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Geburt der Venus von Rainer Maria Rilke - Gedichtinterpretation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Geburt der Venus von Rainer Maria Rilke

2. Einleitung

3. Neue Gedichte

4. Analyse und Interpretation
4.1 Inspirationsquellen
4.2 Geburt der Venus
4.3 Seinsbereiche des Gedichts
4.4 Abschlussbetrachtung

5. Literatur

1. Geburt der Venus

An diesem Morgen nach der Nacht, die bang
vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr, -
brach alles Meer noch einmal auf und schrie.
Und als der Schrei sich langsam wieder schloß
und von der Himmel blassem Tag und Anfang
herabfiel in der stummen Fische Abgrund -:
gebar das Meer. (1)[1]

Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum
der weiten Wogenscham, an deren Rand
das Mädchen aufstand, weiß, verwirrt und feucht.
So wie ein junges grünes Blatt sich rührt,
sich reckte und Eingerolltes langsam aufschlägt,
entfaltete ihr Leib sich in der Kühle
hinein und in den unberührten Frühwind. (2)

Wie Monde stiegen klar die Kniee auf
und tauchten in der Schenkel Wolkenränder;
der Waden schmaler Schatten wich zurück,
die Füße spannten sich und wurden licht,
und die Gelenke lebten wie die Kehlen
von Trinkenden. (3)

Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib
wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand.
In seines Nabels engem Becher war
das ganze Dunkel dieses hellen Lebens.
Darunter hob sich licht die kleine Welle
und floß beständig über nach den Lenden,
wo dann und wann ein stilles Rieseln war.
Durchschienen aber und noch ohne Schatten,
wie ein Bestand von Birken im April,
warm, leer und unverborgen, lag die Scham. (4)

Jetzt stand der Schulter rege Waage schon
im Gleichgewichte auf dem graden Körper,

der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg
und zögernd in den langen Armen abfiel
und rascher in dem vollen Fall des Haars. (5)

Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei:
aus dem verkürzten Dunkel seiner Neigung
in klares, waagerechtes Erhobensein.
Und hinter ihm verschloß sich steil das Kinn. (6)

Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl
und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt,
streckten sich auch die Arme aus wie Hälse
von Schwänen, wenn sie nach dem Ufer suchen. (7)

Dann kam in dieses Leibes dunkle Frühe
wie Morgenwind der erste Atemzug.
Im zartesten Geäst der Aderbäume
entstand ein Flüstern, und das Blut begann
zu rauschen über seinen tiefen Stellen.
Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich
mit allem Atem in die neuen Brüste
und füllte sie und drückte sich in sie, -
daß sie wie Segel, von der Ferne voll,
das leichte Mädchen nach dem Strande drängten. (8)

So landete die Göttin. (9)

Hinter ihr,
die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer,
erhoben sich den ganzen Vormittag
die Blumen und die Halme, warm, verwirrt,
wie aus Umarmung. Und sie ging und lief. (10)

Am Mittag aber, in der schwersten Stunde,
hob sich das Meer noch einmal auf und warf
einen Delphin an jene selbe Stelle.
Tot, rot und offen. (11) Rainer Maria Rilke

2. Einleitung

Das Gedicht Geburt der Venus schrieb Rainer Maria Rilke (1875-1926) im Januar 1903 in Rom.[2] Nachdem er im darauffolgenden Sommer einer Einladung nach Schweden gefolgt war, begann im Herbst für ihn eine schaffensreiche Phase in Furuborg, während der er das Gedicht überarbeitete und in Versform brachte.[3] Zusammen mit den beiden anderen großen erzählenden Gedichten Orpheus. Eurydike. Hermes. und Hetären-Gräber wurde Geburt der Venus im November 1905 in Die Neue Rundschau[4] gedruckt und von einigen Künstlern der Moderne begeistert aufgenommen.Hetären-Gräber wird[5]

1907 erschien das Gedicht in dem Sammelband Neue Gedichte. An vorletzter Stelle stehend und im Anschluss an die anderen Erzählgedichte Hetärengräber, Orpheus. Eurydike. Hermes. und Alkestis weist es trotz seiner frühen Entstehungszeit aufgrund seiner „großen Form und der Reimlosigkeit gewissermaßen über die Neuen Gedichte hinaus.“[6]

Als erstes werde ich die Thematik und die sprachliche Darstellungsweise der Neuen Gedichte im Allgemeinen und der Geburt der Venus im Besonderen erläutern, um den Zugang zu dem zu interpretierenden Gedicht zu erleichtern. Danach wird unter Einbeziehung möglicher Inspirationsquellen eine umfassende Interpretation des Gedichts folgen. Die auffallende Konzeption sowie das das Gedicht abschließende Bild des roten, toten und offenen Delphins bedarf hierbei einer genauen Interpretation. Da der Seinsbereich bzw. die Sphäre, die in diesem Gedicht angesprochen wird, nicht eindeutig zuzuordnen ist, werde ich abschließend noch auf das bestehende Spannungsverhältnis von unschuldiger Reinheit und sexuell aufgeladener Erotik der Venus eingehen.

