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Jean François Lyotard - Postmoderne am Beispiel der Wissenschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 14 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Lyotard und seine Gedankliche Genese

2. Moderne und Postmoderne
2.1 Allgemeiner Ansatz
2.2 Postmoderne nach Lyotard

3. Lyotards postmodernes Konzept von Wissenschaft
3.1 Erzählungen
3.2 Die Methode der postmodernen Wissenschaften
3.3 Die Delegitimierung der Moderne
3.4 Die Paralogie
3.5 Das Wesen der postmodernen Wissenschaft

4. Kritik und Anregungen für das Forschungspraktikum

5. Bibliographie

0. Einleitung

In dieser Arbeit soll auf möglichst engem Raum versucht werden, die Gedanken Jean-François Lyotards bezüglich der Postmoderne und speziell bezüglich der Wissenschaft in der Postmoderne zu skizzieren. Zweck der Arbeit soll nicht ein umfassendes oder vollständiges Traktat über dieses Thema sein, sondern eine effiziente Hilfestellung für die Teilnehmer des Forschungspraktikums darstellen, das an das Seminar „Gesellschaftsdiagnosen“, in dessen Rahmen diese Arbeit entsteht, umschließt.

Da die Teilnehmer dieses Forschungspraktikums sich mit vielen verschiedenen Aspekten und Theorien der Soziologie konfrontiert sehen werden, soll hier versucht werden, den Stoff gut verständlich darzustellen und überflüssige Abschweifungen zu vermeiden.

Der Bogen wird sich über die gedankliche Genese Lyotards als Grundlage, seine Bedeutung in der Postmoderne-Diskussion als Folge, über die Aspekte einer postmodernen Wissenschaft nach Lyotard hin zu Überlegungen und Anregungen im Hinblick auf das Forschungspraktikum spannen. Außerdem sollen einleitend die Begriffe Moderne und Postmoderne gegeneinander gestellt werden, um eine Sensibilität gegenüber dem Problem zu erzeugen.

1. Lyotard und seine gedankliche Genese

Jean-Fançois[1] Lyotard (1921-1998) war französischer Philosoph und wurde durch sein Werk einer der bedeutendsten Wissenschaftler, was die Erforschung dessen angeht, was als „Postmoderne“ bezeichnet wird. Er studierte an der Sorbonne, lehrte in den 50er Jahren in Algerien und wurde während dieser Zeit Marxist. Anfang der 70er Jahre habilitierte er und lehrte in Nanterre und Paris VIII und wurde Mitbegründer des Collège Internationale de Philosophie.

Sein politisch extrem linksgerichtetes Denken führte ihn in die Kreise der Gruppe Socialisme ou Barbarie (antistalinistisch, antikapitalistisch, kritisch gegenüber politischen Personenkulten), die ab 1954 die gleichnamige Zeitschrift herausgibt. Einigen Mitgliedern dieser Gruppe – auch Lyotard selbst – wird das Konzept aber mit der Zeit zu starr und es kommt zum Bruch. Die Gruppe spaltet sich auf und Lyotard schließt sich der liberaler gesinnten Abspaltung an, in der er versucht, eine moralisierende Politik zu betreiben, was nicht mit dem Marxismus zu vereinen ist. Während dieser Zeit erlebt er deshalb eine tiefe Krise in seinem politischen Denken und aus seiner Ablehnung starrer Theorien und Anschauungen entspringen seinen ersten annähernd „postmodernen“ Gedanken (Èconomie libidiale, 1974)[2]. Er fordert die Abänderbarkeit von Theorien und eine stetige Dynamik im wissenschaftlichen Diskurs. 1966 tritt er – wohl wegen seiner vertieften Überlegungen – auch aus der liberalen Abspaltung aus und hat von da an ein eher schwieriges Verhältnis zur Politik im Allgemeinen. Auch die so genannten „Neuen Philosophen“, die erstmals 1977 unter Lévy mit ihrer radikal antimarxistischen Haltung Aufsehen erregten, können Lyotard nicht begeistern. Er tut ihre Haltung als „beleidigend albern“[3] ab.

Stattdessen beginnt, er, ein eigenes Konzept zu entwerfen, das die Sichtweisen minoritärer Einzelgruppen einbezieht und ihre Bedeutung skizziert. Mit diesem Denkansatz drückt er eine Ablehnung eines jeden Universalitätsanspruchs aus, egal wo auch immer dieser herrühren mag.

2. Moderne und Postmoderne

2.1 Allgemeiner Ansatz

Wenn Modernismus ein Phänomen der Welt der Kunst und Kultur ist, dann ist Moderne eine Begrifflichkeit, die auf soziale Strukturen und Wissenschaft angewandt wird. Gleiches gilt für Postmoderne / Postmodernismus. Die „-Ismen“ beschränken sich also inhaltlich und auch zeitlich auf engere Räume. Das „post“ in Postmoderne weist darauf hin, dass die Postmoderne wohl eine Art Modifizierung der Moderne sein muss.

Modernismus[4]

Modernismus wird allgemein mit den künstlerischen Strömungen des beginnenden 20. Jahrhunderts assoziiert. In dieser Zeit begannen Romanciers wie Virginia Woolf (1882-1941), James Joyce (1882-1941) und D.H. Lawrence, neue Wege des Erzählens zu erkunden. Neue poetische Formen wurden von Dichtern wie Ezra Pound (1885-1972) und T.S. Eliot (1888-1965) entworfen.

