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Ein Liedportrait zu "Wer nur den lieben Gott lässt walten" von Georg Neumark (GL 424)

Hausarbeit 2017 4 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Wer nur den lieben Gott lässt walten (GL 424)

T: Johann Georg Neumark (1641) 1657, M: Johann Sebastian Bach um 1736/37 nach Johan Georg Neumark 1657.

Ausgezeichnet mit vier Bayerischen Filmpreisen ist der Film Vaya con Dios (mit Gott gehen)

- und f ü hre uns in die Versuchung sehr bekannt geworden. Er erzählt von der Auseinandersetzung zwischen dem Orden der Cantorianer und der katholischen Kirche. Eine berührende Szene des Films wurde in einer Kirche in Karlsruhe gedreht: die Ordensmänner Arbo und Tassilo stimmen über dem dürftigen Gemeindegesang plötzlich und kunstvoll das Lied Wer nur den lieben Gott l ä sst walten an - in der Hoffnung und mit der Absicht, den Ordenskollegen Benno in den Orden zurückzurufen. Dieses Lied hat Johann Georg Neumark 1641 geschrieben. Es zeigt eine sehr interessante Art und Weise, über Gottvertrauen zu reden und zu singen, die wir uns nun näher schauen wollen.

Johann Georg Neumark ist 1621 in Thüringen geboren. Schon früh liebte er Musik und Poesie. Er wollte 1640 an der Universität Königsberg Jura studieren. Auf der Reise dorthin aber wurde er in der Altmark überfallen und ausgeplündert. Er verlor fast alles, aber er hoffte auf Gott. Dann jedoch bekam er zunächst keine dauerhafte Anstellung, um ein Studium zu finanzieren. Schließlich erhielt er die Stelle eines Hauslehrers in der frommen Familie des Amtmanns Henning in Kiel. Dort dichtete und sang er im Januar 1641 sein Trost- und Danklied Wer nur den lieben Gott l ä sst walten, das sich von Mund zu Mund verbreitete. Er war dreißig Jahre alt, als das Lied zum Dank für jene glückliche Wende seines Lebensweges schrieb, und sechzig, als er über Entstehung des Lieds berichtete. Das Lied wurde erst 1657 in Weimar in seiner Sammlung Musikalisch-poetischer Lustwald gedruckt. Trotz aller Schwächen ist Neumark bis zu seinem Tod 1618 seinem Wahlspruch treu geblieben: Wie Gott es will, so halt ich still.

Neumark selbst deutet im Vorspruch das Lied als Trostlied: dass Gott einen jeglichen zu seiner Zeit versorgen und erhalten will. Zitiert ist Psalm 55,23: Wirf auf Jahwe deine Sorge, er wird dich erhalten; den Gerechten l ä sst er nicht wanken in Ewigkeit. Er schrieb mit der Intention, die Glaubenserfahrung von Gottes verlässlicher Fürsorge für den einzelnen im Blick auf einen möglichst weit gefassten Adressatenkreis zu entschränken und zur verbürgten Regel zu machen. Diese Absicht wird deutlich vor allen im Liedanfang und Liedschluss mit den öffnenden Wer- der-Relationen in der 3. Person: wer immer Gott walten lässt (I, I), wer immer ihm traut (I, 5) welcher auch immer seine Zuversicht auf ihn setzt (7, 5) - der wird es nicht vergeblich tun, den wird Gott nicht verlassen. In jeder Strophe gibt es vier durch Kreuzreim gebundene Verse des Aufgesangs und zwei Verse mit Paarreim. Das Strophenmunster ist ganz geläufig und der Dichter hat es für sein Anliegen mit rhetorischem Nachdruck eingesetzt. Es gibt in der originalen Komposition im Musikalisch-Poetischen Lustwald sogar noch ein Vorspiel für zwei Violinen und Basso continuo und dann die zu den Noten der Singstimme gesetzte erste Strophe sowie die dazugehörige Grundstimme und schließlich der siebenstrophige Gesamttext.

Neumark richtet sich mit Strophe 1 an alle, die sich zu einer solchen Erfahrung einladen lassen. Er bedenkt in Strophe 2, was wir im Umgang mit den Sorgen zu bewirken pflegen, in Strophe 6 dagegen, was Gott bei Reich und Arm bewirken kann. Gottes fürsorgliches Verhältnis zu uns (fünf Mal erscheint diese Dativ- bzw. Akkusativform) füllt die Strophen 3 und 4. Das Bekenntnis wird in den Strophen 5 und 7 zur aufmunternden Anrede an ein hörbereites anderes Du. Im Zentrum steht eher das Gottvertrauen als in Lehrbekenntnis. Dennoch weiß Neumark sich einig mit der protestantischen Lehre der damaligen Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Nun werfen wir einen Blick auf die sieben Strophen.

Strophe 1: Vom lieben Gott spricht der Dichter mehrfach auch in seinem autobiographischen Bericht. Gemeint ist aber der liebe Gott, der auch der Allerhöchste ist. Deswegen darf man ihn walten lassen, sich seiner regierenden Gewalt anvertrauen. Eigentlich ist das ja auch klug - im Unterschied zum törichten Mann im Schlussgleichnis der Bergpredigt, der das eigene Haus auf Sand gebaut hat (Mt 7, 24-27).

