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Eine mehrperspektivische Analyse der Rolle des Klassenlehrers

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 19 Seiten

Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Konkretisierung der Klassenlehreraufgaben
2.1 Verwaltungsaufgaben
2.2 Koordination von Unterricht und Erziehung/ Kooperationen
2.2.1 Elternarbeit
2.3 Die besondere Bedeutung des Klassenlehrers
2.3.1 Arbeit am Zwangsaggregat Lerngruppe
2.3.2 Die Raumgestaltung als Hilfe für förderliches Klassenklima
2.4 Unterschiede in den Aufgaben nach verschiedenen Schulformen

3 Ein Einblick in die Arbeit des Klassenlehrers in verschiedenen reformpädagogischen
3.1 Der Montessoripädagoge als Lernbegleiter
3.2 Der Lehrer als konstruktiver Gestalter in der Jenaplan-Pädagogik
3.3 Der Pädagoge als Kooperationspartner in der Freinet-Pädagogik
3.4 Der Waldorfklassenlehrer als natürliche Autorität

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ich kann sie alle noch aufzählen, meine alten Klassenlehrerinnen von der Grundschulzeit bis hin zum Abitur. Es waren fünf, allesamt Frauen, von denen die meisten in meinem Gedächtnis als inspirierend, warmherzig, einfühlsam und fordernd abgespeichert sind. Als Schülerin habe ich dies kaum wertgeschätzt. Ich kannte es jedoch auch kaum anders, da ich das Glück hatte, sehr gute Klassenlehrerinnen zu haben. Nun, da ich selber Lehrerin werden möchte, den Schulalltag allmählich kennen lerne und den Paradigmenwechseln von Schülerin zu Lehrerin durchlebe, wird mir allmählich bewusst, welchen hohen Beitrag meine Klassenlehrerinnen an meiner Schullaufbahn und meinen Erfolgen hatten. Auch wird mir nun immer deutlicher, wie weit das Aufgabenfeld einer Klassenlehrerin tatsächlich reicht.

In der Allgemeinen Dienstordnung für Lehrerinnen und Lehrer von 2012 wird in §18 offiziell auf die Rolle des Klassenlehrers eingegangen.[1] Hier wird konkretisiert, dass jede Klasse einen Klassenleiter haben sollte, der die erzieherische und fachliche Förderung verantwortet und auf die angemessene Belastung der anfallenden Aufgaben bei den SuS achtet. Teil dieser Förderung ist die Informations- und Beratungsaufgabe sowie die Rolle als Kooperationspartner und Verwalter der Klassengemeinschaft. Auch das Fertigen von Gutachten oder die Führung von Konferenzen zählt zu den Aufgaben des Klassenlehrers. Dazu kommt die Organisation und Durchführung besonderer Veranstaltungen und Schulfahrten (vgl. ADO 2012, S. 3). Im Brandenburgischen Schulgesetz werden die Aufgaben und Tätigkeiten des Klassenleiters wenig konkret beschrieben. Es wird lediglich darauf eingegangen, dass der Klassenlehrer Ordnungsmaßnahmen durchführt (§64), an Elternversammlungen teilnimmt (§81), die Schülervertreter freistellt (§84) und als Vorsitzender der Klassenkonferenz agiert (§88) (vgl. http://bravors.brandenburg.de/gesetze/bbgschulg_2016, letzter Zugriff 19.12.2016). Dies beschreibt nicht einmal ansatzweise die vielfältigen Rollen und Aufgaben des Klassenlehrers. Lothar Martin machte 1996 deutlich, dass Klassenlehrer „gemäß Dienstordnungen der Bundesländer sowie innerschulischen Regelungen […] im besonderem Maße für die Erziehung und Unterrichtung, für das Schulleben und zahlreiche Ordnungs-, Verwaltungs-, Informations-, Beratungs- und anderen Aufgaben zuständig [sind].“(Martin 1996, S. 12) Ihre Rolle reicht hierbei von der Respektsperson zum Vorbild sowie der Identifikationsfigur. Verglichen mit der Dienstordnung wird bei ihm eine durchaus emotionale und soziale Komponente der Tätigkeit deutlich. Martin beschreibt die Funktion des Klassenlehrers als pädagogischen Führer der emotionalen und sozialen Entwicklung der SuS, um damit die Qualifikationsfunktion der Schule und die Förderung der Lernleistung zu ermöglichen. Rechtfertigung für die zeitliche Stabilität, mit der ein Klassenlehrer als Bezugsperson in der Klasse bleibt, ist für ihn die Aufgabe, aus dem Zwangsaggregat eine Lerngruppe mit sozialer Dynamik im Dienste des Lernens zu gestalten (vgl. Martin 1996, S. 15). Martin macht deutlich, dass dieses Rollenverständnis immer auch zu der Alters- und Herkunftsgruppe, der Schulform und der Problemgruppe angepasst werden muss (vgl. ebd., S. 280). Daraus kann geschlossen werden, dass die in der Dienstordnung eher allgemein gehaltenen Aufgaben, je nach Schultyp und pädagogischer Ausrichtung und besonders persönlichem Engagement, erweitert werden können und auch müssen.

