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Das Fräulein von Scuderi. Zusammenspiel von Kriminalgeschichte und Künstlerthematik

Ausarbeitung 2016 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kriminalistische Elemente
2.1 Das Verbrechen
2.2 Die Aufklärung
2.3 Das Fräulein als Detektivin

3. Künstlerthematik
3.1 Cardillacs Verhältnis zur Kunst
3.2 Scuderis Verhältnis zur Kunst

4.Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

E.T.A. Hoffmann wurde 1776 unter dem Namen Erst Theodor Wilhelm Hoffmann geboren, später ist er unter dem Namen Ernst Theodor Amadeus Hoffmann bekannt. E.T.A. Hoffmann zählte als Schriftsteller der Romantik, er wirkte zudem als Jurist, Karikaturist, Kapellmeister, Komponist und Zeichner. Seine Werke werden durch all diese Berufungen stark beeinflusst. Das Fräulein von Scuderierschien erstmalig 1819, also nur einige Jahre vor seinem Tod 1822. Sie erzählt die Geschichte einer Raubmordserie in Paris um 1680. Die Ermittlung übernimmt eine alte Dame, das Fräulein von Scuderi, deren dichterische Kunst vom königlichen Hof sehr geschätzt wird. Der angesehene Goldschmied Cardillac und im Geheimen handelnder Täter steht anfangs nicht im Verdacht, sondern sein Geselle Olivier Brusson und seine Geliebte Madelon, die Tochter des Goldschmieds.

Inspiriert ist die Geschichte durch realhistorische Ereignisse des 17. Jahrhundert in Paris. Zu diesen Ereignissen zählen die Giftmorde und die diesbezüglich ermittelnde Polizei, zu welcher der Polizeichef Nicolas de la Reynie gehört. Hoffmanns juristische Vorgeschichte ermöglichte ihm den Zugang zu Rechtsfällen. Er nutzt diesen als Inspiration für seine Geschichten und Charaktere.[1]Darstellungen der Charaktere seiner Geschichten, wie der Polizeichef Nicolas de la Reynie – hier La Regnie und die Chambre ardente, sowie die französische Schriftstellerin Madeleine de Scudéry (1607-1701) – die Titelfigur der Geschichte, sind somit realhistorisch inspiriert, jedoch keine historisch korrekte Darstellung.

Durch das Auftreten verschiedener Künstlerfiguren erweckt die Geschichte den Anschein des Zusammenspiels von Kriminalfall und Künstlerthematik, welches im Folgenden erläutert werden soll. Zunächst soll eine Analyse der Geschichte anhand von drei kriminalistischen Elementen stattfinden, das Verbrechen, die Aufklärung, die Rolle der Scuderi als Detektivin. Diese Merkmale klassifizieren die Erzählung als Kriminal- und als Detektivgeschichte. Im Anschluss erfolgt die genaue Betrachtung der Künstlerthematik, also das Verhältnis des Goldschmieds Cardillac zu seiner Kunst, sowie das Verhältnis der Scuderi zu ihrer dichterischen Kunst. Abschließend soll im Fazit eine Klärung der Eingangsfrage, der Verbindung der kriminalistischen und künstlerthematischen Komponenten stattfinden.

2. Kriminalistische Elemente

„Der Kriminalroman, so wie er sich historisch entwickelt hat und wie er heute eine bestimmte und nicht wegzudiskutierende Rolle spielt, ist immer ein Detektivroman.“[2]Die Analyse der GeschichteDas Fräulein von Scuderizeigt nicht nur Merkmale der Kriminalgeschichte sondern auch bedeutende Hinweise, die für eine Detektivgeschichte sprechen. So handelt es sich vielmehr um die Geschichte der Aufdeckung eines Verbrechens, als nur um die Geschichte eines Verbrechens.[3]Dies ist ein Merkmal, welchesDas Fräulein von Scuderials Detektivgeschichte auszeichnet. Jedoch findet die Lösung des Rätsels nicht am Ende der Geschichte statt, sondern bereits in der Mitte. Somit ist es ein Merkmal, welches für die Kriminalgeschichte konstitutiv ist.[4]Eine genau Differenzierung soll deshalb im Folgenden nicht stattfinden, zugrunde liegt die Aussage von Marion Bönnighausen, dass „die gemeinsamen Merkmale von Kriminal- und Detektivgeschichte überwiegen und die Auseinandersetzung darum lediglich eine terminologische Diskussion ist,[...]“.[5]Im Folgenden sollen drei kriminalistische Elemente genauer untersucht werden, welche dem Schema der Detektivgeschichte zugrunde liegen, der Mord, der Detektiv in Verbindung mit der Kriminalpolizei, genauso wie der Prozess der Aufklärung.

