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Ungarns Weg zur Demokratie und Beginn der Westöffnung 1988 - 1990

Hausarbeit 2009 26 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die politische Situation in Ungarn bis zum Jahreswechsel 1988/89
2.1 Der „Kádarismus“
2.2 Der politische Wandel der USAP bis November 1988
2.3 Oppositionsbewegungen in Ungarn bis Januar 1989

3. Der Systemwechsel in Ungarn und die Gründung des demokratischen Staates
3.1 Der langsame Zerfall der USAP
3.2 Der Nationale Runde Tisch
3.3 Das Ende der USAP und das neue Ungarn

4. Ungarns Rolle beim Fall der Mauer
4.1 Die ungarische Außenpolitik seit dem Ende der Ära Kádar bis 1990
4.2 Die Bedeutung der Politik der Wendezeit

5. Fazit

6. Bibliographie

7. Anhang

1. Einleitung

Ungarn hatte bis zum Ende der 1980er Jahre aufgrund seiner geopolitischen Lage als Grenzland zwischen West- und Osteuropa und als Anrainer zum blockfreien Staat Jugoslawien schon immer eine besondere Stellung im „Ostblock“. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dieser Sonderstellung des Staates Ungarn in der Wendezeit, also die Jahre 1988-1990, wobei aber auch bei der Betrachtung Entwicklungen aus früheren Jahren berücksichtigt werden müssen.

Es werden die Fragen behandelt, wie sich das politische System in Ungarn, vor allem ausgehend von der Staatspartei USAP, entwickelt und verändert hat, welche oppositionellen Kräfte entstanden und ob und wie sich diese gegen das System erhoben haben. Des Weiteren wird die Frage beantwortet, in welchem Maße sich die ungarische Außenpolitik nach Westen geöffnet hat und welche Konsequenzen dieser Wandel vor allem für die Bundesrepublik Deutschland und die DDR hatte.

Diese Arbeit hat zum Ziel, einen zusammenhängenden, in der Hauptsache chronologischen Überblick über die Entwicklungen im Staat Ungarn in den 1980er Jahren darzulegen. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der politischen Wende und der Westöffnung. Wirtschaftliche oder kulturelle Wandel werden aufgrund der zu umfangreich werdenden Ausführungen außer Acht gelassen oder nur kurz angerissen, da sie auch für die Fragestellung an sich hier unerheblich sind.

Ausgehend von der politischen Situation des so genannten „Kádarismus“ werden zuerst die Entwicklungen innerhalb der sozialistischen Staatspartei selbst erläutert und die oppositionellen Kräfte des Landes seit ihrer Entstehung vorgestellt. Anschließend wird der Transformationsprozess der USAP und schließlich des Staates dargelegt. Im letzten Kapitel werden die ungarische Außenpolitik und deren Bedeutung für den Wandel in Europa dargestellt.

Während sich der Großteil der Forschungsliteratur über den politischen Wandel in Europa am Ende der 1980er Jahre nur am Rande mit Ungarn beschäftigt oder das Augenmerk auf die Flüchtlingsströme nach Österreich beschränkt, ist die Grundlage dieser Arbeit bunt gemischt. Zum einen die beiden Überblicksdarstellungen von Holger Fischer[1] und den Autoren um Sándor Kurtán[2], die als Einführung in das unbekannte Land Ungarn mitsamt seiner Politik sehr gut geeignet sind. In Aufsatzsammlungen, die sich alle mit dem Thema des politischen Wandels in Osteuropa beschäftigen, treten vor allem die beiden Aufsätze von den Zeitzeugen László Kiss[3] und Péter Tölgyessy[4] hervor, die aus einer anderen Sichtweise, also aus der Sicht der ungarischen Bevölkerung, das Geschehen schildern. Aber als wichtigster Forscher tritt wohl Andreas Schmidt-Schweizer[5] hervor, der mit mehreren Veröffentlichungen, unter anderem seiner Dissertation, zum Thema Ungarn der Jahre 1988/89 in der Bibliographie dieser Arbeit zu finden ist und der im Bereich der OsteuropaForschung Ungarn sehr gut erarbeitet und erforscht hat. Er gilt als Fachmann auf diesem Gebiet und war für den Forschungsverbund Ost- und Südeuropa an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München tätig.

