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Essay zu dem Buchauszug von Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht – Sitte und Sexus der Frau

Essay 2017 4 Seiten

Geschlechterstudien / Gender Studies

Leseprobe

Essay zu dem Buchauszug von

Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht – Sitte und Sexus der Frau

‘Le deuxième Sexe’, so lautet das Werk von Simone de Beauvoir im Original, erschien in französischer Sprache 1949 und behandelt das „Reizthema“Frau, wie die Philosophin und Schriftstellerin es selbst bezeichnete, die Rolle und die Stellung der Frau, die sexuelle Initialisierung und ihre Lebensbedingungen im Verlauf der Geschichte. Im Folgenden möchte ich gerne drei Aspekte daraus näher beleuchten: die Passivität, die Opferrolle der Frau und die Aktualität des Werkes.

Eine Kernaussage und zugleich der meist zitierte Satz aus dem 900 Seiten Werk lautet:

“Man ist nicht als Frau geboren, man wird es.” Der Mensch ist also ein in die Welt geworfenes Individuum und von Grund auf frei. Jeder Mensch, jede Gesellschaft hat die Freiheit zu handeln. Das sind Grundthesen des Existentialismus. Auffallend ist allerdings, dass eben dieser Satz von Beauvoir oft auch folgendermaßen wiedergegeben wird: “Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.” Und zwischen diesen beiden Sätzen gibt es, gerade das Thema Geschlechteridentität betreffend, einen grundlegenden Unterschied. Nämlich den, der aktiven beziehungsweise passiven Rolle des Geschlechtes. Beauvoirs Original von 1949 lautet: „On ne naît pas femme: on le devient.“ Das Verb devenir bedeutet das aktive werden und wird oft fälschlicherweise in der passiven Form gemacht werden übersetzt. In diesem Unterschied liegt aber, meines Erachtens, genau der Standpunkt, den Beauvoir neben anderen behandelt und bei dem sie die Frau nicht ausschließlich in der Opferrolle sieht, sondern ihr auch eine Mitschuld an ihrer Situation zuschreibt. Folgender Satz stammt aus dem Kapitel ‚Auf dem Weg zur Befreiung’: „Sie sucht ihre Intellektualität zu verleugnen wie die alternde Frau ihr Alter.“ In einer weiteren Passage desselben Kapitels beschreibt Beauvoir, dass die Frau sich bewusst für den einfacheren, bequemeren Weg entscheidet, einen Weg, „der sehr viel weniger dornenreich erscheint“, einen Weg des Masochismus, auf dem sie sich durch ihre Passivität selbst aufgibt. Für die gewünschte Rolle/Stellung zu kämpfen, wäre sicher schwieriger, aber dennoch ist es ein Entschluss, eine bewusste Entscheidung und spricht für Aktivität. Es ist die Versuchung, den bequemsten Weg zu gehen, der hier dargelegt wird und dessen Anreiz auch noch in heutiger Zeit wahrgenommen werden kann. Fragen wie: „Will ich zu viel? Wäre ich glücklicher, wenn ich ein einfacheres, normales Leben führen würde?“ stehen immer wieder in meinen persönlichen Beobachtungen im Raum, der Entscheidungen beeinflusst.

Beauvoir unternimmt im Schlussteil des Buches eine Unterscheidung von drei Frauentypen: dem „weiblichen“, dem „emanzipierten“ und dem „modernen“. Als „weibliche“ Frau beschreibt sie einen Typ, der sich zur passiven Beute des Mannes macht. Allerdings spielt diese, Beauvoir zufolge, ein Machtspiel, bei dem sie versucht, den Mann in eine Falle der Begierde zu locken, ihn auf seine fleischliche Passivität zu reduzieren und durch ihre dargebotene Fügsamkeit zu fesseln. Beauvoir beschreibt hier kein Opfer im üblichen Sinn, sondern eine kalkulierende Frau, die ihre „Macht“ und ihre „Reize“ durchaus für sich einzusetzen bemüht ist.

Die „emanzipierte“ Frau verweigert hingegen genau diese, ihr, vom Mann aufgezwungene, Passivität, sie wünscht nicht nur zu verführen und zu gefallen. Sie will, so schreibt Beauvoir, aktiv sein und Rache üben am männlichen Geschlecht, indem sie mit seinen Mitteln kämpft.

Der dritte Typ, die „moderne“ Frau dagegen, akzeptiert die männlichen Werte. Anstelle die Männer zu denunzieren und abzuschwächen, ist sie bestrebt, es ihnen gleich zu tun.

Die Problematik sieht Beauvoir allerdings in diesem doppelten Spiel, das die Frauen ihrer Ansicht nach spielen, „indem sie traditionelle Rücksichtnahme und neue Anerkennung verlangen“.

Diesen Konflikt führt Beauvoir noch weiter aus und bezeichnet ihn als charakteristisch für die „Situation der befreiten Frau“. Denn, wenn sich eine Frau in Neutralität flüchtet, kann dies nicht ihren Weg zum selbstständigen Individuum bedeuten. Die Frau kann nur dann dem Mann, der als geschlechtlicher Mensch ihr gegenübersteht, ebenbürtig sein, wenn sie sich nicht selbst verstümmelt und nicht auf ihre Weiblichkeit verzichtet, denn das würde bedeuten, auf ihre Menschlichkeit zu verzichten. Eine Frau, die die Gesellschaft nicht schockieren möchte und auch nicht von ihr belächelt sein will, muss ihr Leben als geschlechtlicher Mensch, also als Frau leben, mit all den Attributen, die sich in der Vergangenheit zu einem unerschütterlichen Bild der Frau zusammengefügt haben.

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Details

Seiten
4
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668655492
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v414682
Note
Schlagworte
essay buchauszug simone beauvoir geschlecht sitte sexus frau Simone de Beauvoir das andere Geschlecht

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Titel: Essay zu dem Buchauszug von Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht – Sitte und Sexus der Frau