Lade Inhalt...

Internationaler Tourismus und kulturelle Globalisierung. Reisende als Prototypen des "Weltbürgers"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 24 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Globalisierte Lebenswelten, globale Identitäten?
2.1. Globalisierung des Ökonomischen
2.2. Ökonomisierung des Kulturellen

3. Tourismus als transkulturelle Praxis
3.1. Globalisierung des Tourismus
3.2. Touristifizierung des Globalen

4. Fazit

Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

Die sozialwissenschaftliche Debatte rund um das Globalisierungsparadigma droht derzeit an ihrer Unübersichtlichkeit und Widersprüchlichkeit zu ersticken. Nicht nur über die aktuelle Relevanz und die historische Tragweite der verwendeten Begriffe wird gestritten. Im Angesicht von oftmals nur partiellen, virtuellen oder pragmatischen Vorgängen der internationalen Verflechtung werden grundsätzliche Zweifel angemeldet an der Kernthese des schwindenden Stellenwertes von territorialen und soziokulturellen Grenzziehungen. Gegenläufige Tendenzen wie der erstarkende politische Protektionismus in Europa verbannen die Vorstellung, die Nationen dieser Welt könnten ihre Differenzen auf Dauer beilegen, in das Reich der Utopien. Auf der Ebene der Handlungs- und Verhaltenstheorie wird dies von der Tatsache untermauert, dass sich als bislang erfolgreichstes Modell ihrer Überwindung eine universelle Anwendung des als naturwüchsig gedachten Prinzips der Selbstbezogenheit des Menschen erwiesen hat. Die wirklich belastbaren Momente der internationalen Zusammenarbeit sind dem Phänomen der Markt-Vergesellschaftung im neoliberalen Kapitalismus zuzuordnen, welches inzwischen als Allheilmittel für internationale Konflikte aller Art herangezogen wird.

Auf das Wesentliche heruntergebrochen, beschreibt der Sammelbegriff „Globalisierung“ die immer engmaschigere Vernetzung von gesellschaftlichen (Teil-)Systemen, die über territoriale Grenzen hinauswachsen und sich in gewisser Weise über sie hinwegsetzen. Mit ihm verbinden sich all die aufklärerischen Hoffnungen auf eine bessere, gemeinsame Zukunft, in der Rassismus und Nationalismus keinen Platz mehr haben und „alle Menschen Brüder werden“. Spätestens ab dem 20. Jahrhundert, in dem Kriege, Wirtschafts- und Umweltkrisen und damit einhergehend auch Hungersnöte, Genozid, Verarmung und Verwahrlosung eine globale Dimension erreichten, werden Prozesse und Folgen der Globalisierung jedoch vor allem als Bedrohung wahrgenommen. So ist „Globalisierung“ vor allem auch ein Begriff für die Krise, in die der Glaube an die Modernisierung Ende des 20. Jahrhunderts geraten ist (vgl. Pries 2008: 11). Das Adjektiv „Globalität“ deutet dabei auf den problembehafteten Umstand hin, dass sich gesellschaftliche Einheiten sich im Laufe der Geschichte in einem mehr oder weniger brüchigen Netz von politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen verfangen haben. Die „Gemeinschaft der Nationen“ kann aus dieser Perspektive im besten Fall als eine Risikogesellschaft (vgl. Beck 2011) beschreiben werden, die sich nach zwei Weltkriegen und einem nur knapp abgewendeten nuklearen Exitus zur gegenseitigen Toleranz im Sinne ihres Selbsterhaltungstriebes bewegen lassen hat. Während einerseits die verschleppten Altlasten immer noch für Zündstoff sorgen wird an anderer Stelle zähneknirschend akzeptiert, dass man letzten Endes doch auf eine gemeinsame Zusammenarbeit angewiesen ist.

