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"Whom Shall We Welcome?" Das "Immigration Reform Movement" auf dem Weg zum "Hart-Celler-Act"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 29 Seiten

Geschichte - Amerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. A Law of Unintended Consequences - Aktueller Forschungstand zum Hart-Celler-Act
1.1 Zentrale Reformen des Hart-Celler-Act
1.2 Forschungsstand

2. A Product of Liberal Nationalism - Mae Ngais These zum Hart-Celler-Act
2.1 Entstehung des Liberal Nationalism
2.2 Gesetzesvorlagen und Verabschiedung des Hart-Celler-Act

3. A Benchmark for Reform Effort - Bedeutung der President`s Commission on Immigration and Naturalization für das Immigration Reform Movement
3.1 McCarran-Walter-Act von 1952
3.2 Der Abschlussbericht der P resident`s Commisson on Immigration and Naturalization

Fazit und Ausblick

Einleitung

„The famous words of Emma Lazarus on the pedestal of the Statute of Liberty read: "Give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free." Until 1921 this was an accurate picture of our society. Under present law it would be appropriate to add: "as long as they come from Northern Europe, are not too tired or too poor or slightly ill, never stole a loaf of bread, never joined any questionable organization, and can document their activities from the past two years.“1

Dieses polemische Zitat des damaligen Senators von Massachusetts John F. Kennedy aus seinem 1958 erschienen Werk A Nation of Immigrants zeigt die Frustration liberaler Reformer in den Vereinigten Staaten über die 1921 und 1924 in Kraft getretenen Einwanderungsgesetze. Getragen von einem nativistischen und isolationistischen Zeitgeist, wurde die Anzahl der Migranten, die aus jedem Land in die USA jährlich einwandern durften, im Johnson-Reed Act von 1924 auf 2 % der bereits aus diesem Land stammenden Bevölkerung begrenzt. Diese Regelung, nachfolgend als National Origins Quota System bezeichnet, zielte darauf ab, die zwischen 1890 und 1920 stark angewachsene Einwanderung aus Süd- und Osteuropa zu begrenzen und Migration aus Südostasien und Indien zu unterbinden. Außerdem sollte sichergestellt werden, dass die Mehrheit der Einwanderer in die USA aus nord- und westeuropäischen Ländern wie Großbritannien, Irland und Deutschland kommen würden. Gerechtfertigt wurden diese Beschränkungen unter anderem durch prominente Vertreter der eugenischen Bewegungen wie Harry Laughlin oder Madison Grant, die von einer Überlegenheit nordeuropäischer Rassen überzeugt waren.2

Die Opposition gegen diese restriktive Einwanderungspolitik war in den 1930er Jahren noch auf eine liberale Elite beschränkt, gewann jedoch während des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Nachkriegsjahren deutlich an Zuspruch. Das sich bildende Immigration Reform Movement 3 bestand aus einer Koalition von Kirchenverbänden, Gewerkschaften, jüdischen Organisationen und dem liberalen Flügel der demokratischen Partei.4 Als Manifest dieser Bewegung gilt in der amerikanischen Einwanderungsforschung der im Januar 1953 veröffentlichte Abschlussbericht der President's Commisson on Immigration and Naturalization mit dem Titel Whom We Shall Welcome. 5 Präsident Harry Truman hatte diese Kommission im September 1952 aus Protest gegen die Verabschiedung des McCarren-Walter Act, der vom Kongress gegen das Veto des Präsidenten durchgesetzt worden war, einberufen. Dieses Einwanderungsgesetz hatte - von marginalen Veränderungen abgesehen - das National Origins Quota System des Johnson-Reed-Act von 1924 erneuert. Der Abschlussbericht der Kommission stellte einen Frontalangriff der liberalen Kräfte auf eine konservative Allianz aus Südstaaten-Demokraten und Republikanern dar, die für das Gesetz verantwortlich zeichnete.6 Sozial- und Naturwissenschaftler, die zu Anhörungen vor der President`s Commission vorgeladen wurden, kritisierten das National Origins Quota System als archaisches Relikt der 1920er Jahre, das auf diskreditierten Theorien rassischer Überlegenheit beruhe.7 Auf Grundlage dieser Aussagen forderten die Kommissare, das bisherige System durch eine flexible Zuweisung von Visa für die Länder der östlichen Hemisphäre (Europa, Asien, Afrika, Australien) zu ersetzen, wobei eine Obergrenze von 251.162 Visa vorgeschlagen wurde. Die Vergabe der Visa sollte ohne Berücksichtigung von Nationalität, Rasse, Hautfarbe oder religiöser Zugehörigkeit auf Basis eines Präferenzsystems erfolgen, das die Nachfrage nach Arbeitskräften, die beruflichen Qualifikationen der Bewerber, die Möglichkeit der Familienzusammenführung und die Aufnahme politischer Flüchtlinge priorisierte.8

