich gefallen. Kulturanthropologische und sozialpsychologische Aspekte von Ehre und Scham in Psalm 69, in: Ev Theol. 71, 20012/3, S.176.

[15] Vgl. ebd., S.174.

[16] Siehe Seite 3.

[17] Vgl. Rabbi Nachman bar Yitzchaq, zitiert nach Munz, Theologie, S.144.

[18] Vgl. Grund, Schmähungen, S.174.

[19] Vgl. Munz, Theologie, S.143.

[20] Vgl. Bammel, Schambegriff, S.94.

[21] Vgl. Herber, Scham.

[22] Vgl. ebd.

[23] Vgl. Renate Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Eine Skizze seines Lebens, Gütersloh 2004. S.4.

[24] Vgl. Ebd.

[25] Vgl. Munz, Theologie, S.137.

[26] Vgl. Bethge, Bonhoeffer, S.4.

[27] Vgl. Ebd., S.7.

[28] Vgl. Ebd., S.9.

[29] Vgl. Ebd., S.15.

[30] Vgl. Ebd., S.16.

[31] Vgl. Ebd., S.20.

[32] Vgl. Ebd., S.22.

[33] Vgl. Ebd., S.24.

[34] Vgl. Ebd., S.39.

[35] Vgl. Ebd., S.87.

[36] Vgl. Ebd., S.84.

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668651678
ISBN (Buch)
9783668651685
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v414564
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
Schlagworte
müssen scham überlegungen bedeutung schamgefühls dietrich bonhoeffer

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