Um sich als angehende Lehrerin ein Bild über die Aufgaben und Pflichten, sowie die erwartete Rolle eines Klassenlehrers zu machen, sind die Angaben der Allgemeinen Dienstordnung zu unkonkret. Erst mit den Ausführungen Martins erhalten sie Tiefe. Jedoch sind in unserer heutigen Gesellschaft vielfältigste Formen der biografischen Begleitung zu finden, welche ihren Einfluss durch die globalisierte Welt und alternative Pädagogiken erfahren (vgl. Helsper uvm 2007, S. 80). Diese Arbeit hat daher zum Ziel, die hier schon angesprochene Rolle des Klassenlehrers zu konkretisieren. Auch die verschiedenen Schultypen sowie reformpädagogische Schulsystemen sollen im Sinne der Multiperspektivität betrachtet und verglichen werden.

2 Konkretisierung der Klassenlehreraufgaben

Das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport hat eine umfassendere Aufzählung der Klassen- und Tutorengruppenleiteraufgaben vorgenommen, bei der die Beratung, die Informationsbeschaffung und die Organisation im Vordergrund stehen. Der Klassenlehrer muss in schulischen Angelegenheiten und gegenüber Erziehungsberechtigten beraten, gegebenenfalls Hausbesuche machen. Zudem obliegt dem Klassenlehrer die Vorbereitung, Teilnahme und Führung von diversen Konferenzen oder Beratungsterminen sowie dem Kontakt zu Schulleitung und Jugendhilfe. Er ist für die Organisation des schulischen Klassenlebens zu ständig. Dies beinhaltet die Führung des Unterrichts als Fachlehrer, die Verwaltungsaufgabe entsprechender Unterlagen sowie die Beurlaubung der SuS. Im Sinne der Informationsbeschaffung muss der Klassenlehrer über die Leistungen und das Verhalten der SuS informiert sein. Dafür ist die Kooperation mit allen Fachlehrern und der Schulleitung maßgeblich (vgl. MBJS 2007, S. 19). Zwar kann angemerkt werden, dass die allgemeinen Angaben der ADO[2] durch die MBJS aufgegriffen und konkretisiert werden, jedoch geben sie für einen angehenden Klassenlehrer nur wenig Hilfe. Auch hier wird die emotionale und soziale Komponente des Amtes kaum aufgegriffen. Dass besonders diese Komponenten maßgeblich für die Rechtfertigung des zeitlichen Aufwandes des Klassenlehreramtes gelten, wird durch Schülererwartungen deutlich, welche Martin 1996 im Zuge seiner Recherche sammelte. Hier werden sieben Kernbereiche genannt, die für SuS beim Amt des Klassenlehrers wichtig sind und gleichwertig nebeneinander stehen. Der erste Bereich umfasst die oben genannten Beratungs- und Informationsaufgaben und erweitert sie um eine soziale Komponente. Von einem guten Klassenlehrer wird erwartet, dass er erzieherisch auf das Lern- und Sozialverhalten eingeht. Er wird als die Person benannt, die auf Konflikte, Störungen, sowie auf besondere Probleme, wie lernbeeinträchtigte oder ausländische SuS oder außerschulische Probleme, eingehen soll. Der Aspekt der Beratung wird mit der Aufklärung über Bildungs- und Berufsinformationen verknüpft sowie dem Eintreten für die Belange der Schülerschaft, auch anderen Lehrkräften gegenüber. Hier wird der Lehrer als