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Wohlfahrtsargumente gegen Freihandel und ihre politischen Implikationen

©2017 Bachelorarbeit 36 Seiten

Zusammenfassung

Diese Arbeit untersucht Wohlfahrtsargumente, die gegen Freihandel sprechen. Eine kurze Zusammenfassung der neoklassischen Außenhandelslehre ist grundlegend für das Verständnis der Gegenargumente. Zuerst wird das Terms-of-Trade Argument für die Einführung eines Zolls beschrieben, aus welcher die Theorie des Optimalzolls hervorgeht. Zudem wird der Gebrauch von Handelspolitik zur Beseitigung von inländischem Marktversagen dargestellt.

Weiterführend zur gesamtwohlfahrtlichen Betrachtung werden Umverteilungseffekte innerhalb einer Volkswirtschaft erarbeitet. Außerdem werden Möglichkeiten zur Kompensierung möglicher Nettoverlierer aufgezeigt. Das Infant-Economy-Argument zeigt, dass befristete Protektion einer jungen Industrie zu Wohlfahrtswachstum führen kann. Um die theoretischen Grundlagen der Wohlfahrtseffekte zu untermauern, werden empirische Belege für die Gültigkeit dieser Argumente gesucht. Des Weiteren werden politische Implikationen für unterschiedliche Volkswirtschaften betrachtet.

Es wird vor allem zwischen einer Kompensierung der Freihandelsverlierer und der Schaffung einer neuen Handelsordnung abgewogen. Zum Schluss folgt eine Aussicht auf die mögliche zukünftige Entwicklung der globalen Handelsliberalisierung und deren Einflüsse auf nationale sowie internationale Wirtschaftspolitik.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wohlfahrtsargumente gegen Freihandel
2.1. Die neoklassische Freihandelslehre
2.2. Das Argument der Terms-of-Trade
2.3. Marktversagen im Inland
2.4. Einkommensverteilung im Inland
2.5. Das Infant-Economy-Argument

3. Empirische Evidenz

4. Politischelmplikationen

5. Zusammenfassung und Fazit

I. Quellen- und Literaturverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

III. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

״ At the end of the day, what is the argument for free trade that is based upon the Ricardian model? It says: we have a model that implies fi'ее trade is good for everyone. Of course, anyone who pays attention to current events or is familiar with a little history knows that actual cases of trade liberalization do hurt some people. Hence, if we are looking for a model to address the question of whether, in actual economies, free trade is goodfor the nation as a whole, this is not a good one. “ - Driskiu, R., 2012. Deconstructing the Argument for Free Trade: A Case Study of the Role of Economists in Policy Debates. Economics & Philosophy 28, S.14.

In Zeiten zunehmender Globalisierung und öffentlicher Thematisierung von Freihandelsabkommen wie CETA und TTIP, sowie immer wiederkehrenden Aufforderungen zur Öffnung des Welthandels im Sinne der Wohlfahrtssteigerung überrascht eine Aussage wie die von Robert Driskiu.

Laut neoklassischer Wohlfahrtsanalyse steht es als gegeben fest, dass Freihandel die volkswirtschaftliche Gesamtwohlfahrt erhöht. In den letzten Jahren kam es allerdings immer häufiger zu Gegenstimmen. Dani Rodrik steht, im Gegensatz zu den Verfechtern des internationalen Handels, für eine kritischere Betrachtung der zunehmenden Handelsliberalisierung. Doch auch andere führende Ökonomen stehen zunehmend für eine strengere Regulierung internationalen Handels. Nicht zuletzt die Wahlergebnisse in den USA bei der Wahl von Donald J. Trump zum US-Präsidenten und der Austritt Großbritanniens aus der EU durch das Referendum in 2016 lassen vermuten, dass sich einige Wähler zu den Verlierern der Globalisierung und dem zunehmenden Abbau von Handelsbeschränkungen zählen. Donald Trump kritisierte neben anderem unfaire Handelspraktiken der Chinesen, welche der amerikanischen Wirtschaft immensen Schaden zufügen würden. Boris Johnson, Hauptverfechter der Anti-Europäischen Bewegung in Großbritannien, plädierte für mehr wirtschaftliche Selbstbestimmung im Vereinten Königreich. Purer Populismus, oder steckt hinter diesen Aussagen doch eine wissenschaftliche Grundlage? Die Ergebnisse dieser Wahlen und das oben aufgeführte Zitat zeigen, dass einige Bevölkerungsgruppen mit den auf sie wirkenden Effekten der Handelsliberalisierung unzufrieden sind. Diese Arbeit untersucht deshalb, ob positive Wohlfahrtseffekte durch Protektion entstehen können und welche Verteilungseffekte durch Freihandel entstehen.

