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Der Weg zum Berliner Mauerbau 1961 und seine Auswirkungen

Hausarbeit 2004 22 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung und Zielstellung

2. Der Weg zur Gründung zweier deutscher Staaten
2.1. Die Entstehung der Berlinproblematik seit 1944
2.2. Wachsende Gegensätze zwischen den Supermächten
2.3. Die Blockade West-Berlins 1948
2.4. Zwei Verfassungen für zwei deutsche Staaten

3. Der Ost-West-Konflikt und internationale Beziehungen
3.1. Die Supermächte im Kalten Krieg
3.2. Berlin als Schauplatz politischer und gesellschaftlicher Konfrontation
3.3. Superalliierter und Supermacht – Der Einfluss der DDR auf die UdSSR bei der Entscheidung zum Mauerbau

4. Der Bau der Berliner Mauer 1961
4.1. Massenflucht als Motiv für den Mauerbau
4.2. Die politische und militärische Planung und Durchführung des Berliner Mauerbaus
4.3. Reaktionen auf den Mauerbau

5. Auswirkungen des Mauerbaus
5.1. Politische Auswirkungen
5.2. Gesellschaftliche Auswirkungen
5.3. Ökonomische Auswirkungen

6. Fazit

Bibliographie

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung und Zielstellung

Ohne Zweifel kristallisierten sich in der Stadt Berlin insbesondere seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Facetten der Ost-West-Beziehungen zwischen den Supermächten USA und UdSSR besonders anschaulich als auch exemplarisch heraus. Die heute wieder zur Hauptstadt eines vereinten Deutschlands avancierte Stadt mag man gar metaphorisch als „Spiegelbild“ für das jeweils herrschende politische Klima zwischen diesen Mächten zu Zeiten des Kalten Krieges bezeichnen. So ist es durchaus möglich, vom Beginn der wachsenden Gegensätze zwischen den USA und der UdSSR nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Wiedervereinigung Deutschlands an diesem Schauplatz die Dominanz-, Eindämmungs-, Befreiungs-, Konsolidierungs-, Konfrontations- und Entspannungsphasen – welche die Politik der beiden deutschen Staaten sowie den Ost-West-Konflikt prägten - nachzuvollziehen (vgl. Mannes 2004, 1).

Nachdem das europäisch dominierte Staatensystem im Zuge des Zweiten Weltkrieges zerstört wurde und demzufolge ein Machtvakuum hinterließ, schlug die Stunde für die „Randmächte“ USA und UdSSR, die Bühne der internationalen Beziehungen zu betreten und diese nachhaltig zu prägen, wie dies bereits – allerdings in noch gemäßigter Form – bereits seit den dreißiger Jahren der Fall war. Der heranwachsende Ost-West-Konflikt bezeichnete nicht nur machtpolitische Rivalitäten dieser beiden Großmächte, sondern auch die Konkurrenz zweier politischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und ideologischer Ordnungsvorstellungen (vgl. Görtemaker 2003, 2).

Ziel dieser Arbeit soll es nun sein, die Entwicklung der Ereignisse, welche zum Mauerbau in Berlin im Jahre 1961 geführt haben, aufzuzeigen als auch im Zusammenhang darzustellen. Der Fokus der Untersuchungen wird hierbei auf die politischen Aspekte gerichtet. Aufgrund der Komplexität der diskutierten Thematik erhebt diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit derjenigen Ereignisse und Zusammenhänge, welche letztendlich den Berliner Mauerbau bedingten. Es werden die aus Sicht der Autorin bedeutendsten Geschehnisse und Motive vorgestellt und erläutert. Auch konzentriert sich diese Arbeit vorwiegend auf den Zeitraum zwischen 1944 und 1961 sowie auf die Perspektive nur eines der beiden deutschen Staaten, nämlich auf jene der Deutschen Demokratischen Republik.

Im Anschluss hieran wird der ereignisreiche Weg zur Gründung zweier deutscher Staaten im Jahre 1949 aufgezeigt. Daraufhin sollen die internationalen Verflechtungen der Ost- und Westmächte näher beleuchtet werden, um eine umfassende Erklärungsbasis für den Mauerbau zu schaffen, welcher im Folgenden besprochen wird. Zudem widmet sich das fünfte Kapitel den Auswirkungen des Mauerbaus aus politischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Sicht. Eine zusammenfassende Schlussbetrachtung erfolgt im letzten Kapitel.

