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Vom Leben und Schaffen des John Stuart Mill und seiner Verteidigungsschrift des Utilitarismus

Akademische Arbeit 2015 18 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leben und Werk

3. Über die Freiheit
3.1. Der Freiheitsbegriff von Mill
3.2. Die Freiheit von Meinungen und der Diskussion
3.3. Individualität und Handlungsfreiheit
3.4. Grenzen der individuellen Freiheit
3.5. Kritik an Mills Freiheitsverständnis

4. Der Utilitarismus
4.1. Utilitarismus aus Sicht von Mill
4.2. Beweis des Nützlichkeitsprinzips
4.3. Kritik an der utilitaristischen Ethik Mills

5. Finale Einschätzung

II. Literaturverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

Bild auf Deckblatt entnommen von http://www.utilitarian.net/jsmill.jpg, am 27.12.2015

1. Einleitung

John Stuart Mill gilt sowohl auf ökonomischen als auch auf philosophischem Gebiet als einer der einflussreichsten Denker des 19. Jahrhunderts. Mill trat jedoch selten als Schöpfer von gänzlich neuen Theorien in Erscheinung, sondern griff Bestehendes auf, um es zu erweitern oder formte aus Versatzstücken verschiedener Ansätze ein neues Ganzes. Zu seinen wichtigsten Werken gehören Grundsätze der politischen Ökonomie (1848), System der deduktiven und induktiven Logik (1859), Über die Freiheit (1859) und Der Utilitarismus (1873). Die beiden erstgenannten Werke wurden in der Ökonomie und der Wissenschaftslogik schnell zu Standardwerken und trugen viel zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn bei. Allerdings sind beide kein Bestandteil dieser Arbeit. Im Zentrum dieser Arbeit stehen Über die Freiheit, eines der fortschrittlichsten liberalen Werke seiner Zeit und Der Utilitarismus, eine wichtige und immer noch aktuelle Verteidigungsschrift des Utilitarismus.[1] Bevor diese beiden Werke vorgestellt und kritisch besprochen werden, folgt zuerst eine Beschreibung des Lebens von John Stuart Mill. Abgeschlossen wird dieses Arbeitspapier dann mit einer finalen Einschätzung.

2. Leben und Werk

John Stuart Mill wurde am 20.Mai 1806 als ältestes von neun Kindern von James Mill und Harriet Burrow in London geboren. Die prägende Figur seiner Kindheit und Jugend war sein Vater, der sich als Psychologe, Historiker und Nationalökonom das Renommee eines profilierten Intellektuellen erworben hatte. Kurz nach der Geburt von John Stuart lernte der Vater 1808 Jeremy Bentham kennen und entflammte für dessen Moraltheorie - den Utilitarismus. In der Folgezeit wurde er zu einem Unterstützer des Utilitarismus und machte diesen auch auf politischem Feld populär. Seine Begeisterung wirkte auch in der Erziehung seines erstgeborenen Sohnes nach, die James Mill vollständig an sich riss. Er wollte seinen Sohn nicht nur zu einem glühenden Anhänger des Utilitarismus, sondern auch zu einem Genie, zu einer „ reinen Verstandesmaschine “, machen.[2] Die Erziehung war von klaren zeitlichen Routinen, Strenge, weitgehender sozialer Isolation und früh einsetzender geistiger Förderung sowie (Über)Forderung geprägt. Bereits im Alter von drei Jahren begann John Stuart griechisch zu lernen und wenig später mit der Lektüre klassischer Literatur. Mit acht Jahren kam Latein als zweite Fremdsprache hinzu und John Stuart wurde zum Lehrer seiner kleineren Geschwister bestimmt. Begleitet wurde die Vermittlung von Wissen von einer beständigen Lernkontrolle durch den Vater. Diese erfolgte unter anderem durch die Spiegelung des Erlernten im Rahmen von regelmäßigen Zusammenfassungen und für die zugehörige Leistungsbeurteilung war nicht nur John Stuarts eigener Lernerfolg ausschlaggebend, sondern auch der seiner Schüler.[3] Die frühzeitig einsetzende, vielseitige und fordernde geistige Betätigung zahlte sich später aus, da „ die Darlegung auch verwickelter Probleme “ in John Stuart Mills Publikationen „ zu den großen Stärken “ zählt.[4]

