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Erziehung zur vernünftigen Liebe in Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G

Hausarbeit 2005 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Liebe als moralisches Erziehungskonzept bei Gellert

3. Die schwedische Gräfin von G*** - Gellerts Roman als Wegbereiter der Neigungsehe
3.1. Erziehung zur Ehe
3.2. Werbung und Heirat
3.3. Erziehung in der Ehe

4. Weitere Liebeskonzepte in Gellerts Roman
4.1. Caroline
4.2. Mariane
4.3. Das Kosakenmädchen

5. Schlußbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gellert ist ein Autor, der so widersprüchlich ist wie das Jahrhundert, in dem er gelebt und gewirkt hat: „[E]r ist denkfreudiger Aufklärer und rührender Herzensapostel, er ist Transzendentalist und Pietist, er wirkt gütig und demütig, ist aber auch eitel, kritisch und voll ironischer Anspielungen“[1]. In der hier vorliegenden Arbeit soll aufgezeigt werden, welches Idealbild der vernünftigen Liebe Gellert in seinem Roman „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“ entwirft und wie er es an seine Leserinnen weitergibt. Denn im wesentlichen waren die Frauen das von Gellert angesprochene Publikum. Um dies aufzuzeigen, werde ich im ersten Teil der Arbeit darauf eingehen, wie das Gellertsche Liebesideal aussieht und welche Voraussetzungen die Frau dafür erfüllen muß, um dann im weiteren Verlauf der Arbeit darauf einzugehen, inwieweit Gellert dieses Konzept in seiner Figur der schwedischen Gräfin umgesetzt hat. Dabei ist zu bedenken, daß Gellerts Roman als ein Werk des „Überganges“ zu betrachten ist, der, indem er die Grundprobleme seiner Epoche thematisiert, das Lebensgefühl des aufstrebenden Bürgertums widerspiegelt: Liebe, Verstand und die beginnende Loslösung der Frau aus ihrer „verordneten Unmündigkeit“[2] spielen eine immer größere Rolle im Leben der Menschen, aber die alten Werte der barocken Zeit sind noch in den Köpfen lebendig. Um diese Problematik zu verdeutlichen, stellt Gellert seinem Liebesideal weitere Liebeskonzepte gegenüber, die ich im letzten Teil der Arbeit genauer untersuchen werde.

2. Liebe als moralisches Erziehungskonzept bei Gellert

„Frauenzimmer [...], die über die weiblichen Pflichten, die sie erlernen, sich durch das Lesen guter Bücher den Verstand aufheitern, und das Herz edler bilden, diese achte ich sehr hoch und wenn ich solche Frauenzimmer denke, so bin ich oft geneigt, [] zu glauben, daß das andre Geschlecht vielleicht die beste und tugendhafteste Hälfte des menschlichen Geschlechts sey.“[3]

In diesen Sätzen bringt Gellert nicht nur sein eigenes Erziehungsmodell auf den Punkt, sondern er skizziert das aufgeklärte Erziehungsmodell schlechthin, das sich nicht nur bei Gellert „vornehmlich an das weibliche Geschlecht richtete und in ihm einen dankbaren und gelehrigen Empfänger fand“.[4] Was aber heißt Erziehung im Sinne Gellerts? Er selbst beantwortete dies in seinen Moralischen Vorlesungen so: „Kinder erziehen heißt, ihren Verstand, ihr Herz, ihren Körper und ihre besonderen Naturgaben so zu bilden, daß sie sich und anderen zum Glücke leben und die wichtigsten Absichten ihres Daseins erreichen lernen.“[5] Dabei gilt Gellert als höchstes Erziehungsziel die Tugend, in Form von Gottesfürchtigkeit, Menschenliebe, Herzensfrömmigkeit und Strebsamkeit, die wiederum das Fundament für die einzelnen Ziele seiner Pädagogik, wie Gehorsam, Fleiß, Keuschheit, Ordnungsliebe und andere moralische Haltungen bilden.[6] Der Moral wird dabei eine besondere Aufgabe zugeschrieben, sie soll „unsern Verstand zur Weisheit und unser Herz zur Tugend“[7] führen. Für Gellert ist sie die wichtigste Vorraussetzung zur Erkenntnis des göttlichen Willens, da sie sich nicht nur an den Kopf, sondern an den ganzen Menschen wendet. Nur sie kann den Geist erleuchten und das Herz beleben. Dabei ist es nicht die Schwierigkeit, die Gesetze der Moral verstandesmäßig zu erkennen, sondern sie stets auszuüben. Dies gelingt - so Gellert - nur aus der Tugend des Herzens.[8] Dies galt, wie bereits oben erwähnt, besonders für Frauen, denn zu Beginn des 18. Jahrhunderts richtete sich die weibliche Emanzipation in Richtung Gelehr­samkeit. Darin sollten die Frauen Wissen und Tugend und in beidem wiederum Glück finden.[9]

