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Der Turm von Babel (1. Mose 11, 1-9). Analyse des Textes und praktische Umsetzung

Hausarbeit 2017 13 Seiten

Theologie - Didaktik, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Analyse des Textes

Praktische Umsetzung

Schluss

Verwendete Literatur

1. Einleitung

In meiner Religionspädagogischen Jahresarbeit beschäftige ich mich mit der biblischen Geschichte über den Turmbau zu Babel (1. Mos. 11, 1-9). Ich habe diese Bibelstelle ausgewählt, einerseits weil mich die Erzählung als Kind selbst bewegt und in gewisser Weise ratlos gemacht hat. Auf der anderen Seite steht für mich diese Bibelgeschichte exemplarisch dafür, dass viele Erzählungen der Bibel nicht in das Schema der häufig verbreiteten Vorstellung des gütigen „Kuschel-Gottes“, der für das Wohlergehen der Menschen – so wie Menschen es verstehen – zu sorgen hat, passt. Sehr häufig durchkreuzt der biblische Gott die Pläne und Vorstellungen der Menschen, die in ihrem menschlichen Rahmen nicht selten gut gemeint oder zumindest für den menschlichen Leser der Bibel nachvollziehbar sind.[1] Das Handeln Gottes in den biblischen Erzählungen wirkt häufig unverständlich und zuweilen sogar verstörend.

Ich hatte als Kind eine Kinderbibel, was in der Sowjetunion eher eine Ausnahme als eine Regel war. Ich habe sie mir gerne vorlesen lassen. Die Geschichten fand ich sehr schön: die Geschichte von Rebekka und Isaak hat meine romantische Fantasie beflügelt, die Geschichte Josefs und seiner Brüder, der kleine Moses im Körbchen, die Geburt Jesu, die Wunder Jesu, die Auferstehung Jesu. All das fand ich sehr schön und auch exotisch, weil es so fern von all dem statt fand und so anders war als das, was ich kannte. Nur eine Geschichte hat bei mir einen schalen Nachgeschmack hinterlassen: die Menschen wollten einen Turm bauen und sie sind auch wirklich weit gekommen, sie haben sich so viel Mühe gegeben und dann kam Gott und fand das nicht gut. Warum? War Gott neidisch, eifersüchtig? Sollten die Menschen nicht etwas Großartiges schaffen, weil Gott sich dann irgendwie angegriffen fühlt? Aber so ist Gott doch nicht. Dann hat er, einfach so, nur weil er es wollte, allem ein Ende bereitet. Zu allem Übel hat er dafür gesorgt, dass die Menschen einander nicht mehr verstehen konnten und auseinander gehen mussten, obwohl sie gerne beieinander geblieben wären. Sie hatten sich nicht gestritten, waren nicht böse, wie in der Erzählung von Noah oder Sodom und Gomorrha (die Erzählung war ebenfalls in der Kinderbibel). Sie wollten einfach zusammen einen Turm bauen.

Das habe ich als Kind nicht verstanden. Natürlich hatte ich mir das so nicht in Worte gefasst. Ich kann mich nur an das starke Gefühl erinnern, dass etwas nicht stimmt. Etwas war nicht richtig. Gott konnte nicht falsch sein, aber ich konnte auch nicht erkennen, was die Menschen falsch gemacht haben, also musste es an Gott liegen, aber Gott wiederum war nicht zu hinterfragen. Es war ein ziemliches emotionales Dilemma.

