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Inklusion in der schulischen Bildung. Chancen, Grenzen und Schwierigkeiten

Hausarbeit 2017 28 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Inklusion

2.1 Definition Exklusion

2.2 Definition Integration

2.3 Definition Inklusion

2.4 Unterschiede Inklusion/Integration

2.5 Inklusion in der schulischen Bildung

3. Chancen der Inklusion

3.1 Chancen für Schülerinnen und Schüler

3.2 Chancen für die Institution Schule

3.3 Chancen für die Gesellschaft

4. Grenzen, Risiken und Schwierigkeiten der Inklusion

4.1 Grenzen, Risiken und Schwierigkeiten für Schülerinnen und Schüler

4.2 Grenzen, Risiken und Schwierigkeiten für die Institution Schule

4.3 Grenzen, Risiken und Schwierigkeiten für die Gesellschaft

5. Wie kann Inklusion gelingen?

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: „Exklusion – Integration – Inklusion“

1. Einleitung

Deutschland hat sich im Rahmen der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet allen Schülerinnen und Schülern, also auch jenen mit geistigen und körperlichen Einschränkungen, Zugang zu allen allgemeinbildenden Institutionen zu gewähren.

Diese Arbeit möchte aufzeigen welche Chancen aber auch Schwierigkeiten, Grenzen und Probleme dieser Sachverhalt darstellt.

Um ein besseres Verständnis zu erzeugen wird Inklusion zuerst definiert und danach beschrieben wie sie sich von Integration unterscheidet. Integrative Schulformen können als der Vorläufer der Inklusion in Deutschland betrachtet werden. Zum Abschluss des Kapitels (Kapitel 2) wird die Inklusion in der schulischen Bildung in Deutschland skizziert.

Im nächsten Kapitel (Kapitel 3) werden die Chancen der Inklusion dargestellt. Hierbei findet eine Unterteilung in die Kategorien „Chancen für Schüler und Schülerinnen“, „Chancen für die Institution Schule“ und „Chancen für die Gesellschaft“ um eine bessere Übersicht zu gewährleisten und eine differenziertere Sicht zu ermöglichen.

In Kapitel 4 werden die Grenzen, Risiken und Schwierigkeiten der Inklusion beleuchtet. Hier wird die selbe Unterteilung in Kategorien wie in Kapitel 3 vorgenommen.

Im 5. Kapitel sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden wie Inklusion gelingen kann. Dies ist besonders dem Umstand geschuldet, dass Deutschland sich mit der Ratifizierung der UN-BRK dazu verpflichtet hat ein inklusives Bildungssystem zu etablieren.

In der Schlussbetrachtung werden besonders wichtige Punkte herausgearbeitet und ein abschließendes Fazit gezogen.

2. Was ist Inklusion

Im Dezember 2006 wurde die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen von der UN-Vollversammlung verabschiedet. Etwas über zwei Jahre später (März 2009) ist die Behindertenrechtskonvention (BRK) auch in Deutschland in Kraft getreten. Die BRK präzisiert die bestehenden Menschenrechte für die Lebenssituationen behinderter Menschen. Schon bei der Entstehung wurden behinderte Menschen und deren Verbände in die Verhandlungen mit einbezogen; eine solche Einbindung der Zivilgesellschaft in die Erarbeitung eines Menschenrechtsübereinkommens ist bislang einzigartig. Schlüsselbegriffe der BRK sind Würde, Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung, Empowerment, Chancengleichheit und Barrierefreiheit. Mit diesen Begrifflichkeiten treibt die Konvention nicht mehr als einen Perspektivenwechsel voran bei dem die Behindertenpolitik konsequent aus einer Menschenrechtsperspektive betrachtet wird: Behinderte sind nicht länger Objekte gesellschaftlicher Fürsorge, sondern Bürgerinnen und Bürger (vgl. Wernstedt, 2010, 11).

Doch wie wird Inklusion genau definiert, was bedeutet Exklusion und wie grenzt sie sich Inklusion inhaltlich von Integration ab? Dies soll im Folgenden geklärt werden.