2. Der Weg zur Gründung zweier deutscher Staaten

2.1. Die Entstehung der Berlinproblematik seit 1944

Der Zweite Weltkrieg endete mit der von Präsident Roosevelt und Premierminister Churchill bereits 2 Jahre zuvor auf einer Pressekonferenz in Casablanca geforderten bedingungslosen Kapitulation (unconditional surrender) des deutschen Staates (vgl. Maibaum 1998, 9). Damit verlor dieser seine Existenz, das internationale Machtgefüge wurde nach der letzten Kriegskonferenz der „Großen Drei“ im Juli und August 1945 im Potsdamer Schloss Cecilienhof neu geordnet: Die bisherigen „Randmächte“ USA und UdSSR avancierten zu weltpolitischen „Supermächten“ (vgl. Görtemaker 2003, 7). Bereits hier entstand der Eindruck sowjetischer Unnachgiebigkeit, da die UdSSR sich unverhohlen der Sowjetisierung Ostmittel- und Südosteuropas widmete (vgl. Maibaum 1998, 10), ohne dass diesbezüglich alliierte Vereinbarungen getroffen worden wären (vgl. Görtemaker 2003, 7).

Angesichts des verheerenden Krieges sollten die Sicherheitsbedürfnisse - und natürlich auch die Reparationsbedürfnisse - der drei Großmächte durch die Schaffung von Besatzungszonen in einem zu diesem Zeitpunkt noch ausdrücklich einheitlichen Deutschland befriedigt werden. Dieser Vorschlag entstammte dem Londoner „Zonen-Protokoll“ vom 12. September 1944, welches in seiner Fassung vom 26. Juli 1945 nach der Hinzunahme von Frankreich als Viermächte-Abkommen bekannt ist (vgl. Maibaum 1998, 10). Demzufolge sollte Deutschland – innerhalb der Grenzen, wie sie am 31. Dezember 1937 bestanden - in vier Besatzungszonen eingeteilt sowie durch eine interalliierte Regierungsbehörde (Kommandatura) verwaltet werden. Ebenso unterlief das Gebiet von „Groß-Berlin“ einer gleich gearteten Teilung. Die Stadt gehörte gemäß dem Wortlaut des angeführten Protokolls keiner anderen Zone an, sondern unterlag einer gemeinsamen Besetzung und Verwaltung durch den – aus den jeweiligen Militärgouverneuren der vier Mächte bestehenden - Kontrollrat, mit identischen Rechten für jede Macht. Hiermit erlangte Berlin eine unmissverständliche Symbolkraft, denn es verkörperte sichtbar den alliierten Triumph (vgl. Wetzlaugk 1996, 9).

2.2. Wachsende Gegensätze zwischen den Supermächten

Das Gebiet Groß-Berlin befand sich bereits seit zwei Monaten unter alleiniger sowjetischer Besatzung, ehe auch die westlichen Militärverbände am 11. Juli 1945 eintrafen (vgl. Wetzlaugk 1996, 9). Diese erwarteten einige unliebsame Überraschungen: die von Moskau unterstützte „Initiativgruppe“ unter der Leitung Walter Ulbrichts hatte bereits einen Tag nach der deutschen Kapitulation mit dem Aufbau von Verwaltung, Parteien sowie von Gewerkschaften begonnen. Ebenso befanden sich die Schlüsselpositionen des bereits wieder funktionsfähigen Verwaltungsapparats Berlins fest in kommunistischer Hand. Jedoch gelang eine erfolgreiche Neubesetzung der entsprechenden Ämter ebenso wie die Umstrukturierung der Verwaltung in den Westalliierten Besatzungszonen. Während jedoch die UdSSR den von ihr eingerichteten Magistrat der Stadt unterstützte, widmeten die Westmächte sich mit der Stärkung ihrer Bezirksverwaltungen einer gegensätzlichen Politik (vgl. Mannes 2004, 2). Ihnen war daran gelegen, im Nachkriegsdeutschland eine Entnazifizierung, Dekartellisierung, Entmilitarisierung sowie eine zügige Demokratisierung durchzuführen. Die Sowjetunion hingegen schuf in der SBZ am 9. Juni 1945 mit der SMAD einen Verwaltungsapparat, welcher auf zwei wesentlichen Stützen beruhte. Die Erstere bezeichnete die Reichweite der SMAD durch sowjetische Militärverwaltungen bis auf regionale (SMA der Länder) und lokale Ebenen (Kommandaturen). Die zweite Stütze der sowjetischen Verwaltung repräsentierte die Nutzung der sowjetischen Machtposition, um bei der Restrukturierung des Verwaltungsapparats durch die Begünstigung von KPD bzw. SED personelle und strukturelle Grundlagen zu schaffen, welche eine Bereicherung für die UdSSR im späteren östlichen Bündnis bedeuten würden (vgl. Judt 1998, 12).

