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Das Trauerspielkonzept von Gotthold Ephraim Lessing

Eine Untersuchung der Entwicklung der Dramentheorie Lessings unter besonderer Berücksichtigung des aristotelischen Begriffspaares "eleos" und "phobos"

von G. Diken (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 14 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eleos - der Mitleidsbegriff

3. Phobos – Schrecken oder Furcht?

4. Die Katharsistheorie

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Tragödie ist eine Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden. Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“[1]

Die drei wichtigsten Begriffe aus Aristoteles’ Poetik ‚eleos‘ (Jammer), ‚phobos‘ (Schaudern) und ‚katharsis‘ (Reinigung) bilden den Kern in seiner Tragödienkonzeption. Ziel der Tragödie ist es durch die Erregung von ‚eleos‘ und ‚phobos‘ eine ‚katharsis‘, eine Reinigung der menschlichen Seele, herbeizuführen. Im Laufe der Zeit gab es eine Vielzahl an verschiedenen Auffassungen dieser drei Begriffe, insbesondere der Begriffe ‚eleos‘ und ‚phobos‘. Seit Lessings Hamburgischer Dramaturgie wurden sie mit Mitleid und Furcht übersetzt, Schadewaldt schlug daraufhin die Übersetzung ‚Jammern‘ und ‚Schaudern; vor, die später von Fuhrmann in der Übersetzung übernommen wurden.[2]

Im Briefwechsel über das Trauerspiel und der Hamburgischen Dramaturgie konzipierte Lessing erstmals Schritt für Schritt seine eigene Wirkungslehre, indem er sich als Vorlage an der aristotelischen Poetik und Rhetorik bediente . Im Briefwechsel über das Trauerspiel konzentrierte er sich weitgehend auf den Mitleidsbegriff und versuchte ihn zum entscheidenden tragischen Affekt auszubauen, indem er ihn von der Bewunderung abgrenzte. Zehn Jahre später stellte er in der Hamburgischen Dramaturgie weitere Untersuchungen des Begriffs ‚Schrecken‘ an und kam letztendlich zum Entschluss, ihn durch den Begriff ‚Furcht‘ zu übersetzen. Zur Begründung seines eigenen Tragödienkonzepts argumentiert Lessing hauptsächlich gegen Pierre Corneille, dem Vertreter des französischen Klassizismus, der in vielen Aspekten von der aristotelischen Lehre abweicht. Mit Lessing vollzog sich schließlich auch in Deutschland ein grundlegend verändertes dramentheoretisches Bewusstsein, das die Grundlage für das bürgerliche Trauerspiel wurde.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich die Entwicklung der Wirkungslehre Lessings darstellen. Im Zentrum dieser Arbeit stehen hierbei die aristotelischen Begriffe ‚eleos‘, ‚phobos‘ und ‚katharsis‘, die in Lessings Theorie von entscheidender Bedeutung sind. Hierbei werde ich schwerwiegend die Bedeutung und den Zusammenhang des Mitleidsbegriffs und des Schreckens untersuchen, der später von Lessing durch ‚Furcht‘ übersetzt wurde. Im Anschluss möchte ich näher auf die Katharsistheorie eingehen, und untersuchen, welche Reinigung Lessing letztendlich anstrebt. Zur Verdeutlichung seiner Wirkungslehre werde ich hierfür die Auffassung Pierre Corneilles ziehen, dessen Ausführung Lessing im Laufe der Zeit stark kritisierte.

2. Eleos - Der Mitleidsbegriff

In den Jahren 1755-1757 setzte sich Lessing im Briefwechsel über das Trauerspiel mit seinen Freunden Nicolai und Mendelssohn intensiv mit den Leidenschaften und Wirkungen der Tragödie, insbesondere mit dem Begriff ‚eleos‘ der aristotelischen Wirkungslehre, auseinander und konzipierte somit die ersten Schritte seiner eigenen Wirkungslehre. Den zweiten aristotelischen Begriff ‚phobos‘ untersuchte er erst zehn Jahre später in seiner Hamburgischen Dramaturgie.