2.1 Definition Exklusion

Der Begriff Exklusion stammt aus dem Lateinischen „excludere“ und bedeutet „ausschließen“ oder „hindern“. In der Soziologie und der Pädagogik wird es als „soziale Ausgrenzung oder sozialer Ausschluss“ verstanden (vgl. Terfloth, 2013). Menschen sind dann von Exklusion betroffen, wenn ihnen eine Teilhabe an der Gesellschaft oder eine gerechte Qualifikationsmöglichkeit für den Arbeitsmarkt entzogen wird. Dies kann z.B. geschehen, wenn Menschen mit Behinderungen in „Sondereinrichtungen“ wie Sonderschulen oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung untergebracht werden.

2.2 Definition Integration

Der Begriff Integration leitet sich vom lateinischen Wort „integratio“ ab welches so viel wie „Wiederherstellung eines Ganzen“ bedeutet. Der Integrationsbegriff bedeutet im Zusammenhang mit Menschen mit Behinderungen, dass diese in die Gesellschaft aufgenommen werden sollen. Sie sollen nicht mehr länger in separaten Einrichtungen/Institutionen leben und Bildung erfahren, sondern in die Gesellschaft mit einbezogen werden. Allerdings wird beim Integrationsbegriff eine Aufteilung in „Menschen mit Behinderungen“ und „Menschen ohne Behinderungen“ vorgenommen (vgl. Heimlich & Behr, 2011, 817). Der Integrationsbegriff zielt genau wie der Inklusionsbegriff darauf ab eine Separation und Exklusion aufzuheben um die betroffenen Menschen wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

2.3 Definition Inklusion

Der Inklusionsbegriff wurde in den 1970er Jahren in den USA ins Leben gerufen. Er steht für eine vollständige Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und schließt alle Bereiche unserer Gesellschaft wie Familie, Arbeit und Bildung mit ein. Inklusion heißt wörtlich übersetzt „Zugehörigkeit“, also das Gegenteil von Exklusion. Wenn Menschen, mit oder ohne Behinderung, überall dabei sein können dann ist dies gelungene Inklusion. Jeder Mensch ist als ein vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft zu betrachten und soll von dieser mit allen Besonderheiten voll akzeptiert werden. In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein. Jeder ist willkommen. Im Gegensatz zum Integrationsbegriff werden Menschen nicht in unterschiedliche Kategorien eingeteilt, sondern werden als Gruppe von Menschen betrachtet, die unterschiedliche und spezielle Bedürfnisse haben (vgl. Heimlich & Behr, 2011, 817f).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: „Exklusion – Integration – Inklusion“ (www.aktion-mensch.de/dafuer-stehen-wir/foerderprojekte-aktionen/kampagnen/service/downloads.html)

Im Folgenden werden einige zentrale Bestandteile skizziert welche für inklusive Konzepte von Bedeutung sind:

- Heterogenität von Menschen wird als bereichernde Vielfalt verstanden und es wird versucht diese aktiv zu nutzen.
- Inklusion versteht Verschiedenheit und Vielfalt ganzheitlich und wendet sich gegen Zwei-Gruppen-Kategorisierungen wie „Behinderte“ und „Nichtbehinderte“. Diese Kategorien reduzieren die Komplexität menschlicher Vielfalt und werden somit einzelnen Personen nicht gerecht.
- Durch Inklusion soll das Menschenrecht einzelner Personen auf Teilhabe an allen gesellschaftlichen Bereichen gewährleistet werden.
- Inklusion wendet sich gegen Ausgrenzung und möchte verhindern, dass Menschen an den Rand gedrängt werden. Sie möchte Möglichkeiten zur Teilhabe schaffen um den Vorstellungen einer inklusiven Gesellschaft Rechnung zu tragen.
- Inklusion ist ein fortwährender Prozess und kein Ergebnis von Verhandlungen. Sie ist eine Leitidee an der wir uns konsequent orientieren und ständig versuchen anzunähern.
- Inklusion begegnet jedem Einzelnen mit Respekt, Fairness, Solidarität und Wertschätzung.
- Jede Person wird in der Inklusion in ihrer Einmaligkeit anerkannt. Die Gruppe wird als ein unteilbares Spektrum an Individuen betrachtet.
- Inklusion möchte die Kompetenz und das Bewusstsein vermitteln die vielfältigen Formen von Diskriminierung zu erkennen und diese nachhaltig zu beseitigen (vgl. Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, 2012, 2 f.).

