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Vegetarische Ernährung im Islam

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 22 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Relevanz der vegetarischen Ernährung unter Muslimen

2. Vereinbarkeit mit den Kategorien des Erlaubten und Verbotenen

3. Fleischverzehr als Speisegebot?
a) Über Notwendigkeit und Erlaubtheit des Fleischverzehrs
b) Fleischverzehr als Recht der Bedürfniserfüllung?
c) Fleischverzehr als Wahrung der Rechte Gottes?
d) Das Tieropfer: religiöse Pflicht?

4. Der Vegetarismusfrage entgegenstehende Gesichtspunkte im Islam
a) Tiernutzung als göttliche Bestimmung
b) Tiertötung im Namen Gottes

5. Gesichtspunkte für vegetarische Ernährung
a) Fleisch und Schlachtakt sind potentiell unrein
b) Konflikt: Nutzung der Tiere versus Recht der Tiere
c) Schutzbestimmungen über die Behandlung der Tiere
d) Schutzbestimmung: Verbot unnötiger Tötungen
e) Pflanzenkost im Islam

6. Fazit

Quellenverzeichnis

Einleitung

Als Ernährungsform hat sich in der Moderne der Vegetarismus insbesondere in westlichen Gesellschaften etabliert. Dabei spielen insbesondere ethische, philosophische und moralische Überlegungen als Motivation eine Rolle. Gar als Ideal lässt sich die vegetarische Ernährung als Folge religiöser Gebote nachweisen: in indischen Religionen wurde infolge des ahisma-Prinzips1 Gewaltlosigkeit zur erwünschten Moral, die das Karma beeinflusst und das Verhalten aller Lebewesen gegenüber bestimmt2. Dabei setzte sich ein Verbot der Tiertötung durch, das eine vegetarische Tradition im Hinduismus begründete3. Im Mahayana-Buddhismus führte die Vorstellung von der Buddhanatur aller Lebewesen und der Betonung des Mitleids zu einer vegetarisch begründeten religiösen Tradition4. Des Weiteren fand beispielsweise im Christentum eine Abkehr vom Tieropfer statt, da Jesu als ewig gültiges „Opfer aller Opfer“ den Opferkult ablöste5. Auch im Sufismus gilt Vegetarismus als ideale Ernährungsform, da das Mitgefühl gegenüber allen Geschöpfen hervorgehoben wird und die Liebe zu Gott allein in der Anbetung zum Ausdruck kommt.

Unter sunnitischen oder schiitischen Muslimen hat sich kaum eine vegetarische Tradition etabliert und Tieropfer sind präsent im wichtigsten islamischen Fest Id al-Adha. In dieser Arbeit wird eine Annäherung an die Gründe für die marginale Rolle des Vegetarismus im Islam gesucht. Dabei stehen die religiösen Quellen, zuvorderst der Koran, aber auch die Hadithliteratur, im Mittelpunkt der Untersuchung. Grundlage dieser Quellenwahl ist die Tatsache, dass die Speisegebote ein Teil der vom Koran abgeleiteten Scharia sind, deren Bestimmungen den rechten Weg des Muslims auch im Alltag und der Ernährung vorgeben. In der Untersuchung soll herausgearbeitet werden, welche Gründe der islamischen Lehre einer Auseinandersetzung mit der vegetarischen Ernährung entgegenstehen. Im Gang der Studie soll die Vereinbarkeit der vegetarischen Ernährung mit der islamischen Lehre geprüft werden. Anhand islamischer Grundsätze soll deutlich werden, ob diese Ernährungsform erlaubt ist und die „vegetarische Frage“ sich aufgrund der göttlichen Bestimmungen überhaupt stellen kann. Neben den Belegen aus religiösen Quellen des Islams spielen Aussagen des traditionalistisch ausgerichteten Autors Maudoodi, aber auch eine Abhandlung al-Qaradawis, die sich an der islamischen Scharia orientieren, eine Rolle. Beide Autoren bringen Detailwissen über die religiösen Quellen ein, die meinem Ansatz zur Analyse daher dienlich sind. Die Intention der Arbeit ist es, Forschungsansätze und Hypothesen anzudeuten. So sollen bisher vernachlässigte Untersuchungen im Zusammenhang mit Religion und Essen, speziell der modernen Frage der vegetarischen Ernährung, im Islam angeregt werden.