Als Beleg der Ausführungen dienen bei dieser Arbeit mehrere Quellen, die die Vorgänge in Ungarn darüber hinaus auch noch verbildlichen sollen. Zum einen handelt es sich um diplomatische Dokumente, zum anderen um Reden oder Gesprächsprotokolle. Als eine wichtige Quelle dient das Abschlussprotokoll der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa[6] aus dem Jahr 1975, in dem die Menschenrechte und Grundfreiheiten auch von Ungarn anerkannt werden. Ein Interview des bundesdeutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ mit dem damaligen Ministerpräsidenten Károly Grósz vom April 1988[7] macht die zweideutige Ansicht des späteren Generalsekretärs deutlich, der sich zwar für Reformen einsetzen, aber keinen Rückzug der Staatspartei zulassen will. Des Weiteren dient die Mitschrift des Gespräches zwischen Bundesminister Seiters und dem ungarischen Botschafter Horváth vom 19. September 1989[8] dazu, die Bitte Ungarns nach bundesdeutscher Unterstützung zu verdeutlichen und im Zusammenhang damit ein Schreiben von Bundeskanzler Helmut Kohl an den Ministerpräsidenten Németh.[9] Schließlich verbildlicht die Rede von Miklós Németh vor dem Europaparlament im Januar 1990[10] den Wunsch Ungarns, Teil der Europäischen Gemeinschaft zu werden.

Durch die Darstellung, die im Folgenden ab Kapitel 2 ausgeführt wird, soll deutlich werden, dass der Transformationsprozess, im Gegensatz zu anderen sozialistischen Ländern, wie etwa Polen, nicht durch die Bevölkerung oder oppositionelle Gruppen durchgeführt und angestrengt wurde, sondern, dass die Staatspartei selbst es war, die den Wechsel im System herbeigeführt hatte. Als Folge daraus soll bewiesen werden, dass die ungarische Systemtransformation eine Art Beschleuniger für den Mauerfall war.

2. Die politische Situation in Ungarn bis zum Jahreswechsel 1988/89

Den Umbruch in Ungarn und die daraus entstandenen Folgen, vor allem für die Bundesrepublik und die DDR, kann man nicht betrachten, ohne die politische Lage des Landes als Ganzes und in ihrer Entwicklung zu sehen. Im Folgenden sollen das politische System Ungarns und die Entwicklung zum Wandel bis ins Jahr 1988 dargelegt werden, um die Zusammenhänge zu erkennen und die Wurzeln des Umbruchs, zu sehen. Anschließend wird die Entstehung der oppositionellen Kräfte seit dem Ende der 1970er erläutert und die einzelnen Gruppen vorgestellt, die sich bis Januar 1989 gründeten und schließlich das Gegengewicht zur Regierungspartei darstellten.

2.1 Der „Kádarismus“

Nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands des Jahres 1956 wurde von der Führung der Sowjetunion in Ungarn der Politiker János Kádar als Staats- und Parteichef eingesetzt. Kádar galt für die Sowjetunion als Befürworter der reformerischen Politik Chruschtschows und führte in Ungarn eine Politik ein, die schließlich nach ihm benannt wurde, der „ K á darismus “.[11] Kádar gründete seine „weiche, autoritäre Herrschaftsform“[12] und Politik auf drei Hauptzielen: „Modernisierung der Wirtschaft, Hebung des Lebensstandards und Suche nach Legitimität des Systems“.[13] Seit den 1960er Jahren hat es die Staatsführung um Kádar geschafft, den Wohlstand in Ungarn und die Auswahl an verschiedenen Waren stetig zu erhöhen. Die ungarische Bevölkerung war im Tausch für Wohlstand und eingeschränkte Freiheiten bereit, sich aus dem politischen Tagesgeschäft herauszuhalten und dies allein der Partei, der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP/MSZMP)[14], zu überlassen. Ein gewisser Stolz der Ungarn, die sich durch ihren Lebensstandard den benachbarten sozialistischen Staaten überlegen fühlten, kam zu Tage. Diese spezifische Lebensweise und das System Ungarns wurden schließlich in der westlichen Presse „ Gu- laschkommunismus “ genannt, wohl auch um das Land von den anderen Ost-Block Staaten abzugrenzen.[15]