Gellert entwickelte aber kein eigenes Erziehungsmodell, sondern griff Erziehungs­maximen auf, die zu Zeiten der Aufklärung mannigfaltig diskutiert wurden. Besonders grundlegende Vorstellungen finden sich sowohl bei John Locke, den Pietisten und vor allem dem frühen Basedow vorgegeben.[10] Das Besondere an Gellerts Erziehungskonzept ist somit nicht das Neue, sondern liegt zum großen Teil an der dichterischen Gestaltung, in die es eingebaut wurde: „Die Verknüpfung von praktischer Erziehung und Dichtung macht den eigentlichen Reiz [...] [des] Gellertschen Werk[es] aus.“[11]

Daß Gellert aber zu einem solch populären Romanautor und Erzieher wurde, liegt vor allem darin begründet, daß Gellerts Moral und die durch sie zu erreichenden Tugenden, wie Gelassenheit, Mäßigung und Beherrschung, Geduld, Demut, und Ver­trauen auf die göttliche Vorsehung, allen Sterblichen zugänglich waren, den Armen wie den Reichen, den gesellschaftlich hoch und niedrig Gestellten, den Kranken wie den Gesunden und eben und vor allem den Frauen.[12] Diesen - vor allem der jungen Frauengeneration - gilt das Interesse der Autoren um die 1750. Dank des Interesses der männlichen Aufklärer wurde es ihnen gestattet, gleichberechtigt am bürgerlichen Emanzipationsprozeß teilzunehmen, bzw. unter der Regie ihrer Väter zu den stillen Repräsentantinnen des Zeitalters zu werden.[13] Dieses Interesse wird auch bei Gellert deutlich. Er wurde zu dem Vater-Autor schlechthin, weil er, der selber nie Kinder hatte, sich um so ernsthafter und pflichtbewußter dieser Vaterrolle verschrieb, sei es in seinen Lustspielen, seinen Briefen an Caroline Lucius oder seinem Roman „Leben der schwedischen Gräfin von G***“.[14] Der Mädchenerziehung und Frauen­bildung nach ihrem Bilde hatten sich die Männer der Aufklärung verschrieben und sie zum allgemeinen Ziel der Aufklärung gemacht[15] - und in der Erziehung zur Liebe machten sie keine Ausnahme.

3. Die schwedische Gräfin von G*** - Gellerts Roman als Wegbereiter der Neigungsehe

Gellert verschreibt sich ebenfalls diesem Ideal, doch er läßt seine Romanheldin ihr ganzes Leben beschreiben. Normalerweise stehen die Frauen, im Gegensatz zu den jungen Mädchen, noch außerhalb der aufgeklärten Elitegemeinschaft, „sie re­präsentieren den Typus der preziösen, egozentrischen oder einfältigen Frau, je nach sozialem Status.“[16] Gellert jedoch will seinen Lesern und insbesondere den Lese­rinnen vor allem eins sein: Ein Lehrer und Ratgeber, der ihnen hilft, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.[17] Und dies kann nur in Form einer erfüllten und glücklichen Ehe realisiert werden, die wiederum nur durch eine vernünftige Erziehung zustande kommen kann, wie es an der Romanheldin deutlich wird. Auf­grund ihrer Erziehung, die nicht nur ihren Verstand berührte, sondern vor allem auch ihr Herz, wurde ihr „die Tugend [...] [zur] angenehmste[n] Gefährtin“[18], und mit diesem Rüstzeug ausgestattet, kann sie nicht nur alle Lebensprobleme lösen oder zumindest überstehen, sondern auch eine auf Vernunft und ehrlicher Liebe beruhende Ehe führen. Dabei zeichnet sich Gellerts Romanheldin durch jene Tugenden aus, die er seinen Leserinnen auch im wahren Leben empfiehlt: „Ergebung in Gottes Willen, moralischer und vernünftiger Lebenswandel, gute Lektüre und vor allem ein harmonisches Eheleben“[19]