2.1 Das Verbrechen

Während nun auf dem Greveplatz das Blut Schuldiger und Verdächtiger in Strömen floss, und endlich der heimliche Giftmord seltner und seltner wurde, zeigte sich ein Unheil andrer Art, welches neue Bestürzung verbreitete. Eine Gaunerbande schien es darauf angelegt zu haben, alle Juwelen in ihren Besitz zu bringen.[6]

E.T.A. Hoffmann nimmt hier Bezug auf den weltbekannten Giftmordkomplott des 17. Jahrhunderts, welcher die Pariser und die Regierung, als auch König Ludwig XIV. in Angst und Schrecken versetzte. Durch diesen realhistorischen Bezug auf die Giftmorde im 17. Jahrhundert „wird ein Sittenbild des damaligen Paris gezeichnet und damit ein weiterer Themenschwerpunkt der Erzählung vorgestellt.“[7]

Die wichtigsten novellistischen Merkmale sind mit der Kriminalstruktur verbunden. Die unerhörte Begebenheit ist der Kriminalfall selbst, der allem Vertrauen in die Sicherheit der Gesellschaft ein Ende setzt und die Menschen in Angst und Schrecken versetzt.[8]

Dieses Abbild des derzeitigen Paris erwirkt „eine Atmosphäre des Bedrohlichen“[9]und bietet damit dem Leser die optimale Grundlage, sich in das Handeln der Protagonisten hineinzuversetzen und mitzufühlen. Zudem wird der Leser zu Beginn der Geschichte durch einen unzuverlässigen Erzähler „es mochte im Herbst des Jahres 1680 sein“[10]in eine ungewisse Situation versetzt. Eine ebensolche Situation, welche auch die Pariser Bevölkerung im 17. Jahrhundert erlebt haben muss und auch in der Geschichte beschrieben wird. „ Das grausame Misstrauen trennte die heiligsten Bande. Der Gatte zitterte vor der Gattin – der Vater vor dem Sohn – die Schwester vor dem Bruder.“[11]Dieses „Sittenbild“ bietet daher den perfekten Einstieg in die Geschichte und die Rahmenerzählung.

Es beginnt mit einem sonderbaren oder „wunderlichen“ Vorfall, dem nächtlichen Erscheinen Oliviers bei der Scuderi und der hastigen Übergabe des Kästchens; dieser Vorfall verdichtet sich im Folgenden und im Kontext anderer sonderbarer Phänomene immer mehr zum tiefgründigen Geheimnis, dieses Geheimnis wird schließlich stufenweise und durch das Hinabsteigen in eine ferne Vergangenheit aufgeklärt,[...][12]

Die erste Szene, eine vermummte Person, die von der Dringlichkeit der Übergabe eines rätselhaften Kästchens an die Protagonistin überzeugt ist, steht zunächst in keinem direktem Zusammenhang zum derzeitigen „Sittenbild“. Durch diese dialogische Szene verdichtet sich die Ungewissheit des Lesers. Erst der Inhalt des Kästchens lässt eine Verbindung zu den „verruchtesten Greueltaten“[13]vermuten.