3. Neue Gedichte

Viele der Neuen Gedichte beschäftigen sich intensiv mit Dingen, Naturgegenständen, Kunstwerken und diversen literarischen Vorlagen[7]. Das hat ihnen daher auch die Bezeichnung Dinggedicht eingebracht, wobei sich dieser Begriff bei genauerer Untersuchung als irreführend erweist.[8] Denn einen „direkten Zugang zum Dinglichen als solchem gewährt das Gedicht nicht, da sich das Gegenständliche, so wie es das Gedicht präsentiert, offensichtlich einem individuellen Wahrheitsakt verdankt.“[9] Die Dinge werden also mittels der Subjektivität des Dichters schöpferisch verarbeitet und erhalten dadurch eine tendenzielle Unbestimmtheit und Entgegenständlichung. Durch diesen Kunstgriff gelingt es dem Künstler der Moderne sich der Wirklichkeit zu nähern.[10] Damit erscheint der Begriff Dinglyrik leicht paradox, da ihn nichts mit der Darstellungsweise realistischer Kunst verbindet.

Die mittels der subjektiven Ausgestaltung der Dinge einhergehende Entdinglichung in den Natur- und Kunstgedichten der Neuen Gedichte beinhaltet immer eine Dynamisierung aber auch Abstrahierung des Ausgangsstoffes. Die Dinge verlieren aufgrund der transformierenden Wirkung der rilkeschen Sprache ihre scheinbare Statik und offenbaren die Zeitlichkeit und Vergänglichkeit bzw. die ständigen Veränderungen denen unser Leben unterworfen ist als das Wesen der Welt.[11]

Die Sprache der Neue Gedichte spiegelt Rilkes inneres Verhältnis zu dem Künstler Auguste Rodin (1840-1917) und dem Maler Paul Cézanne (1839-1906) wieder. Sie bewegt sich zwischen den die beiden Künstler kennzeichnenden Einstellungen: der noch der Jahrhundertwende zugehörigen extremen Nuancierung der Bildsprache im Sinne des französischen Symbolismus und der handfesten Allegorik Rodins, sowie der nicht mehr symbolische Formen- und Farbensprache Cézannes, die als Vorläufer der modernen Kunst zu verstehen ist.[12]

Rilke bedient sich bei den Dinggedichten zahlreicher Metaphern und Vergleiche, die sowohl einen vergleichenden wie auch potenzierenden Charakter aufweisen. Dieses Phänomen lässt sich mit der intensiven Erfahrung des Materiellen bei Rilke erklären, bei der Materie gewissermaßen übertragbar wird, indem das „wie“ des Vergleichs zum „wie“ absoluter Intensität wandelt:[13]

Venus´ Körper ist wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand und ihre Scham noch ohne Schatten,// wie ein Bestand von Birken im April.

Zudem ist die Bild-Sprache seine Gedichte derart persönlich, dass man den Ursprung seiner Bilder meist zuerst aufdecken muss, bevor sich einem der besondere Gehalt des von ihm Gemeinten erschließt.[14]

Am Mittag aber, in der schwersten Stunde,

hob sich das Meer noch einmal auf und warf

einen Delphin an jene selbe Stelle.

Tot, rot und offen.

[...]


[1] Rilke: Gedichte. Band 1. S.506 f. Auch wenn die Versgruppen in diesem Gedicht keine formalen Gemeinsamkeiten aufweisen und man im engeren Sinne nur von Gedichtabschnitten sprechen kann (siehe Burdorf: S.73), habe ich die einzelnen Abschnitte durchnummeriert und werde im Folgenden aus stilistischen Gründen die Begriffe Abschnitt, Absatz und Strophe synonym verwenden.

[2] Freedman: S.349.

[3] Freedman: S.327 f.

[4] Die neue Rundschau. XVIter Jahrgang der freien Bühne. Zweiter Band. Hg. von Samuel Fischer. Berlin 1905. S.1397 f.

[5] Bei Freedman (S.349) werden Hugo von Hofmannsthal und Jakob Wasserman erwähnt.

[6] Kommentierte Rilke Ausgabe: Band I. S.917.

[7] Z.B.: Altes Testament, Neues Testament, Ovids Metamorphosen, Hesiods und Homers Werke.

[8] In der Kommentierten Rilke Ausgabe: Band I, S. 913 wird darauf noch näher eingegangen.

[9] Müller: S.217.

[10] Kommentierten Rilke Ausgabe: Band I. S.905.

[11] Kommentierten Rilke Ausgabe: Band I. S.914.

[12] Kommentierten Rilke Ausgabe: Band I. S.911.

[13] Swales: S.158.

[14] Schwerte: S.155.

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638398251
ISBN (Buch)
9783638843263
Dateigröße
773 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41590
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Neuere deutsche Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Geburt Venus Rainer Maria Rilke Gedichtinterpretation

Autor

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