Dabei unterscheidet Gellert in seinem Roman und auch in seinen Lustspielen zwei Frauentypen; die dem alten Typus zugehörigen, wie die Muhme der Gräfin, und diejenigen, die durch eine entsprechende Erziehung ihrer Väter bzw. einer Vaterfigur zu den Repräsentantinnen der Aufklärung werden.[20] Der alte Typus Frau erweist sich dabei als untauglich, das neue Erziehungsprogramm zu tragen. In Gellerts Werken erscheinen diese Frauen daher meist als Randfiguren, allein die Männer sind in der Lage, das Mädchen bzw. die Frau zu erziehen, in den ersten Jahren als Vater und später als Ehemann.[21] Dabei wird den Mädchen eine weitgehende Autonomie zuge­standen, die ihre Grenzen nicht mehr durch die väterliche Autorität erfährt, sondern sich allein in der freien Einsicht in gesellschaftliche „Notwendigkeiten“ manifestiert.[22] Diese Freiheit läßt Gellert seiner Protagonistin im „Leben der schwedischen Gräfin von G***“ auch und vor allem in Bezug auf die Wahl ihres Ehemannes bzw. ihrer Ehemänner. Bei der Werbung des Grafen erhält sie, ohne, daß über dritte vermittelt wird, seinen Brief, in welchem er ihr - quasi mit der Tür ins Haus fallend - seine Liebe gesteht.[23] Sie kann nach freiem Willen entscheiden. Auch wenn es kurz darauf heißt: „Der Vater des Grafen hatte zugleich an meinen Vetter geschrieben. Kurz, ich war die Braut eines liebenswürdigen Grafen.“[24] Dieses Problem findet sich in Gellerts Roman noch häufiger, da der Autor versucht, innerhalb der alten Normen eine neue Liebeslandschaft zu entwerfen und den Lesern zu vermitteln. Gellert ist ein Verfechter der Neigungsehe, der mit seinem Roman zum Wegbereiter dieser Form der Eheschließung wird, aber dazu muß er den Menschen die Vorzüge dieser Art von Verbindung näherbringen. Er muß es sie lehren.[25] Dabei spielt er bewußt mit den skeptischen Zweifeln seiner Zeitgenossen, wenn er z.B. die Liebesheirat von Carlson und Marianne in einer Katastrophe enden läßt. Denn noch bevor beiden ihre aufgedeckte Geschwisterschaft und die aus ihr entstehenden Gefühlsaffekte zum Verhängnis werden, warnt die Gräfin vor dieser Ehe: „Diese Nachricht erschreckte uns fast mehr, als sie uns erfreute. Wir vermuteten bei dieser Ehe zwar genug Liebe, aber nicht genug Überlegung.“[26] Darauf aber will Gellert hinaus, das will er seinen Lesern, besonders den weiblichen, vermitteln: Ein angenehmes und selbst bei schlimmsten Herausforderungen immerhin noch erträgliches Leben kann es nur geben, wenn die Affekte gemäßigt bzw. gezähmt werden können. Das ist die Quintessenz des Gellertschen Lebens- und Verhaltensideals: Ein enges und einvernehmliches Zusammenspiel von Herz und Vernunft, jenseits aller Affekte.[27] Brückmann nannte es „das Ideal des von der Vernunft gezügelten wohltemperierten Gefühls“[28], das sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman zieht.

[...]


[1] Spaethling, Robert H.: Gellerts “Leben der schwedischen Gräfin von G.”,in: Fisher, John Hurt (Hrsg.): Publications of the Modern Language Association of America, Menasha 1966, S. 230.