Da sich die Militärgouverneure des Kontrollrats primär auf ihre „eigenen“ Besatzungszonen konzentrierten – und nicht, wie beabsichtigt, in Abstimmung mit den anderen Gouverneuren um der Einheit der deutschen Besatzungsgebiete willen agierten – nutzte die UdSSR diese Lähmung des Gremiums aus, um in der SBZ gesellschaftspolitische Umwälzungen vorzunehmen, welche in einer Gesellschaftsordnung ähnlich der sowjetischen resultieren sollten. Des Weiteren erfolgte eine rigorose Demontagepolitik, Entnahmen aus der laufenden Produktion sowie die Aneignung und Umwandlung leistungsfähiger Betriebe in „Sowjetische Aktiengesellschaften“. Kurzfristige Konsequenz daraus stellte die Verfestigung der Trennungslinie zwischen der SBZ und den westlichen BZ dar. Mittelfristig folgte daraus eine schrittweise Ostintegration. Als langfristige Auswirkung des sowjetischen Vorgehens ist der kontinuierliche ökonomische „Aderlass“ und eine resultierende Verarmung der Bevölkerung zu nennen (vgl. Maibaum 1998, 12).

Die Westmächte widmeten sich in ihren BZ der Zurückdrängung des sowjetischen Einflusses, in der SBZ jedoch vermochte es die KPD, ihre Macht auszubauen. Die Vereinigung derselben mit der SPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) am 21./22. April 1946 bezweckte, den fehlenden Rückhalt in der Bevölkerung zu beseitigen (vgl. Mannes 2004, 2).

Der Rigorismus des sowjetischen Vorgehens in der SBZ sowie das grundlegend differierende Verständnis von freien Wahlen und Demokratie ließ die Westmächte bereits 1945 vermuten, dass Moskau keineswegs daran interessiert war, in den besetzten Gebieten und Ländern die Zusagen über den Aufbau freier, unabhängiger und demokratischer Staaten zu erfüllen. Dies musste der amerikanische Präsident Roosevelt bereits vor seinem Tod im April 1945 erkennen (vgl. Görtemaker 2003, 7). So dauerte es nicht mehr lange, bis 1946 der Begriff „Kalter Krieg“ auftauchte und sich auf die Spannungen zwischen den Ost- und Westmächten bezüglich der Entwicklung der befreiten Länder bezog (vgl. Wetzlaugk 1996, 10).

2.3. Die Blockade West-Berlins 1948

Das Scheitern der Moskauer Außenministerkonferenz im März 1947 zur Klärung von Fragen der Einheit Deutschlands, der Ruhrgebietskontrolle, der Reparationen sowie der ökonomische Krise (vgl. Mannes 2004, 2) kann nicht der Verkündung Präsident Trumans zugeschrieben werden, allen freien Völkern beizustehen, welche von kommunistischen Partisanen angegriffen werden (Truman-Doktrin). Entscheidend war die permanente Ablehnung von westlichen Vorschlägen zu einvernehmlichem Handeln durch die Sowjets (vgl. Maibaum 1998, 16). Die Ablehnung des amerikanischen Wiederaufbauprogramms für Europa (Marshall-Plan) durch die osteuropäischen Staaten unterstrich den Eindruck, die deutsche Frage nur noch durch die wirtschaftliche Übermacht der Westgebiete lösen zu können. So schlossen sich der britische und amerikanische Sektor Berlins am 15. Januar 1947 wirtschaftlich der am 1. Januar 1947 gegründeten Bizone an (vgl. Mannes 2004, 2). Reaktionen auf sowjetischer Seite ließen nicht lange auf sich warten: bereits zu diesem Zeitpunkt fand eine „schleichende Blockade“ statt (vgl. Görtemaker 2003, 17), d.h. fein abgestufte Behinderungen im Berliner Verkehr, Beschlagnahmungen von Zeitungen sowie Behinderungen der Versorgung der Westsektoren gehörten zum Alltag der Stadt (vgl. Mannes 2004, 2).

