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Das Frauenbild in der Literatur des 18. Jahrunderts am Beispiel des bürgerlichen Trauerspiels "Miss Sara Sampson" von Gotthold Ephraim Lessing

Hausarbeit 2017 20 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das allgemeine Frauenbild im 18. Jahrhundert

3. Das burgerliche Trauerspiel Miss Sara Sampson

4. Die Frauenfiguren in Miss Sara Sampson
4.1 Miss Sara Sampson
4.1.1 Charakterisierung durch andere Figuren
4.1.2 Charakterisierung durch eigenes Handeln
4.2 Marwood
4.2.1 Charakterisierung durch andere Figuren
4.2.2 Charakterisierung durch eigenes Handeln
4.3 Gegenuberstellung Sara - Marwood

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit soil das Frauenbild in der Literatur des 18. Jahrhunderts anhand Gott­hold Ephraim Lessings burgerlichem Trauerspiel Miss Sara Sampson untersucht und mit dem realen Frauenbild der damaligen Zeit verglichen werden. Beginnen werde ich dabei mit einer Betrachtung des allgemeinen Frauenbilds im 18. Jahrhundert. Darauf aufbauend erfolgt eine kurze Vorstellung des burgerlichen Trauerspiels mitsamt seiner Besonderheiten. An- schlieBend komme ich zum wesentlichen Teil der Hausarbeit, die Betrachtung der zentralen Frauenfiguren in Miss Sara Sampson, zuerst einzeln und abschlieBend gegenubergestellt. Dabei konzentriere ich mich im Wesentlichen auf die zentralen weiblichen Figuren der Sara Sampson sowie der Marwood. Diese werden hinsichtlich ihres Verhaltens, ihrer Vorstellun- gen vom Leben sowie ihren Beziehungen zu anderen Figuren betrachtet. Die mannlichen Figuren sowie die weiblichen Nebenfiguren wie Arabella, die junge Tochter der Marwood sowie die Kammermadchen werden nur am Rande angesprochen. Abgeschlossen wird die Hausarbeit mit einer kurzen Zusammenfassung und meinem personlichen Fazit.

2. Das allgemeine Frauenbild im 18. Jahrhundert

Um eine gelingende Charakterisierung des Frauenbilds in der Literatur des 18. Jahrhunderts vornehmen zu konnen, muss im ersten Schritt kurz das allgemeingultige Frauenbild dieser Zeit angesprochen werden. Denn man darf nicht den Fehler machen, Lessings 1755 verof- fentlichtes Werk nach den heutigen MaBstaben zu beurteilen. Der Zeitraum von der zweiten Halfte des 18. Jahrhunderts bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts gilt generell als eine „Periode (...), in der sich die Geschlechterrollen und -ideologien der modernen burger- lichen Gesellschaft herausbildeten, nicht unwesentlich mit der Unterstutzung literarischer Leitbilder^1 Aus diesem Grund ist diese Zeit besonders spannend, wenn man das Frauenbild in der Literatur untersuchen mochte.