Elm diese Thematik zu bearbeiten untersucht diese Arbeit in Kapitel 2 Wohlfahrtsargumente, die gegen Freihandel sprechen.

Eine kurze Zusammenfassung der neoklassischen Außenhandelslehre ist grundlegend für das Verständnis der Gegenargumente. Zunerst wird das Terms-of- Trade Argument für die Einführung eines Zolls beschrieben, aus welcher die Theorie des Optimalzolls hervorgeht. Zudem wird der Gebrauch von Handelspolitik zur Beseitigung von inländischem Marktversagen dargestellt. Weiterführend zur gesamtwohlfahrtlichen Betrachtung werden Elmverteilungseffekte innerhalb einer Volkswirtschaft erarbeitet. Außerdem werden Möglichkeiten zur Kompensierung möglicher Nettoverlierer aufgezeigt.

Das Infant-Economy-Argument zeigt, dass befristete Protektion einer jungen Industrie zu Wohlfahrtswachstum führen kann.

Um die theoretischen Grundlagen der Wohlfahrtseffekte zu untermauern, werden in Kapitel 3 empirische Belege für die Gültigkeit dieser Argumente gesucht. In Kapitel 4 werden politische Implikationen für unterschiedliche Volkswirtschaften betrachtet. Es wird vor allem zwischen einer Kompensierung der Freihandelsverlierer und der Schaffung einer neuen Handelsordnung abgewogen. Kapitel 5 dient als Zusammenfassung und enthält eine Aussicht auf die mögliche zukünftige Entwicklung der globalen Handelsliberalisierung und deren Einflüsse auf nationale sowie internationale Wirtschaftspolitik.

2. Wohlfahrtsargumente gegen Freihandel

2.1. Die neo klassische Freihandelslehre

Freihandel beschreibt den unbeschränkten Warenaustausch zwischen mehreren Volkswirtschaften ohne Handelsbeschränkungen oder sonstige handelspoliti- sehe Eingriffe. Um die Wohlfahrtsargumente gegen Freihandel zu verstehen, soll an dieser Stelle die dem Freihandel zugrundeliegende Theorie der komparativen Kostenvorteile von Ricardo erklärt werden. Außerdem geht dieses Kapitel kurz auf das das Faktorproportionentheorem von Heckscher und Ohlin ein und gibt eine Definition für Handelsbeschränkungen. Mit Hilfe einer Analyse der Wohlfahrtseffekte durch Freihandel im (neo-)klassischen Modell werden die ursprünglichen Gründe für Freihandel ersichtlich, was für das Verständnis der Gegenargumente unerlässlich ist.

Als Begründer der klassischen Freihandelslehre gilt der Ökonom David Ricardo. Im frühen 19. Jahrhundert zeigte er mit seinem Modell der komparativen Kostenvorteile, dass Spezialisierung und Handel zu Wohlfahrtsgewinnen durch effektivere Ressourcennutzung führen. Im weitesten Sinn kann dies als eine Weiterentwicklung des Modells der absoluten Kosten nach Adam Smith verstanden werden. Ricardo zeigte, dass sich Spezialisierung und anschließender Tausch von Waren nicht nur bei Gütern lohnt, bei denen eine Volkswirtschaft eine hö­here Produktivität des Faktors Arbeit besitzt als die andere. Ricardo zufolge treten Wohlfahrtsgewinne auch dann auf, wenn unterschiedliche Opportunitätskosten im Zwei-Güter Modell bestehen. Sobald ein Land ein Gut günstiger im Verhältnis zu dem anderen Gut herstellen kann als das Land, mit dem Handel betrieben wird, entsteht ein komparativer Kostenvorteil. Dabei soll sich jedes Land auf die Produktion des Gutes spezialisieren, bei dem es eben diesen komparativen Kostenvorteil besitzt und das andere Gut importieren (Ricardo, 1817).