Im Gang der Analyse steht zunächst die Frage, ob die vegetarische Ernährung mit der islamischen Lehre (dem Willen Gottes) vereinbar sein kann: Ist Fleischverzehr religiöse Pflicht? Ist er ein Gebot des göttlichen Gesetzes und daher eine „Notwendigkeit“ im Leben des Muslims? Anschließend werden weitere Grundsätze der Scharia, die einer vegetarischen Ernährungsweise entgegenstehen, angesprochen. Hiernach kommen Bestimmungen der islamischen Lehre in den Fokus, die für den Schutz der Tiere und eventuell auch für eine vegetarische Ernährung sprechen. Im Fazit wird angedeutet, inwiefern die Vegetarismusfrage eine „moderne Frage“ im Islam werden kann.

1. Relevanz der vegetarischen Ernährung unter Muslimen

In Blick auf die Lebensweise von Muslimen fällt auf: im alltäglichen Leben, das von der scharia bestimmt wird, hat sich keine vegetarische Tradition etabliert. Vegetarismus scheint kein unter Muslimen verbreitetes Phänomen, auch wenn in Einzelfällen Muslime eine vegetarische Ernährung praktizieren. Auch islamische Wissenschaftler nähern sich kaum der Frage nach der Notwendigkeit, Umsetzung oder Erlaubtheit vegetarischer Ernährungsweise an.

Dennoch ist wie in anderen Religionen ein enger Zusammenhang zwischen Ernährungsweise und der islamischen Religion auffällig. Die islamischen Speisegebote sind Teil der göttlichen Ordnung, und finden daher Niederschlag im Koran, der Prophetentradition und den daraus abgeleiteten Rechtswerken (fiqh). Die scharia gilt dabei als das Gesetz Gottes, das unantastbar und ewig gültig ist. Auch die Speisegebote sind „Ausdruck des Willens Gottes“6 und die Erfüllung dieser Gebote eröffnet den rechten Weg als Teil des Heilswegs der Religion.

2. Vereinbarkeit mit den Kategorien des Erlaubten und Verbotenen

Kann die vegetarische Ernährungsform mit den islamischen Vorschriften vereinbar sein? Die scharia schreibt als vorbildliche Lebensordnung Muslimen vor, was erlaubt (halal) oder verboten (haram) ist. Im Islam gilt für alle Handlungsweisen, zu der auch Ernährungsweisen gezählt werden können, dass alle Dinge erlaubt und rein sind, die Allah nicht verboten hat. Für ein Verbot einer Handlungsweise müsste mindestens ein eindeutiges nass vorliegen. Grund hierfür ist, dass Allah die Dinge zum Nutzen des Menschen schuf und nur das Schädliche als haram erklärte. Somit gilt im Islam die Erlaubtheit der Dinge, sofern sie nicht verboten sind7.

Eine vegetarische Ernährungsweise ist im Koran nicht explizit in eine Gebotskategorie eingestuft und müsste daher unter den Grundsatz des Erlaubtseins der Dinge fallen8. Dem Menschen steht es der scharia gemäß frei, „zu essen und zu trinken, was sie möchten, solange es nicht haram ist“9, da eine Einschränkung des Erlaubten dem Wort Allahs widersprechen würde (42,21; 10,59). Es gibt kein nass, der Vegetarismus verbietet bzw. kein nass, das Fleischkonsum explizit zur Pflicht eines Muslims erklärt. Die Frage der vegetarischen Ernährung wurde in den islamischen Quellen ausgelassen, weswegen gilt: worüber Allah schwieg, darüber lässt er Nachsicht walten, denn Allah „vergißt nichts“ (Koran 20,52).10