Beim Prozess der Erschaffung eines Genies gab der Vater klar die Ziele und Inhalte vor, wollte aber, dass der Sohn den Weg dorthin teilweise autark beschreitet. Dies schlug sich in der Anwendung der heuristischen Methode nieder: Alles was der Sohn selber herausfinden konnte, musste er alleine herausfinden. Die Überforderung in der Kindheit mündete in einem Leben das durch unterentwickeltes Selbstvertrauen geprägt war. Darüber hinaus wurde aus John Stuart ein fleißiger und „ hervorragender Arbeiter, aber kein sonderlich kreativer oder origineller Kopf.[5] Auch wenn er in seiner Autobiographie die negativen Aspekte seiner Erziehung anmerkt, hierbei unter anderem die Vernachlässigung von Emotionalität, so konstatiert er nicht ganz undankbar, „ daß er mit einem Vorsprung von einem ganzen Vierteljahrhundert vor seinen Zeitgenossen ins Leben ging.[6] Gleichermaßen scheint der spätere Einsatz für die individuelle Freiheit in der entbehrungsreichen und reglementierten Kindheit begründet zu sein.

Erst mit 14 begann für John Stuart so etwas wie eine normale Kindheit. Bis dahin war er von Gleichaltrigen weitestgehend isoliert. So fand nicht nur die schulische Ausbildung zu Hause statt, auch sein gesellschaftliches Leben ereignete sich nur im Schatten des Vaters. Als er dann 1820 alleine für ein Jahr nach Frankreich reiste, konnte er zum ersten Mal selber Eindrücke sammeln. Während seines Aufenthalts bei Verwandten Jeremy Benthams entdeckte John Stuart die Reize der Natur und empfand starke Sympathien für die offene und optimistische Art der Franzosen, dem Leben und anderen Menschen zu begegnen.[7] Nach seiner Rückkehr wendete er sich dem Utilitarismus Benthams zu und folgte dessen Vorbild, indem er ein Jurastudium anfing. Dieses Vorhaben brach er jedoch alsbald ab, um 1823 auf Anraten seines Vaters einen Job als Junior-Angestellter in der Ostindischen Handels-Companie anzutreten. Diese Tätigkeit stellte John Stuarts Mills Leben auf ein solides finanzielles Fundament und begleitete ihn bis ins Jahr 1858.[8]

In den Jahren 1822 – 1826 war Mills Leben von „ jugendlichem Propagandismus “ und der Ausbildung des eigenen Denkens geprägt.[9] Er gründete und partizipierte an einigen Diskussionsklubs, in denen er und andere Radicals - so nannten sich die Anhänger Benthams - vielfältige Themen von Ethik, Politik über Ökonomie bis hin zu Psychologie diskutierten.[10] Diese Themen spiegeln sich auch in seinen ersten Veröffentlichungen wieder, die er im Traveller, dem Morning Chronicle und dem Westminister Review publizierte.[11]

Nach dieser Phase wurde Mills Leben von einer Sinnkrise erfasst, die von einem Zusammenbruch aufgrund von Überarbeitung ausgelöst worden war. Daraufhin begann Mill sein Leben sowie seine Ansichten zu hinterfragen und stellte fest, dass in seiner Erziehung zu sehr die Rationalität betont und die Gefühlsebene vernachlässigt worden war. Diese Erkenntnis lies das Pendel bei Mill in die entgegengesetzte Richtung ausschlagen und sorgte dafür, dass er auf seinem weiteren Lebensweg Gefühle nicht mehr unterdrückte, sondern teilweise von ihnen vereinnahmt wurde.[12] Zugleich stellte diese Konfrontation mit den Gefühlen seinen Ausweg aus der Krise dar, da er sich so teilweise aus der Umklammerung der Rationalität lösen konnte. Ihm wurde gewahr, dass seine Emotionen nur von ihm ausgingen und sie damit nicht, wie sein bisheriges Leben, der Kontrolle des Vaters oblagen.[13]