2.4 Unterschiede Inklusion/Integration

Häufig werden die Begriffe Integration und Inklusion synonym verwendet. Allerdings bestehen große Unterschiede zwischen den Bedeutungen dieser Begrifflichkeiten. Besonders hervorzuheben sind zwei Unterschiede:

1. Integrative Konzepte sind auf das Individuum und seine speziellen Bedürfnisse ausgerichtet während inklusive Ansätze eine systemische Perspektive verfolgen um bestehende Ressourcen in das gesamte System zu investieren um hiermit allen Ansprüchen gerecht zu werden (vgl. Schattenmann, 2014, 25).
2. In der integrativen Praxis sollen Menschen mit Behinderungen an die gesellschaftlichen Strukturen angepasst werden. Bei der Inklusion hingegen wird versucht die Rahmenbedingungen an die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung anzupassen.

2.5 Inklusion in der schulischen Bildung

Deutschland hat sich rechtlich dazu verpflichtet seit der im Jahre 2009 ratifizierten Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK), ein inklusives Bildungssystem zu etablieren. Dies bedeutet, dass jedem Menschen mit seinen individuellen Voraussetzungen prinzipiell die Bildung im regulären Schulsystem zugänglich gemacht werden muss. „Alle Menschen, ob behindert oder nicht behindert, müssen Zugang zum allgemeinen Schulsystem erhalten – und damit auch zu allgemeinbildenden Schulen“ (vgl. Hirschberg, 2010). Die Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems ist nicht nur eine staatliche, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ziel hierbei muss es sein, die UN-BRK sinnstiftend und qualitativ hochwertig umzusetzen um das Recht auf Bildung für jeden Einzelnen zu verwirklichen (vgl. ebd.). Durch Inklusion werden die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Lernenden in den Mittelpunkt gestellt. Vielfalt wird als Chance und Ressource für Bildungsprozesse betrachtet. Zu den Grundpfeilern einer inklusiven Entwicklung in der Bildung zählen individuelle Förderung und Lernen in heterogenen Gruppen (vgl. Deutsche UNESCO Kommission e.V., 2014, 9).

In Deutschland trifft das Konzept der inklusiven Bildung auf ein strukturell selektives Schulsystem in dem die homogene Lerngruppe den Normalfall darstellt (vgl. Tillmann, 2007, 32). Deshalb stellt inklusive Beschulung hier eine besondere Herausforderung dar, da nicht nur eine Umstrukturierung im hoch differenzierten Förderschulsystem stattfinden muss, sondern auch im Regelschulsystem. Durch die Inklusion wird besonders eine Integrationsfunktion der Schule gefordert die in einem Spannungsverhältnis zu ihrer Allokationsfunktion steht (vgl. Lütje-Klose, 2013, 34).

Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland deutlich hinterher: Etwa 500.000 Kinder haben einen speziellen Förderbedarf, haben Lern- und Verhaltensprobleme und sind körperlich und/oder geistig behindert. Nur ein Viertel dieser Schülerinnen und Schüler besucht eine Regelschule (vgl. Löhmann, 2014, 1).

3. Chancen der Inklusion

Nachdem im vorherigen Kapitel Inklusion genauer definiert und beschrieben wurde, sollen im folgenden Abschnitt Chancen und Möglichkeiten der Inklusion in der Bildung skizziert werden.

3.1 Chancen für Schülerinnen und Schüler

Der vorliegende Abschnitt der Arbeit soll Chancen und positive Aspekte der Inklusion für Schülerinnen und Schüler beleuchten. Welche möglichen Vorteile und Chancen können sich durch eine gemeinsame inklusive Beschulung ergeben? Außerdem soll aufgezeigt werden welche Faktoren für eine inklusive Beschulung von Schülerinnen und Schülern (mit und ohne Förderbedarf) sprechen und warum nicht auf diese verzichtet werden sollte.