Den konservativen Kräften im Kongress sollte es jedoch für zwölf weitere Jahre gelingen, das National Origins Quota System am Leben zu erhalten. Erst 1965 wurde das Einwanderungsrecht im Rahmen des Hart-Celler Act grundlegend reformiert.9 Aufgrund der erfolgreichen Revision des National Origins Quota System, für die die Reformbewegung seit den 1940er Jahren gekämpft hatte, galt der Hart-Celler Act daher sowohl in der amerikanischen Öffentlichkeit als auch in der Einwanderungsforschung lange als „ apotheosis of postwar liberalism, cultural pluralism, and democratic political mobilization “.10 Diese Lesart des Gesetzes ist in den vergangenen Jahren jedoch in die Kritik geraten. So vertritt Mae Ngai im Jahr 2004 die These, die nationalistischen Elemente des Hart-Celler Act seien von der Forschung übersehen worden. Um die Genese des Einwanderungsgesetzes von 1965 besser analysieren zu können, führt Ngai in ihrer Studie Impossible Subjects. Illegale Aliens and the Making of Modern America den Begriff des Liberal Nationalism ein. Sie versteht darunter eine Ideologie, die einen liberalen Pluralismus mit einer nationalistischen Interessenpolitik verband. Diese Ideologie habe sich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg innerhalb des Immigration Reform Movement gebildet und die Bewegung bis zu der erfolgreichen Reform des Einwanderungsrechts geprägt. Der liberale Nationalismus umfasst laut Ngai drei interdependente Elemente:

1. Einen liberaler Pluralismus, der die gleichen Rechte aller Bürger, unabhängig von Rasse, Ethnie oder religiöser Zugehörigkeit betonte.

2. Einen ökonomischen Nationalismus, der die privilegierte Position der Vereinigten Staaten innerhalb der globalen Wirtschaftsordnung der Nachkriegszeit zu stärken versuchte.

3. Einen geopolitischen Nationalismus, der innenpolitische Ziele wie die Reform des Einwanderungsrechts mit geopolitischen Zielen im Rahmen des Kalten Krieges verband.11 Diese Hausarbeit schließt an Mae Ngais Forschungsarbeit an, indem sie ihren Begriff des Liberal Nationalism einer empirischen Überprüfung unterzieht. Dabei wird untersucht, ob die drei genannten Elemente des Liberal Nationalism bereits in dem, für das Immigration Reform Movement zentralen, Abschlussbericht der President`s Commisson on Immigration and Naturalization aus dem Jahr 1953 zu erkennen sind. Diese Überprüfung erfolgt in drei Schritten: Nach einer einführenden Überblicksdarstellung der zentralen Regelungen des Hart-Celler Act werden in Kapitel 1 die seit der Jahrtausendwende erschienenen Studien über das Einwanderungsgesetz von 1965 diskutiert. An diese Analyse des aktuellen Forschungsstandes anknüpfend erfolgt in Kapitel 2 die Präsentation der bereits eingeführten These Mae Ngais. Hierbei wird zunächst die Entstehungsphase des Liberal Nationalism nach dem Zweiten Weltkrieg und anschließend die Verhandlungsphase vor der Verabschiedung des Gesetzes von 1961 bis 1965 beleuchtet. In Kapitel 3 wird schließlich der Abschlussbericht der President's Commission analysiert. Dieser Analyse geht eine historische Kontextualisierung der Quelle voraus, in der das Zustandekommen des McCarran-Walter Act von 1952 erläutert wird.