Das Modell beantwortet nicht die Frage, wie hoch die jeweiligen Handelsgewinne der handelnden Volkswirtschaften tatsächlich sein werden, da die tatsäch- liehen Preise, bzw. das Austauschverhältnis, keine Rolle spielen. Auf die Rolle dieser Terms-of-Trade wird im Verlauf dieser Arbeit eingegangen.

Auch 200 Jahre nach der Veröffentlichung seines Hauptwerkes ״On The Principles of Political Economy and Taxation“ im Jahr 1817 dient Ricardos Erkenntnis als Grundlage der Argumente für internationalen Handel.

Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Neubeurteilung der klassischen Ökonomie. Dadurch kam es auch zu einer Neubeurteilung der klassischen Außenhandelslehre. Bekannteste Vertreter dieser Weiterentwicklung sind die schwedi- sehen Ökonomen Eli Heckscher und Bertil Ohlin. Ricardo berücksichtigte in seinem Modell nur Arbeit als einzigen relevanten Faktor. Dies verbietet den Vergleich zwischen kapitalintensiven und arbeitsintensiven Gütern bzw. Sektoren und Faktorausstattungen in den jeweiligen Ländern. In der Realität unterscheiden sich Volkswirtschaften allerdings stark, was die Faktorausstattung angeht. Heckscher und Ohlin betrachten in ihrem Modell zwei Volkswirtschaften, zwei Sektoren (einen arbeitsintensiven und einen kapitalintensiven), sowie zwei Faktoren, nämlich Arbeit und Kapital. Die Faktorausstattung ist in beiden Ländern unterschiedlich. Schlussendlich führt die unterschiedliche Faktorausstattung dazu, dass eine Volkswirtschaft sich auf die Produktion und somit den Export der Güter spezialisiert, deren Hauptproduktionsfaktor im Inland reichlich vorhanden ist. Der weniger vorhandene Faktor wird dementsprechend weniger genutzt, diese Güter werden importiert (vgl. Krugman et ak, 2012: 104). Die Gültigkeit des Heckscher-Ohlin-Theorem wurde zumindest was den Handel zwi- sehen Industrie und Entwicklungsländern mehrfach empirisch belegt (vgl. Krug- man et ak, 2012: 156).

Aus dieser Erkenntnis entstanden weitere Theoreme, wie beispielsweise das Stolper-Samuelson-Theorem. Dieses besagt, dass durch den Handel der beiden Volkswirtschaften der intensiv genutzte Faktor höher entlohnt wird als der weniger genutzte. Auch dies wird im Verlauf dieser Arbeit noch einmal von Bedeutung sein.

Handelsbeschränkungen sind als handelspolitische Maßnahmen zu verstehen, die den unbegrenzten Warenverkehr behindern und somit die Preise von Gütern beim Im- oder Export verändern. Sie werden wiederum untergliedert in tarifare und nicht-tarifäre Handelshemmnisse. Beispiele für tarifare Handelshemmnisse sind Import- sowie Exportzölle, welche die Preise von Waren bei Grenzüberschreitung verteuern und im Grunde wie Steuern wirken. Sind diese Steuern negativ, ist von einer Import- bzw. Exportsubvention die Rede. Durch die Erhebung eines Zolls kommt es laut neoklassischer Freihandelslehre zu zwei Effekten. Abhängig von der Höhe des eingeführten Zolls wird ein Teil des Importzolls durch die ausländischen Exporteure getragen, da diese ihre Preise senken müssen, um konkurrenzfähig zu den inländischen Produzenten zu bleiben. Der an- dere Teil wird von den inländischen Konsumenten getragen, da es zu einer Preis­Steigerung im Inland bei gleichzeitigem Rückgang des Handelsvolumens kommt. Die Effekte wirken sich wie folgt aus: die Konsumentenrente sinkt, die Produzentenrente steigt. Zusätzlich kommt es zu einem Anstieg der Staatseinnahmen um die Höhe des Zolls multipliziert mit der Anzahl an importierten Waren.