Die Entdeckung seiner Emotionen machte Mill empfänglich für die Schriften der Romantiker Samuel Taylor Coleridge und Gustave d’Eichthal. Von ihnen lernte er wie wichtig es ist, der Intuition Raum in seinen Denkprozessen einzuräumen und sein kritisches Denken um eine konstruktive Komponente zu erweitern.[14] Die nächste Zäsur in seinem Leben war 1830 die Begegnung mit seiner späteren Frau Harriet Taylor, die schnell eine Seelenverwandte für ihn wurde. Auch wenn diese Liebe noch eine Weile unvollendet blieb, Harriet war zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet, wurde sie zu seiner wichtigsten Bezugsperson, welche den Vater zunehmend als intellektuellen Fixpunkt ersetzte.[15] Die endgültige Loslösung vom Vater war jedoch dessen Tod im Jahre 1836. Erst dadurch wurde es John Stuart Mill möglich sich von der Vorprägung zu befreien, Unzulänglichkeiten in den Gedankengängen seiner beiden Vorbilder, Jeremy Bentham und James Mill, offen zulegen und eigenständige Werke zu entwickeln.[16]

Die Beziehung zwischen Harriet Taylor und John Stuart Mill litt lange unter der sozialen Ächtung, die einer außerehelichen Verbindung im viktorianischen England zu Teil wurde. So kam es erst 1851, zwei Jahre nach dem Tod von Harriets Ehemann, zum Eheschluss zwischen John und Harriet. Er verzichtete hierbei auf alle ehelichen Privilegien des englischen Rechts, die Männer gegenüber Frauen hatten. Dies veranschaulicht einerseits die Wertschätzung seiner Frau als auch sein Verständnis von individueller Freiheit, das in Kapitel 3 ausgeführt wird. Während ihrer Ehe litten beide unter verschiedensten ernsthaften Krankheiten, wovon schließlich eine 1858 zum Tode Harriets führte. Die Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit, führte dazu, dass die beiden vor ihrem Tod eine Liste mit Themen erstellten, zu denen John Stuart noch Werke publizieren sollte.[17] Um seiner Trauer entgegen zu wirken und um dem gemeinsamen Abmachung Genüge zu tun, begann John Stuart zeitnah nach Harriets Ableben mit der Abarbeitung der Liste. In seiner Autobiographie betont er den großen Einfluss, den seine Frau bei der Entstehung seiner Werke gehabt habe. Inwieweit er die geistige Beteiligung von Harriet übertrieben hat, lässt sich aus heutiger Sicht jedoch schwer nachvollziehen.[18] Neben seiner Publikationstätigkeit engagierte sich Mill in den 1860ern in der Politik, wo er sich unter anderem für die Gleichberechtigung von Mann und Frau und für das Frauenwahlrecht einsetzte.[19] Er starb am 7. Mai 1873 in Avignon und wurde dort neben seiner Frau beerdigt.

3. Über die Freiheit

Die einzige Freiheit, die diesen Namen verdient, besteht darin, unser eigenes Wohl auf unsere eigene Art zu suchen, solange wir dabei nicht die Absicht hegen, andere ihrer Freiheit zu berauben ….“[20]

Auch wenn es der Titel Über die Freiheit suggerieren mag, geht es Mill in seinem Werk nicht darum den Begriff Freiheit zu umkreisen und zu definieren. Er setzt voraus, dass wir alle frei unsere Gedanken formen können und das Bestreben haben frei und selbstbestimmt zu handeln.[21] Vielmehr treibt ihn der Konflikt um, der sich zwischen der individuellen Freiheit und den allgemein vorherrschenden Werten und Vorstellungen der demokratischen Gesellschaft ergibt. Das Individuum sieht sich hier einer Gemeinschaft gegenüber, die danach strebt beim Durchsetzen ihrer Interessen einen Teil seiner Freiheit zu absorbieren. Die Bedrohung geht einerseits von der Politik (durch Gesetze) und andererseits von der Gesellschaft (durch die Mehrheitsmeinung) aus. Mills Ansicht nach wiegt die Bedrohung durch die Gesellschaft, bei ihm Tyrannei der Mehrheit genannt, schwerer, da diese jeden Aspekt des Lebens erfasst und ihrem Zugriff folglich kaum zu entkommen ist.[22] Mill schreibt hierzu: „ Das „Volk“, das die Macht ausübt, ist nicht immer dasselbe Volk, über das sie ausgeübt wird, und die „Selbstregierung“, von der man spricht, ist nicht die Regierung eines Jeden durch sich selbst, sondern die eines Jeden durch alle Anderen. “ „ … es ist darum möglich, daß das Volk wünscht, einen Teil aus seiner Mitte zu unterdrücken … .[23]

