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Die Mafia unter dem Blickwinkel des Männerbundes

Hausarbeit 2003 13 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Patriarchale Gesellschaftsstrukturen als Entstehungskontext

3. Der mediterrane Ehrkodex

4. Männliche und weibliche Ehre

5. Gewalt als konstituierendes Element der männlichen Vergemeinschaftung

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das organisierte Verbrechen ist nach wie vor eine Angelegenheit von Männern.“ (Hess 1990: 113). Mit diesem Statement beginnt Hess seine Darstellung über die sizilianische Mafia. Im weiteren spricht er von mafia als „...eine Verhaltensweise, eine Methode, das, was die mafiosi tun; sie ist die von ‚starken Männern‘ ausgeübte und angedrohte private Gewalt, ausgeübt und angedroht in allen sozialen Konflikten (...)“(ebd.). Damit spricht er jenes bedeutende Moment an, das die Hauptrolle in meinen Betrachtungen spielt; die Mafia als ein Phänomen der männlichen oder maskulinen Vergemeinschaftung. – Ich spreche im folgenden von der „männlichen“ Vergemeinschaftungsform, da „maskulin“ ein zu eng gefasster Begriff für meine Überlegungen ist.

Was sind die Charakteristika dieser Gemeinschaft, durch welche Wertvorstellungen und Rituale wird sie hergestellt und bewahrt? Gemeinschaft bedeutet immer die Abgrenzung von anderen, in diesem Fall soll dabei die männliche Vergemeinschaftung als Abgrenzung zum Weiblichen verstanden werden. Somit wird es hilfreich sein, dieses Spannungsfeld genauer zu beleuchten. Dabei spielt das soziokulturelle Umfeld, in dem sich das Phänomen Mafia herausgebildet hat, eine bedeutende Rolle. Als Betrachtungsgegenstand dient dazu die sizilianische Mafia in ihrer Blütezeit Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts, da zu dieser Zeit das „männerbündische Element“ aufgrund des sozialhistorischen Hintergrundes stärker zum Vorschein trat (Hess 1990: 113). Durch die Analyse der gesellschaftlichen Gegebenheiten dieser Zeit können die Strukturmerkmale des Männerbundes „Mafia“ erklärt werden.

2. Patriarchale Gesellschaftsstrukturen als Entstehungskontext

Die Genese der Mafia ist im Sizilien des 19. Jahrhunderts anzusiedeln. Sie ist das Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklungen, die sich mit der Abschaffung des Feudalismus zu Beginn des Jahrhunderts radikalisierten. Die Großpächter der Latifundien wurden zur neuen Agrarbourgeoisie und traten als Kontrahenten des Kleinbauerntums auf.

Diese hatten mit der Privatisierung von Gemeindeland die traditionellen Nutzungsrechte verloren und gerieten in Abhängigkeit zu den neuen Großgrundbesitzern. Um die Besitzverhältnisse aufrechterhalten zu können und die Aufstände der Bauern niederzuschlagen, mussten die Landherren zur Selbsthilfe greifen, indem sie private Handlanger beschäftigten. Mit einem Eingreifen von Seiten staatlicher Justiz und Verwaltung war damals nicht zu rechnen. Traditionellerweise waren in Sizilien lokale Machthaber einflussreicher als die jeweiligen Zentralregierungen, und der Aufbau eines effektiven bürokratischen Apparates in dieser Region war bis dato nicht erfolgt (vgl. Blok 1981: 119 ff.).

Somit entstand eine Klientelbeziehung zwischen dem jeweiligen Landherren und seinen Gefolgsleuten. Von diesem Phänomen berichtet ein Justizbeamter in Westsizilien 1838. Er spricht von „lokalen Männern mit Einfluß und Macht“, mit denen nicht nur Beamte sondern auch das Volk gemeinsame Sache macht. (vgl. Blok 1981: 127)

Das Phänomen Mafia ist als ein klientelhaftes Netzwerk zu verstehen, das sich um den jeweiligen Patron bildet. Zwischen ihm und der cosca, wie die Gruppe der ihm Ergebenen heißt, bestand ein Wechselverhältnis von Protektion und Loyalität. Der wichtigste Grundsatz, der den Fortbestand dieser Beziehungen garantierte, war die Ehrenschweigepflicht. Im Volk galt es als verpönt, mit den Behörden zusammenzuarbeiten und die Einhaltung dieses Grundsatzes war Ehrensache. Die Schweigepflicht ist Teil der sizilianischen Moralvorstellungen dieser Zeit, welche in Zusammenhang mit den mediterranen Ehrvorstellungen zu sehen sind.