1. A Law of Unintended Consequences - Aktueller Forschungsstand zum Hart-Celler Act

Seit der Jahrtausendwende haben zahlreiche Experten der amerikanischen Einwanderungsforschung den Hart-Celler Act analysiert. In diesem Kapitel werden daher die wichtigsten aktuellen Publikationen des Forschungsfeldes vorgestellt. Um das Verständnis der Thesen über Bedeutung und Auswirkung des Hart-Celler Act zu erleichtern, erfolgt zunächst jedoch eine kursorische Darstellung der wichtigsten Reformen des Einwanderungsgesetzes.

1.1 Zentrale Reformen des Hart-Celler-Act

Präsident Lyndon B. Johnson unterzeichnete den Hart-Celler Act am 3. Oktober 1965 am Fuße der Freiheitsstatue auf Liberty Island in einer öffentlichkeitswirksamen Inszenierung. Die zentralen Reformen waren:

- Das seit dem Johnson-Reed-Act von 1924 gültige National Origins Quota System wurde abgeschafft.

- Die Begrenzung auf ca. 2000 Einwanderer pro Jahr aus zahlreichen asiatischen Ländern des sogenannten Asien-Pazifik-Dreiecks (Japan, China, die Philippinen, Laos, Siam, Kambodscha, Korea, Vietnam, Indonesien, Burma, Indien, Ceylon und Malaysia) wurde ebenfalls aufgehoben.

- Die östliche Hemisphäre erhielt eine gegenüber der Regelung des McCarran-Walter Act leicht erhöhte Quote von 170.000 Einwanderern pro Jahr.

- Jede Nation durfte maximal 20.000 Einwanderer stellen.

- Die Vergabe der Visa erfolgte anhand eines Präferenzsystems, das besonders die Familienzusammenführung betonte. So sollten 74 % der Visa von Verwandten von US- Bürgern ausgeschöpft werden, 20 % waren für qualifizierte Arbeitskräfte und lediglich 6 % für Flüchtlinge aus kommunistischen Ländern reserviert.

- Kinder, Ehepartner oder Eltern von US-Bürgern waren von den Regelungen ausgenommen. Ihre Einwanderung wurde nicht limitiert.

- Die Einwanderung aus Ländern der westlichen Hemisphären (Nord-, Mittel- und

Südamerika) wurde erstmals mit einer begrenzenden Quote von 120.000 Visa pro Jahr bedacht.

- Von einem Präferenzsystem oder festen Länder-Quoten wurde zunächst abgesehen. 1976 führte der Western Hemisphere Act jedoch auch für Länder der westlichen Hemisphäre eine Begrenzung von 20.000 Visa pro Nation ein.12

In seiner Rede zur Unterzeichnung des Gesetzes beurteilte Johnson die Wirkung des Hart-Celler Act wie folgt:

„This bill that we will sign today is not a revolutionary bill. It does not affect the lives of millions. It will not reshape the structure of our daily lives, or really add importantly to either our wealth or our power.“13

Die Geschichte sollte Johnson nicht recht geben, da sich das Gesetz als revolutionär herausstellen sollte. Die Betonung der Familienzusammenführung im Hart-Celler Act führte zu einer Kettenmigration14 aus Lateinamerika und Asien, die die politischen Entscheidungsträger nicht vorausgesehen hatten. So bildeten sich Migrationsnetzwerke, die es geschickt verstanden, die Ausnahmeregelungen des Gesetzes (siehe oben) auszunutzen, um Familienangehörige und Bekannte ins Land zu bringen. Die Gesamtzahl der Einwanderer stieg in Folge des Hart-Celler Act sprunghaft an und ist seit der Verabschiedung des Gesetzes nie unter 300.000 Migranten pro Jahr gesunken. Diese Entwicklung hat zu einer radikalen Veränderung der ethnischen Bevölkerungsstruktur zu Ungunsten der Amerikaner europäischer Abstammung geführt, die aktuellen Prognosen zufolge im Jahr 2043 in der Minderheit sein werden. Zudem hat die Beschränkung der Einwanderung aus Ländern der westlichen Hemisphäre die Zahl illegaler Migranten stark ansteigen lassen. Entscheidend hierfür war vor allem der Bedarf der Agrarwirtschaft an billigen Arbeitskräften aus Mexiko, der durch die restriktive Regelung des Gesetzes nicht mehr gedeckt werden konnte.15