Zu den Freiheiten, die die Ungarn in den 1960er bis 1980er Jahren genießen durften, zählten vor allem die Entmachtung der Staatssicherheitspolizei, die Empfangbarkeit westlicher Radiosender und die Möglichkeit, unter Auflagen in den Westen zu reisen, beispielsweise als Forschungsreise zu Universitäten. Auf politischer Ebene war es auch Nichtmitgliedern der Partei möglich, höhere Ämter einzunehmen, etwa im Justizsystem. Politische Ämter, mit Ausnahme der hohen, führenden Positionen, wurden nach Qualifikation besetzt, die soziale Herkunft spielte keine Rolle mehr.[16] Diese Freiräume in innenpolitischen Fragen sicherte sich Kádár durch eine sehr enge Nähe zur sowjetischen Außenpolitik. Durch seine Reformen schien die Rolle, die Kádár beim Volksaufstand von 1956 innehatte, in den Hintergrund zu treten und Budapest genoss in der Folge auch immer weiter wachsendes Ansehen im Westen.[17]

Trotz aller wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Reformen war Ungarn aber nicht das sozialistische Wunderland, das Kádar gerne gesehen hätte. Seit dem Ende der 1970er Jahre begann die Wirtschaft nicht mehr in dem gewohnten Maße anzusteigen, so dass als Konsequenz auch der Lebensstandard immer weiter sank. Ab etwa Mitte der 1980er Jahre wurde deutlich, dass Ungarns Wirtschaft auf internationaler Ebene nicht mehr mithalten konnte. Um das Volk jedoch weiterhin stillhalten zu können, nahm Kádar die vom Westen angebotenen Kredite gerne an, was die Staatsverschuldung enorm ansteigen ließ.[18] Das Ergebnis dieser Kreditpolitik war jedoch ein Teufelskreis. Die Herstellung und Beibehaltung von Wohlstand in Ungarn war eine von Kádars Grundlagen der Legitimation der USAP und seiner Politik. Er musste also unter allen Umständen den Wohlstand in Ungarn blühen lassen. Aufkommendes Misstrauen gegen ihn und die Staatsführung seitens der Bevölkerung konnte er aber nicht mittels Gewalt niederschlagen, da er auf die Kredite aus dem Westen angewiesen war, die er aber nur bekommen konnte, wenn sich Budapest an die Eckpunkte der Schlussakte des KSZE-Treffens in Helsinki von 1975 hielt und die Menschenrechte anerkannte.[19] Aufgrund der stetig wachsenden Staatsverschuldung und des nicht existierenden Wohlstandswachstums wurde der Nährboden für Systemkritiker und -gegner geschaffen.[20]

2.2 Der politische Wandel der USAP bis November 1988

Die politische Situation in der Mitte der 1980er Jahre zwang nun die USAP-Führung zum Handeln. Der Ökonom und Mitglied der Wirtschaftsabteilung des Zentralkomitees der USAP Miklós Németh, der unter anderem durch einen Studienaufenthalt in den USA ein Kenner der marktwirtschaftlichen Systeme war, wurde beauftragt, das marode Wirtschaftssystem Ungarns zu reformieren und zu stärken.[21] Er legte 1987 einen Bericht vor, der, bestärkt durch die neue, offenere Politik Gorbatschows in Moskau, einen strikten Sparkurs und den Import von westlichem „Kapital und Wissen in großem Umfang“[22] beinhaltete. Nach der Präsentation des Berichts wurde Németh schließlich zum ZK-Sekretär für Wirtschaftspolitik ernannt.[23] Alle Reformbestrebungen, die Reformen auf der politischen Ebene gleichkamen, wurden jedoch von der Gruppe um Kádar nicht gefördert, da auch „Gorbatschow auf der ZKSitzung der KPdSU vom 25./26. Juni 1987 keine politischen Maßnahmen zur Unterstützung des ökonomischen Kurswechsels angesprochen hatte.“[24]