Der Begriff „Globalisierung“ ist nach Ludger Pries bereits ein Ausdruck dafür, dass sich Gesellschaften der zunehmenden Verflechtung von weltumspannenden Strukturen immer stärker bewusstwerden. Umso mehr sie als unhintergehbare und unumkehrbare Determinante der Menschheitsgeschichte akzeptiert wird, desto mehr muss auch die Frage nach dem „Für und Wider“ der Globalisierung den Bemühungen nach einer reflektierten Einordnung der Geschehnisse in einen moralisch-kognitiven Bezugsahmen weichen. Fragen der Verantwortung und der Solidarität, aber auch der kollektive Selbsterhaltungstrieb führen in ökologische und wirtschaftliche „Interdependenzkrisen“ (Beck & Sznaider 2010), die sowohl auf der Makroebene von Nationalstaaten und Staatsbündnissen als auch auf einer individuellen Ebene der demokratischen Teilhabe nach ethischen Positionierungen verlangen. Jede Antwort auf Globalisierungsprozesse – sei es eine politische Doktrin, organisierter Protest oder eine persönliche Haltung – kann nur deren Fortsetzung unter neuen normativen Vorzeichen einleiten. Alle noch so pragmatisch anmutenden Bewältigungsstrategien sind daher Bestandteil der Suche nach neuen Kategorien des sozialen Denkens und Handelns, welche im intersubjektive Bewusstsein von Globalität Gültigkeit beanspruchen können. Sie wird umso dringlicher, je weiter die strukturelle Verdichtung der Weltgesellschaft voranschreitet und die Welt nach ihren historisch-rationalen Gesetzmäßigkeiten formt.

Der Bedrohung, die von der Kumulation politischer wie ökonomischer Krisen auf der Ebene des Globalen ausgeht wird auf der Mikroebene mit einer „Transnationalisierung von unten“ (Mau 2006) begegnet. Indem sich individuelle Lebenswelten auf immer breitere Sinnzusammenhänge ausweiten, können Globalisierungsprozesse gedanklich gefasst und aktiv mitgestaltet werden. Eine „imaginierte Globalisierung“ (vgl. Osterhammel 2016: 21) hat die Aufgabe zu ermitteln, wie auf einer soziokulturellen Ebene mit den äußerlichen Phänomenen der Entgrenzung umgegangen werden kann, sollte oder muss. Sie ebnet den Weg für eine aktive Auseinandersetzung mit den Grundlagen kultureller Identität und dem subjektiv „Fremden“, die nicht psychosoziale Bewältigung von Globalisierungszwängen ex post ist, sondern Raum für eigene Schwerpunkte und Geschwindigkeiten lässt. Entsprechende Freiräume für solch ungezwungene interkulturelle Begegnungen finden sich sui generis in einem zum globalen Strukturzusammenhang ausgebauten Netz touristischer Infrastruktur. Es erschließt dem Einzelnen Reiseziele rund um den Erdball, welche quasi nach Belieben selektiert und in einem an individuelle Möglichkeiten und Bedürfnisse anpassbaren Modus entdeckt und erlebt werden können. Touristen wählen aus einem breiten Katalog von Angeboten dasjenige, welches ihren Vorstellungen von einer selbstbestimmten Herangehensweise an die Welt „da draußen“ am ehesten entspricht. Ihr mentaler Horizont erweitert sich dementsprechend über den Maßstab in sich geschlossener Nationalstaaten hinaus auf das kulturelle Multiversum des Globalen. Unter bestimmten Voraussetzungen können dann von einer institutionalisierten Reisetätigkeit integrierende Effekte auf die Gesellschaft als Ganzes rückwirken. Dort, wo man konsequenterweise die Beschränktheit ethnisch oder national fixierten Denkens und Fühlens erkannt hat, könne darüber hinaus ein „kultureller Kosmopolitismus“ zu universeller Solidarisierung und Vergemeinschaftung beitragen (vgl. Pries 2008: 12ff.).