1.2 Forschungsstand

Trotz dieser drastischen Auswirkungen hat der Hart-Celler Act in der neueren amerikanischen Einwanderungsforschung lange keine Beachtung gefunden.16 Diese Leerstelle ist seit der Jahrtausendwende jedoch durch zahlreiche Studien geschlossen worden. Begünstigt wurde diese Entwicklung von einer Verbreiterung des Forschungsgegenstandes der American Immigration History, die ihre Beschränkung auf die Analyse der Einwanderung aus Europa aufgegeben hat.17 Diesen Eurozentrismus der Einwanderungsforschung, der sich erst in den 1990er Jahren durch die kulturalistische und transnationale Wende in den Geistes- und Sozialwissenschaften überwinden ließ, hat Paul Spickard als Ellis Island Paradigm bezeichnet und wie folgt definiert:

„According to the Ellis Island formula, America`s immigration history is made up of a series of similar one-way migrations by people from an old country, where they were poor or oppressed, to the United States, which they found to be a freer, richer, happier place. The migrants, according to this formula, came and over a few generations readily shed their ancestral ways - their language, their habits of minds, perhaps also their religion and foodways - and they took on American ones. Gradually they ceased to be foreigners and became Americans.“18

Maßgeblich mitgeprägt wurde dieses Paradigma von Oscar Handlin. Handlin hatte die Immigration History mit seinem 1951 erschienenen Werk The Uprooted19 als Teildisziplin der amerikanischen Geschichtswissenschaft etabliert.20 Der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer begründete eine Historiographie, die die Migrationserfahrungen der europäischen Einwanderer zu einer normativen Theorie ausbaute. Dieser Theorie zufolge habe der stete Zustrom aus Europa und die daraus folgende Integration von Migranten mit jeder neuen Einwanderungswelle zu einer Revitalisierung der freiheitlichen und demokratischen Grundwerte beigetragen. Dieser Erneuerungsprozess habe die amerikanische Nationsbildung einzigartig gemacht.21

Die neuere Einwanderungsforschung hat sich von dieser Meistererzählung losgesagt. In Folge der Fokusverschiebung auf die Einwanderer aus Lateinamerika und Asien ist auch der Hart-Celler Act in den Blick der Forschung gerückt. Anknüpfend an David Reimers Werk Still the Golden Door. The Third World Comes to America, 22 das die aus dem Hart-Celler Act resultierenden Masseneinwanderung aus Ländern der Dritten Welt analysiert, gilt die Reform von 1965 heute als Musterbeispiel eines Gesetzes der unbeabsichtigten Folgen.

Der Soziologe John Skrentny vertritt 2002 die These, die liberalen Reformen der Kennedy-Johnson Ära seien das Resultat einer weltweiten Bewegung gegen Rassismus und Diskriminierung gewesen. Entscheidend für die Durchsetzung des Hart-Celler Act wären jedoch nicht hehre Ideale, sondern die amerikanische Außenpolitik gewesen. Durch den Abbau von Restriktionen gegen Asiaten im Einwanderungsrecht, so Skrentny, habe die US-Regierung versucht, der sowjetischen Propaganda entgegenzuwirken, die die Rassenproblematik in den USA nutze, um das Selbstportrait der Vereinigten Staaten als champion for democracy in der Welt zu unterminieren.23