Trotzdem konnte sich Németh mit seinem Programm durchsetzen und eine Repolitisierung der Bevölkerung beginnen, da er der USAP-Führung unmissverständlich deutlich machte, dass eine Wirtschaftsreform zu Gunsten des Landes nicht ohne Beteiligung der Bevölkerung möglich sei. Die Führung musste dies akzeptieren und Neméth konnte die Ausgrenzung der ungarischen Bevölkerung von der Politik, die Kádar seit seinem Amtsantritt geführt hatte, beenden.[25] Aber auch wenn der neue Ministerpräsident Károly Grósz mitsamt seiner Regierung hinter den Reformen stand und dies auch deutlich machte, so blockierten die alten Herren um János Kádar weiterhin jede strukturelle Änderung. Es wurde innerhalb der USAP klar, dass weitgehende Reformen unter einem Generalsekretär Kádar nicht möglich werden konnten.[26] Die Folge war eine immer lauter werdende Kritik am mittlerweile schon sehr alten Generalsekretär. Scheinbar wurde innerhalb der Partei deutlich, dass die veralteten Methoden und Gedanken Kádars überholt waren und man ohne ihn, bezie- hungsweise mit ihm in einer etwas unwichtigeren Position, besser regieren konnte und das Volk ruhig stellen konnte, ohne aufkeimende Proteste fürchten zu müssen, denn Reformen waren dringend nötig, zu diesem Zeitpunkt sind aber hauptsächlich nur wirtschaftliche Reformen gewollt.

Jedoch blieben Kádar und sein Zirkel eisern und ignorierten jedwede Kritik an seiner Person. Anstatt eines Entgegenkommens der Partei zur Bevölkerung wurden nun Drohungen ausgesprochen. Kádar verweigerte seinen Rücktritt und er verweigerte weiterhin tief greifende Reformen, was die Parteibasis schließlich vollends davon überzeugte, dass Kádar untragbar für die Partei und Ungarn wurde.[27] Neben der Parteibasis, die jahrelang stillschweigend Kádar und seinem Zirkel gefolgt waren, taten nun auch hochrangige Politiker ihre Meinung kund und stellten sich gegen den Generalsekretär. So stehen etwa Miklós Neméth und der langjährige Weggefährte von Kádar, György Aczél, für eine „Beschleunigung der Demokratisierung“.[28] Besondere Aufmerksamkeit im In- wie auch im Ausland weckten aber die politischen Ansichten von Volksfront-Führer Imre Pozsgay, der sich unter anderem für eine Begrenzung der Führungsrolle der USAP, Gewaltenteilung und eine Stärkung des Parlaments aussprach.[29] Die Wellen innerhalb der USAP schlugen immer höher und schließlich wurde für den 20. Mai 1988 eine Parteikonferenz einberufen, die den endgültigen Machtwechsel zur Folge hatte.[30] Im parteiinternen Machtkampf der drei sich herausgebildeten Gruppen - den Altkonservativen um Kádar, den Neukonservativen um Ministerpräsident Grósz und den Reformern um Pozsgay und Neméth[31] - gewann schließlich der Flügel von Grósz, der zwar wirtschaftliche Reformen fördern wollte, aber politischen Reformen sehr kritisch gegenüber stand.[32] Die USAP sollte unangefochtene Beschützerin Ungarns bleiben. Dies teilte Grósz bereits im April 1988 dem deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ mit.[33] Karóly Grósz wurde zum Nachfolger Kádars ernannt, der ehemalige Generalsekretär der USAP wurde nach mehr als 30-jähriger Amtszeit auf den neu erschaffenen und nur repräsentativen Posten des Parteivorsitzenden abgeschoben.[34]