Die Tyrannei der Mehrheit basiert laut Mill unter anderen auf den Entwicklungen des viktorianischen Zeitalters und der „ Tendenz zur gesellschaftlichen Konformität “.[24] Im viktorianischen Zeitalter war die Gesellschaft durchzogen von Verhaltenskodizes und religiösen Vorgaben. Die Tendenz zur gesellschaftlichen Konformität lässt sich zurückführen auf den Zivilisationsfortschritt, die Entwicklungen der industriellen Revolution sowie die gestiegenen Bildungschancen. Dadurch erodierten nicht nur die Klassen, es kam auch zu einer Verringerung der beruflichen und regionalen Unterschiede sowie einer Angleichung der Einstellungen und Erfahrungen innerhalb der Gesellschaft. Mill sieht darin ein Problem, da sein Verständnis von Intellekt environmentalistischer Natur ist. Der Verstand fußt auf Empfindungen respektive deren Verarbeitung, folglich „ werden identische Empfindungen den gleichen Verstand (<mind>) hervorbringen. Also werden die Menschen auch gleich handeln.[25]

Aufmerksam geworden ist Mill auf die konfliktäre Beziehung zwischen individueller Freiheit und den Werten demokratischer Gesellschaften durch die Lektüre von Alexis de Toquevilles „ Über die Demokratie in Amerika “ (1835 und 1840).[26]

Aber nicht nur die Gemeinschaft als Ganzes bedroht die individuelle Freiheit. Da ein Individuum nur in der Gemeinschaft existieren kann, gestaltet sich die Gemeinschaft als Netzwerk der Interdependenzen. Jedes Individuum agiert entsprechend seiner Partikularinteressen und verändert so die Zustände der Anderen. Als Konsequenz daraus tangiert die Freiheit des Einzelnen die Freiheit aller Anderen. Mill möchte mit seinem Werk erklären, wo die Grenzen der Freiheit idealerweise zu setzen sind und unter Verwendung welcher Ansätze die Gefährdung der individuellen Freiheit abgewendet werden kann. Wichtigen Input für die Erarbeitung seiner Theorie entnimmt er Wilhelm von Humboldts Frühschrift „ Ideen zu einem versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen “ (1792).[27]

Nachfolgend wird in 3.1. ausgeführt was Mill unter individueller Freiheit versteht und in 3.2. und 3.3. werden mit der Meinungsfreiheit sowie der Handlungsfreiheit ihre zwei wichtigsten Hauptbereiche vorgestellt. Danach werden in Subkapitel 3.4. die Grenzen der individuellen Freiheit und unter 3.5. werden einige Kritikpunkte an Über die Freiheit thematisiert.

3.1. Der Freiheitsbegriff von Mill

John Stuart Mills Betrachtungsgegenstand ist nicht die Willensfreiheit, sondern die individuelle Freiheit. Individuelle Freiheit bewegt sich für Mill zwischen zwei Grenzen: Einerseits muss ihre Ausübung ohne Einschränkungen und Zwang erfolgen können, andererseits dürfen bei ihrer Ausübung keine anderen zu Schaden kommen.[28]