Auch Daniel Tichenor macht im selben Jahr die Imperative des Kalten Krieges als wichtige Triebkraft hinter der Reform von 1965 aus. Im Gegensatz zu Skrentny benennt Tichenor jedoch auch innenpolitische Gründe, die die Durchsetzung des Gesetzes begünstigt hätten. Er betont dabei vor allem die zentrale Bedeutung der Unterstützung von Gewerkschaften und Wissenschaftlern. Der 1955 vollzogene Wechsel der mächtigen Gewerkschaft American Federation of Labor (AFL), die das National Origins Quota System über Jahrzehnte unterstützt hatte, in das Lager der Reformbefürworter sei ebenso zentral für die Erfolge der Bewegung gewesen wie die Expertise einer jungen Wissenschaftlergeneration, die dieses System rassischer Hierarchien als pseudowissenschaftlich diskreditiert habe.24

Der konservative Historiker Otis Graham hingegen kritisiert den Hart-Celler Act als die gedankenloseste aller Reformen des Great Society Program. Die Johnson-Administration habe das politische Momentum, das durch den Erdrutschsieg des Präsidenten bei der Wahl von 1964 entstanden war, nutzen wollen, um eine Fülle liberaler Reformen durchzusetzen. Die politischen Entscheidungsträger seien, nach Auffassung Grahams, mit der Ausarbeitung des prestigeträchtigeren Civil-Rights Act beschäftigt gewesen, weshalb sie den rechtlichen Details des Hart-Celler Act wenig Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Graham macht die aus diesen vermeintlichen Unachtsamkeiten resultierende Einwanderungswelle für die sinkenden Reallöhne und das zunehmende wirtschaftliche Gefälle in den Vereinigten Staaten verantwortlich.25 Roger Daniels schließlich distanziert sich von der These Grahams. Daniels sieht nicht ausschließlich die Regelungen des Hart-Celler Act als Ursache für den massiven Anstieg der Einwanderungszahlen. Vielmehr sei nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein beständiger Anstieg der Einwanderungszahlen zu verzeichnen gewesen, auf dem der Hart-Celler Act lediglich eine Etappe darstelle. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Gesetzes seien aufgrund der Masseneinwanderung von hochqualifizierten Fachkräften aus Asien positiv für die Vereinigten Staaten gewesen.26,27 Die angeführten Studien zeigen, dass in den vergangenen Jahren ein lebendige wissenschaftliche Debatte über den Hart-Celler Act entstanden ist, die kurz vor dem vierzigjährigen Jubiläum des Gesetzes eingesetzt hat. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem die Ursachen für die unbeabsichtigten Folgen des Gesetzes. Allen Unterschieden zum Trotz stimmen die genannten Autoren jedoch darin überein, dass der Hart-Celler Act als liberale Reform zu verstehen sei, da er das rassistische National Origins Quota System durch ein System ersetzte, das die formale Gleichstellung der Einwanderung aus allen Nationen bewirkte.

2. A Product of Liberal Nationalism - Mae Ngais These zum Hart-Celler Act

Mae Ngai kommt in ihrer Analyse des Hart-Celler Act zu einem anderen Urteil als die genannten Autoren. Sie vertritt die These, die Abschaffung des rassistischen National Origins Quota System habe dazu geführt, dass der Hart-Celler Act in der populären Geschichte und in Teilen der Forschung mit den anderen beiden bedeutenden Reformen der Great Society, dem Civil-Rights Act von 1964 und dem Voting-Rights Act von 1965, gleichgesetzt worden sei.28 Zusammen würden sie im kollektiven Gedächtnis der Amerikaner die legislative Triade eines „ national consensus of egalitarianism “ 29 bilden. Dieses identitätsstiftende Narrativ habe dazu geführt, dass die nationalistischen Facetten des Gesetzes nicht beachtet wurden. So sei die Quote für die Länder der östlichen Hemisphäre im Hart-Celler Act in Relation zur Bevölkerungszahl restriktiver als die des berüchtigten Johnson-Reed Act von 1924 gewesen.30 Die Einführung einer Quote für die westliche Hemisphäre habe eine Verringerung der legalen Einwanderung um 40 % im Vergleich zu den Vorjahren bedeutet. Ngai spricht daher von einer konservativen Reform, die darauf abgezielt habe, den ethnischen Konflikten im Land und einer stärkeren Veränderung der Bevölkerungsstruktur entgegenzuwirken.31 Ursächlich für den konservativen Charakter der Reform sei ein Wandel innerhalb des Immigration Reform Movement gewesen. Der internationalistisch ausgerichtete Flügel, der die Reformbewegung in der Spätphase des Zweiten Weltkriegs geprägt habe, sei marginalisiert worden. Stattdessen habe sich mit Einsetzen des Kalten Krieges eine ethnische und nationalistische Interessenpolitik durchgesetzt. Die entstandene Ideologie könne als Liberal Nationalism bezeichnet werden.32 Ngais Analyse für die Entstehung des Liberal Nationalism und dessen Auswirkungen auf den Verhandlungsprozess des Gesetzes von 1961 bis 1965 werden nachfolgend vorgestellt.