[…], als das Fräulein nun an einen hervorragenden stählernen Knopf drückte, und der Deckel des Kästchens mit Geräusch aufsprang. Wie erstaunte das Fräulein, als ihr aus dem Kästchen ein Paar goldne, reich mit Juwelen besetzte Armbänder und eben ein solcher Halsschmuck entgegenfunkelten[14]

Bei diesem besagten „Halsschmuck“ handelt es sich um die Arbeit des geachteten Goldschmieds Cardillac, dessen Arbeiten unverkennbar sind und den Kernpunkt der Raubmorde bilden. „René Cardillac war damals der geschickteste Goldarbeiter in Paris, einer der kunstreichsten und zugleich sonderbarsten Menschen seiner Zeit.“[15]Die Schlussfolgerung, dass Cardillac in die Verbrechen involviert ist, liegt dementsprechend sehr nahe und bestätigt sich im Verlauf der Geschichte. „Cardillac allein war es, der mit verruchter Tätigkeit in der ganzen Stadt seine Schlachtopfer suchte und fand.“[16]Die Aufklärung der Raubmorde bildet den Kernpunkt der Erzählung und bemächtigt sich der Verbrechen als Einleitung der Detektivgeschichte.

2.2 Die Aufklärung

„Der König, […], ernannte einen eigenen Gerichtshof, dem er ausschließlich die Untersuchung und Bestrafung dieser heimlichen Verbrechen übertrug. Das war der sogenannte Chambre ardente […], welcher La Regnie als Präsident vorstand“[17]Bei der Chambre ardente handelt es sich um die erste Ermittlungsinstanz, welche in die Geschichte eingeführt wird, jedoch mit der Ermittlung in diesem Fall an ihre Grenzen stößt. „Vergebens wütete La Regnie, und suchte Geständnisse zu erpressen, vergebens wurden Wachen, Patrouillen verstärkt, die Spur der Täter war nicht zu finden.“[18]Nach Feldges und Stadler dient diese dargestellte Hilflosigkeit und Unwissenheit der Justiz, E.T.A. Hoffmann als der Kritik an den damaligen „Organe[n] der Rechtspflege“[19]und kann deshalb auch auf die damalige preußische Justiz zurückgeführt werden, zumal Hoffmann selbst Jura studiert hatte. Die Ungewissheit der Justiz projiziert sich nicht nur auf die Bevölkerung von Paris, sondern lässt auch den Leser an der Kompetenz der Exekutiven zweifeln. „Ihre Methoden führen nicht nur nicht zur Aufklärung der Verbrechenserie, sie verhindern diese Aufklärung geradezu,[...]“[20]

„Der Marechaussee-Lieutenant“ Desgrais ist es, der Olivier, den Gesellen des Goldschmiedes Cardillac, des Mordes an seinem Meister bezichtigt.[21]„‹‹ René Cardillac wurde heute Morgen durch einen Dolchstich ermordet gefunden. Sein Geselle Olivier Brusson ist der Mörder.“[22]Im weiteren Verlauf des Ermittlungsprozesses verdichtet sich das Geheimnis und die fehlerhaften Indizien der Justiz führen zu falschen Annahmen. Eine Klärung des Rätsels durch die Justiz ist dem entsprechend nicht zu erwarten. Durch das Fräulein von Scuderi wird eine weitere Ermittlungsebene eingeführt. Durch ihre Tugend und ihren sozialen Stand vermag es nur die Scuderi das Geheimnis allmählich zu lösen und fungiert somit durch ihre Charaktereigenschaften als Kontrastperson zu Cardillac.

„ Der größte Teil der Geschehnisse wird aus ihrer Perspektive erzählt, in ihrem Haus laufen die Fäden der Ereignisse zusammen und sie wird zur tragenden Figur des erzählerischen Detektionsprozesses.“[23]

Wie bereits erwähnt, ist es nicht eindeutig, welchem Genre die Geschichte zuzuordnen ist. So spricht die Chronologie der Erzählung für eine Detektivgeschichte.