Mill unterscheidet zwischen drei wesentlichen Bereichen der Freiheit: innerer Freiheit des Bewusstseins, äußerer Freiheit des Bewusstseins und Assoziationsfreiheit. Unter innerer Freiheit des Bewusstseins versteht Mill Gewissensfreiheit, die Freiheit des Fühlens, Denkfreiheit bezüglich Bereichen wie Theologie, Wissenschaft, Moral und Freiheit der Meinungsäußerung sowie Publikationsfreiheit.[29] Die äußere Freiheit des Handels bezieht sich auf Handlungsfreiheit hinsichtlich der beruflichen Vorstellungen und Neigungen eines Menschen. Mill betont hier noch einmal, dass bei der Handlung kein Schaden für andere entstehen darf. Assoziationsfreiheit oder auch Vereinigungsfreiheit, stellt für Mill einen Unterpunkt der Handlungsfreiheit dar. Sie ist nur gewährleistet, wenn die Zusammenkunft ohne Zwang geschieht.[30]

3.2. Die Freiheit von Meinungen und der Diskussion

Meinungsfreiheit stellt für Mill den Kern der Freiheit dar. Da sich der Geist nur im Falle von Meinungsfreiheit entfalten kann, schätzt er sie als essenziell für das geistige Wohlergehen und somit in letzter Konsequenz auch als entscheidend für das allgemeine menschliche Wohlergehen ein.[31] Da der Nutzen einer Meinung genauso hinterfragt werden kann, wie die Meinung an sich, erfordert Meinungsfreiheit die Toleranz der Menschen.[32] Ihre Äußerung muss auch dann erfolgen können, „ wenn jene unser Handeln töricht, pervers oder falsch finden sollten.[33]

Wenn Meinungsfreiheit unterdrückt wird, hat dies sowohl für den Fortschritt der Forschung als auch für die breite Masse der Bürger Auswirkungen. Freie und mutige Forschung bleibt aus, da die innovationsfreudigsten Wissenschaftler in ihren Aktivitäten durch die gesellschaftlichen Denkgrenzen gehemmt werden.[34] Zudem vermindert dies die Eintrittswahrscheinlichkeit von Irrtümern und die damit verbundene Chance deren Aufdeckung sowie Überwindung als Quelle des Lernens zu nutzen.[35] Für das Bürgertum – verstanden als Maße durchschnittlicher Menschen – bedeutet der Verlust von Meinungsfreiheit, dass sie viel von ihrem geistigen Potential nicht nutzen können. Mill verweist auf intellektuelle Hochphasen in der Neuzeit, an denen auch das Bürgertum partizipierte und die zu Europas Vormachtstellung geführt haben. Er mahnt, dass die Wirkung dieser Perioden beinahe aufgebraucht ist und neue Kraft nicht erwachsen kann, „ ehe wir unsere Geistesfreiheit [nicht] zurückgewonnen haben.[36]

Mill fährt mit seiner Verteidigung der Meinungsfreiheit fort und nennt vier Gründe, die veranschaulichen sollen, inwiefern es falsch sein kann Meinungen zu unterdrücken:

Die unterdrückte Meinung kann richtig sein.

- Mill verwehrt sich vehement gegen die Behauptung, Wahrheit triumphiere jederzeit über die Verfolgung. Als historisches Beispiel wählt er Sokrates. Dieser „ anerkannte Meister aller hervorragenden Denker, die je gelebt haben “,[37] wurde aufgrund seiner atheistischen Gesinnung zum Tode verurteilt. Diejenigen, welche über ihn richteten, handelten nicht etwa willkürlich, sondern im Rahmen ihres bestehenden Wertesystems. Aus heutiger Sicht kann eine solche Tat jedoch nur als moralisch falsch angesehen werden.[38]

Eine vorherrschende richtige Meinung, verliert ohne Konterpart an Wert.

- Das Fehlen einer Gegenmeinung kann dazu führen, dass das Gefühl respektive die Nachvollziehbarkeit verloren geht, warum eine Meinung richtig ist. Laut Mill müssen auch die Argumente der Gegenseite bekannt sein, damit der Betroffene die Optionen abwägen und sich in begründeter Weise für eine von ihnen entscheiden kann.[39]

Eine vorherrschende richtige Meinung, verliert ohne Diskussion an Profil.