2.1 Entstehung des Liberal Nationalism

Der Kampf gegen den Faschismus im Zweiten Weltkrieg führte dazu, dass ethnische Konflikte innerhalb der Vereinigten Staaten stärker problematisiert wurden. Um nationale Geschlossenheit bemüht, startete das Office of War Information (OWI), die Regierungsbehörde zur Verbreitung von Kriegsinformationen- und propaganda, eine breit angelegt Kampagne für mehr kulturelle und religiöse Toleranz. Um dem amerikanischen Volk den Zweiten Weltkrieg als Kampf des weltoffenen und demokratischen Amerikas gegen die illiberalen und rassistischen Achsenmächte präsentieren zu können, kam es, in Abgrenzung zu den nativistisch-eugenischen Theorien der 1910er und 1920er Jahre, zu einer Umdeutung der nationalen Identität. Americanism, so die Botschaft des OWI, bedeutete nun Menschen unabhängig von ihrer Rasse, Hautfarbe oder religiösen Zugehörigkeit gleich zu behandeln. Die Kampagne betonte die Gemeinsamkeiten der verschiedenen ethnischen Gruppen und forderte sie zur Kooperation unter dem Dach der amerikanischen Demokratie auf. Rassismus wurde dagegen als unamerikanische Ideologie gebrandmarkt, die die innere Sicherheit der USA gefährde. Unterstützt wurde die Behörde in ihren Anstrengungen durch jüdische Organisationen wie dem American Jewish Congress (AJC) oder der Anti-Defamation-League, die sich durch die Kampagne eine Linderung des grassierenden Antisemitismus versprachen.

[...]


1 John F. Kennedy: A Nation of Immigrants, New York 2008³, S. 58.

2 Vgl. Mae M. Ngai: Impossible Subjects. Illegal Aliens and The Making of Modern America, Princeton 2004, S. 21- 56.

3 Aufgrund stilistischer Erwägungen wird von eine Übersetzung des Begriffs ins Deutsche abgesehen.

4 Vgl. Ngai: Impossible Subjects, S. 240.

5 Aristide Zolberg spricht von dem Bericht als „ benchmark for reform effort “, Roger Daniels von einer „ liberal icon “ . Vgl. Aristide Zolberg: A Nation by Design. Immigration Policy in the Fashioning of America, New York 2006, S. 318. Vgl. Roger Daniels: Guarding the Golden Door. American Immigration Policy and Immigration since 1882, New York 2004, S. 123.

6 Vgl. Robert L. Fleegler: Ellis Island Nation. Immigration Policy and American Identity in the Twentieth Century, Philadelphia 2013, S. 121f.

7 Vgl. Daniel Tichenor: Dividing Lines. The Politics of Immigration Control in America, Princeton 2002. S. 198f.

8 Vgl. Zolberg: A Nation by Design, S. 318.-321.

9 Vgl. Fleegler: Ellis-Island Nation, S. 164.

10 Ngai: Impossible Subjects, S. 227.

11 Vgl. Mae M. Ngai: The Unlovely Residue of Outworn Prejudices. The Hart-Celler Act and the Politics of Immigration Reform, 1945-1965, in: Michael Kazin, Joseph A. McCartin (Hrsg.): Americanism. New Perspectives on the History of an Ideal, Chapel Hill 2006, S. 108-125. Vgl: Ngai: Impossible Subjects, S. 227-264.

