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Bilingualismus und Diglossie in Algerien. Chance oder Hindernis?

Hausarbeit 2016 22 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Arabistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Begriffsklärung

Sprachgeschichte
Arabisierung
Kolonialzeit
Unabhängigkeit

Bilingualismus
Die Rolle des Französischen
Die Rolle des Berberischen

Diglossie
Hocharabisch
Dialektarabisch
Sprachmischung / Frarabe

Chance oder Hindernis?
Das Problem der Diglossie
Reformvorschläge
Vorteile der Diglossie
Hindernisse durch Bilingualismus
Lösungsansätze
Chancen des Bilingualismus

Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Algerien ist das mittlere der Maghreb-Länder und, mit einer Fläche über 6,5-mal so groß wie Deutschland, der größte Staat des afrikanischen Kontinents. Es grenzt an Marokko, Tunesien, Libyen, Niger, Mali, Mauretanien und die Westsahara. Die algerische Hauptstadt ist die am Mittelmeer gelegene Stadt Algier. Mit ca. 39,5 Millionen Einwohnern ist die Bevölkerungsdichte des Landes sehr gering. Der Name Algerien leitet sich aus dessen arabischer Bezeichnung al-ǧazāʾir ab und bedeutet „die Inseln“. Arabisch und Berberisch, die Sprache der Ureinwohner Nordafrikas, sind die offiziellen Amtssprachen des Landes.[1] Doch noch eine dritte Sprache prägt die Sprachlandschaft Algeriens: Französisch. Aufgrund der Koexistenz dieser Sprachen ist in Bezug auf die Sprachsituation Algeriens oft von Diglossie oder Bilingualismus die Rede.

Ğamāl Laʿbīdī, Professor für Soziologie an der Universität Algier, ist ein Kritiker des französischen Sprachgebrauchs in Algerien. In seiner Vorlesung ʾiškāliyya al-luġa wa-t-tanmiya fī l-ǧazāʾir (Sprach- und Entwicklungsproblematik in Algerien) an der Algerischen Nationalbibliothek 2014 forderte er ein Ende der Zweisprachigkeit.[2] Welche Probleme sieht er darin für die algerische Gesellschaft? Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit soll zunächst ergründet werden, welche historischen Umstände zur heutigen Sprachsituation in Algerien führten, um im Anschluss einen Überblick über die gegenwärtige Lage zu geben. Ziel ist es, zu erörtern ob Diglossie bzw. Bilingualismus für die Algerier als Chance oder als Hindernis gesehen werden müssen.

Begriffsklärung

Einleitend muss eine allgemeine Begriffsklärung der beiden Termini Bilingualismus und Diglossie vorgenommen werden. Laut Fishman ist „bilingualism […] essentially a characterization of individual linguistic behavior whereas diglossia is a characterization of linguistic organization at the socio-cultural level“.[3] Unter Bilingualismus versteht man also die Zweisprachigkeit eines Individuums, während Diglossie das Phänomen einer zweisprachigen Gesellschaft beschreibt.

Zur Diglossie gibt es in der Fachliteratur verschiedene Definitionen. Charles A. Ferguson sieht in der Diglossie den Unterschied zwischen der high variety (H) und der low variety (L) einer einzigen (oder zweier eng verwandter Sprachen) innerhalb einer Gesellschaft. H und L erfüllen unterschiedliche Funktionen: Die hohe Varietät wird als Bildungssprache für formelle und schriftliche Zwecke verwendet, die niedrige dagegen als Umgangssprache für nicht-offizielle Anlässe. Demnach genießen sie auch unterschiedliches Prestige. Die H-Varietät wird auf formalem Weg erlernt, d.h. in der Schule bzw. im Unterricht, während die L-Varietät gewöhnlich auf natürliche Weise, also zuhause durch Eltern und andere Bezugspersonen gelernt wird. Ferguson führt die arabische Sprache als Paradebeispiel einer Diglossie auf. Die Hochsprache (al-fuṣḥā) entspricht der H, die Umgangssprache bzw. der regionale Dialekt (al-ʿāmmiyya) der L.[4] Hinsichtlich der Zweisprachigkeit von Arabisch/Französisch gilt die algerische Gesellschaft gemäß Fergusons enger Definition also nicht als diglossisch.

Joshua A. Fishman schlägt dagegen eine weitere Definition des Begriffs vor: Auch Gesellschaften, in der zwei nicht verwandte Sprachen situationsabhängig gebraucht werden, betrachtet er als diglossisch. Weiterhin stellt er vier mögliche Szenarien zum Verhältnis von Bilingualismus und Diglossie vor.[5] Als Beispiel für eine Sprachgemeinschaft, in der beide Phänomene auftreten, nennt er „that of upper and upper middle class males throughout the Arabic world who use classical (koranic) and vernacular […] Arabic and, not infrequently, also a Western language (French or English, most usually)“.[6] Dies trifft auf Algerien zu. Im Folgenden wird der Begriff Diglossie jedoch im Sinne von Fergusons Definition verwendet.