Obwohl Vegetarismus laut dem Grundsatz des Erlaubtseins der Dinge halal ist, dürfte ein vegetarisch lebender Muslim den Verzehr reinen Fleischs jedoch nicht für haram erklären, da es, wie im Laufe der Arbeit aufgedeckt wird, halal ist (vgl. 6,119). Es ist allgemein – und somit auch in der Frage des Erlaubtseins des Fleischverzehrs - einem Muslim verboten, von Allah Erlaubtes zu verbieten (7,32), da Allah als Gesetzgeber die einzige Autorität über Verbote und Gebote (10,59; 16,116) ist und in seinen Aussagen nicht irrte (20,52)11. Ein Verbot erlaubter Dinge würde gar einer „Beigesellung ohne Ermächtigung“ gleichkommen - als schirk eine Sünde im Islam.12

3. Fleischverzehr als Speisegebot?

a) Über Notwendigkeit und Erlaubtheit des Fleischverzehrs

Obwohl die vegetarische Ernährung nicht durch eine konkrete Anweisung verboten ist, darf sie als eine Handlungsweise nicht gegen Richtlinien der scharia verstoßen. Fraglich ist: sind die guten Dinge, zu denen reines Fleisch zählt, nicht nur erlaubt, sondern empfohlen oder unter folgenden Gesichtspunkten doch eine Pflicht13 ? Ein allgemeines islamisches Speisegebot schreibt Muslimen vor, die erlaubten und guten Dinge zu essen, mit denen Allah sie versorgt hat:

„Ihr Menschen! Eßt von (alle)dem, was es (an Eßbarem) auf der Erde gibt, soweit es erlaubt und gut ist!...“ 2,168

„Eßt von dem, was Gott euch beschert hat, soweit es erlaubt und gut ist! Und fürchtet Gott, an den ihr glaubt!“ 5,8814

„Eßt nun von dem, was Gott euch beschert hat, soweit es erlaubt und gut ist! Und seid dankbar für die Gnade Gottes, wenn…ihr ihm…dienet!“ 6,114

„Ihr Gläubigen! Eßt von den guten Dingen, die wir euch beschert haben! Und danket Gott, wenn.. ihr ihm ..dienet!“ 2,172

„Man fragt dich, was erlaubt (zu essen) erlaubt ist. Sag: Erlaubt sind euch die guten Dinge…“

Die guten Dinge sind nicht nur zum Essen erlaubt, sondern wie im Koran aufgezeigt geboten15. Das Vieh, welches für den Menschen zur Versorgung bestimmt ist, stellt gar eines der Zeichen Allahs für den Menschen dar (23,21; 20,54; 2,164), die Gottes Allmacht und Gunst für den Menschen beweisen (51,20). Es gilt allgemein die Pflicht für den Muslim, die Zeichen nicht zu verleugnen und sie als Gnadenerweise Gottes anzunehmen (16,115; 4,155; 6,54; 3,11; 2,99; 6,4). Mit dem Vieh vollendet Allah gar seine Gunst an den Menschen (16,80) Ist es demnach ein Zeichen von Gottgefälligkeit, alle Zeichen seiner Versorgung anzunehmen und sich somit seinen Fügungen zu ergeben? In Sure 6, Vers 119 mahnt Allah speziell auf Fleisch bezogen, es als Nahrung anzunehmen, statt ein Verbot bzw. Verzicht zu praktizieren und sich in dieser Frage nicht von persönlichen Neigungen bestimmen zu lassen:

„Warum solltet ihr denn Fleisch, worüber beim Schlachten der Name Gottes ausgesprochen worden ist, nicht essen, wo er euch doch auseinandergesetzt hat, was er euch verboten hat… Viele führen in (ihrem) Unverstand mit ihren (persönlichen) Neigungen in die Irre…“ 6,119

Um Allahs Wohlgefallen zu erlangen, kann das vorbehaltlose Erfüllen seiner Gebote islamische Pflicht gelten. In diesem Sinne könnte eine vegetarische Ernährungsweise als Vorbehalt gegenüber von Gott „rein“ deklarierten und seinem o.g. Speisegebot, alle guten Dinge zu essen, verstanden werden. Dies käme ebenfalls dem Abweichen vom rechten Weg der scharia gleich.