- Als falsch angesehene Gegenmeinungen stiften auch den Nutzen, richtigen Meinungen durch Profilschärfe zu verleihen. Mill zieht die Geschichte von Religionen als Beispiel heran. Wenn der Kern einer Glaubensgemeinschaft nicht mehr hinterfragt wird, verliert diese neben ihrer Strahlkraft auch ihre einnehmende Wirkung. Zu sehen sei dies am Christentum. Viele Christen praktizieren ihren Glauben nur noch formelhaft, versäumen es aber ihn mit Leben zu füllen und sich an seinen Glaubenssätzen zu reiben. Deshalb geht das tiefgreifende Verständnis verloren.[40]

Nur in seltenen Fällen existiert eine eindeutige Wahrheit.

- Fortschritt ersetzt in der Regel nur eine Teilwahrheit durch eine andere, da die neu gewonnene Wahrheit besser zu den Bedürfnissen der Zeit passt. Allerdings könnten ketzerische Meinungen, insofern sie nicht unterdrückt würden, den Teil der Wahrheit darstellen, der in der öffentlichen Meinung nicht abgebildet wird. Wie wichtig die Koexistenz von sich diametral gegenüberstehenden Überzeugungen ist, geht aus der Politik hervor. Hier sorgen unterschiedliche Meinungen dafür, dass sich die Parteien mit ihrem Verhalten „ in den Grenzen gesunder Vernunft “ halten.[41] Laut Mill sollte zu jederzeit die weniger beliebte Meinung am meisten gefördert werden, da sie für diejenigen steht, welche die schwächere Position innehaben.[42]

3.3. Individualität und Handlungsfreiheit

Mill beschäftigt sich in diesem Subkapitel mit der Frage, inwieweit Handlungsfreiheit durch gesetzliche und soziale Sanktionierung eingeschränkt werden soll. Ihm ist klar, „ daß Handlungen [nicht] so frei sein sollen wie Meinungen “ und entsprechend gilt auch wieder die Einschränkung, dass kein Schaden für Dritte entstehen darf.[43]

Viele der Gründe die für weitgehende Meinungsäußerung ins Feld geführt werden können, gelten auch für die Auslotung der Handlungsfreiheit. Aufgrund der Unterschiedlichkeit und Fehlbarkeit der Menschen sollten verschiedene Lebensentwürfe zulässig sein. Nur so können die Menschen das Umfeld finden, das sie ihr Potential am besten ausschöpfen lässt.[44] Für Mill ist es jedoch ein grundlegendes Problem der demokratischen Gesellschaft, dass sie individuelle Selbstbestimmung nicht als Wert an sich erachtet und ihren Beitrag für das Wohlbefinden nicht anerkennt.[45] Er findet, die Menschen sollten im jugendlichen Alter im angesammelten Wissen der menschlichen Erfahrung geschult werden, gleichzeitig muss es ihnen im Erwachsenenalter aber ermöglicht werden dieses Wissen selbstbestimmt anzuwenden, um so Reife zu erlangen. Darüber hinaus können sie das Potential ihrer „ geistigen und moralischen Kraft “ am ehesten erschöpfen, wenn sie ihre Entscheidungen selber treffen und nicht nur tradierte Gewohnheiten übernehmen.[46]

Mill preist den Erkenntniszugewinn für die Gesellschaft, den das Individualitätsstreben genialer Menschen mit sich bringt. Allerdings seien Genies selten und benötigten zudem eine „ Atmosphäre der Freiheit“ um sich zu entfalten.[47] Darunter versteht er Wesensfreiheit, welche es ermöglicht die Charakterzüge auszuleben und so das Potential freizusetzen. Jedoch erschließe sich gewöhnlichen Menschen der Nutzen des Genius nicht, weshalb jene es als obsolet ansehen würden. Mill argumentiert, „ Wenn sie begriffen, was Originalität ihnen Gutes täte, dann wäre es keine.[48] Zudem argumentiert er, dass die Sichtbarkeit der menschlichen Unterschiedlichkeit für die Individuen unabdingbar ist, um eigene Schwächen beurteilen zu können. Wesenspluralismus ermöglicht es uns Erstrebenswertes zu sehen und es zu übernehmen. Aufoktroyierter Konformismus hingegen verhindert dieses Abschauen.[49]