Ein sehr häufig genannter Vorteil der inklusiven Beschulung ist der Erwerb von sozialen Kompetenzen. Das gemeinsame Lernen fördert soziale Fähigkeiten wie Hilfsbereitschaft und Toleranz, dies ist u.a. mit den kooperativen Lernformen zu erklären, die im inklusiven Unterricht gerne zur Anwendung kommen. Durch gemeinsames Lernen an Stationen, Projektarbeit und anderen Methoden der inklusiven Didaktik lernen die Schülerinnen und Schüler nicht nur Fachwissen, sondern auch Rücksichtnahme und Kooperation (vgl. Reimann, 2014). Auch das Verantwortungsgefühl von stärkeren Schülern und Schülerinnen gegenüber leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern wird gestärkt (vgl. Tovar, 2017). Diese erworbenen sozialen Kompetenzen wirken sich positiv auf das Klima in der Lerngruppe aus und ermöglichen somit besseres Lernen.

Auch die schulischen Leistungen, sowohl von Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf wie auch ohne Förderbedarf, sollen durch Inklusion verbessert werden. Der Hirnforscher Gerald Hüther behauptet sogar, dass Inklusion schlau macht. Dies begründet er mit den komplexeren sozialen Situationen und den damit einhergehenden vielfältigeren Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten (vgl. Hüther, 2008). Auch verschiedene Studien belegen, dass die Leistungen von Schülerinnen und Schülern in inklusiven Settings nicht schlechter bzw. sogar besser werden. Viele Eltern, Schulleitungen und Lehrer befürchten, dass nichtbehinderte Schülerinnen und Schüler durch Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf in ihrer kognitiven Entwicklung behindert werden würden und sich dies negativ auf ihre Leistungsentwicklung auswirkt. Dies ist erwiesenermaßen nicht den Fall, wie aus mehreren Studien hervorgeht. Nichtbehinderte Schülerinnen und Schüler in inklusiven Settings sind genauso gut wie Schülerinnen und Schüler in nichtinklusiven Klassen. Teilweise sind ihre Leistungen sogar besser (vgl. Preuss-Lausitz, 2009, 9 ff.; Wocken, 1999). Auch hochbegabte Kinder (IQ > 117) werden in ihrer kognitiven Entwicklung und ihrem Lernzuwachs nicht ausgebremst.

Doch wie verhält es sich mit den Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf? Werden sie überfordert bzw. nicht angemessen gefördert und leiten sich daraus Nachteile für ihre kognitive Entwicklung und ihren Lernzuwachs ab? Auch hier belegen diverse Studien (Klemm/Preuss-Lausitz 2008; Wocken 2007), dass Förderschülerinnen und –Schüler in integrativen/inklusiven Lernarrangements einen deutlichen Leistungsvorsprung gegenüber den Förderschülerinnen und –Schülern in separierenden Unterrichtsformen aufweisen. Auch Edith Brugger-Paggi erkennt eine klare Leistungssteigerung bei integrativer Beschulung und sieht dies durch eine PISA-Studie[1] bestätigt. Sie sieht die Gründe für die Leistungssteigerung vor allem die günstigeren Rahmenbedingungen wie z.B. die geringere Klassengröße, die zusätzliche Anwesenheit einer Integrationslehrperson in bestimmten Stunden und das zahlreiche Lern-und Lehrmaterial welches eine Unterrichtsdifferenzierung für alle Schülerinnen und Schüler unterstützt (vgl. Brugger-Paggi, 2015). Lernpsychologisch verwundert es nicht, dass Kinder mit Förderbedarf in einer Regelschulklasse deutlich mehr lernen als in leistungshomogenen Klassen: Das Anregungsmilieu einer Regelschulklasse ist im Allgemeinen als deutlich höher einzuschätzen als das einer Sonderschulklasse (vgl. Preuss-Lausitz, 2010). Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Vorteile von Inklusionspolitik nicht nur auf Schülerinnen und Schüler mit Behinderung oder Migrationshintergrund beschränkt bleiben. Von inklusiver Beschulung profitieren alle Schülerinnen und Schüler, da alle individuell mit ihren Stärken und Schwächen gefördert werden (vgl. Evers-Meyer, 2010). Eine Homogenisierung beeinflusst vor allem die Lernentwicklung schwächerer Schülerinnen und Schüler nachteilig. Weitere nachteilige Effekte für die Leistungsentwicklung treten dann auf wenn in den Klassen sozial benachteiligte und lernschwache Schülerinnen und Schüler überwiegen und die Leistungsspitze zu dünn besetzt ist. Dieser Effekt tritt besonders in Förderschulklassen auf, sollte aber auch in inklusiven Settings in Regelschulklassen im Blick behalten werden (vgl. Lütje-Klose, 2013). Es sollten unbedingt kumulativ wirkende Problemkonstellationen, wie sie z.B. an Haupt- und Förderschulen häufig auftreten, vermieden werden (vgl. Werning, 2010, 15).