Im Briefwechsel über das Trauerspiel 1756/1757 beschäftigte er sich mit Nicolai und Mendelssohn zunächst mit dem aristotelischen Begriff ‚eleos‘ und übersetzte ihn mit Mitleid. Im Zentrum stand vor allem die Frage, ob das Trauerspiel Bewunderung oder Mitleid hervorrufen sollte. Im Verlauf des Briefwechsels unterstreicht Lessing wiederholt die Bedeutsamkeit des Mitleidsaffekts und ernennt ihn zum entscheidenden tragischen Affekt, da Mitleid die einzige Leidenschaft sei, die der Zuschauer selbst fühlt. Alle anderen emotionalen Regungen des Zuschauers betitelt er als „zweyte Affekte“[3]:

Kurz, ich finde keine einzige Leidenschaft, die das Trauerspiel in dem Zuschauer rege macht, als das Mitleiden. […] Schrecken und Bewunderung sind keine Leidenschaften, nach meinem Verstande. […] Die Leiter […] heißt: Mitleid; und Schrecken und Bewunderung sind nichts anderes als die ersten Sprossen, der Anfang und das Ende des Mitleids.[4]

Die Tragödie hat für Lessing die Funktion „unsere Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern“. Seiner Ansicht nach sind ‚Bewunderung‘ und ‚Schrecken‘ keine Leidenschaften, sondern dienen als „der Anfang und das Ende des Mitleids“[5]. Er definiert ‚Schrecken‘ als ‚die plötzliche Überraschung des Mitleids‘, also als den Beginn der Gefühlsregung des Mitleids, und ‚Bewunderung‘ als den Ruhepunkt des Mitleids, in der sich der Zuschauer vom Mitleiden erholen kann. ‚Schrecken‘ und ‚Bewunderung‘ dienen also ausschließlich dem zentralen Affekt des Mitleids.

Im Gegensatz zu den französischen Regelpoetikern fügte Lessing der philantropischen Deutungsebene noch eine moralische Komponente hinzu, indem er die Moral der Vernunft durch eine weitere Moral des Herzens ergänzte, um eine bestmögliche Wirkung beim Zuschauer zu erzielen. Das Mitleid besitzt bei Lessing also explizit eine moralische Wirkung. Er ist, wie auch Mendelssohn, der Überzeugung, dass der beste Mensch der mitleidigste sei.[6] Denn das Empfinden von Mitleid mache uns besser und tugendhafter. Daher spricht man bei Lessings Ansatz von einer Mitleidsästhetik. In seinen Briefen an Nicolai machte er dies wie folgt deutlich:

[…] zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter, und das Trauerspiel, das jenes thut, thut auch dieses, […]. Bitten sie es dem Aristoteles ab, oder wiederlegen sie mich.

Für Lessing ist die Funktion der Tragödie die Vermittlung von moralischen Grundsätzen. Ziel ist es, im Zuschauer Mitleid zu erwecken und diesen Affekt zu steigern, um so eine moralische Besserung herbeizuführen. Da das Mitleid in jedem Menschen vorhanden ist beziehungsweise jeder Mensch die Fähigkeit besitzt Mitleid empfinden zu können, ist nach Lessing jeder Mensch auch besserungsfähig.[7] Das Empfinden von Mitleid bewirkt also eine Sittenverbesserung beziehungsweise die Aneignung tugendhafter Fertigkeiten.

Das Mitleiden hingegen bessert unmittelbar; bessert, ohne daß wir selbst etwas dazu beytragen dürfen, bessert den Mann von Verstande sowohl als den Dummkopf.[8]

Entgegen Lessing sieht Mendelssohn die Bewunderung als tragischsten Affekt an. Er ist der Ansicht, dass die Bewunderung eine Sittenverbesserung herbeiführen könnte, da dieser Affekt den Wunsch zur Nachahmung im Zuschauer erwecken kann.

Das Mitleiden rührt unser Herz, die Bewunderung erhebt unsere Seele. Jenes lehrt uns fühlen, diese erhaben denken. Jenes lässt uns unsern unglücklichen Freund bedauern, diese mit der Gefahr unsers Lebens ihm zu Hülfe eilen.[9]

Demnach führt für Mendelssohn das alleinige Empfinden von Bewunderung, sowie auch von Mitleid, noch nicht zur Sittenverbesserung: „Auch das Mitleiden kann uns zu Untugenden bringen, wenn es nicht von der Vernunft regiert wird.“[10] Hierfür muss der Affekt also erst die Seele, den Verstand des Zuschauers, bewegen. Erst wenn der Verstand angeregt wird, kann sich die Urteilskraft bessern und tugendhaftes Handeln durch Bewunderung bewirkt werden.

Gerade aus diesem Grund ist aber Lessing der Auffassung, dass das Trauerspiel den Zuschauer weder abschrecken, noch durch Bewunderung zur Nachahmung verleiten sollte, da die Wirksamkeit dieser beiden Affekte vom Verstand abhängig ist, der nicht bei allen Zuschauern vorausgesetzt werden kann. Das Mitleiden hingegen kann bei allen Zuschauern vorausgesetzt werden.