3. Der mediterrane Ehrkodex

Mediterrane Gesellschaften lassen sich als „honour and shame societies“ (zit. nach Giordano 1992: 114) definieren. Das heißt, dass in ihnen Wertvorstellungen und Verhaltensnormen existieren, in deren Zentrum der Begriff der Ehre steht.

Ehre kann als ein Gefühl verstanden werden, das bestimmte Idealvorstellungen über die eigene Person und die anderen beinhaltet und somit das Verhalten des Individuums bestimmt.

Der oder die einzelne hat in bezug auf sich selbst und gegenüber den anderen die Überzeugung, „daß man sich nichts vorwerfen muß und daß man demzufolge den Anspruch, ja sogar das Recht besitzt, stolz zu sein“ (Giordano 1992: 115).

Die Ehre als Moralvorstellung hat innerhalb einer Gruppe oder Gemeinschaft eine sozialisierende Bedeutung, da sie das Verhalten der Individuen zueinander determiniert. In gewissen Situationen werden entsprechende Verhaltensweisen erwartet und von den Gruppenmitgliedern gegenseitig eingefordert. Der oder die einzelne fühlt sich gleichzeitig sich selbst als auch den anderen gegenüber dem gemeinsamen Normenkodex verpflichtet und unterwirft sich auch gegebenenfalls den Sanktionen bei Nichtachtung.

In Wechselbeziehung zur Ehre steht die Schande. Die beiden Begriffe bedingen sich gegenseitig. Schande fällt auf jene, die den Ehrkodex verletzt haben und kann nur durch entsprechende Sühnungstaten bereinigt werden.

Dabei spielt die Selbstjustiz eine bedeutende Rolle. Der Entehrte übt Rache aus und stellt so seine Ehre und die seiner Familie oder Gruppe wieder her. - Aufgrund fehlender Justizgewalt hat sich dieses Regelungssystem im abgelegenen Sizilien durchsetzen können und somit die Bildung des Phänomens Mafia begünstigt.-

Der Ehrkodex fungiert dabei als ein sozialer Platzanweiser, denn er besitzt eine hierarchisierende Wirkung sowohl innerhalb der Gruppe als auch nach außen. Die gute Reputation und Ehre soll sowohl die persönliche Überlegenheit als auch die der eigenen Gruppe im sozialen Umfeld dokumentieren (vgl. Giordano 1992:122). Die Gefahr der Schande bedeutet immer auch eine mögliche soziale Degradierung und somit einen Verlust des Status innerhalb der Gemeinschaft. Der Grundgedanke dahinter ist, dass die Gesellschaft aus potentiellen Rivalen besteht, an denen sich der uomo d’onore ständig messen muss.

Nach Bourdieu ist die Ehre eine Art symbolisches Kapital, das sowohl vermindert als auch vermehrt werden kann und in andere Arten von Kapital konvertibel ist (zit. nach Schmidt 1992: 211). Aus diesem symbolischen Kapital lässt sich also auch reeller Wert ziehen, wodurch seine Bedeutung erst klar wird. Eine hohe Stellung innerhalb der Hierarchie einer Gemeinschaft bedeutet immer auch den Zugang zu wirtschaftlichen und kulturellen Ressourcen. Im Beziehungsgeflecht der Mafia lässt sich dies sehr gut erkennen. Der Mann mit der meisten Ehre ist auch der mit großer weltlicher und materieller Macht, der Patron.

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Details

Seiten
13
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638398053
ISBN (Buch)
9783638749831
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41566
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
gut
Schlagworte
Mafia Blickwinkel Männerbundes SpezVO Mafia Staat Männlichkeit

Autor

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Titel: Die Mafia unter dem Blickwinkel des Männerbundes