Die Ernennung von Grósz zum Generalsekretär und die Bestimmung, ihm ein halbes Jahr auch den Posten des Ministerpräsidenten weiterhin anzuvertrauen, ebenso wie der Austausch von Mitgliedern im Zentralkomitee, wobei weiterhin einige Kádaris- ten vertreten waren, führten in der ungarischen Bevölkerung zu einer wachsenden Unterstützung, da sie glaubten, durch den Wechsel an der Spitze der USAP würde nun der Weg aus der Wirtschaftskrise frei werden.[35]

Als im November 1988 die Frist der Personalunion von Generalsekretär und Ministerpräsident abgelaufen war, schlug Grósz dem Zentralkomitee Miklós Németh als neuer Ministerpräsident vor. Dieser wurde vom ZK einstimmig hingenommen und kurz darauf vom Parlament bestätigt.[36] Die Einsetzung von Reformern, unter anderem Imre Pozsgay als Staatsminister durch Németh, macht den neuen Kurs, die nur angestrebten Wirtschaftsreformen auch auf andere Gebiete auszuweiten, deutlich, den Budapest nun zu beschreiten bereit war.[37] Der begonnene Transformationsprozess in Ungarn wurde nun vorangetrieben und die Demokratisierung kam in greifbare Nähe. Auffallend beim Wechsel an der Spitze der USAP ist hier, dass man aus Angst vor Protesten den politischen Kurs geändert hat und nicht, weil bereits Proteste in der Bevölkerung stattgefunden hatten.

2.3 Oppositionsbewegungen in Ungarn bis Januar 1989

Mit der schon in Kapitel 2.1 erwähnten Schlussakte des Helsinki-Abkommens 1975 und den darin erläuterten Menschenrechtsfragen bildeten sich in Ungarn die ersten oppositionellen Bewegungen, „die das Politbüro 1980 zum ersten ‚Bericht über die Tätigkeiten der Opposition’ veranlasste.“[38] Ermutigt wurde die erste oppositionelle Strömung, die vor allem aus Intellektuellen bestand, 1977 dadurch, dass auf eine kritische Veröffentlichung ihrerseits keine Verbote ausgesprochen oder gar Gewalt seitens der Regierungspartei angewendet wurde.[39] Ein Grund dafür war die liberale Haltung der USAP gegenüber der ungarischen Intelligenz, die auch in höhere politische Ämter eingesetzt wurde, um sie andererseits unter Kontrolle zu halten und eine Art Selbstzensur von ihnen zu erwarten.[40] Dies zeigt erneut die Geben-und-NehmenPolitik, die Kádar zeit seiner Führung angewandt hatte. Wird die Intelligenz des Landes gefördert, ihnen Mitarbeit angeboten und die Tür zu politischen Ämtern geöffnet, so kann die USAP sie im Gegenzug mehr kontrollieren.

Zu Beginn der 1980er Jahre verteilte sich die Opposition auf zwei Lager. „Das der ‚Populisten’ und das der ‚Urbanisten’. Während sich die Populisten (Historiker und Schriftsteller) im Schriftstellerverband ein eigenes Forum schufen und sich vor allem mit geschichtlichen Problemen Ungarns […] befassten, meldeten sich die Urbanisten (Ökonomen und Philosophen) überwiegend in der Samisdat-Presse zu Wort und trafen sich bei den Veranstaltungen der ‚Fliegenden Universität’.“[41] Als große Zusammenarbeit beider oppositioneller Strömungen kann die MonorKonferenz Mitte Juni 1985 angesehen werden. Diese Zusammenarbeit offenbarte aber auch, dass beide Gruppen sich nicht zu einer großen Opposition zusammenraufen würden. Vertreter der Populisten fanden sich zu dieser Zeit bereits in Regierungsausschüssen oder dienten als Berater der Partei, was die oben erwähnte liberale Haltung der USAP gegenüber Intellektuellen bestätigt. Dies war auch der Hauptunterschied zu den Urbanisten, die eine breite Front gegen die Regierung bilden wollten.[42]