In der touristischen Praxis wird Transkulturalität eingeübt, werden Weltzusammenhänge erkennbar und erfahrbar. Hierin liegt das Wesen der Konzeptualisierung der Fähigkeit zum Umgang mit Andersartigkeit als kulturellem Kapital, als „globality“ (vgl. Binder 2005). Sie weist darauf hin, dass den Erfahrungen auf Reisen der Nutzen zugeschrieben wird, die eigene, globalisierte Gesellschaft besser durchdringen zu können. Leitfigur dieser Weltaneignung ist der moderne Kosmopolit, der sich mühelos innerhalb verschiedener Kulturkreise bewegt. Weil er die physischen und mentalen Grenzen seiner Heimatgesellschaft überwunden hat, sind Globalisierungsprozesse für ihn keine Herausforderung (mehr), sondern bieten eine spielerische Möglichkeit zur Erweiterung seiner persönlichen Handlungsmöglichkeiten. Jana Binder (2005) verweist in ihrer Ethnographie über Rucksacktouristen vor allem auf den ökonomischen Nutzen dieser internalisierten „Globalität“. In dem Maße jedoch, in dem kapitalistische Strukturen zunehmend global werden, ist die Konstruktion des universellen Wirtschaftssubjektes selbst Bestandteil der Transnationalisierung eines Teilsystems, in dem kulturelle Differenzierungen an sich nicht vorkommen. In einem „echten“ Kosmopolitismus sind dagegen Begriffe wie „Herkunft“, „Heimat“ oder „Zugehörigkeit“ nicht abstrakt, sondern werden als Strukturgeber von ganzheitlichen, subjektiven Realitäten bewusst thematisiert. Globalisierung ist dann nicht nur Grundlage zur Erschließung neuartiger Opportunitätsstrukturen, sondern wird in der mentalen Ausweitung des Bezugsrahmens von kultureller Identität als politisch-moralische Orientierungsgrundlage „domestiziert“ (vgl. Held 2003).

„Es geht (…) um die Fähigkeit, eine „distanzierte Identität“ zu erfahren: eine Identität, die nicht völlig auf die lokale Umgebung begrenzt ist, sondern ein deutliches Gefühl dafür einschließt, was uns als menschliche Wesen verbindet, welche Risiken und Chancen wir teilen und welche gemeinsamen Verantwortungen wir tragen.“ (Tomlinson 2000: 345)

Im Folgenden sollen zunächst Anknüpfungspunkte einer „kulturellen Globalisierung“ in (post-)modernen Lebenswelten untersucht werden (Kapitel 2). Der Fokus liegt dabei auf den Vergesellschaftungspotentialen ökonomischer Transnationalisierungsprozesse, welche als Dreh- und Angelpunkt (nicht aber als Ausgangspunkt!) gegenwärtiger Globalisierungstendenzen identifiziert werden. Gezeigt werden soll darüber hinaus, wie die Phänomene der „Markt-Vergesellschaftung“ auf die Konstitution einer Kultur des Globalen, aber auch von Kultur im Globalen rückwirken. Kapitel 3 beschreibt die Emergenz des internationalen (Massen-)Tourismus als Teilprozess der Globalisierung in ihrem historischen Verlauf. Unter dem Aspekt der Kommodifizierung des Reisens im neoliberalen Paradigma der Nachkriegszeit wird die in dieser Arbeit zentrale Frage behandelt, inwieweit der Tourismus in seinen heutigen Ausprägungen (noch) als transkulturelle Praxis gelten kann. Ein abschließendes Fazit bewertet Potentiale und Grenzen einer solchen Praxis als Vehikel einer kulturellen Globalisierung, die parallel zu gravierenden Veränderungen auf der Makro-Ebene gesellschaftlicher und transnationaler Strukturen verläuft.

