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Herzog Ernst und die monstra des Orients

Hausarbeit 2005 22 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Bild der monstra im Mittelalter

3. Die Orientreise
3.1. Grippia - Die Kranichschnäbler
3.2. Arimaspi - Die Einäugigen
3.3. Die Platthüeve
3.4. Die Langohren
3.5. Die Pygmäen
3.6. Der Riese

4. Ernsts Verhältnis zu den Monstren

5. Schlußbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der auf den Herzog Ernst bezogenen Forschung stand lange Zeit nur die Empörer- Geste, die „deutsche Kernfabel“, im Mittelpunkt, während die Orientreise nur als sekundäre Zutat der Dichtung betrachtet wurde.[1] In der hier vorliegenden Arbeit soll dies nun umgekehrt werden und die Orientreise, genauer noch, Ernsts Reise in die Wunderwelten von Grippia und Arimaspi als Schwerpunkt von Interesse sein. Denn diese stellen innerhalb der Orientfahrt wiederum eine eigene Welt dar, in der es für Ernst verschiedene Gefahren zu überwinden gilt. Vor allem dienen sie ihm aber als Möglichkeiten, seine verlorene Ritterlichkeit und Ehre wiederherzustellen. Dabei soll im Verlauf dieser Arbeit dargelegt werden, inwieweit die monstra und das Verhältnis, das Herzog Ernst zu ihnen entwickelt, für den Verlauf der Dichtung von Bedeutung sind. Dazu werde ich zuerst näher darauf eingehen, wie sich das Bild der monstra im Mittelalter entwickelte, worauf es aufbaute und warum sie im Mittelalter als Teil der Schöpfung verstanden wurden. Darauf aufbauend werde ich dann erläutern, in welchen Situationen Ernst auf die monstra trifft, inwieweit der Dichter auf dem traditionellen Bild der mittelalterlichen Monstren aufbaut und warum dies für den weiteren Verlauf der Dichtung von Bedeutung ist. Um dies darzulegen, wird im weiteren Verlauf geklärt, wie Ernst und die monstra in den entsprechenden Situationen aufeinander reagieren und wie sich ihr Verhältnis fortsetzt bzw. ob der Text darüber überhaupt weiter Auskunft gibt.

2. Das Bild der monstra im Mittelalter

„Am Anfang war das Wort“ und alles ist durch das Wort geworden.[2]

Durch das Wort wird immerfort eine neue Welt erschaffen, daran hat sich seit biblischen Zeiten nichts geändert[3] - neue Geschöpfe werden erdacht, Ideen versinnbildlicht und Wunder verständlich gemacht.

Im Mittelalter war dies nicht anders. Zudem kam hinzu, daß man den Autoritäten der Antike mehr Bedeutung beimaß als der neuzeitlichen Gewißheit durch Erfahrung, da deren wissenschaftliche Methoden als Ausgeburten der superbia angesehen wurden.[4] Das uns bekannte mittelalterliche Bild der monstra basiert daher zum großen Teil auf der umfassenden Quellenlage der Antike, als die Menschen die Natur zu beobachten begannen und das Gesehene beschrieben und schriftlich festgehalten wurde. Dabei bedienten sich die Menschen des Vergleiches mit Bekanntem, wenn sie unbekannte Kreaturen darzustellen versuchten.[5]

Die ersten uns heute bekannten Aufzeichnungen zu Monstren finden sich bereits in Homers Illias, in der Pygmäen und Kranichmenschen beschrieben werden.[6] Auffällig ist hierbei, daß vor allem Indien und Afrika zur Heimat dieser Wunderwesen werden. Doch nicht nur in den Epen der Antike werden Monstren und ähnliche Wunder erwähnt. Bereits in Herodots Bericht über Indien werden erste Grundlagen für das mittelalterliche Bild des Orients geschaffen.[7] Nur fünfzig Jahre später, zu Beginn des 4 Jh. v. Chr., erschien ein Buch von Ktesias von Knidos über Indien. Abgesehen von einigen bruchstückhaften Überlieferungen in den Werken anderer Autoren ist dieses Werk nur in einer zusammengefaßten Version aus dem 9. Jh. n. Chr. erhalten geblieben. Der Autor dieses Werkes hatte jedoch ein sehr viel größeres Interesse an den Wundern des Ostens, als Ktesias es ursprünglich beabsichtigte.[8] Dennoch schreibt Wittkower: „In any case, it is certain that, owing to Ktesias´ book, India became the land of marvels. He repeated all the fabulous stories about the East which had been current from Homer´s time onwards and added many new ones, including tales of the weather, of miraculous mountains, diamonds, gold, etc. He populated India with the pygmies, who fight with the cranes, with the sciapodes, […], and with the cynocephali, […].”[9] Diese und andere wunderliche Fabelwesen beschreibt Ktesias in seinem Buch, obwohl er das Land selbst nie gesehen hatte. Der erste, der das Land selbst bereiste und dennoch an der Beschreibung dieser Wunderwelt festhielt, war Megasthenes.