Einschränkend muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass sich die Studien, die sich mit Fragen der Leistungsentwicklung beschäftigen überwiegend auf Schülerinnen und Schüler des Förderbereichs „Lernen“ beziehen.

Ein weiterer wichtiger Punkt der für eine inklusive Beschulung von Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf spricht, ist der eher mögliche Schulbesuch in der Nähe des Heimatortes. Dies hat vor allen Dingen den Vorteil, dass der Erhalt von Kontakten zu anderen Kindern des Heimatortes gewährleistet bleibt und somit die sozialen Wurzeln erhalten bleiben. Die meisten Klassenkameraden wohnen in der Nähe, daher können auch im Freizeitbereich diese Kontakte besser gepflegt werden (vgl. Kocks, 2012).

Werden Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf von ihren bisherigen Mitschülern getrennt und zu einer Förderschule überwiesen, wirkt sich dies als stigmatisierender Prozess eklatant negativ auf das Selbstkonzept der betreffenden Schülerinnen und Schüler aus (vgl. Lütje-Klose, 2013). Klemm spricht in diesem Zusammenhang von Biographischen Brüchen. Diese werden durch die sinkenden Inklusionsanteile vom Elementarbereich zum Sekundärbereich geschaffen. Ein Teil der Kinder die im Elementarbereich noch inklusiv betreut wurden erleben beim Übergang in die Schule, dass sie nicht mehr länger zur großen Gruppe aller Kinder dazugehören. Denjenigen, die auch noch in der Grundschule inklusiv unterrichtet wurden, machen diese schmerzliche Erfahrung dann häufig beim Übergang in die weiterführenden Schulen. Diese Brüche konnten auch in den Jahren seit 2008/2009, als Deutschland der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beitrat, nicht abgeschwächt werden. Dieser Prozess setzt sich auch beim Übergang vom allgemeinbildenden Schulsystem in die berufsbildende Sekundarstufe II fort (vgl. Bertelsmann Stiftung, 2015, 35). Durch diese Umstände leben viele Menschen mit Behinderungen in Nischen was durch die frühe Trennung vom Rest der Gesellschaft stark begünstigt wird (vgl. Evers-Meyer, 2010,). Noch immer gehen 80 % (500.000) dieser Menschen an Förderschulen und verlassen diese zu einem sehr großen Anteil ohne einen qualifizierenden Schulabschluss. Fast alle werden in eine Werkstatt für Behinderte überführt und nur 1 % verlässt diese wieder (vgl. ebd.).

Um in Zukunft ein pessimistisches Selbstbild von Haupt- und Sonderschülern zu verhindern (vgl. Schumann, 2015) sowie soziale, ethnische und jungenspezifische Benachteiligung zu vermindern (vgl. Preuss-Lausitz, 2010) sollte die Inklusion in der deutschen Bildungslandschaft zum Wohle der Schülerinnen und Schüler vorangetrieben werden.

3.2 Chancen für die Institution Schule

Hier soll kurz skizziert werden wie sich Inklusion positiv auf Schule und ihre Akteure auswirken kann. Welche Chancen und Verbesserungsmöglichkeiten werden durch Inklusion ermöglicht?