2. Globalisierte Lebenswelten, globale Identitäten?

Der prophezeite Übergang in das „Zeitalter der Globalisierung“ büßt als Zieldimension der Menschheitsgeschichte erheblich von seinem postmodernen Zauber ein. So ist es in Anbetracht des enormen Bevölkerungswachstums „(…) eine wenig überraschende und ziemlich triviale Tatsache, dass die Welt langfristig «zusammenwachst›› und dass das «Netz der Menschheit» (human web) sich im Geschichtsverlauf verdichtet hat“ (Osterhammel 2016: 18, Hervorheb. im Original). In ihrer Gesamtheit folgen Transnationalisierungsprozesse der fortwährenden Bemühung, die gemeinsame Existenz einer exponentiell ansteigenden Weltbevölkerung auf einem Planeten von begrenztem Raum und mit begrenzten Ressourcen auszuhandeln Von daher ist die Globalisierung der Menschheit auf der Erde grundsätzlich als ein Problem ökonomischer Natur zu betrachten. Dieses Problem wird aktuell, getreu der kapitalistischen Steigerungslogik, dadurch gelöst, dass sich die Arbeitsteilung auf die Ebene des Globalen verlagert. So werden von Ökonomen etwa Nationalstaaten als In- und Outputfaktoren innerhalb internationaler Ressourcenströme betrachtet (vgl. Pries 2008: 173). In zunehmendem Maße gilt dieses Prinzip ebenso auf Unternehmensebene, wo Anbieter von Kapital und Dienstleitungen ihre Kräfte in weltweiten Wirtschafts- und Finanzzentren bündeln. Um kontinuierliches Wachstum zu gewährleisten, muss sowohl die Versorgung mit Produktionsmitteln als auch die Nachfrage einer möglichst breiten Abnehmerschaft abgesichert werden. Der kapitalistische Globalisierungsprozess zielt darauf ab, Barrieren zwischen verschiedenen räumlichen Bezugspunkten aufzulösen, um sie als möglichst homogene Märkte dem Welthandel zugänglich zu machen. Wo sich Käufer und Verkäufer tatsächlich befinden, ist in der hoch technologisierten Wirtschaftswelt von heute vor allem eine Frage nach den verschiedenen auf dem Transportweg zu durchlaufenen Gerichtsbarkeiten, die es als Kostenfaktoren einzukalkulieren und zu minimieren gilt.

Bei der Suche nach verallgemeinerbaren Lebens- und Denkhorizonten, auf deren Grundlage sich menschliche Identitäten nicht mit ihrer Herkunft oder ihrem Heimatort, sondern mit übergeordneten Zusammenhängen als Referenz herausbilden können, schiebt sich deutlich die internationale Marktwirtschaft als Strukturgeber einer „kulturellen Globalisierung“ in den Vordergrund. In der Mehrheit der Fälle beschreiben Erfahrungen von Globalität, die bestimmte Personenkreise im beruflichen oder im sozialen Kontext machen, viel eher partikulare Transnationalisierungsprozesse, in die sie durch ihre sozioökonomische Position involviert sind. Vereinzelte Momente dagegen, in denen entsprechende globale Sphären der Politik, der Kultur und des Sozialen erkennbar werden, erscheinen angesichts des wirtschaftlichen Globalisierungsdrucks eher nachrangig und reaktiv. Dabei scheitert das Konzept des „Weltbürgertums“ schon allein am Fehlen eines entsprechenden „Welt-Staates“ beziehungsweise einer zentralen „Welt-Regierung“.

„Die Ausweitung des Wettbewerbs auf globaler Ebene erzeugt eine immer stärker werdende Deregulierung und Desorganisation, so daß [sic] die Nationalstaaten und andere Gemeinschaften unter der Einwirkung des zunehmenden Geld-, Waren-, Technologie-, Informations- und Bildertransfers immer schwächer werden.“ (Featherstone 2000: 82).

2.1. Globalisierung des Ökonomischen

Der Kapitalismus nach dem Vorbild der westlichen Industrienationen hat, wenn auch nicht überall vollständig institutionalisiert, in seiner lebensweltlichen Rationalität den gesamten Erdball erfasst. Dabei geht es nicht nur um das marktwirtschaftliche Prinzip von Angebot und Nachfrage, den Eigenwert des Geldes oder eine grundsätzliche egozentrische Mentalität, die propagiert wird. Allem voran ist der Alltag einer Großzahl der Weltbevölkerung auf abhängige Lohnarbeit und auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse durch den Konsum von Produkten transnational agierender Unternehmen ausgerichtet. Während Lohn- und Produktionskosten durch Technologisierung und Standardisierung möglichst geringgehalten werden, gilt es für die Hersteller ihre Marken in den unterschiedlichsten Kontexten zu etablieren. Um internationalen Wiedererkennungswert zu erreichen, wird die „corporate identity“ in die jeweilige kulturelle Symbolsprache übersetzt, ohne jedoch im Kern von in der Regel aus westlich geprägter Akkumulationslogik abgeleiteten Verkaufsprinzipien abzuweichen.

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668664807
ISBN (Buch)
9783668664814
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417134
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Tourismus Backpacker Pauschaltourismus Kosmopolitismus Transnationalisierung Kulturelle Globalisierung George Ritzer John Urry Ludger Pries

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Internationaler Tourismus und kulturelle Globalisierung. Reisende als Prototypen des  "Weltbürgers"