Vertrauensperson und Schutz benannt, was umfassender für die Forderung nach einer emotionaleren Beziehung steht, als durch die Auflistung des MBJS erkennbar war. Die Schülererwartung umfasst auch die Aufgabe des Wirkens im persönlichen Bereich und außerhalb der Schulzeit, was bedeutet, persönliche Beziehungen zwischen den SuS zu kennen und auch außerhalb der Schulzeit und bei privaten Problemen für die SuS da zu sein. Ungewöhnlich scheint die Erwartung, der Lehrer solle auch außerhalb des Unterrichts mit ihnen etwas unternehmen wollen, wie bei Festen und Feiern. Als ein eigener Aspekt wird die besondere Rolle des Klassenlehrers als Vorbild und Respektsperson benannt (vgl. Martin 1996, S. 57f.). Natürlich muss dabei bedacht werden, dass vielen SuS die Verwaltungs- und Organisationsaufgaben des Klassenlehrers nicht im anfallenden Umfang bewusst sind. Jedoch ist auf das hohe Maß an Aufgaben, die einer emotionalen Beziehung zwischen SuS und Lehrkraft bedürfen, hinzuweisen. Dies wird auch durch das Ranking der wichtigsten Aufgaben des Klassenlehrers deutlich, bei dem persönliche Gespräche, Beratung und Zusammenarbeit mit den Eltern an ersten Plätzen steht, während Verwaltungsaufgaben, außerschulische Veranstaltungen, Koordination des Unterrichts sowie die Leitung der Klassenleiterkonferenz an den letzten Stellen stehen (vgl. Martin 1996, S. 150). Martin verweist auf die große Bedeutung, die die „Klassenlehrertätigkeit für die Erfahrung und Vermittlung von Fähigkeiten, Einstellungen bzw. Werten, die für unsere demokratische Gesellschaft hochbedeutsam sind“, hat (ebd., S. 280). Dazu bedarf es laut Schubert und Friedrichs einer guten pädagogischen Basis, auf Grund derer die Lehrkraft eine respektvolle und interessierte Beziehung zu seinem SuS aufbauen kann. Die Autorinnen sehen fachliche Kompetenz als genau so bedeutend an wie eine partizipatorische Grundhaltung (vgl. Schubert/ Friedrichs 2012, S. 16). Sie sind der Auffassung, dass „Lehrerinnen […] Kinder besonders erfolgreich [fördern], wenn sie sich so weit wie möglich auf die Rolle von Lernentwicklungsbegleitern beschränken.“ (ebd., S. 16) Auf die Thematik des Begleiters wird im Kapitel über reformpädagogische Modelle noch ausführlicher eingegangen. Da die einzelnen, von der ADO und des MBJS aufgeführten Aufgaben oftmals nicht näher beschrieben werden, soll dies im Anschluss geschehen.

2.1 Verwaltungsaufgaben

Die schon oftmals genannten Verwaltungsaufgaben fallen neben der Beziehungsarbeit und der Tätigkeit als Fachlehrer an und können wohl eher als unliebsam eingestuft werden. Sie umfassen die Verwaltung der Klassenlisten und anderen Statistiken, inklusive Anwesenheit, dem Führen des Klassenbuchs und des Schreibens der Zeugnisse. Schubert und Friedrichs zählen auch das Geld einsammeln für die Klassenkasse auf (vgl. Schubert/ Friedrichs 2012, S. 15). Weiterhin reichen die Verwaltungsaufgaben vom Kontrollieren der Entschuldigungen bis hin zur Sorge um Sauberkeit und Ordnung im Klassenraum (vgl. Martin 1996, S. 157).