Durch unser bisheriges selektives Schulsystem werden die Ziele der Menschenrechtskonvention deutlich verfehlt (vgl. Schumann, 2015). Auf die Frage was genau die Forderung nach Inklusion für das deutsche Schulsystem impliziert, antwortet der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Bildung, Vernor Munoz: „Wie können wir das Bildungssystem in ein wirklich inklusives System umwandeln? Ich glaube, wir müssen nur eine einzige Kleinigkeit ändern, nur eine kleine Sache, nämlich alles“ (Munoz, 2009; zit. n. Schumann, 2015). Und genau hier liegt die Chance für das deutsche Schulsystem und seine Akteure:

Länder mit hohen Inklusionsraten führen die Pisa-Listen an (vgl. Evers-Meyer, 2010) und dies ist kein Zufall. Durch die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über Sonderschulen, Lernen, emotionale Entwicklung und Sprache, ist es vollkommen unverantwortlich diese „Armenschulen“ als Wahlrecht aufrechtzuerhalten. Leistungsergebnisse und Lernstände der Schülerinnen und Schüler an Sonderschulen sind weit davon entfernt, Jugendliche zum Hauptschulabschluss zu führen (Schumann, 2015). Hier liegt deutlich eine große Chance Schulen weiterzuentwickeln. Dort wo eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigung stattfindet muss sich auch zuallererst mit den eigenen Einstellungen und Grundhaltungen zu Andersartigkeit und Behinderung auseinandergesetzt werden. Dies wirkt unweigerlich auf die eigenen Vorstellungen von Unterricht, dem eigenen Handeln und auf den Umgang mit den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Lernmöglichkeiten zurück. Durch diesen Umstand können Entwicklungen bei den einzelnen Lehrern und den Schulen bewirkt werden. Weiter können durch positive Erfahrungen mit Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigung eine Erweiterung der Kompetenzen im Umgang mit Unterschiedlichkeit und Vielfalt erreicht werden welche den Gewinn von neuen Einstellungen und Sichtweisen ermöglicht (vgl. Brugger-Paggi, 2015). Diese Entwicklungen können sich positiv auf das Schul- bzw. Klassenklima auswirken. Auch eine aktuelle repräsentative Elternumfrage bestätigt dies: Die befragten Eltern (mit Inklusionserfahrung) gaben an, dass sie die Lehrkräfte in inklusiven Schulen für kompetenter und engagierter halten und diese besser mit den unterschiedlichen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler umgehen können. Zudem haben diese Lehrer nach ihrer Meinung die Stärken und Schwächen der Schülerinnen und Schüler besser im Blick und geben den Eltern mehr Anregung zur Unterstützung ihrer Kinder. Dies zeigt wie gut gelungene Inklusion eine positive Lernkultur voranbringen kann (vgl. Bertelsmann Stiftung, 2015, 9). Auch die Qualität des Unterrichts selbst wird durch mehr Differenzierung in den Lernsettings im Vergleich zu nicht inklusiven Lernformen verbessert (vgl. Preuss-Lausitz, 2010).

Eine weitere wichtige Chance welche die Inklusion mit sich bringt, ist die Möglichkeit die strukturelle Selektivität des Schulsystems mit der Fiktion der homogenen Lerngruppe und der Outcome-Steuerung langsam zu verabschieden. Damit kann z.B. auch verhindert werden, dass bestimmte Gruppen von Schülerinnen und Schülern (soziale Herkunft, Migration) im Schulsystem zurückgelassen werden und in ihrer Schullaufbahn mit einer Form von Versagen konfrontiert werden (vgl. Werning, 2010, 5 ff.).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Inklusion viele Chancen für die Veränderung von Schule darstellt.

3.3 Chancen für die Gesellschaft

Welche positiven Auswirkungen von Inklusion sind für die Gesellschaft zu erwarten? Und welche gesellschaftlichen Gründe sprechen dafür Inklusion voranzubringen?