Wenn man Kindern durch die Auswahl von biblischen Erzählungen und die Art des Erzählens eine „harmonisierte“ Fassung der Bibel ein Gottesbild vermittelt, das frei von Irritationen, Ambivalenzen, Kontroversen und unbeantworteten Fragen ist, nimmt man ihnen vieles.[2] Gott und ein Gottesgefühl lebt in der menschlichen Auseinandersetzung mit den überlieferten Vorstellungen von Gott einerseits und der eigenen Lebens- und damit Gotteserfahrung andererseits. Ein durchweg „lieber Gott“ ist auch für Kinder ab einem gewissen Alter nicht mehr glaubwürdig, denn sie machen seit ihrer Geburt die Erfahrung, dass ihr eigenes Leben nicht nur Harmonie und Beschützt-Sein bedeutet, sondern dass es auch zuweilen sehr bedrohlich und unverständlich sein kann. Geschichten wie die vom Turmbau von Babel zeigen, dass Gott zuweilen auf eine Weise handeln kann, dass der menschliche Wille, der menschliche Wunsch, die menschliche Vorstellung und das menschliche Dasein massiv unter Druck geraten. Die dabei häufig unbeantwortete Frage nach dem „Warum?“ ist die Lebensfrage aller Menschen und ist das, was über uns als Individuen und als Gemeinschaft hinaus weist auf das Unbegreifliche, was Gott letztendlich ist.[3] Kinder spüren das Unbegreifliche genau so wie alle anderen Menschen. Geschichten, wie die vom Turmbau zu Babel, helfen zwar nicht es aufzulösen, aber helfen zumindest sich in Worten daran anzunähern.

2. Analyse des Textes

Mir stehen zwei Bibelübersetzungen und die Nacherzählung der Geschichte vom Turmbau zu Babel in einer Kinderbibel (Jeschke / ten Cate 2015) zu Verfügung. Die Bibelübersetzungen sind beides Übersetzungen nach Martin Luther, allerdings stammt die ältere Fassung aus dem Jahr 1912, während die jüngere Fassung in den Jahren von 1957 bis 1984 entstand. Ich habe mich für die jüngere Fassung entschieden, da hier die Sprache eher dem heutigen Gebrauch entspricht, von der älteren Fassung jedoch nicht signifikant abweicht.

Interessant ist der Vergleich mit der Kinderbibel. Hier nimmt die Erzählung fünf Doppelseiten mit großflächigen bildlichen Darstellungen ein. Der Text der Kinderbibel ist stark interpretatorisch und enthält viel mehr Aussagen als der Original-Bibeltext. Die Nacherzählung setzt den Akzent stark auf die Hybris der Menschen, die im Turmbau zum Ausdruck komme,[4] und Gottes Missfallen daran: „„Die Menschen bilden sich ein, sie können alles tun, was sie wollen“, dachte er [Gott]. “Sie sprechen alle eine Sprache und bald werden sie sich noch mehr dumme[5] Sachen ausdenken wie diesen Turm, der bis zum Himmel reichen soll. Aber wenn sie verschiedene Sprachen sprechen würden, dann könnten sie einander nicht mehr verstehen. Und dann müssten sie mit ihrer Arbeit aufhören.““ (Jeschke / ten Cate 2015)

Ich sehe diese stark interpretatorische Auslegung kritisch, weil sie in den Text sehr viel legt, was im Originaltext so nicht steht. Diese Auslegung folgt zwar dem gängigen Verständnis des Textes nimmt ihm jedoch seine Ambivalenz, die wichtig ist für das Verständnis, dass Menschen das Handeln Gottes in diesem Fall nicht nachvollziehen können. Dadurch verliert Gott seinen geheimnisvollen (vergl. mit Steinkühler 2011) und unverfügbaren Charakter. In Tanja Jeschkes Version des Textes ärgert sich Gott einfach nur über das Tun der Menschen, findet es „dumm“ und unterbindet es. Dem Originaltext nach könnte Gott genauso besorgt sein, wie verärgert. Er könnte aber auch etwas ganz Anderes sein, die Bibelstelle lässt viele Interpretationen und dadurch keine abschließende Interpretation zu.

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel wird allgemein der biblischen Urgeschichte, die die ersten zehn Kapitel des ersten Buches Mose und die erste Hälfte des elften Kapitels umschließt, zugeordnet. Die Urgeschichte unternimmt den Versuch, die Entstehung und die Ordnung des Lebens in seiner Gesamtheit zu erklären und trägt dadurch mythische Züge. (Steinkühler 2011, S. 219-220) Allerdings enthält der biblische Text eine konkrete Ortsangabe, und zwar spielt das Geschehen in einer „Ebene im Lande Schinar“ (1. Mose 11, 2). Schinar ist nach Ulrich Berges gleichzusetzen mit Babylonien. (Berges 2002, S. 248) Die Stadt, die die Menschen bauten und die sie nach der Sprachverwirrung verlassen mussten, wird Babel genannt. (1. Mose 11, 9)