Zwei Jahre später, im September 1987 hatten sich etwa 150 Populisten in der zentralungarischen Stadt Lakitelek versammelt und dort das „ Ungarische Demokratische Forum[43] gebildet, das unter anderem ein Mehrparteiensystem und die Rehabilitierung von Imre Nagy forderte[44] und sich unter der Führung von Imre Pozsgay als gesellschaftliches Diskussionsforum und nicht als Partei ansah.[45] Im Gegensatz dazu hatten die Urbanisten schon von jeher ein parteiähnliches Selbstverständnis und sahen sich als demokratische Opposition.[46] Nach der Gründung des UDF rief die demokratische Opposition das „ Netzwerk freier Initiativen “ aus, die sich schließlich beide rege austauschten, wobei dieser Austausch nach der Gründung des aus dem Netzwerk entstandenen „ Bund freier Demokraten “ (SZDSZ) im November 1988 wieder einfror.[47] Die programmatischen Meinungen waren definitiv zu unterschiedlich.

Neben den Bewegungen der Populisten und Urbanisten entstand, wie in anderen europäischen Ländern zur gleichen Zeit auch, eine umweltbewusste Bewegung, die sich aber hauptsächlich dem Ziel widmete, den Bau eines Donaukraftwerkes in Gabíkovo-Nagymaros zu verhindern. Dieser so genannte „ Donau-Kreis “ versuchte mit Flugblättern, vor allem zur Zeit der Parlamentswahlen 1985, eine große Masse der Bevölkerung zu mobilisieren, nachdem sie gescheitert waren, den Bau auf offizielle Art zu verhindern.

[...]


[1] Fischer, Holger: Eine kleine Geschichte Ungarns. Frankfurt am Main 1999.

[2] Kurtán, Sándor/Liebhart, Karin (u.a.): Ungarn. München 1999.

[3] Kiss, László J.: Warum scheiterte der „Gulaschkommunismus“? Eine Anatomie des Kádárismus. In: Elvert, Jürgen/Salewski, Michael (Hrsg.): Der Umbruch in Osteuropa. Stuttgart 1993.

[4] Tölgyessy, Péter: Die ausgehandelte Revolution zwischen Apathie und Zivilgesellschaft. In: Thaysen, Uwe/Kloth, Michael (Hrsg.): Wandel durch Repräsentation - Repräsentation im Wandel. BadenBaden 1992.

[5] U.a. Schmidt-Schweizer, Andreas: Vom Reformsozialismus zur Systemtransformation in Ungarn. Politische Veränderungsbestrebungen innerhalb der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZMP) von 1986 bis 1989. Frankfurt/Main 2000.

[6] Quelle 1: Auszug aus dem Abschlussprotokoll der KSZE, 1975. Homepage der OSZE (www.osce.org), http://www.osce.org/documents/mcs/1975/08/4044_de.pdf (zuletzt gesehen am 21.07.2009)

[7] Quelle 2: Auszug „Ich bin dem Sieg näher gekommen“, Interview. In: Der Spiegel, Nr. 17/1988. S. 172-183.

[8] Quelle 3: Auszug aus dem Gespräch des Bundesministers Seiters mit Botschafter Horváth. Bonn 1989. In: Küsters, Hanns Jürgen: Dokumente zur Deutschlandpolitik. Deutsche Einheit. Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes 1989/90. München 1998. S. 405-407.

[9] Quelle 4: Schreiben des Bundeskanzlers Kohl an Ministerpräsident Németh. Bonn 1989. In: Küsters: Dokumente. S. 442. (wie Anm. 8)

[10] Quelle 5: Auszug der Rede von Miklós Németh vor dem Europaparlament. Straßburg 1990. In: Europa Archiv. Zeitschrift für internationale Politik. Dokumente. Folge 7. 1990. S. D 180-83.