[2] Maier, Hans- Joachim : Zwischen Bestimmung und Autonomie, Erziehung, Bildung und Liebe im Frauenroman des 18. Jahrhunderts, Hildesheim u.a. 2001, S. 14.

[3] Ebert, Friedrich Adolf (Hrsg.): Christian Fürchtegott Gellert`s Briefwechsel mit Demoiselle Lucius, Leipzig 1823, S.20 (zit. nach: Späth, Sibylle: Väter und Töchter oder die Lehre von der ehelichen Liebe in Gellerts Lustspielen, in: Witte, Bernd( Hrsg.): „Ein Lehrer der ganzen Nation“, Leben und Werk Christian Fürchtegott Gellerts, München 1990, S. 51).

[4] Späth, Sybille: Väter und Töchter oder die Lehre von der ehelichen Liebe in Gellerts Lustspielen, in: Witte, Bernd( Hrsg.): „Ein Lehrer der ganzen Nation“, Leben und Werk Christian Fürchtegott Gellerts, München 1990, S. 51.

[5] Schlegeln, Johann Adolf/ Heyern, Gottlieb Leberecht: Christian Fürchtegott Gellerts Gesammelte Schriften, Sechster Theil, Leipzig 1770, S.493 (zit. nach: Koch, Friedrich: Christian Fürchtegott Gellert, Poet und Pädagoge der Aufklärung, Weinheim 1992, S. 14).

[6] vgl. Koch, Friedrich: Christian Fürchtegott Gellert, Poet und Pädagoge der Aufklärung, Weinheim 1992, S. 109.

[7] Schlegeln,J. A./ Heyern, G. L.: Moralische Vorlesungen, S. 9.

[8] vgl. Koch, F.: Poet und Pädagoge, S. 110.

[9] vgl. Bovenschen, Silvia: Die imaginierte Weiblichkeit, Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen, Frankfurt am Main 1979, S. 81.

[10] vgl. Koch, F.: Poet und Pädagoge, S. 104.

[11] Koch, F.: Poet und Pädagoge, S. 105.

[12] vgl. Koch, F.: Poet und Pädagoge, S. 110.

[13] vgl. Späth, S.: Väter und Töchter, S.52.

[14] vgl. Späth, S.: Väter und Töchter, S.53.

[15] ebd.

[16] vgl. Späth, S.: Väter und Töchter, S.53.

[17] vgl. Witte, Bernd: Der Roman als moralische Anstalt, Gellerts „Leben der schwedischen Gräfin von G...“ und die Literatur des achtzehnten Jahrhunderts, in: Wiedemann, Conrad (Hrsg.): GRM, Bd. 30(1980), Heidelberg 1980, S. 151.

[18] Gellert, Christian Fürchtegott: Leben der schwedischen Gräfin von G***, Stuttgart 1985, S. 6.

[19] Witte, B.: Der Roman als moralische Anstalt, S. 151.

[20].vgl. Späth, S.: Väter und Töchter, S.56.

[21] ebd.

[22] Vgl. Späth, S.: Väter und Töchter, S.57.

[23] vgl. Gellert, Chr. F.: Gräfin von G***, S. 8.

[24] Gellert, Chr. F.: Gräfin von G***, S. 10.

[25] Schmiedt, Helmut: Liebe, Ehe, Ehebruch, Ein Spannungsfeld in deutscher Prosa von Christian Fürchtegott Gellert bis Elfriede Jelinek, Opladen 1993, 45.

[26] Gellert, Chr. F.: Gräfin von G***, S. 39.

[27] vgl. Schmiedt, H.: Liebe, Ehe, Ehebruch, S. 34.

[28] Fritz Brüggemann, Gellerts Schwedische Gräfin. Der Roman der Welt- und Lebensanschauung des vorsubjektivistischen Bürgertums. Eine entwicklungsgeschichtliche Analyse, 1925, S.8 (zit. nach: Schmiedt, H.: Liebe, Ehe, Ehebruch, S. 32).

Details

Seiten
21
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638401494
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v42015
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Neuere Deutsche Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Erziehung Liebe Gellerts Leben Gräfin Grundkurs Dreiecksbeziehungen Gellert Fontane

Autor

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Titel: Erziehung zur vernünftigen Liebe in Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G