Der Biblische Text[6] hat zwei „handelnde Einheiten“, die eine ist eine Sammelgröße bezeichnet mit „alle Welt“, „sie“ und „wir“, damit ist eine gewisse Gruppe von Menschen gemeint.[7] Die andere – individuelle – Größe ist Gott. Die erste Hälfte des Textes behandelt das Tun und Denken von Menschen, die zweite Hälfte beschäftigt sich mit dem Handeln und Denken Gottes. Interessant ist, dass Gott genau in der Mitte der Erzählung erscheint. Menschen und Gott kommen nicht miteinander in Berührung, außer dass die Menschen das Tun Gottes an sich spüren, wenn sie aufhören einander zu verstehen. Franz W. Niehl (Niehl 2002, S. 243) hat den Text folgendermaßen gegliedert und ich kann seiner Gliederung sehr gut folgen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Erscheinen Gottes und seine Bewertung des menschlichen Tuns stellt für mich, so wie für Franz W. Niehl den Höhe- und Wendepunkt der Erzählung vom Turmbau dar. In Rahmen einer Nacherzählung darf für mich meiner Meinung nach nicht fehlen, dass die Menschen eine Stadt und einen Turm bauen wollen, damit sie sich einen Namen machen. Einen Namen wollen sie sich jedoch machen nicht vordergründig um Ruhm zu erlangen, sondern weil sie sonst befürchten „in alle Länder zerstreut“ zu werden. Die Menschen halten sich offensichtlich aneinander. Die Stadt und der Turm sind nur ein Mittel, um diese Einheit zu erhalten.

Gott jedoch sieht in dem Stadt- und Turmbau, der aufgrund einer einheitlichen Sprache der Menschen möglich wird, mehr als die Menschen für sich selbst beabsichtigen. Gott schaut in die Zukunft. Möglicherweise stören ihn der Turm und die Stadt und der Wunsch der Menschen an einem Ort zusammen zu leben an sich gar nicht so sehr, sie zeigen jedoch, was für die Menschen potentiell möglich ist. Die Einheit der Menschen und ihre einheitliche Sprache sind „der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben.“ (1. Mos. 11, 6) Mit der gemeinsamen Sprache und damit auch ihrem Gemeinsinn entzieht Gott den Menschen den „Anfang“ also die Grundlage ihres gemeinsamen Handelns. Für die Menschen ist das vermutlich eine Katastrophe. Sie können in ihrem gemeinsamen Handeln nicht die potentielle Gefahr erkennen, die Gott darin sieht.

Dies ist eine grundlegende Erfahrung von Menschen, dass sehr oft Dinge geschehen, die all die Mühe und den guten Willen von Menschen zerstören. Für Menschen erscheinen solche Vorgänge als sinnlose Katastrophen. Gläubige Menschen oder Menschen, die an Gott zweifeln fragen dann: „Warum tut Gott das?“ oder „Warum lässt Gott das zu?“. Sie denken: „Dieses Werk der Menschen, unser Werk, es war eine Wohltat für die Menschen, es war sinnvoll und gut und nun ist es dahin.“ Dabei können Menschen jedoch nicht das ganze Bild sehen. Sie gehen immer von sich, ihrem Wunsch, ihrem Vorhaben und ihrer Perspektive aus.

Für mich liegt die elementare Wahrheit der Geschichte vom Turm von Babel darin, dass Gott und sein Tun für Menschen unbegreiflich ist, weil der Mensch nun einmal nur die menschliche Perspektive einnehmen kann. Im Grunde können Menschen nur beschreiben was geschieht, so wie es der Bibeltext zum Turmbau zu Babel auch tut, wenn man nicht Dinge hinein interpretiert, die der Text im Grunde nicht hergibt. Menschen können die Folgen des Geschehens für sich selbst erfassen: sie können, nachdem Gott ihre Sprachen verwirrt hat, nicht mehr die Stadt und den Turm weiter bauen. Sie können nicht mehr zusammen an einem Ort leben, so wie sie es sich gewünscht hatten. Warum es letztendlich geschehen ist und was es tatsächlich bedeutet, wissen sie nicht. Gott ist groß und seine Wege sind unergründlich.