Eine etwaige Verpflichtung der Verwendung der guten Dinge erschließt sich darüber hinaus aus deren „Bedeutung“ für den Menschen, seine Aufgabe in der Welt und vor Gott.

b) Fleischverzehr als Recht der Bedürfniserfüllung?

Ist das „gute Ding“ des reinen Fleischs laut islamischen Richtlinien der scharia unverzichtbar zur Bedürfniserfüllung? Ist es im Sinne der Bedürfniserfüllung notwendig, gar eine Pflicht, sich aller guten Dinge zu bedienen? Al-Qaradawi16 verdeutlicht anhand der islamischen Lehre, dass Gott den Menschen mit Fähigkeiten begabte, die er zu seinem Nutzen einsetzen soll. Damit der Mensch seine Bestimmung auf der Welt erfüllen könne, habe er den besten Gebrauch von seinen Fähigkeiten zu machen. Dafür bestimmte ihm Gott die guten Dinge, zu denen auch reines Fleisch zählt.

Der Mensch ist dazu angehalten, sich an den guten Dingen zu bereichern und jede energievergeudende Handlung zu unterlassen17. Die natürlichen Bedürfnisse und Wünsche sollten mit den erfolgreichsten und zuträglichsten Mitteln, welche die Scharia aufzeigt, erfüllt werden. Im Koran ist die „Begierde nach Vieh“ als natürlicher Wunsch des Menschen definiert (3,14) – woraus sich eine Selbstverständlichkeit zur Erfüllung dieses Bedürfnisses ableiten ließe. Der Mensch hat im Islam sogar ein „Recht gegenüber sich selbst“, die Bedürfnisse zu erfüllen. Er solle, so Maudoodi, seine Bedürfnisse und natürliche Wünsche nicht verleugnen und den physischen Erfordernissen des Körpers nachkommen18. Somit befürworte die scharia weder Askese, noch Kasteiung.

[...]


1 Vgl. Michaels 1998: 223-224.

2 Vgl. Oberlies 2000: 890.

3 Vgl. Syed 2000: 131, 134.

4 Vgl. Deeg 2004:1557.

5 Vgl. Gestrich 2003b: 586.

6 Schmidt-Leukel 2000: 16.

7 Vgl. al-Qaradawi 1989: 21, 22.

8 Im Verlaufe der Arbeit wird dennoch genauer betrachtet, an welcher Stelle ein vegetarisch lebender Muslim in Konflikt mit islamischen Vorschriften stoßen könnte. Aber auch, welche islamischen Prinzipien einer Motivation zum Vegetarismus zuträglich sein können.

9 Vgl. al-Qaradawi 1989: 24.

10 Vgl. al-Qaradawi 1989: 22.

11 Vgl. al-Qaradawi 1989: 25, 27.

12 Vgl. al-Qaradawi 1989: 28-29.

13 Zumindest als eine Pflicht nach traditioneller Koranauslegung verstanden?

14 Vgl. ähnliche Aussage in 2,60

15 Wobei genau zu klären wäre, ob das Gebot eine „bindende Pflicht“ darstellt.

16 Vgl. Maudoodi 1994: 147-150.

17 Vgl. Maudoodi 1994: 148.

18 Vgl. Maudoodi 1994: 157-158.

Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668663565
ISBN (Buch)
9783668663572
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v416302
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Schlagworte
vegetarische ernährung islam

Autor

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Titel: Vegetarische Ernährung im Islam