Zur Zuspitzung der Lage in Deutschland bzw. Berlin – der Schnittstelle zwischen West und Ost – führten zusätzlich die gescheiterten Verhandlungen über eine gleichzeitige, gemeinsame Währungsreform in allen Zonen. Diese galt als wesentliche Voraussetzung für die Schaffung der wirtschaftlichen Einheit sowie für den Erhalt von Geldern im Zuge des Marshall-Plans. Es folgte der Entschluss der drei westlichen BZ am 18. Juni 1948, am 20. Juni 1948 eine von der SBZ unabhängige Währungsreform durchzuführen. Berlin wurde aufgrund des Vier-Mächte-Status nicht mit einbezogen. Die Reform beinhaltete u.a. die Einführung der D-Mark sowie die Abwertung aller Guthaben im Verhältnis 10:1 (vgl. Kleßmann 1991, 189). Die UdSSR beabsichtigte, eine mit der Währungsreform einhergehende westdeutsche Staatsgründung zu verhindern, um durch Offenhaltung der deutschen Frage ihren Einfluss auf ganz Deutschland ausweiten zu können (vgl. Görtemaker 2003, 17). Ungeachtet der Tatsache, dass die UdSSR bereits begonnen hatte, in der SBZ eine von den übrigen BZ getrennte politische, wirtschaftliche und ideologische Einheit zu bilden, legte sie den Westmächten 1948 die Teilung Deutschlands zur Last. So beendete die Ostmacht die Mitarbeit im Kontrollrat am 20. März 1948, am 16. Juni 1948 erfolgte der Rückzug aus der Berliner Kommandatur. Somit endete die Vier-Mächte-Verwaltung Berlins, am 23. Juli 1948 ordnete die UdSSR eine Geldumstellung für ganz Berlin an, um die Westsektoren an die Ostzone zu koppeln. Die Westmächte reagierten prompt und gaben die D-Mark auch in Berlin aus (vgl. Wetzlaugk 1996, 10). Die Währungsreform galt den Sowjets als Anlass für die Blockade West-Berlins, einer Sperraktion, welche die Westmächte zum Verlassen der Stadt bewegen sollte. Der Erfolg dieses Vorhabens war keineswegs unwahrscheinlich, da die Westsektoren auf sowjetisches Verlangen hin von den westlichen BZ versorgt werden mussten. Die UdSSR unterbrach diese existenznotwendigen Verbindungen allerdings ab dem 24. Juni 1948 mit der Begründung, es lägen „technische Störungen“ vor. Die Lage erwies sich als ernst, denn Stromlieferungen unterblieben und Lebensmittel- und Kohlevorräte reichten nur für etwa einen Monat. Somit lief am 26. Juni 1948 das größte Lufttransportunternehmen der Geschichte – die Luftbrücke - an (vgl. Wetzlaugk 1996, 10). Bis Mai 1949 wurden 277.246 Flüge durchgeführt um West-Berlin mit 1,8 Millionen Tonnen Gütern aller Art zu versorgen (vgl. Maibaum 1998, 20). Die Blockade endete am 12. Mai 1949, nur einige Tage später, am 23. Mai 1949, wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet (vgl. Wetzlaugk 1996, 11). Entgegen der sowjetischen Absichten hatte die Blockade bzw. die Luftbrücke die Deutschen in West-Berlin den westlichen Alliierten näher gebracht: die Amerikaner avancierten in deutschen Augen zu Rettern, welche wiederum das Durchhaltevermögen der Berliner bewunderten (vgl. Maibaum 1998, 20).