Sprachgeschichte

Arabisierung

Um zu verstehen, wie sich die Mehrsprachigkeit in Algerien entwickelte, ist es wichtig zunächst die Geschichte des Landes zu betrachten. Das Gebiet des heutigen Algerien war ursprünglich von berberischen Volksstämmen besiedelt. Es wurden je nach Region unterschiedliche Berberdialekte gesprochen. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts stießen schließlich die Araber in den Maghreb vor. Dies führte nicht nur zur Islamisierung des Gebiets, sondern auch zur Arabisierung. Die Berber mussten sich Arabisch aneignen, um mit den Arabern Handel treiben zu können. Außerdem wurde die arabische Sprache von Anfang an stark mit dem Islam assoziiert.[7] Bentahila schreibt dazu:

The Berbers admitted the superiority of Arabic over their own language, probably because of this link between Arabic and religion, and maybe also because of the respect they felt for the written forms which their own language did not possess. Their favourable attitude towards Arabic also reflected a more general desire to live in harmony with the Arabs. However, although they adopted Islam and learnt Arabic, the Berbers maintained of their own tribal customs and their native language, which is still the language of their homes.[8]

Das jahrhundertelange Nebeneinander dieser zwei Sprachen, die wohlgemerkt zur gleichen Sprachfamilie der afroasiatischen Sprachen gehören, hinterließ jedoch seine Spuren. Das Berberische beeinflusste die Phonologie, Morphologie und Syntax des Arabischen in derartigem Ausmaß, dass man in Bezug auf die nordafrikanische und insbesondere algerische Varietät des Arabischen von einem berberisierten Arabisch sprechen kann.

Kolonialzeit

Trotz des hohen Prestiges des Arabischen sprachen zum Zeitpunkt der französischen Besetzung im Jahr 1830, also etwa 13 Jahrhunderte nach der Eroberung der Araber, noch ca. 50% der Algerier nur berberisch. Die französische Kolonialherrschaft bildete den Ausgangspunkt für den gegenwärtigen arabisch-französischen Bilingualismus. Da die Kolonialherren fest von der Überlegenheit ihrer Sprache und Kultur überzeugt waren, verbreiteten sie das Französische massiv auf Kosten des Hocharabischen und der Dialekte. Arabisch und Berberisch wurden herabgewürdigt und marginalisiert.[9] Französisch wurde zur allgemeinen und einzigen Bildungssprache erklärt mit dem Ziel der sprachlichen Vereinheitlichung im Maghreb. Es sollte zur Muttersprache der Nordafrikaner werden.[10]

Mit der Zeit wurde die französische Politik wurde jedoch noch radikaler in ihrer Vorgehensweise. Zeitweise wurde gar ein Algerien ohne Algerier in Erwägung gezogen und öffentlich zu einem Vernichtungskrieg aufgerufen. Um 1872 war die einheimische Bevölkerung um gut eine Million geschrumpft. Zusammen mit der Ausrottung der Nordafrikaner ging auch das allmähliche Aussterben des Berberischen einher. Die Berberische Sprachgemeinde schrumpfte bis zum Ende der französischen Besetzung 1966 von 50% auf 18,6%.[11] Für den Erhalt des Arabischen setzte sich insbesondere die 1928 gegründete Vereinigung der algerischen muslimischen Rechtsgelehrten (ʿulamāʾ) ein. Unter der Führung des Gelehrten Abdelhamid Ben Badis verbreitete sie die Botschaft „Der Islam ist meine Religion, Arabisch meine Sprache, Algerien mein Vaterland“ und propagierte so die nationale Identität der Algerier. Durch das Gründen von Schulen, den sogenannten „Médersas“ sorgte die Vereinigung für das Überleben der arabischen Hochsprache.[12] Der Anteil der Französischsprecher wuchs während der Kolonialzeit stetig. Obwohl Ende des 19. Jahrhunderts teilweise mehr Spanier und Italiener nach Algerien kamen als Franzosen, setzte sich nur das Französische als primär mündliche Verkehrssprache durch. Das lag neben dem Schulmonopol auch an der verhältnismäßig großen Kontaktfläche zwischen Europäern und Einheimischen. Im Jahr 1954 kamen gut eine Million europastämmige Einwohner auf ca. zehn bis elf Millionen Einheimische.[13] Dies bewirkte einen Anteil von 0,2% monolingualen Französisch-Sprechern sowie etwa 10,5% bi- oder trilingualen.[14]

[...]


[1] CIA o.J.

[2] Dārīb 2014

[3] Fishman 1967, 34.

[4] Ferguson 1959, 325–331.

[5] Fishman 1967, 29ff.

[6] Ebd., 31.

[7] Bentahila 1983, 1f.

[8] Bentahila 1983, 2.

[9] Benrabah 2014, 44.

[10] Talmūdī 1984, 22f.

[11] Benrabah 2014, 44f.

[12] Brahimi 1993, 13.

[13] Glessgen 1996, 32ff.

[14] Kühnel 1995, 19.

Details

Seiten
22
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668671713
ISBN (Buch)
9783668671720
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418206
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Orientalistik
Note
1,3
Schlagworte
bilingualismus diglossie algerien chance hindernis

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