Erst gegen Ende des Briefwechsels wird der zweite aristotelische Begriff ‚phobos‘ aufgegriffen. Bis April 1757 übersetzt Lessing ‚phobos‘ noch mit ‚Schrecken‘, welchen er aber lediglich als zweitrangingen Affekt dem Mitleid unterordnete und als „das überraschte und unentwickelte Mitleid“[11] betrachtete:

Dergleichen zweyte Affekt aber, die bey Erblickung solcher Affekten an andern, in mir entstehen, verdienen kaum den Namen der Affekten; daher ich denn in einem von meinen ersten Briefen schon gesagt habe, daß die Tragödie eigentlich keinen Affekt bey uns rege mache, als das Mitleiden.[12]

Aufgrund der unterschiedlichen Übersetzungen beschließt sich Lessing im April 1757 eine Korrektur an seiner Übersetzung des Begriffs ‚phobos‘ vorzunehmen, „denn Furcht muss es überall heißen, und nicht Schrecken“:

Können Sie mir nicht sagen, warum sowohl Dacier als Curtius, Schrecken und Furcht für gleich bedeutende Worte nehmen? […] Aristoteles erklärt das Wort phobos […] durch die Unlust über ein bevorstehendes Übel, und sagt, alles dasjenige erwecke in uns Furcht, war, wenn wir es an andern sehen, Mitleiden erwecke, und alles dasjenige erwecke Mitleiden, was, wenn es uns selbst bevorstehe, Furcht erwecken müsse. Dem zu Folge kann also die Furcht […] keine unmittelbare Wirkung des Trauerspiels seyn, sondern sie muß weiter nichts als eine reflectierte Idee seyn, […][13]

Auch nach seiner Übersetzung des Begriffs ‚phobos‘ mit ‚Furcht‘ verliert das Mitleid nicht seine Position als zentralen tragischen Affekt. ‚Phobos‘ bleibt weiterhin dem Mitleid untergeordnet.

Trotz seiner Übersetzungskorrektur verwendet Lessing zehn Jahre später in seiner Hamburgischen Dramaturgie zunächst wieder den Begriff ‚Schrecken‘ für ‚phobos‘. Klaus Bohnen ist der Überzeugung, dass ‚Mitleid und Schrecken‘ vor dem 74. Stück der Hamburgischen Dramaturgie ein Begriffspaar ohne nennenswerte inhaltliche Bestimmung war, und daher Lessing infolgedessen wieder auf den Begriff ‚Schrecken‘ zurückgegriffen hat.

[...]


[1] Aristoteles: Poetik, übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Stuttgart 2010, S. 19.

[2] Vgl. Fuhrmann, Manfred: Die Dichtungstheorie der Antike. Aristoteles - Horaz - "Longin", 2., überarbeitete und veränderte Auflage, Darmstadt 1992, S. 161-163.

[3] Lessing, Gotthold Ephraim; Mendelssohn, Moses; Nicolai, Friedrich: Briefwechsel über das Trauerspiel, herausgegeben von Jochen Schulte-Sasse, München 1972, Brief vom November 1756, S. 54.

[4] ebenda, S.54.

[5] ebenda, Brief vom November 1756, S. 54.

[6] Vgl. ebenda, Brief v. November 1756, S. 55.

[7] Vgl. Golawski-Braungart, Jutta: Furcht oder Schrecken. Lessing, Corneille und Aristoteles. In: Euphorion 93 (1999), S. 401-431, hier S. 413.

[8] Lessing, Gotthold Ephraim; Mendelssohn, Moses; Nicolai, Friedrich: Briefwechsel über das Trauerspiel, Brief v. November 1756, S. 66.

[9] Lessing, Gotthold Ephraim; Mendelssohn, Moses; Nicolai, Friedrich: Briefwechsel über das Trauerspiel,, Brief v. Mai 1757, S.119.

[10] ebenda, Brief v. Dezembers 1756, S. 73

[11] ebenda, Brief v. November 1756, S. 56.

[12] ebenda, Brief v. Februar 1757, S.103.

[13] Lessing, Gotthold Ephraim; Mendelssohn, Moses; Nicolai, Friedrich: Briefwechsel über das Trauerspiel, Brief v. April 1757, S.106.

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668679580
ISBN (Buch)
9783668679597
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v419311
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Geisteswissenschaften und Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Das Trauerspielkonzept von Gotthold Ephraim Lessing Eine Untersuchung der Entwicklung der Dramentheorie Lessings unter besonderer Berücksichtigung des aristotelischen Begriffspaares ‚eleos‘ und ‚phobos‘

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