3.4. Grenzen der individuellen Freiheit

Hinsichtlich der Eingriffsbefugnisse der Gesellschaft in die Freiheit einzelner, stellt Mill das folgende Prinzip auf: Das Individuum bestimmt über den Teil der menschlichen Aktivität, der (ausschließlich) es selbst tangiert und die Gesellschaft bestimmt über den Teil, der sie tangiert.[50] Dies impliziert, dass Individuen bestraft werden dürfen und sollen, wenn sie anderen einen Schaden zufügen. Vollzogen werden kann die Strafe „ entweder durch das Gesetz oder, wo gesetzliche Strafen nicht angewendet werden können, durch allgemeine Mißbilligung.[51] Zudem gelten die Freiheitsrechte nicht für alle. Ausgenommen sind diejenigen, welche der Fürsorge anderer bedürfen und es (noch) an Reife vermissen lassen. Mill meint hiermit geistig Behinderte, Kinder, aber auch sogenannte Barbaren, zumindest, wenn der über sie herrschende Regent glaubwürdig eine Besserung ihrer Situation anstrebt.[52] Bei den Genannten sind Gesellschaft und Politik in der Pflicht, sie vor den Konsequenzen ihres Handelns zu schützen.[53].

Das heißt, insofern ein Einzelner eine Handlung beabsichtigt, die höchstwahrscheinlich negative Auswirkungen für ihn hat, aber andere unbeschadet aus ihr hervorgehen lässt, so darf die Gesellschaft auf ihn einreden. Die finale Handhabe bezüglich der Handlung muss aber ausschließlich bei der Einzelperson bleiben.[54] Ahnden kann die Gesellschaft das Fehlverhalten ex-post, in dem sie die Person meidet. Diese Sanktion ist für Mill legitim, da sie gewissermaßen eine natürliche Bestrafung desjenigen darstellt, der in Eigenregie seine Strafe zu verantworten hat und als einziger von ihr betroffen ist.[55]

Mill geht auf den Einwand ein, dass Handlungen eines Individuums schwerlich ohne Auswirkungen auf die Gesellschaft bleiben können. Er findet nicht, dass die Gesellschaft „ abwarten müsse, bis diese etwas Unvernünftiges getan haben, um dann moralische oder gesetzliche Strafen über sie zu verhängen.[56] Vielmehr verweist er auf die Gestaltungsmacht der Gesellschaft, die Heranwachsenden durch Erziehung und Autorität, zu gütigen und weisen Menschen zu formen und dadurch Fehlverhalten vorzubeugen.[57] Weitergehende Befugnisse möchte Mill nicht ohne weiteres erteilen, da „ es die allgemeinste menschliche Neigung ist, die Grenzen dessen, was man moralische Polizei nennen könnte, bis dahin auszudehnen, wo sie die zweifellos legitime Freiheit des Individuums beeinträchtigt.“[58] Daher sollten sich demokratische Gesellschaften hüten auf moralische Motive zurückgehende Verbote zu erlassen, die, wenn sie nicht die betroffene Gruppe, sondern die breite Masse der Bürger beträfen, als Ungerechtigkeit angesehen würden. Als negatives Beispiel für diese Art von Verboten nennt Mill die Verfolgung der Mormonen auf Grund ihres polygamen Lebensstils. Mill, der sich selbst gegen diese Praxis ausspricht, verwehrt sich dagegen sie aus gesellschaftlicher Ebene zu ächten. Schließlich handelten ihre Anhänger aus freien Stücken ohne dabei Schaden für Dritte entstehen zu lassen.[59]

Des Weiteren lehnt er Paternalismus weitestgehend ab, da die individuelle Freiheit notwendig für Ausbildung der Individualität ist. Die Menschen können sich besser einschätzen als andere und sind deshalb am besten geeignet ein Lebensmodell auszuwählen, das es ihnen ermöglicht, ihre Talente zu fördern und ihre geistigen Fähigkeiten auszubauen. Zudem sieht er Individualität als eigenständigen Wert an. „ Mill verficht damit ein positives Menschenbild: Der Mensch ist gut und wird seine Individualität in der richtigen Richtung entfalten.[60] Auch konstatiert er, dass der Schaden, den der Fortschritt durch den Paternalismus erleidet, die positiven Seiten des Paternalismus bei weitem überragt.[61]