[11] Vgl. Fischer: kleine Geschichte Ungarns. S. 215-217.

[12] Tölgyessy,: ausgehandelte Revolution S. 33.

[13] Fischer: kleine Geschichte Ungarns. S. 217.

[14] MSZMP ist die ungarische Abkürzung, im Folgenden wird nur die deutsche Abkürzung USAP verwendet.

[15] Vgl. Kurtán,/Liebhart: Ungarn. S. 117.

[16] Vgl. Fischer: kleine Geschichte Ungarns. S. 218.

[17] Vgl. Fischer: kleine Geschichte Ungarns. S. 218 f.

[18] Vgl. Schmidt-Schweizer, Andreas: Ungarn, In: Gabanyi, Anneli Ute; Schroeder, Klaus (Hrsg.): Vom Baltikum zum Schwarzen Meer. Transformation im östlichen Europa. München 2002. S. 413.

[19] Quelle 1. Vgl. Anmerkung 6.

[20] Vgl. Hilzinger, Marcel/Niederegger, Viviane: Ungarn - zwischen Erwartung und Realität. In: Goehrke, Carsten/Gilly Seraina (Hrsg.): Transformation und historisches Erbe in den Staaten des europäischen Ostens. Bern 2000. S. 128.

[21] Vgl. Schmidt-Schweizer: Ungarn. S. 414.

[22] Schmidt-Schweizer: Ungarn. S. 414.

[23] Vgl. Schmidt-Schweizer, Andreas: Politische Geschichte Ungarns von 1985 bis 2002: von der liberalisierten Einparteienherrschaft zur Demokratie in der Konsolidierungsphase. München 2007. S. 44.

[24] Ebd. S. 52.

[25] Vgl. ebd. S. 53.

[26] Vgl. ebd. S. 56.

[27] Vgl. Kiss, László J.: Warum scheiterte der „Gulaschkommunismus“? Eine Anatomie des Kádárismus. In: Elvert, Jürgen/Salewski, Michael (Hrsg.): Der Umbruch in Osteuropa. Stuttgart 1993. S. 132.

[28] Schmidt-Schweizer: Reformsozialismus. S. 59.

[29] Vgl. ebd. S. 59.

[30] Vgl. Elvert: Umbruch. S. 132.

[31] Vgl. Kurtán/Liebhart: Ungarn. S. 125.

[32] Vgl. Fischer: kleine Geschichte Ungarns. S. 237 f.

[33] Vgl. Quelle 2. (wie Anmerkung 7).

[34] Vgl. Fischer: kleine Geschichte Ungarns. S. 238.

[35] Vgl. Schmidt-Schweizer: Reformsozialismus. S. 110-112

[36] Vgl. ebd. S. 169 f.

[37] Vgl. ebd. S. 172 f.

[38] Hilzinger/Niederegger: Ungarn. S. 128.

[39] Vgl. ebd. S. 128

[40] Vgl. Elvert: Umbruch. S. 126.

[41] Hilzinger/Niederegger: Ungarn. S. 129.

[42] Vgl. ebd. S. 134f.

[43] Im Folgenden als UDF abgekürzt.

[44] Vgl. Fischer: kleine Geschichte Ungarns. S. 239.

[45] Vgl. Schmidt-Schweizer: Ungarn. S. 415.

[46] Vgl. Hilzinger/Niederegger: Ungarn. S. 136.

[47] Vgl. ebd. S. 137.

Details

Seiten
26
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668656192
ISBN (Buch)
9783668656208
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v414608
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
Deutschland Ungarn Deutsche Einheit Ostblock Westöffnung Demokratie Europäische Union Deutsche Vereinigung DDR Europa Budapest Bonn USAP Kadar

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Titel: Ungarns Weg zur Demokratie und Beginn der Westöffnung 1988 - 1990