Zuerst muss festgestellt werden, dass in den vergangenen Jahren unzählige Male gegen das Grundgesetz verstoßen wurde. Dort heißt es u.a.: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“. Mit unserem derzeitigen selektiven Schulsystem und der damit einhergehenden Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung zu vielen Bildungseinrichtungen sowie der erschwerten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, tragen wir unserem eigenen Grundgesetz nicht ausreichend Rechnung (vgl. Dawletschin-Linder, 2010). Ein natürlicher Umgang und ein gegenseitiges Verständnis wurden verlernt, dabei ist Verschiedenheit im Kleinkinderalter doch völlig normal. Dadurch, dass aber eine frühe Trennung stattfindet, wird dieser Umgang miteinander verlernt. Das Schlimme ist, dass diese frühe Segregation viele Folgeprobleme mit sich bringt. Nicht nur, dass eine frühe Segregation das Unverständnis für Alltägliches fördert, auch das Bild vom ´Pflegefall behinderter Mensch´, der behütet, beschützt, gepflegt und untergebracht werden muss, verhärtet sich. Für eine selbstbestimmte Teilhabe dieser Menschen in unserer Gesellschaft bleibt bei diesem gedanklichen Konstrukt wenig Platz. Und so hat sich auch die Ausbildungs- und Berufswelt in großen Teilen von Menschen mit Behinderung entfernt (vgl. Evers-Meyer, 2010). Dies bringt höhere Kosten für die Gesellschaft mit sich. Anstatt Menschen mit Behinderung die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und der Arbeitswelt zu ermöglichen, werden diese Menschen zu kostenintensiven Pflegefällen auf Lebensdauer. Der Lebensweg über Förderkindergarten, Förderschule und Werkstatt für Behinderte drängt diese Menschen nicht nur an den Rand unserer Gesellschaft, sondern verschlingt auch enorme monetäre Ressourcen. Dies fängt bereits mit der schulischen Bildung an, denn gute Bildung kostet zwar viel Geld aber schlechte Bildung ist langfristig gesehen noch teurer (vgl. ebd.). Vermutlich könnte bei der Überführung der Ressourcen vom Förderschulsystem bereits zur Finanzierung der Inklusion ein Beitrag geleistet werden. Die Kosten für eine nachgelagerte Betreuung und Versorgung von jungen Menschen mit Behinderung erscheinen jedenfalls deutlich höher als für eine gute Bildung dieser Menschen die zudem auch noch zu besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt führt (vgl. Erdsiek-Rave, 2010).

Abschließend bleibt zu sagen, dass mit Hilfe der Inklusion die Chancengleichheit in der Gesellschaft gefördert wird und dadurch soziale gesellschaftliche Unterschiede verringert werden können. Gerade die skandinavischen Länder zeigen hier auf wie die soziale Schere zu großen Teilen geschlossen werden kann (vgl. Werning, 2010, 9).

4. Grenzen, Risiken und Schwierigkeiten der Inklusion

Nachdem im vorherigen Abschnitt die Chancen der Inklusion für die verschiedenen Akteure (Schülerinnen und Schüler, Institution schule und Gesellschaft) aufgezeigt wurden, sollen im folgenden Kapitel Grenzen, Risiken und Schwierigkeiten der Inklusion skizziert werden.

4.1 Grenzen, Risiken und Schwierigkeiten für Schülerinnen und Schüler

Welche Grenzen, Risiken und Schwierigkeiten können sich durch die Inklusion für Schülerinnen und Schüler ergeben?

Grundsätzlich muss in der Diskussion um die Inklusion in Frage gestellt werden, ob eine Schule für alle, allen gerecht werden kann? Dies scheint nach bisherigen Studien und Erfahrungen durchaus fragwürdig (vgl. Vernooij, 2014).

[...]


[1] http://www.schule.suedtirol.it/pi/themen/pisa09.htm

Details

Seiten
28
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668652026
ISBN (Buch)
9783668652033
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v415406
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Berufs- und Wirtschaftspädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Inklusion

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Titel: Inklusion in der schulischen Bildung. Chancen, Grenzen und Schwierigkeiten