Obwohl Alexander der Große bei seinem Eroberungszug viele Gelehrte damit beschäftigt hatte, ein genaues Bild Indiens zu entwerfen, widerlegt Megathenes dies in seinem Werk, wenn er z. B. von den Menschen mit den langen Ohren oder anderen Monstren schreibt, die das Land bevölkern sollen. Doch Wittkower gibt dazu zu bedenken: „ [T]he majority of the fabulous stories were of literary origin, they were borrowed from the Indian epics. Megasthenes himself said that he owed his knowledge of some of the marvels to the Brahmans and he had, of course, no reason to distrust the reports of the highly esteemed caste of philosophers.”[10]

Es gibt noch viele andere Quellen, unter anderem verfaßt von Aelian, Aristoteles und anderen namhaften Größen der Antike, doch erst mit Beginn des Mittelalters versuchten die Autoren das bekannte Weltbild mit der christlichen Lehre zu verbinden. „One of the main sources for the mediaeval lore of monsters was Pliny`s Historia naturalis (finished 77 A.D.).”[11] Dieses Werk umfaßt verschiedene Inhalte, die er in unkritischer Weise von seinen Vorgängern übernommen hat und Plinius betont ausdrücklich, daß der Osten und im besonderen Indien reich an Wundern sind. Solinus, der im 3. Jh. n. Chr. die Collectanea rerum memorabilium schrieb, übernahm später große Passagen aus Plinius Werk, wobei er noch stärker auf die Wunder und Monstren einging.[12] Die geographischen Erkenntnisse mußten aber mit den Vorgaben in der Bibel in Übereinstimmung gebracht werden, um dem christlichen Bild zu entsprechen. Dies versuchte zunächst Augustinus, indem er erklärte, daß es nur drei Möglichkeiten gäbe, die Existenz der Monstren zu erklären. Entweder sind die Geschichten über sie nicht wahr, was am einfachsten wäre, oder, wenn sie doch wahr sind, so handelt es sich bei den beschriebenen Monstren um Tierarten und nicht um Menschen. Wenn es sie aber doch gibt, und sie tatsächlich menschliche Kreaturen sind, dann müssen sie ebenso wie alle anderen von Adam, dem ersten Menschen, abstammen.[13] Dennoch bleibt er skeptisch in seinen Ausführungen, auch wenn er zunächst keinerlei Hinweise gibt, wo ihm Skepsis angebracht erscheint.[14]

Aber er gibt die entscheidende Definition für „Natürlichkeit“ und Wunder, indem er ausführt: „Als natürlich gilt das Gewohnte, als mirabile das wegen seiner Seltenheit Außergewöhnliche.“[15] Daraus ergibt sich, daß die wunderbaren Völkerschaften lediglich Abweichungen vom Gewohnten sind, und dies grenzt zudem den Menschen vom Tier ab, da nur für jenen der Maßstab des Gewöhnlichen, des Normalen gelten kann.[16]