Wie dem am Anfang geschilderten Prinzip zu entnehmen ist, gibt es für Mill aber auch Bereiche, wo es für den Staat geboten ist, einzugreifen. Sobald für die Gesellschaft – und nicht ausschließlich für das direkte Umfeld des Täters - ein Schaden oder eine Gefahr erwächst, darf und soll der Handelnde bestraft werden. Als Beispiel führt Mill einen Soldaten an, der alkoholisiert seinem Dienst nachgeht und so eine Gefährdung der Allgemeinheit darstellt.[62] Zudem fordert er, dass der Staat Mann und Frau die gleichen Rechte und den gleichen Schutz angedeihen lassen solle. Auch sieht er es als Verbrechen an, wenn Eltern nicht für eine gute Erziehung ihrer Kinder sorgen und fordert sogar, dass der Staat verpflichtende Bildungsmaßnahmen für Kinder durchsetzen solle. Die Pflichten des Staates reichen für Mill aber noch weiter und umschließen auch die Kontrolle, ob es Eltern aufgrund ihrer finanziellen Ausstattung erlaubt werden sollte, Kinder in die Welt zu setzen.[63] Auch hier sieht Mill nicht den liberalen Gedanken verletzt. Er sieht dies als Schutzmaßnahme damit keine Kinder in die Welt gesetzt werden, die unter der unverantwortlichen Entscheidung ihrer Eltern zu leiden haben.[64]

[...]


[1] Vgl.: (Birnbacher, 2002, S. 119 ff.)

[2] (Gaulke, 1996, S. 7)

[3] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 18)

[4] (Gaulke, 1996, S. 16 ff.)

[5] (Gaulke, 1996, S. 18)

[6] (Gaulke, 1996, S. 21)

[7] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 21 ff.)

[8] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 27 ff.)

[9] (Gaulke, 1996, S. 29)

[10] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 29 ff.)

[11] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 32 ff.)

[12] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 36 ff.)

[13] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 38)

[14] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 38 ff.)

[15] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 47 ff.)

[16] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 55 ff.)

[17] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 91 ff.)

[18] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 94 ff.)

[19] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 141)

[20] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 20)

[21] Vgl.: (Brandt, 2009, S. 7)

[22] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 103)

[23] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 9)

[24] (Gaulke, 1996, S. 103)

[25] (Gaulke, 1996, S. 104)

[26] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 97)

[27] (Gaulke, 1996, S. 96)

[28] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 98 ff.)

[29] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 99)

[30] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 98 ff.)

[31] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 100)

[32] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 33)

[33] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 20)

[34] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 47)

[35] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 49)

[36] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 50)

[37] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 36)

[38] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 36)

[39] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 52 ff.)

[40] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 56)

[41] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 68)

[42] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 68)

[43] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 78 ff.)

[44] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 96 ff.)

[45] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 80 ff.)

[46] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 82 ff.)

[47] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 92)

[48] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 93)

[49] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 95)

[50] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 105)

[51] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 18 ff.)

[52] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 16 ff.)

[53] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 16 ff.)

[54] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 109)

[55] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 110)

[56] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 117)

[57] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 118)

[58] (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 120 ff.)

[59] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 130 ff.)

[60] (Gaulke, 1996, S. 101)

[61] Vgl.: (Gaulke, 1996, S. 102)

[62] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 116)

[63] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 149 ff.)

[64] Vgl.: (Mill, Über die Freiheit, 2009, S. 149 ff.)

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668677104
ISBN (Buch)
9783668677111
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418564
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Utilitarismus Freiheitsbegriff von John Stuart Mil

Autor

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Titel: Vom Leben und Schaffen des John Stuart Mill und seiner Verteidigungsschrift des Utilitarismus