Welche Stellung hatte die Frau im 18. Jahrhundert? Damals war die Frau komplett abhangig von mannlichen Personen, zuerst vom Vater oder dem Bruder und nach der Heirat vom je- weiligen Gatten. Die Frau hatte auch keine rechtlichen oder okonomischen Freiheiten wie heutzutage. Kurzgesagt waren die allgemeinen Rollen der Frau im 18. Jahrhundert folgende: die Hausfrau, die Gattin und die Mutter. Eine Frau hatte die Aufgaben, den Haushalt zu erledigen, die Kinder zu erziehen sowie dem Mann zu gefallen. In der Offentlichkeit musste die Frau von der Gesellschaft geachtet werden, meist durch ein hubsches AuBeres. Eine ei- gene Meinung oder gar einen Widerspruch auf mannliche Vorstellungen durfte sie nicht au- Bern. Der Frau wurden in besonderen MaBen als tugendhaft idealisierte Eigenschaften zuge- sprochen, die allesamt ihre Emotionalitat betonten. Man erwartete von ihr Gute, Zuruckhal- tung und Bescheidenheit. Hinsichtlich der Bildung wurden Frauen stark benachteiligt, so durften sie bspw. keine Universitaten besuchen. Die Bildung konnte meist nur durch den Vater oder durch autodidaktisches Lernen erfolgen, doch besonders Frauen aus armlichen Verhaltnissen hatten meist keinen Zugang zu Bildung. Ein Vorreiter auf diesem Gebiet war Gottsched, welcher mehr Bildung fur die Frau forderte, die sich allerdings noch mit ihren drei Rollen vereinbaren musste. In der Literatur der damaligen Zeit wurde ein Frauenbild propagiert, in dem die Frau durch Unterdruckung der eigenen Wunsche und Aufopferung fur andere das private Familiengluck erzeugte. Unter anderem wurden folgende Eigenschaf- ten der Frau zugeschrieben: Passivitat, Demut, Geduld, Nachgiebigkeit, Emotionalitat, Freundlichkeit, Fursorglichkeit und Liebesfahigkeit.2 Ich personlich empfinde den Wechsel, den das Frauenbild in der damaligen Zeit gemacht hat als sehr spannend. So wurde das Frau­enbild der gelehrten Frau, welcher aussagte, dass Frauen bildungsfahig sind, in den 1750er Jahren von den Begriffen der empfindsamen bzw. der tugendhaften Frau abgelost. Leider kann ich hierauf nicht naher eingehen. Wie sich das Frauenbild der damaligen Zeit in Les­sings Werk widerspiegelt, mochte ich nachfolgend aufzeigen.

3. Das burgerliche Trauerspiel Miss Sara Sampson

Das Werk Miss Sara Sampson wurde 1755 von Gotthold Ephraim Lessing geschaffen und gilt als erstes deutsches burgerliches Trauerspiel.3 Was ist an dieser Tatsache so besonders? Das burgerliche Trauerspiel unterscheidet sich in vielen Aspekten von den damaligen Dra- men sowie von anderen Genres. Im Fokus stehen nicht mehr Heldengeschichten oder der Adel sondern vornehmlich Probleme des gehobenen Burgertums. Des Weiteren werden ver- starkt innerfamiliare Themen behandelt. Generell wird ein burgerliches Trauerspiel durch drei Merkmale gekennzeichnet. Als erstes handelt es sich um fiktive Geschichten. Sie wer­den durch den Autor also frei erfunden, es besteht jedoch die Moglichkeit, dass die Ge- schichte so stattfindet. Zweitens umfasst der Stand der handelnden Figuren in der Regel das Burgertum. Zum Dritten sind burgerliche Trauerspiele in Prosa geschrieben.4

Fur Lessing ist ein burgerliches Trauerspiel anders als bspw. fur Gottsched und Schlegel, „keine Fortentwicklung der Komodie, sondern eine modifizierte Variante der alten Tragodie. Seinen Ursprung markiert das tragische Genre, nicht das komische.“5 Lessing hatte also besondere Vorstellungen. So lehnte Lessing mit seinem burgerlichen Trauerspiel bspw. die Anwendung der drei Einheiten ab. Dies ist auch in Miss Sara Sampson der Fall. So spielt das Stuck zwar an einem Tag (Einheit des Ortes) jedoch in zwei verschiedenen englischen Gasthofen auf dem Lande (keine Einheit des Ortes). Wichtig ist, dass die Einheit der Handlung besteht.

Warum Miss Sara Sampson ein burgerliches Trauerspiel ist, mochte ich nachfolgend kurz verdeutlichen. Der Text ist, wie fur ein burgerliches Trauerspiel ublich, in Prosa geschrieben. Der Inhalt beruht des Weiteren nicht auf historischen Quellen sondern wurde durch Lessing erdacht. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich solch ein Konflikt zugetragen hat, ist jedoch nicht abwegig. Bei den handelnden Figuren war ich zuerst ziemlich uberrascht, als ich gelesen habe, dass es sich bei William um einen Sir sowie bei Sara um eine Miss - und somit um Figuren des hofischen Standes - handelt. Dies stand im Gegensatz zu meinen Vorstellungen eines burgerlichen Trauerspiels. Erst durch meine Recherche habe ich erkannt, dass burger- lich auf den Stand des Burgertums verweisen kann, es jedoch nicht muss. Es kann auch auf die Begriffe privat, hauslich oder familiar bezogen sein.6 Somit erfullt Miss Sara Sampson alle Merkmale eines burgerlichen Trauerspiels und war damals schon durch diesen Umstand etwas besonders.