2.4. Zwei Verfassungen für zwei deutsche Staaten

Nur wenige Tage nach Beginn der Blockade West-Berlins unterbreiteten die West-Alliierten auf der „Tri-Zonen-Konferenz“ in Frankfurt den Ministerpräsidenten der elf westdeutschen Länder den Vorschlag zur Einberufung einer Verfassungsgebenden Versammlung zum 1. September 1948 mit dem Ziel, einen demokratischen Staat „Westdeutschland“ zu gründen (vgl. Maibaum 1998, 21). Der mit der Ausarbeitung der Verfassung beauftragte Parlamentarische Rat orientierte sich an einer föderativen Struktur des neuen Staatsgebildes. Am 8. Mai 1949 nahm der Rat nach dritter Lesung das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland an und erklärte am 23. Mai, dass die Verfassung von mehr als zwei Dritteln der westdeutschen Länder gebilligt worden sei. Die BRD war geboren (vgl. Maibaum 1998, 23-24).

Parallel zu den Vorgängen in den westdeutschen Gebieten beschloss der 2. Volkskongress in Ostdeutschland im März 1948 die Bildung eines „Deutschen Volksrats“, welcher einen Ausschuss mit der Ausarbeitung einer Verfassung beauftragte, sowie ein Volksbegehren über die Deutsche Einheit vorbereiten sollte. Der Verfassungsentwurf lag bereits im Oktober desselben Jahres vor, da auf einen Entwurf vom 14. November 1946 zurückgegriffen werden konnte. Am 19. März 1949 erfolgte die Verabschiedung des überarbeiteten Verfassungstexts durch den 1. Deutschen Volksrat, der 3. Volkskongress bestätigte die Verfassung und wählte aus seinen Reihen den 2. Deutschen Volksrat. Dieses Gremium proklamierte am 7. Oktober 1949 die Deutsche Demokratische Republik (vgl. Maibaum 1998, 22). Die Verfassung folgte der im Mai 1945 von Walter Ulbricht ausgegebenen Richtlinie: „Es ist doch ganz klar: Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ (vgl. Kowalczuk 2003, 6)

Diese nun politische Spaltung Deutschlands verfestigte sich zunehmend und machte die spätere Einbeziehung der BRD in das am 4. April 1949 gegründete westliche Allianzsystem NATO unumgänglich, ebenso wie die Eingliederung der DDR in den sowjetischen Machtblock nun nicht mehr zu vermeiden war (vgl. Görtemaker 2003, 18). Der politische und ideologische Ost-West-Konflikt vertiefte sich von nun an nicht nur geographisch, sondern auch psychologisch. Es begann der Wettlauf um militärische Überlegenheit und machtpolitischen Einfluss mit Hilfe von Feindbildern und Konfrontationen (vgl. Görtemaker 2003, 18).

3. Der Ost-West-Konflikt und internationale Beziehungen

3.1. Die Supermächte im Kalten Krieg

Die internationalen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg werden in der historisch-politischen Literatur durch den Begriff „Kalter Krieg“ gekennzeichnet. Dieser Terminus ist stark verbreitet, leider aber ebenso unscharf (vgl. Kleßmann 1991, 177). Bereits in der zweiten Jahreshälfte 1946 orientierte sich die USA bezüglich ihrer Außenpolitik um, indem sie auf eine verstärkte langfristige Zusammenarbeit mit Westeuropa setzte. Als Wegbereiter dieses Umschwungs wird der amerikanische Botschaftsrat George F. Kennan in Moskau betrachtet, welcher im Juli 1947 einen mit „Mr. X“ gezeichneten Artikel in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ veröffentliche und eine „Politik der Eindämmung“ (containment) forderte, um die Demokratie und westliche Lebensweise gegen den aufkeimenden Kommunismus zu schützen (vgl. Görtemaker 2003, 14).