Diese Auslegungen des Augustinus wurden von allen Autoren des Mittelalters akzeptiert und übernommen. Isidor von Sevilla, der mit seiner Etymologiae das mittelalterliche Bild der monstra entscheidend geprägt hat, ging noch einen Schritt weiter und erklärte die monstra zu einem Teil der Schöpfung und nicht „contra naturam“.[17] Dabei zitiert er Augustinus wörtlich und hebt dessen Beschreibung ins Grundsätzliche, indem er die monstra zum Teil der Natur macht, welche vom Schöpfer nach seinem Plan geschaffen wurden. Diese Wesen sind somit nicht gegen die Natur geschaffen, sondern nur gegen die bekannte Natur.[18] Als neue Gruppe von Wesen führt Isidor zusätzlich die fabulosa portenta ein, wobei er jedoch nicht angibt, welche Kriterien die Klassifizierung eines Wunderwesens als literarische Allegorie erlauben oder notwendig machen.[19] Als Erkenntnisziel hält er jedoch fest, daß nur durch die Erforschung der Natur das Wunderbare aus dem Schwebezustand zwischen Wahr­scheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit erlöst werden kann. Erweist es sich dabei als Bestandteil der Natur, so reduziert sich das Wunderbare auf das Exotische und ist als Abweichung von der Norm einfach nur ungewohnt. Ist dieser Beweis jedoch nicht zu erbringen, ist das Wunderbare als poetisch-fiktional bzw. als lügenhaft anzusehen.[20] An diesem Erkenntnisziel ändert sich bis zur frühen Neuzeit wenig.[21]

Dennoch wurde natürlich schon im Mittelalter nach dem Wahrheitsgehalt und dem Wahrscheinlichkeitsgrad von Naturberichten und Tierkunden gefragt, aber man stellte grundsätzlich nichts in Gottes Schöpfung in Frage und hielt nichts in ihr für unmöglich.[22] Deshalb gehörten auch Fabelwesen in Gottes Heilsplan.[23]

[...]


[1] vgl. Kühnel, Jürgen: Zur Struktur des Herzog Ernst, S. 248, in: Euphorion 73 , Heidelberg 1979, S. 248- 271.

[2] vgl. Prolog des Johannesevangeliums, Joh.1,1-27, http://www.a-site.at/cgi-bin/bbs/seele.pl?read=2268, 31.01.2005.

[3] vgl Wunderlich, Werner: Dämonen, Monster, Fabelwesen, Eine kleine Einführung in die Mythen und Typen phantastischer Geschöpfe, S. 12, in: Müller, Ulrich/ Wunderlich, Werner (Hrsg.) : Dämonen, Monster, Fabelwesen, Mittelaltermythen 2, St. Gallen 1999, S11- 38.

[4] vgl. Kellermann, Karina: Zwischen Gelehrsamkeit und Information: Wissen und Wahrheit im Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit, S. 124, in: Schaefer, Ursula (Hrsg.): Artes im Mittelalter, Berlin 1999, S. 124- 140.

[5] vgl. Wunderlich, W.: Monster, S. 12.

[6] vgl. http://www.dbnl.org/tekst/maer002dern01_02/maer002dern01_02_013.htm, 31.01.2005.

[7] vgl. Wittkower; Rudolf: Marvels of the East, A study in the history of Monsters, S. 159, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 5 , London 1942, S. 159- 197.

[8] vgl. Wittkower, R.: Marvels, S.160.

[9] Wittkower, R.: Marvels, S.160.

[10] Wittkower, R.: Marvels, S.164.

[11] Wittkower, R.: Marvels, S.166.

[12] vgl. ebd.

[13] vgl. Cramer, Thomas: Der Umgang mit dem Wunderbaren in der Natur: Portenta, Monstra und Prodigia in der Zoologie des Mittelalters und der frühen Neuzeit - Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, S. 155f, in: Scholz Williams,Gerlinde/ Schindler, Stephan K. (Ed.): Knowledge, Science, and Literature in Early Modern Germany, Chapel Hill and London 1996, S. 151- 192.

[14] vgl. Cramer, T.: Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, S. 153.

[15] ebd.

[16] vgl. Cramer, T.: Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, S. 154.

[17] vgl. Wittkower, R.: Marvels, S.168.

[18] vgl. Cramer, T.: Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, S. 156.

[19] ebd.

[20] vgl. Cramer, T.: Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, S. 157.

[21] ebd.

[22] vgl. Wunderlich, W.: Monster, S. 16.

[23] vgl. ebd.

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638401500
ISBN (Buch)
9783638656399
Dateigröße
712 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v42016
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Ältere deutsche Literatur
Note
1,7
Schlagworte
Herzog Ernst Orients Grenzüberschreitungen

Autor

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