4. Die Frauenfiguren in Miss Sara Sampson

,,Die jungfraulichen Heroinen und Philosophinnen sind gar nicht nach meinem Ge- schmack[...]. Ich kenne an einem unverheiratetenMadchen keine hoheren Tugenden als

Frommigkeit und Gehorsam.“7

Dieses Zitat, welches Lessing in einem Brief 1772 zwar in Bezug auf Emilia Galotti schrieb, beschreibt Lessings Frauenbild sehr gut. Dieses ist eher auf Tugendhaftigkeit, Gehorsam, Gottesfurchtigkeit und Emotionalitat ausgerichtet. Im Gegensatz hierzu steht das Mannlich- keitsbild der Aktivitat, Selbstandigkeit und Rationalitat.8 Nachfolgend soll geklart werden, wie dieses Frauenbild in Miss Sara Sampson verdeutlicht oder auch nicht verdeutlicht wird.

4.1 Miss Sara Sampson

Sara ist die Titelgeberin des Werks und somit auch die zentrale Figur. Sie ist ein junges Madchen und die Tochter des Sir William Sampson, welche mit Mellefont, ihrer groBen Liebe von zu Hause geflohen ist. Die Figur der Sara Sampson wird meiner Meinung nach besonders auf drei verschiedene Arten beschrieben. Zum einen durch die Beschreibung der anderen Figuren, zum anderen durch ihr eigenes Handeln und schlussendlich durch den in- direkten Vergleich mit Marwood.

4.1.1 Charakterisierung durch andere Figuren

Bereits im ersten Aufzug wird das Bild der Sara gepragt. Im Dialog zwischen Sir William und dem Diener Waitwell sagt dieser „Das beste, schonste, unschuldigste Kind, das unter der Sonne gelebt hat, muss so verfuhrt werden.“9 Interessant hierbei ist, dass sogleich mit den groBtmoglichen Superlativen (beste, schonste, unschuldigste) uber Sara gesprochen wird. Besonders das Wort „unschuldigste“ zeigt, dass Sara das Idealbild einer tugendhaften Frau verkorpern soll. Des Weiteren geht aus dieser Beschreibung heraus, dass Sara eine hub- sche Frau sein muss. Interessant empfand ich auch, dass Waitwell mit einem Kosenamen uber sie spricht „Ach Sarchen! Sarchen!“10 11 Dies zeigt fur mich, dass Waitwell eine enge Beziehung zu Sara hat und sich um sie sorgt. Dies ist nicht unbedingt typisch fur eine Be- ziehung zwischen Bediensteten und den jeweiligen „Herren“ der damaligen Zeit. Haufig war es so, dass die Bediensteten von den Hausherren nicht gut behandelt wurden und dement- sprechend keine hohe Meinung uber diese hatten. Nun konnte man sagen, dass sich Waitwell nicht traut, vor ihrem Vater offen uber Sara zu reden. Das glaube ich jedoch nicht, da auch Sir William als sehr tugendhaft und nett beschrieben wird. Ich gehe eher davon aus, dass Waitwell als langjahriger Diener der Sampsons wahre Hochachtung und Sympathien fur Sara hat. Daruber hinaus wird Sara sogleich auch als eine vaterliebende Figur beschrieben „Nein, Sarchen hat ihren Vater geliebt und gewiss! Gewiss! Sie liebt ihn noch.“u Dass Sara eine tugendhafte junge Dame ist, steht auBer Zweifel, dennoch ist mir aufgefallen, dass die Tugend auch haufig in Saras Verhalten hineininterpretiert wird. Beispielsweise wird Saras

Weigerung, den Brief ihres Vaters anzunehmen von Waitwell als „tugendhafte Schuchtern- heit“12 angesehen, wahrend es bei einer anderen Figur wahrscheinlich als Feigheit oder Stur- heit interpretiert werden wurde.