Postmodernismus[5]

Als „postmoderne“ Kunst wird meist das Werk von Künstlern und Schriftstellern, die nach dem zweiten Weltkrieg ihre großen Schaffensphasen durchlebten, beschrieben. Eines ihrer Hauptmerkmale den Antielitismus.

In postmoderner Kunst und Literatur wird die Vergangenheit, d.h. die Moderne wieder entdeckt, um – ironischerweise – Traditionen (also Vergangenes) zu brechen und die Gegenwart zu problematisieren.

Deshalb ist Postmodernismus eine Radikalisierung des Modernismus. Künstlerisches Experimentieren wird sehr viel weiter betrieben als im Modernismus.

Moderne[6]

Die Moderne beginnt für die einen mit dem Wandel, der sich in der Renaissance in Europa vollzieht – und somit mit dem Beginn der Vorformen des Kapitalismus –, für andere beginnt die Moderne mit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts.

Allen Ansichten ist jedoch gemein, dass sie den Menschen in einer Veränderung begriffen sehen: es entsteht eine neue Beziehung zu Wandel, Entwicklung und Geschichte.

Nach Jürgen Habermas drückt die Moderne die Überzeugung aus, die Zukunft habe bereits begonnen. So werden mit Moderne der Fortschritt, eine dynamische Gesellschaft, Innovation und Entwicklung und Veränderungen in Wissenschaft und Technik in Verbindung gebracht.

Moderne Denkansätze streben nach universalen Antworten.

Postmoderne[7]

Die Argumentation vieler postmoderner Denker ist, dass moderne Arten von Umgang mit Wissen und Welt überkommen sind und überdacht werden müssen.

Das bedeutet also, die postmodernen Theoretiker haben nicht alles verworfen, sondern alles überdacht: Dynamik ist weiterhin von Bedeutung, während z.B. universelle Antworten zurückgewiesen werden und die produktive Kraft der Vielfalt hervorgehoben wird

2.2 Postmoderne nach Lyotard

Lyotard selbst hat selbst eingestanden, dass für seine Zwecke der Begriff „Postmoderne“ für Verwirrung sorgen kann:

„Ich habe bekanntlich selbst den Terminus ‚postmodern’ verwendet. Das war eine etwas provokative Art und Weise. Die Postmoderne ist keine neue Epoche, sondern das Redigieren einiger Charakterzüge, die die Moderne für sich in Anspruch genommen hat, vor allem aber ihrer Anmaßung, ihre Legitimation auf das Projekt zu gründen, die ganze Menschheit durch die Wissenschaft und Technik zu emanzipieren. Doch dieses Redigieren ist, wie gesagt, schon seit langem in der Moderne selbst am Werk.“[8]

Bei ihm ist das Präfix „post-“ also wohl weniger als „zeitlich nachfolgend“, sondern eher aus „aufbauend auf“ (wie das „ana-“, das beispielsweise in „Analyse“ vorkommt) zu verstehen[9]. Auf keinen Fall meint Lyotard allerdings einen zeitlichen Abschnitt im Sinne der die Moderne im Sinne des ausklingenden 20. Jahrhunderts. Was der Begriff aber deutlich zu zeigen vermag ist, dass sich etwas, dass gemeinhin als Moderne bezeichnet wird – wie auch immer sie verstanden werden mag – im Zerfall, im Umbruch und gleichzeitig im Entstehen befindet. So gesehen ist der Begriff nie eindeutig zu greifen.

Auch in diesem Zitat inbegriffen ist die Ansicht Lyotards, dass die Moderne stets mit der Postmoderne schwanger geht. So entsteht ein Paradox: „Ein Werk ist nur dann modern, wenn es zuvor postmodern war“[10]. Akzeptiert man diesen Postmoderne-Begriff, wird man einsehen, das das Neuste nie „Modern“ sein kann.

Schlussendlich lässt sich der Begriff „Postmoderne“ nach Lyotard als eine Zeit des Experiments mit Gedanken, des Vorstoßen gegen bestehende Konventionen, den guten Geschmack etc. beschreiben. „Modern“ ist hingegen der Versuch der Herstellung von Ordnung nach (!) einer postmodernen Phase.[11]

Es ist allerdings zu bemerken, dass selbst für Lyotard der Postmoderne-Begriff nicht immer so klar gewesen sein dürfte und dass er sich auch in ständiger Veränderung bzw. stets verschiedenartiger Beleuchtung befand:

„Bernard Blistène: ‚Was ist denn nun die Postmoderne?’

J.-F. Lyotard: ‚Ich bemühe mich zwar, zu verstehen, was sie ist, aber ich weiß es nicht.’“[12]

[...]


[1] vgl. Reese-Schäfer, 21989, 12 ff.

[2] vgl. Reese-Schäfer, 21989, 15 ff.

[3] vgl. Reese-Schäfer, 21989, 19

[4] vgl. Malpas, 2003, 7 f.

[5] vgl. Malpas, 2003, 8 f.

[6] vgl. Malpas, 2003, 9 f.

[7] vgl. Malpas, 2003, 10 f.

[8] vgl. Lyotard, 1988a

[9] vgl. Lyotard, 1988b; vgl. Reese-Schäfer, 21989, 45 f.

[10] Lyotard, 1988 , zitiert nach Reese-Schäfer, 21989, 46

[11] vgl. Reese-Schäfer, 21989, 46

[12] vgl. Reese-Schäfer, 21989, 41

Details

Seiten
14
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638398718
ISBN (Buch)
9783640501496
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41650
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Soziologie und empirische Sozialforschung
Note
1,3
Schlagworte
Jean François Lyotard Postmoderne Wissenschaft Gesellschaftsdiagnosen

Autor

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