Das Fortschreiten der Erzählung besteht einerseits zwar in einer Vertiefung des Geheimnisses, andererseits aber in einer allmählichen Aufhellung des Rätsels. Es zeigt sich dabei, daß die Chronologie der Ereignisse […] auf der Ebene des Erzählens umgedreht ist.[24]

Dies ist ein fundamentales Merkmal der Detektivgeschichte, welches Spannung aufbaut und den Ermittlungsprozess in den Vordergrund stellt und ihn aufgrund dessen zum Kernthema der Erzählung macht. Es sind die bereits erwähnten „dialogischen Szenen“, welche der Chronologie folgen und die aufklärenden monologischen Ich-Sequenzen, welche entgegen der Erzähltenzeit und folgedessen rückläufig auf der Ebene des Erzählens verlaufen. Diese Augenzeugenberichte ermöglichen es dem Leser, Schritt für Schritt die Unklarheiten, Zweifel und unbewiesenen Vermutungen der Dialogpartien zu lösen. Eine Lösung des Verbrechens ist daher nur mit Hilfe der „drei eingefügten rückblendenden Ich-Erzählungen“ möglich, welche ohne Einfluss der Justiz im Haus der Scuderi zusammenkommen.[25]In den Worten von Brigitte Feldges und Ulrich Stadler „Nicht Scharfsinn und rationale, induktive Methoden führen zur Entlarvung des Verbrechens, sondern das Geständnis des Mitwissers Olivier und die Tugend der Titelfigur: Menschlichkeit und Mitgefühl.“[26]Die Scuderi steht, wie die Beschreibung „Titelfigur“ schon sagt, im Mittelpunkt der Aufklärung und ist durch ihre Charaktereigenschaften konstitutiv für die Aufklärung in der Rolle als Detektivin.

[...]


[1]Hoffmann, Alfred: E.T.A. Hoffmann – Leben und Arbeiten eines preußischen Richters, Baden-Baden, 1990, S.235-238.

[2]Heißenbüttel, Helmut: Spielregeln des Kriminalroman. In:Jochen Vogt (Hrsg.)., Der Kriminalroman, Band II, S.356-371, München, 1971, S.360.

[3]Bönnighausen, Marion: E.T. A. Hoffmann. Der Sandmann/Das Fräulein von Scuderi. In Bogdal, Klaus-Michael / Kammler, Clemens (Hrsg.): Oldenburg Interpretationen, Band 93, Oldenburg, 1999, S.76.

[4]Ebd.,S.79.

[5]Ebd.,S.76.

[6]Hoffmann, E.T.A.,(1820), S.12-13.

[7]Bönnighausen, Marion. S.77.

[8]Freund, Winfried: E.T.A. Hoffmann – Das Fräulein von Scuderi. Stuttgart, 2003, S.26.

[9]Bönnighausen, Marion (1999),S.77.

[10]Hoffmann,E.T.A.(1820), S.3.

[11]Hoffmann, E.T.A. (180), S.11.

[12]Pikulik, Lothar: E.T.A. Hoffmann als Erzähler, Göttingen, 1987, S.169.

[13]Hoffmann, E.T.A. (1820), S.8.

[14]Hoffmann, E.T.A.(1820),S.19.

[15]Ebd., S.22.

[16]Ebd., S.53.

[17]Hoffmann, E.T.A. (1820),S.11.

[18]Hoffmann, E.T.A. (1820), S.13.

[19]Feldges, Brigitte / Stadler, Ulrich: E.T.A. Hoffmann. Epoche – Werk – Wirkung, München, 1986, S.161.

[20]Ebd., S.161.

[21]Hoffmann, E.T.A. (1820), S.7.

[22]Ebd., S.32.

[23]Bönnighausen, Marion (1999), S.94.

[24]Steinecke, Hartmut (Hrsg.): E.T.A. Hoffmann, Neue Wege der Forschung, Darmstadt, 2006, S.42.

[25]Freund, Winfried (2003), S.28.

[26]Feldges, Brigitte / Stadler, Ulrich (1986),S.160.

Details

Seiten
13
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668684164
ISBN (Buch)
9783668684171
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v420466
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,7
Schlagworte
fräulein scuderi zusammenspiel kriminalgeschichte künstlerthematik

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