Junker verweist auf nicht weniger als 50 Faktoren, welche in der Forschung als Ursachen für den Kalten Krieg angeführt werden. Er vertritt jedoch die These, dass keine der Supermächte den Kalten Krieg plante, sondern dieser sich aufgrund struktureller Gegebenheiten - wie z. B. wechselseitiger Perzeption und Fehlperzeption sowie Aktions-Reaktions-Mechanismen - vielmehr ergeben hat. Des Weiteren verweist Junker auf die Globalisierung des außenpolitischen Radius der USA, welche er – unter der Annahme, es existiere überhaupt so etwas wie eine prima causa in komplexen historischen Prozessen – als genau solche bezeichnen würde. Diese Ausweitung des amerikanischen außenpolitischen Handlungsradius entstand aus der wachsenden Interdependenz der Weltpolitik im 20. Jahrhundert selbst sowie aus den Feindbildern und Bedrohungsvorstellungen bezüglich der Taten und Ideologien verfeindeter Staaten und Gesellschaften. Laut Junker wurde die nicht-kommunistische Welt Teil einer Werte-, Sicherheits- und Unterhaltungsgemeinschaft unter amerikanischer Hegemonie, sprich unter vorwiegend amerikanischem Einfluss (vgl. 2002. 19-24).

Stalins Machtbereich hingegen unterlag der Herrschaft systematischen Terrors. Die Position der USA, an der sowjetischen westlichen Peripherie sowjetfreundliche Regierungen – aber eben aus freien Wahlen - zu fordern, kam in Stalins Vorstellung gleich einer hinterlistigen, kapitalistischen Verschwörung. Auch die Westintegration der BRD war ein schwerer Schlag, besonders, da alle sowjetischen Versuche, dies zu verhindern, scheiterten (vgl. Junker 2002, 23-24).

Erst unter Chruschtschow avancierte die SU zu einer Macht globaler Reichweite, sichtbar an deren zunehmenden Aktivitäten im Mittleren Osten, in den Entwicklungsländern Asiens und Afrikas sowie sogar in den USA und Lateinamerika. So schreibt Junker die lange Dauer des Kalten Krieges dem konkurrierenden Globalismus der USA und der UdSSR zu (vgl. 2002, 26).

Nachhaltig erschüttert wurde der Westen am 4. Oktober 1957, als der Start des ersten Satelliten namens „Sputnik“ einen technologischen Triumph für die UdSSR begründete. Somit verlor die USA ihre technische Überlegenheit. Des Weiteren schwebte die Bedrohung, mittels Interkontinentalraketen von den Sowjets angegriffen zu werden, wie ein Damoklesschwert über den Amerikanern. Die USA sahen sich gezwungen, ihre eigene Rolle in der Welt neu zu definieren. Es war Chruschtschow, der nach dem Sputnik-Start von einer friedlichen Koexistenz sprach, nicht, weil die UdSSR schwach wäre oder die Imperialisten fürchtete, sondern weil ein neuer Krieg mit nuklearen Waffen eine Zerstörung nicht bekannten Ausmaßes bedeuten würde (vgl. Görtemaker 2003, 25).

Die Globalität sowie die internationalen Interdependenzen – welche Junker in seinem Artikel detailliert ausführt (vgl. 2002, 19-31) - zu Zeiten des Kalten Krieges ließen es nicht ungewöhnlich erscheinen, gar von einem Kalten Welt krieg zu sprechen (vgl. Junker 2002, 30).

3.2. Berlin als Schauplatz politischer und gesellschaftlicher Konfrontation

Seit der Gründung beider deutscher Staaten 1949 war die Situation Berlins bis zum Jahr 1952 durch die Integration des westlichen Stadtteils in die BRD sowie des Ostteils in die DDR geprägt. Ebenso erfolgte jeweils die entsprechende Eingliederung in die west- bzw. osteuropäischen Staatengemeinschaften (vgl. Mannes 2004, 4).