Strophe 2: Fragen stehen am Anfang: was hilft‘s, was hilft‘s? Es hilft nichts, denn durch die Traurigkeit, die nur mit sich selbst befasst ist, wird die Waagschale des Unglücks nur umso mehr beschwert. So entwickelt sich das Vertrauensbekenntnis neu aus der Zustimmung zu einer allgemein Negativerfahrung.

Strophe 3: Diese Strophe motiviert uns zur Geduld. In sich selbst vergn ü gt sein heißt: sich innerlich an etwas genügen lassen, zufrieden werden. Was die Dogmatik der Zeit in der komplizierten Verhältnisbestimmung von Gottes benevolentia, praescientia und praedestinatio ausdrückt, ist bei Neumark in die Form fasslicher, aus seelsorglichen Gründen zugespitzter Verse gegossen. Mit Gottes Schickung ist sein Gnadenwillle (3,3) nicht außer Kraft gesetzt. Seine Allwissenheit (3,4) bleibt im Spiel, im eindeutig Letzten und Tiefsten inbegriffen ist: nämlich, Gottes Wissen um unsere Notlage (3,6) und um sein aktuelles Retten ist inbegriffen im Akt unserer Erwählung zum Heil (3,5).

Strophe 4: Sie bezieht sich hier um das Vorwissen Gottes auf die Zeit. Die rechten Freudenstunden (4,1) schlagen nicht zu beliebiger Zeit, und nicht immer ist gleich n ü tzlich (4,2) Unsere Sache ist ungeheuchelten Treue, Gottes Sache ist überraschendes Kommen und Schenken.

Strophe 5: Die Anfechtung durch die Zustände und Ereignisse, die dem Gottesvertrauen entgegenstehen, ist Neumark bewusst. Drangsalshitze (5,1) nennt er sie. Mit gutem Grund greift er zur Du-Anrede. Die Gerechten werden leiden und sehen, wie gut es dem Frevler geht (vgl. Psalm 37). Aus der Weisheit der Psalmen nimmt der Dichter noch einen weiteren Trost: Die

Folgezeit ver ä ndert viel und setzt jeglichem sein Ziel.

Strophe 6: Was meint das Wort Wundermann (6,5) als Name Gottes? Zu Neumarks Zeit bezieht es sich auf Verwunderung. Gott ist derjenige, dessen Handeln ein großes Verwundern erregt (vgl. wunderlich in 1,3). Zwei berühmte biblische Stelle stehen im Hintergrund der Strophe: der Lobgesang der Hanna (1 Sam 2,6f.) und das Magnificat, der Lobgesang der Maria (Lk 2,52).

Strophe 7: Am Ende was ist nun wichtig? Dem reichen Segen des Himmels trauen (7,3)! Aber als rechtes Trauen braucht man Zuversicht (7,5) eine Einbettung in den Lebensvollzug, der verstärkt wird, in vier knappen Imperativen: Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verrichtet das Deine nur getreu (7,1) Du das Deine, und Gott das Seine, Gottesvertrauen bedeutet: verantwortlich zu handeln, also gerade nicht die Hände einfach in den Schoß legen, und die Zuversicht ganz auf Gott zu setzen.

Das siebenstrophige Vertrauenslied ist als einziges aus dem Schaffen Georg Neumarks im Gebrauch geblieben. Mit der Vertonung durch den Autor selbst ist das Lied in den verschiedenen Gesangbüchern vieler christlicher Konfessionen präsent. Das Lied bietet eine bestimmte Hoffnungserfahrung an, die konzentriert ist im Satz: wer Gott, dem Allerh ö chsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut. Soll das Grundsatz sein, oder Hoffnung oder Prinzip aller christlichen Hoffnung? Bei der Begegnung mit dem Lied kommt auch dieser Frage näher.

Quellen:

1. Quellen

Das Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ von Georg Neumark aus dem „Lustwald“ (nach dem Aufsatz von Truntz) EG 369/GL295-296.

Der Film Vaya con Dios und führe uns in Versuchung von Michael Gwisdek und Daniel Brühl.

2. Hymnologische Literatur - die Aufsätze

Andreas Marti: „Wer nur den lieben Gott lässt walten - ein Rest modaler Melodiebildung?“ In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 31 (1987/88), S. 109-105.

Britta Martini, Andreas Marti: Wer nur den lieben Gott lässt walten. In: Ökumenischer Liederkommentar zum Katholischen, Reformierten und Christkatholischen Gesangbuch der Schweiz. Zürich 2001.

Erich Trunz: Wer nur den lieben Gott lässt walten. Georg Neumarks Lied und seine Entstehung in Kiel. In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 30 (1986), S. 49-65.

Hans- Christoph Piper, Jürgen Grimm: Wer nur den lieben Gott lässt walten. In: Handbuch zum Evangelischen Kirchengesangbuch. Bd. III, 2: Liederkunde. Hrsg. Von Joachim Stalmann und Johannes Heinrich. Göttingen 1990, S. 296-299.

Jürgen Henkys: Wer nur den lieben Gott lässt walten. In: Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder. Hrsg., vorgestellt und erläutert von Hansjakob Becker u.a München 2001, S. 231-238.

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Details

Seiten
4
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668659261
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v415922
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
„Wer nur den lieben Gott lässt walten“ von Georg Neumark (GL 424)

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