2.2 Koordination von Unterricht und Erziehung/ Kooperationen

Ein weitaus größeres und auch interessanteres Feld bietet die Koordination des Unterrichts, sowie die Aufgabe als Kooperationspartner. Jeder Klassenlehrer ist auch als Fachlehrer in ´seiner` Klasse tätig, wodurch die hohe zeitliche Stabilität gewährleistet wird. Dadurch ist jeder Klassenlehrer nicht nur durch die anfallenden Verwaltungsaufgaben belastet sondern auch durch die des normalen Fachlehrers. Aufgaben, wie das differenzierenden Eingehen auf Lernschwierigkeiten und Verhaltensproblematiken, Integrationsbemühungen, belastende Probleme im Elternhaus, soziale und gruppendynamische Schwierigkeiten und allgemeine Konflikte müssen vom Klassenlehrer bewältigt werden. Nicht selten werden diese Aufgaben von externen Fachlehrern auf den Klassenlehrer übergeben. Dann fallen nicht nur diese Aufgaben an den Klassenlehrer sondern auch die Kooperation mit dem Fachlehrer über die gemeinsame Unterrichts- und Erziehungsarbeit. Diese pädagogischen Konferenzen finden jedoch aus Zeitmangel oftmals in Pausen, in der Freizeit oder telefonisch statt. Zudem muss der Klassenlehrer mit Eltern, Therapeuten, anderen Schulen und Sozialämtern kooperieren, sobald SuS mit therapeutischen Maßnahmen in der Klasse sind, da das Bericht- und Gutachten schreiben oftmals von dem Lehrer übernommen wird, der am meisten Kontakt mit dem SuS hat, dem Klassenlehrer (vgl. Martin 1996, S. 153f.). Schubert und Friedrichs geben den Hinweis, dass bei diesen Kooperationen die Teamarbeit gepflegt werden muss, damit es nicht zu einer einseitigen Überlastung kommt. Besonders der Umgang mit Kollegen sollte bewusst kooperativ und wertschätzend gestaltet werden (vgl. Schubert/ Friedrichs 2012, S. 15). Der Klassenlehrer ist zudem Ansprechpartner für die Schulleitung, wenn Informationen, wie allgemeine Anordnungen, schulische und außerschulische Ereignisse oder das politische Tagesgeschehen in der Klasse besprochen werden sollen (vgl. Martin 1996, S. 162).

2.2.1 Elternarbeit

Eine besondere Art der Kooperation, welche oft mit gebürtigem Respekt behandelt wird, ist die mit allen Erziehungsberechtigten. Verfassungsmäßig vorgeschrieben ist, dass alle an Erziehung und Bildung zusammenwirkenden kooperieren, damit es nicht zu dysfunktionalen Prozessen kommt (vgl. Martin 1996, S. 177). „Elternarbeit ist in pädagogischer und psychologischer Hinsicht von elementarer Bedeutung und kann, wenn sie gut verläuft, deutlich positive Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und den Unterricht haben.“ (Schubert/ Friedrichs 2012, S. 175) Funktionierende Elternarbeit kann die Gemeinschaft stärken, Transparenz schaffen und bei Beratung und Konfliktbearbeitung hilfreich sein. Dies kann durch gemeinsame Unternehmungen, Elternabende und -gespräche und Elternmitarbeit im Unterricht gefördert werden. Besonders bei Projektwochen, der Planung und Durchführung von Klassenfesten, der Hilfe bei Aufführungen und der Gestaltung von Schulfesten oder dem Einsatz als Experte beim forschenden Lernen, ist die Kooperation möglich, hilfreich und förderlich (vgl. ebd., S. 175). Zudem gehört der Austausch von Informationen zum täglichen Geschäft des Klassenlehrers. Dies kann über Postbücher, Hausaufgabenhefte, Briefe, Telefongespräche, Sprechstunden, über die Elternvertreter, Elternabenden oder auch Hausbesuche von statten gehen (vgl. Martin 1996, S. 178).

2.3 Die besondere Bedeutung des Klassenlehrers

Die eigentliche Bedeutung des Klassenlehrers lässt sich nicht schematisch in Aufgaben fassen oder aufzählen. Hier ist individuelle und gruppenbezogene Beziehungsarbeit von Bedeutung. Eine feinfühlige Pädagogik sollte mit dem Unterricht verbunden werden, damit Lehren und Lernen über den Aspekt des Vermittelns von Inhalten und Methoden hinausgeht.

[...]


1 Im weiteren Verlauf wird die Bezeichnung des Klassenlehrers aus organisatorischen und platztechnischen Gründen immer in männlicher Form aufgeführt. Jedoch sind natürlich beide Geschlechter gemeint.

[2] Abkürzung für Allgemeine Dienstordnung für Lehrkräfte, wie sie im weiteren Verlauf genutzt wird.

Details

Seiten
19
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668675025
ISBN (Buch)
9783668675032
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418420
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Schlagworte
eine analyse rolle klassenlehrers

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