Die geringe Verständigungsbereitschaft zwischen den West- und Ostmächten zementierte die Teilung Deutschlands ebenso wie die seit der Luftbrücke bestehende starke Bindung der West-Berliner an die amerikanischen „Beschützer“. Nur unter deren Protektion erschien eine antikommunistische, demokratisch-pluralistische Gesellschaftsordnung möglich. Berlin stellte nun gleichzeitig einen Ort dar, an welchem die Angst vor sowjetischen Expansionsbestrebungen besonders stark zu spüren war, andererseits symbolisierte es – zumindest im West-Teil - den erfolgreichen Widerstand gegen den Kommunismus. In der DDR hingegen wurde eifrig am Aufbau und der Erhaltung des Feindbildes gearbeitet: so musste man sich nach ideologischen Vorstellungen profit- und kriegslüsterner Kapitalisten erwehren. Genau diesen sei auch die Teilung Berlins zur Last zu legen. Doch sollte nach DDR-Vorstellungen in ferner Zukunft der Tag kommen, an welchem West-Berlin in die DDR eingegliedert und auch für den Klassenfeind sichtbar werden würde, dass alleinig die Gesellschaftsform der DDR für ganz Deutschland gelten könne (vgl. Mannes 2004, 6-7). Für die Bevölkerung Westdeutschlands erschien West-Berlin als ein „Leuchtfeuer der Freiheit“, denn genau dort war es unmittelbar möglich, über instrumentalisierte Radiosender, Zeitungen und Filmvorführungen den Bewohnern Ost-Berlins vor Augen zu führen, in welch unmenschlichem und ungerechtem Staatssystem sie existierten. Da in Berlin zwei gegensätzliche Weltanschauungen aufeinander trafen, besaß Berlin besondere Bedeutung für den gegenseitigen Unterminierungskampf zwischen Ost- und Westmächten. Nach westlicher Ansicht war West-Berlin ein „Pfahl im Fleische“ der DDR, eine „Türklinke“, mit der das Tor nach Osten aufgestoßen werden könne (vgl. Mannes 2004, 7).

Nach dem Scheitern der Blockade gingen UdSSR und DDR zu einer „Politik der Nadelstiche“ über, tägliche Schikanen gehörten zum Alltagsgeschehen. Zudem begann bereits 1952 der Aufbau einer festen Grenze, einem bis zu 25 Meter breiten abgeholzten Grenzstreifen zwischen BRD und DDR (vgl. Mannes 2004, 8).

Diese Maßnahmen erschienen notwendig, da der Unterschied bezüglich des Lebensstandards zwischen Ost und West in Ost-Berlin trotz ideologischer Verankerung des DDR-Weltbilds zu großer Unzufriedenheit in der Bevölkerung führten. Widrige Lebensumstände wurden durchaus nicht ohne weiteres hingenommen (vgl. Mannes 2004, 8). Als im Organ des FDGB „Tribüne“ die strikte Durchführung der Beschlüsse über die Normerhöhungen gefordert wurde, verlagerte sich die Unzufriedenheit am 16. Juni 1953 auf die Straße. Es kam zu Demonstrationen in Ost-Berlin, jedoch blieb es aufgrund der Berichterstattung des Rundfunks nicht dabei. Im gesamten Gebiet der DDR fanden am 17. Juni Proteste gegen Ulbrichts Politik statt, welche den Charakter eines Volksaufstands aufwiesen. Auch konnte die Forderung nach Wiedervereinigung gehört werden (vgl. Maibaum 1998, 29). Vom 16. Bis zum 21. Juni 1953 kam es in über 700 Städten und Gemeinden der DDR zu Demonstrationen und Streiks (vgl. Kowalczuk 2003, 57). Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte dem Politbüro vor Augen geführt worden sein, dass die Voraussetzung für eine Wiedervereinigung nach Vorstellungen der DDR – nämlich die Akzeptanz der ostdeutschen Bevölkerung gegenüber der SED-Politik – nicht erreicht worden war und auch in naher Zukunft nicht erreicht werden könne (vgl. Lemke 2003, 13).

Nachdem 1957 das Bundesverfassungsgericht entschied, dass West-Berlin ein Bundesland der BRD sei und dementsprechend dort das Grundgesetz gelte, wurde auch Ost-Berlin gemäß dem „Vertrag über die Beziehung zwischen der DDR und der UdSSR“ vom 20. September 1955 formell der Jurisdiktion der DDR unterstellt. Somit wurden beide Teile Berlins nochmals stärker in die Fronten der zwei deutschen Staaten eingegliedert (vgl. Mannes 2004, 8).

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Details

Seiten
22
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638397247
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41472
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Berliner Mauerbau Auswirkungen Wirtschaftsbezogene Kulturgeschichte Deutschlands Thema Berliner Mauer

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Titel: Der Weg zum Berliner Mauerbau 1961 und seine Auswirkungen