12 Immigration and Nationality Act of October 3, 1965, in: Elliott R. Barkan, Michael LeMay (Hrsg.): U.S. Immigration and Naturalization Laws and Issues. A Documentary History, Westport 1999, S. 259-262.

13 Lyndon B. Johnson: Remarks at the Signing of the Immigration Bill, Liberty Island, New York, in: Roger Daniels, Otis L. Graham: Debating American Immigration, 1882-Present, New York 2001, S. 86-88.

14 Der Begriff der Kettenmigration wird durch Migrationssoziologen unterschiedlich definiert. Zumeist wird der Begriff mit Migrationsnetzwerken gleichgesetzt. „Demnach machen sich Nicht-Migranten die Kontakte zu Migranten sowie deren Erfahrungen und bereits geschaffene Infrastruktur zu Nutze, um ihrerseits zu migrieren“. Frank Düvell: Europäische und internationale Migration, Hamburg 2006, S. 107.

15 Vgl. Daniels: Guarding the Golden Door, S. 139-144.

16 Vgl. John D. Skrentny: The Minority Rights Revolution, Cambridge 2002, S. 57.

17 Vgl. Manfred Berg: Geschichte der USA. Oldenburg Grundriss der Geschichte Bd. 42, München 2013, S. 158.

18 Paul Spickard: Introduction. Immigration and Race in United States History, in: Paul Spickard (Hrsg.): Race and Immigration in the United States. New Histories, New York 2012, S. 2.

19 Oscar Handlin: The Uprooted. The Epic Story of the Great Migrations That Made the American People, Princeton 1951.

20 Vgl. Mae M. Ngai: Immigration and Ethnic History, in: Eric Foner, Lisa McGirr (Hrsg.): American History Now, Philadelphia 2011, S. 361.

21 Vgl. Ngai: Immigration and Ethnic History, S. 362.

22 David Reimers: Still the Golden Door. The Third World Comes to America, New York 1985.

23 Vgl. Skrentny: Minority Rights, S. 57-65.

24 Vgl. Tichenor: Dividing Lines, S. 176-218.

25 Vgl. Otis L. Graham Jr.: Unguarded Gates. A History of American Immigration Crisis, S. 89-97.

26 Vgl. Roger Daniels: Guarding the Golden Door, S. 129-144.

27 Nach der Veröffentlichung von Mae Ngais Studie im Jahr 2004 haben Aristide Zolberg, Carl J. Bon Tempo und Carolyn Wong dem Hart-Celler-Act in ihrer Studien jeweils ein Kapitel gewidmet. Sie setzen jedoch im Gegensatz zu den genannten Autoren keine neuen Akzente in der Forschungsdebatte. Vgl. Zollberg: A Nation by Design, Vgl. Carl J. Bon Tempo: Americans at the Gate. The United States and Refugees during the Cold War, Princeton 2008, Vgl. Carolyn Wong: Lobbying for Inclusion. Rights Policy and the Making of Immigration Policy, Stanford 2006. Die beiden Dissertation zum Hart-Celler Act von Stephan T. Wagner The Lingering Death of the National Origins Quota System. A Political History of the United States Immigration Policy ( 1985) und Betty Koed The Politics of Immigration Reform (1998) waren leider auch per Fernleihe nicht verfügbar.

28 Vgl. Ngai: Impossible Subjects, S. 240.

29 Vgl. Roger Daniels: Coming to America. A History of Immigration and Ethnicity in American Life, New York 2002, S. 338.

30 Vgl. Ngai: Outworn Prejudices, S. 121.

31 Vgl. Ngai: Impossible Subjects, S. 260.

32 Vgl. Ngai: Outworn Prejudices, S. 122.

Details

Seiten
29
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668669819
ISBN (Buch)
9783668669826
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417931
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Einwanderungsgesetzte Mae Ngai Immigration History

Autor

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Titel: "Whom Shall We Welcome?" Das "Immigration Reform Movement" auf dem Weg zum "Hart-Celler-Act"