Bemerkenswert ist, dass William Sara, obwohl sie eine nach dem damaligen Weltbild un- glaubliche Tat begangen hat (den auBerehelichen intimen Kontakt mit einem Mann und die Flucht aus dem Elternhaus), ihr ihre Sunde verzeiht und sie ohne Konsequenzen wieder bei sich aufnehmen wurde. Die Schuld fur diese Sunde wird ausschlieBlich Mellefont zuge- schrieben zum einen durch Sir William und Waitwell „(...) ihren Verfluchten Verfuhrer (.. ,)“13 als auch durch Mellefont selber „(...) aus dem Hause eines geliebten Vaters entwen- det, und sie gezwungen, einem Nichtswurdigen zu folgen.14 Das Wort „entwendet“ sugge- riert fur mich, dass Sara auch wenn sie noch so tugendhaft ist, dennoch als Objekt angesehen wird, welches im Besitz des Vaters war und von Mellefont gestohlen wurde. Dies wird auch am Ende des Stuckes noch einmal deutlich, als Mellefont zu Sir William sagt „Diese blu- hende Schonheit, uber die Sie allein ein Recht hatten.“15 Diese Abhangigkeit der Tochter vom Vater und die damit bestehenden Besitzanspruche der Manner uber Frauen ist charak- teristisch fur das 18. Jahrhundert. So waren Frauen damals bspw. nur eingeschrankt juris- tisch handlungsfahig und mussen in der Regel durch einen mannlichen Vormund vertreten werden.16 Diese Abhangigkeit und der gewunschte Gehorsam entsprechen sowohl Lessings als auch dem damaligen generellen Frauenbild.

Selbst die Flucht von Sara wird positiv ausgelegt „(...) ihre Flucht war die Wirkung ihrer Reue (.)“17 Der Vater geht also davon aus, dass Sarah ihm lediglich Leid ersparen mochte und deshalb geflohen ist. Durch die Flucht von ihrem Vater und der noch nicht vollzogenen Heirat mit Mellefont ist Sara ohne Familie und laut des Weltbilds des 18. Jahrhunderts als Mensch ohne soziale, rechtliche und christliche Bindung zu sehen. Dabei steht sie auBerhalb der gottlichen Weltordnung.18 Normalerweise konnte Lessing aus diesem Grund Sara zu ei­ner Sunderin machen, die samtliche Rechte verloren hat und fur ihre Taten buBen soll. Doch dies tut Lessing nicht, Sara wird nicht als Sunderin beschrieben, sondern als gottesfurchtige Person, die fur die Liebe zu einem Mann sogar die vaterliche Autoritat untergrabt und unge- horsam zeigt. Auch hier konnte man sagen, dass William sowie Waitwell Sara glorifizieren

[...]


1 Lange, S. (1993), S. 10.

2 Vgl. Slessarev, H. (1986), S. 348.

3 Vgl. Guthke, K. S. (1980), S. 25f.

4 Vgl. Pfeil, J. (1756), S. 99f.

5 Alt, P-A. (1994), S. 156.

6 Vgl. Pfeil, J. (1756), S. 99f.

7 Lessing, G. E. (1772).

8 Vgl. Slessarev, H. (1986), S. 348.

9 Lessing, G. E. (1755) Herausgegeben von Reclam Universal-Bibliothek Nr. 16 (2003). Alle weiteren Zitate aus Miss Sara Sampson sind dieser Ausgabe entnommen, weshalb ich mich im Folgenden auf die Angabe von Auftritt, Aufzug, Seite und Zeile (Aufzug, Auftritt, Seite, Zeile) beschranke. (I, 1, S. 5, Z. 21ff).

10 Ebd. (I, 1, S. 5, Z. 23.)

11 Ebd. (I, 1, S. 6, Z. 12f.).

12 Lessing, G. E. (1755), (III, 3, S. 53, Z. 4)

13 Ebd. (I, 1, S. 6, Z. 5).

14 Ebd. (I, 3, 10, Z. 8f).

15 Ebd. (V, 10, S. 105, Z. 8).

16 Vgl. Stollberg-Rilinger (2003).

17 Lessing, G. E. (1755), (I, 1, S. 6, Z. 22).

18 Vgl. Veglies, M. (S. 23).

Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668668249
ISBN (Buch)
9783668668256
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417314
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Schlagworte
Sara Sampson Lessing Frauenbild 18. Jahrhundert Geschlechterverhältnisse Trauerspiel

Autor

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