Ich denke im Grunde könnte für Kinder in der Geschichte die gleiche elementare Wahrheit liegen: Die Menschen hatten einen Plan, den sie verwirklichen wollten. Gott hat sie diesen Plan nicht zu Ende führen lassen, weil er andere Gründe für sein Handeln hatte als die Menschen für das ihre. Die Wünsche der Menschen sind uns verständlich. Die Gründe Gottes können wir nur versuchen zu erahnen. Wir müssen jedoch darauf vertrauen, dass Gottes Handeln zum Besseren ist, wenn vielleicht auch nur mittelbar für uns selbst.

[...]


[1] Martina Steinkühler plädiert dafür Gott und Jesus nicht als „Erfüller aus der Fernsehwerbung“, die für ein „glückliches Ende“ sorgen zu präsentieren, sondern Gott als jemanden zu erzählen, der „sucht“, „stört“ und „ein Geheimnis“ bleibt. (Steinkühler 2011, S. 13 / 17)

[2] Martina Steinkühler wirft die Frage auf, warum sich Kinder oft mit Biblegeschichten nicht mehr identifizieren können. Sie drückt Zweifel darüber aus, dass es daran liegt, dass die Geschichten „alt und fern seien“. „Kann es nicht eher sein, dass unsere Kinder, unterhaltungsverwöhnt“, wie sie sind, sich einfach langweilen mit allzu glatten, allzu „fertigen“ Geschichten?“ (Steinkühler 2011, S. 14)

[3] Steinkühler hält es in der heutigen Zeit für einen Fehler von Gott so zu erzählen, wie es die Erzähler der Bibelgeschichten taten: „als denke und fühle, rede und handle Gott wie ein Mensch, aber übermächtig. Bisweilen auch fragwürdig.“ Das macht die Geschichten für heutige Zuhörer unglaubwürdig, denn sie selbst können Gott so nicht wahrnehmen, er spricht nicht zu ihnen, wie er zu Mose oder Abraham gesprochen hat. Zudem sollte man das Wirken Gottes nicht als vergangen Faktisches erzählen. Beides vermeidet man, wenn man „subjektiv“ erzählt. Man fragt dabei nicht nach den Gründen für das Handeln Gottes, sondern danach, was die Menschen dazu bewegt haben könnte, sich die Geschichte so zu erzählen, wie sie es getan haben. Dabei sollte man sprachlich die Subjektivität stets zum Ausdruck bringen. (Steinkühler 2011, S. 14-15 / 18-21)

[4] „Die Menschen waren stolz auf sich. „Was sind wir doch für ein großartiges Volk!“, dachten sie. „So stark und mächtig wie dieser Turm sind wir!““ (Jeschke / ten Cate 2015) (Die Kinderbibel enthält keine Seitenangaben.)

[5] Unterstreichung von K.S.

[6] Zu Aufbau und Komposition von 1. Mos. 11, 1-9 siehe Niehl 2002.

[7] Es gibt unterschiedliche Positionen dazu, wer mit dieser Gruppe von Menschen gemeint sein könnte. Für Franz W Niehl z.B. „bleiben die Menschen anonym“ (Niehl 2002, S. 243). Für Kurt Zisler sind damit Menschen schlechthin repräsentiert (Zisler 2002, S. 238). Ulrich Berges vertritt hingegen die Meinung, dass die Erzählung vom Turm von Babel mit Blick auf die Nachkommen Sems, eines der drei Söhne Noahs gelesen werden sollte. Zudem sieht er den Bibeltext als „Analyse der multinationalen mesopotamischen Hochkultur in neu-assyrischer (732-604 v. Chr.) und neu-babylonischer Zeit (604-538 v. Chr.).“ In diesem Zusammenhang möchte Berges den Turmbau zu Babel nicht zur mythischen Urgeschichte zählen, da er hier einen ganz konkreten historischen Hintergrund vermutet. (Berges 2002, S. 248 / 252)

Details

Seiten
13
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668675124
ISBN (Buch)
9783668675131
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418660
Institution / Hochschule
Evangelische Fachschule für Sozialpädagogik Stuttgart
Note
1,0
Schlagworte
turm babel mose analyse textes umsetzung

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