Aufaddiert ergeben diese Werte die volkswirtschaftliche Gesamtwohlfahrt. Ziel der Politik ist es diese zu maximieren. Die Einführung eines Zolls führt durch Anstieg des Inlandspreises und ineffiziente inländische Produktion allerdings zu einem Effizienzverlust im Inland. Hier greift der erste Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik. Die Verzerrung der inländischen Produktion führt zu einer Fehlallokation der inländischen Ressourcen, also einer Abweichung des pareto- optimalen Zustands. Dies führt schlussendlich zu einem Rückgang der Gesamt­Wohlfahrt.

In einem kleinen Land ohne Marktmacht kommt es nicht zu einer Teilung der Zoll-Last, sondern diese wird komplett von den inländischen Konsumenten getragen. Die Effekte auf die Gesamtwohlfahrt sind hier also größer als in einem großen Land. Dies hängt mit der Elastizität des Importangebots zusammen. Die Einführung eines Zolls wirkt sich in einem kleinen Land immer negativ auf die Gesamtwohlfahrt aus. Wieso es im Falle großer Länder allerdings auch zu einer Wohlfahrtssteigerung durch die Einführung tarifärer Handelsbeschränkungen kommen kann, wird im nächsten Unterkapitel näher erläutert (vgl. Krugman et ak, 2012: 277-279).

In der heutigen Zeit sind tarifare Handelsbeschränkungen schwer durchzusetzen. Nicht-tarifäre Handelsbeschränkungen gewinnen an Bedeutung. Zu den wichtigsten Instrumenten gehören hierbei die sogenannten Importquoten und freiwillige Exportbeschränkungen. Importquoten zielen darauf ab die maximal zu importierende Menge eines Gutes zu beschränken. Dies wird in den meisten Fällen durch die staatliche Vergabe von Einfuhrlizenzen erreicht. Obwohl Importquoten als nicht-tarifäres Handelshemmnis verstanden werden, erhöhen diese, analog zu Einfuhrzöllen, den Binnenpreis um denselben Wert, den ein bestimmter Zoll auf dasselbe Importvolumen brächte (vgl. Bhagwhati 1968). Importquoten haben also durch eine Reduzierung der importierten Menge und eine Erhöhung des Preises dieselbe Wirkung wie ein Importzoll, allerdings fehlen dem Staat die Einnahmen durch den Zoll. Die Preiserhöhung erfolgt durch einen Preisaufschlag der Lizenzinhaber und werden als sogenannte Quotenrenten bezeichnet.

Dies führt dazu, dass Importquoten weitaus höhere Kosten für eine Volkswirtschaft verursachen können als ein Importzoll.

Laut der neoklassischen Freihandelslehre kommt es also durch die Einführung von Handelsbeschränkungen, zumindest in kleinen Ländern, unumgänglich zu einem Rückgang der inländischen Gesamtwohlfahrt. Wie die Verbesserung der Terms-of-Trade in großen Ländern, die über größere Marktmacht verfügen, die inländischen Konsum- und Produktionsverzerrungen aufheben, im Bestfall sogar ein Wohlfahrtsgewinn erreicht werden kann, wird den nächsten Teil dieser Arbeit darstellen.

2.2. Das Argument der Terms-of-Trade

Die Terms-of-Trade, auf Deutsch auch reales Austauschverhältnis, bezeichnen das Verhältnis der Exporte zu den Importen einer Volkswirtschaft. Vereinfacht erklärt beschreiben die Terms-of-Trade, welche Menge an Importgütern im Austausch für eine Einheit des eigenen Exportgutes erworben werden kann. Zu einer Verbesserung der Terms-of-Trade kommt es, wenn das reale Austauschverhältnis steigt, die Anzahl an Importgütern pro exportiertem Gut also zunimmt.

John Stuart Mill beschrieb dieses Phänomen 1844 in einem Zwei-Länder-Zwei- Güter Modell, in dem ein kleines und ein großes Land miteinander Handel betreiben. Kleine Länder sehen sich in diesem Modell gegebenen Weltmarktpreisen, sowie einer vollkommen preiselastischen Angebotsfunktion des Auslands gegenüber. Betreibt ein kleines Land also protektionistische Handelspolitik kommen keine Importe mehr zustande. Die Einführung eines Importzolls würde durch eine resultierende Umverteilung von inländischer Konsumentenrente zu inländischer Produzentenrente und aufkommende Wohlfahrtsverluste durch verzerrte Produktion sowie Konsum im Inland demnach zu einem Gesamtrückgang der inländischen Wohlfahrt führen (vgl. Gerken, 1999: 35).

Große Länder können die Terms-of-Trade jedoch zu ihren Gunsten verbessern, da das Exportangebot und die Importnachfrage des kleinen Landes nicht vollkommen elastisch sind. Dies resultiert aus ihrer Stellung als einziger relevanter Anbieter und Produzent. Hier wird deutlich, dass Ansätze der neuen Außenhandelstheorie von der Annahme der vollkommenen Konkurrenz abweichen. Das große Land agiert in diesem Modell als Monopolist bzw. Monopson (vgl. Siebert 1988: 2; Gerken, 1999: 33). Das große Land hat also die Möglichkeit Preispolitik zu betreiben. Dies geschieht meistens durch die Einführung eines Importzolls. Die ausländischen Exporteure sind in der Regel abhängig vom Exportgeschäft und wollen dieses somit auch weiterhin betreiben. Um mit den Produzenten im zolleinführenden Land mithalten zu können, müssen sie ihren Preis senken, sodass sie auf demselben Preisniveau landen, wie die inländischen Produzenten (Gerken, 1999: 32).

Das große Land ist also in der Lage einen Teil der Zoll-Last auf das kleine Land abzuwälzen. Dadurch sinkt der Preis der ausländischen Produzenten an der Grenze, die Terms-of-Trcide des großen Landes steigen.

Durch die Einführung eines Importzolls des großen Landes kommt es zu zwei Effekten, die gegensätzlich wirken. Das Handelsvolumen geht aufgrund höherer Binnenpreise zurück. Die Konsumentenrente sinkt, die Produzentenrente steigt. Die Veränderung der Terms-of-Trade ist bei einem hinreichend kleinen Zollsatz allerdings groß genug um den entstandenen Verlust aufzuheben und somit die Wohlfahrt zu steigern. Somit muss es einen Zoll geben, der die inländische Wohlfahrt maximiert (Mill, 1848). Dies wird in der folgenden Graphik deutlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Optimalzoll to liegt zwischen dem Freihandelsniveau und dem Prohibitivzoll tp, der zur Folge hat, dass kein Handel mehr stattfindet. Bis zu einem gewissen Zollniveau steigt der Nutzen durch die Terms-of-Trade Veränderung stärker als die Kosten durch ineffiziente Produktion und Konsum im Inland. An dem Punkt, an welchem sich Grenznutzen und Grenzkosten der Zolleinführung entsprechen, liegt der Optimalzoll to (vgl. Gerken, 1999: 37; Krugman et ak, 2012: 316).

Um einen gleichsam wirkenden Effekt durch Exportpolitik zu erreichen müssen die Exporte für das Ausland teurer werden. Der gewünschte Effekt der Veränderung der Terms-of-Trade kann also ebenso durch die Einführung einer optimalen Exportbesteuerung auftreten. Dabei muss die Höhe der Exportbesteuerung, analog zum Optimalzoll, im positiven Bereich, jedoch unter dem Prohibitivzoll liegen. Durch die Verteuerung inländischer Produkte für das Ausland werden die Exporte des Inlands in jedem Falle sinken. Inwieweit sich nun die Importe verändern hängt von der Elastizität der ausländischen Importnachfrage ab. Besitzt diese einen Wert kleiner als 1, reagiert die Nachfrage also unelastisch, kommt es aufgrund des veränderten Preisverhältnisses insgesamt zu einer Erhö­hung der Importe (vgl. Rose, 1966: 33; Corden, 1997: 100-103).

Der Vergleich zur Monopoltheorie zeigt sich hier sehr deutlich. Im Optimalzollniveau entsprechen sich Grenzerlös und Grenzkosten, gegeben durch Verzicht auf das Importgut. Der Preis, der sich bei einem Optimalzoll einstellt, würde sich ebenfalls ergeben falls kein Importzoll bestünde, die betroffene Industrie jedoch von einer Monopolstellung betroffen ist, in der der Monopolist seine komplette Monopolmacht ausnutzt (vgl. Kaldor, 1940: 379-380).

Die Umwälzung der Kosten auf die ausländischen Produzenten hat zur Folge, dass bei einer Steigerung der Wohlfahrt im Inland eine Verminderung der Wohlfahrt im Ausland einhergeht. Es muss an dieser Stelle gesagt werden, dass die Wohlfahrtsverluste, welche im Ausland auftreten, akkumuliert höher sind, als der Wohlfahrtsgewinn im Inland (unter der Annahme, dass alle anderen Länder außer dem Inland kleine Länder darstellen). Freihandel ist also für die gesamte Weltwirtschaft vorteilhaft, einzelne Volkswirtschaften können durch protektionistische Maßnahmen aber ein höheres Wohlstandsniveau im Inland erreichen (vgl. Rose, 1966: 33).

Ein oft genanntes Argument gegen die Einfuhr von Importzöllen oder Exportsteuern ist, dass Vergeltungsschläge aus dem Ausland drohen. Somit kann die Optimalzolltheorie in der spieltheoretischen Analyse durchaus als Gefangenendilemma angesehen werden. Während unter Freihandelsbedingungen beide Handelspartner bessergestellt sind, als unter autarken Zuständen, kann ein Land seine Wohlfahrt erneut über eben dieses Niveau heben, indem es auf Kosten des anderen Handelspartners einführt. Das schlechter dargestellte Ausland wird nun alles daransetzen, sich zumindest besser zu stellen, als in dieser Situation. Dieses Szenario kann in einem Handelskrieg enden (vgl. Rose 1966). Schlussendlich haben beide Länder in diesem Beispiel protektionistische Maßnahmen ergriffen und die Gesamtsituation stellt beide Länder insgesamt schlechter, als der Freihandel (vgl. Felbermayr et al., 2013).

Harry G. Johnson (1954) untersuchte die tatsächliche Wirkung von Vergeltungsmaßnahmen. In seiner Untersuchung bestand die Vergeltungsmaßnahme aus der Einführung eines Importzolls durch das Ausland. Er fand heraus, dass ein Land seine Wohlfahrt trotz Vergeltungsmaßnahmen anderer Länder durchaus vergrö­ßern kann. Die weitgreifende Meinung über Vergeltungsmaßnahmen sei zu ge- nereli formuliert, da die tatsächliche Wohlfahrtswirkung abhängig sei von der Elastizität der Importnachfrage beider Länder. Je stärker die Marktmacht durch Monopolstellung des großen Lands ausgeprägt ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Wohlfahrt auch bei Vergeltungsmaßnahmen höher ist, als unter Freihandelsbedingungen (vgl. Johnson, 1954; Gerken, 1999: 39).

Es wurde gezeigt, dass große Länder durch protektionistische Maßnahmen ihre Wohlfahrt steigern können. Dies geht jedoch mit überproportionalen Wohlfahrtseinbußen im Ausland einher. Laut neoklassischer Ökonomie ist Freihandel weltwirtschaftlich gesehen Wohlfahrtsoptimal.

Häufig kritisieren Ökonomen die realitätsfernen Annahmen der normativen neoklassischen Freihandelslehre. Besonders das Ausschließen von externen Effekten infolge von Marktversagen zeichnet kein realistisches Bild der weltlichen Gegebenheiten ab (vgl. Gerken 1999: 75-76) Dieser Thematik widmet sich das folgende Kapitel.

2.3. Marktversagen im Inland

Wie im vorherigen Kapitel bereits erwähnt, führen Befürworter des Freihandels häufig eine Abwägung der Kosten und des Nutzens zur Wohlfahrtsanalyse durch. Kritiker bemängeln, dass der reine Vergleich von Konsumenten- und Produzentenrente sowie der Staatsausgaben nicht hinreichend für eine aussagekräftige Analyse der Kosten und Nutzen sei. Denn inländisches Marktversagen oder Effekte auf den sozialen Grenznutzen werden durch diese nicht dargestellt. Diese Externalitäten können sowohl durch Faktorallokation, aber auch durch.

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Details

Seiten
36
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668672772
ISBN (Paperback)
9783668672789
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Walter Eucken Institut
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Note
1,7
Schlagworte
Freihandel Optimalzoll WIfrtschaftspolitik Ricardo Rodrik

Autor

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