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Das Märchen "Aschenputtel" der Brüder Grimm und die "Cinderella"-Filme von Walt Disney. Ein Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 31 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Aspekte
2.1 Zum Begriff „Märchen“
2.2 Ursprung des Märchens „Aschenputtel“
2.3 Eine Gegenüberstellung der „Aschenputtel“-Märchen von Charles Perrault und den Brüdern Grimm

3. Aus „Aschenputtel“ wird „Cinderella“
3.1 Ein Einblick in die Filmgeschichte
3.2 „Cinderella“ von Walt Disney - Hintergründe
3.3 Narration im Film - Vorstellung meines Beobachtungsinstruments

4. Vergleich des Märchens „Aschenputtel“ der Brüder Grimm mit den Disney Verfilmungen „Cinderella“ aus den Jahren 1950 und 2015
4.1 Sequenzprotokoll: Exposition
4.2. Sequenzprotokoll: Hauptteil
4.3 Sequenzprotokoll: Schluss
4.4 Zusammenfassende Stellungnahme zu den Unterschieden

5. Mögliche Gründe für die Unterschiede

6. Fazit

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Es war einmal...

Wer diese Worte hört, der weiß, dass es sich um ein Märchen handelt. Bereits als Kind hat man diese Worte von seinen Eltern gehört, als diese vor dem Einschlafen ein Märchen vorgelesen haben. Man erinnert sich an zahlreiche Märchenanfänge wie:

„Es war einmal in einem fernen Land ein kleines Königreich.“

„Es war einmal ein Edelmann, der heiratete in zweiter Ehe (...).“

Es gibt jedoch auch Märchen, die nicht mit dieser Anschlussformel beginnen:

„ Vor langer, langer Zeit, lebte ein Mädchen namens Ella.“

„Einem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank (...).“

Interessant ist es an dieser Stelle zu benennen, dass alle vier genannten Anfänge aus einem Märchen entnommen worden sind: Aschenputtel bzw. Cinderella!

Nun kommt die Frage auf, wie von einem Märchen vier unterschiedliche Anfänge existieren können. Interessant ist der Fakt, dass es zwei bekannte niedergeschriebene Versionen dieses Märchens gibt. Einerseits die Version von Charles Perrault: „Aschenputtel oder der kleine gläserne Schuh“ (im Original: „Cendrillon ou la Petite Pantoufle de verre) aus dem Jahre 1697 und anderseits die Version der Brüder Grimm: „Aschenputtel“ aus dem Jahre 1812.

Darüber hinaus wurde dieses Märchen mehrfach verfilmt und als Musical aufgeführt. Die bekanntesten Verfilmungen sind beispielsweise von Walt Disney (1950): „Cinderella“, welche die Version von Charles Perrault zur Vorlage hat und die Verfilmung von Vaclav Vorlicek aus dem Jahre 1973: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, wobei letztere Version in eher in der DDR und CCSR Bekanntheitsgrad erreichte und die Buchauflage der tschechischen Schriftstellerin Bozena Nemcova zur Vorlage hat (und nicht die Version der Brüder Grimm oder Charles Perrault).

Mit dieser Hausarbeit möchte ich Unterschiede herausarbeiten, die zwischen der Grimm'schen Version von Aschenputtel aus dem Jahr 1812 und den Verfilmungen von Walt Disney (Cinderella) aus den Jahren 1950 und 2015 bestehen. Mein Hauptaugenmerk lege ich dabei auf die narrative Ebene und möchte heraus arbeiten, an welchen Stellen des Märchens Walt Disney in seinen Filmen von der Version der Brüder Grimm abweicht und mögliche Gründe hierfür benennen.

Beginnend werde ich Hintergrundwissen herausarbeiten und eine theoretische Grundlage schaffen, sodass basierend auf meiner theoretischen Fundierung der Hauptteil aufgebaut werden kann. Hierzu werde ich zunächst die beiden Fassungen von Aschenputtel der Brüder Grimm und von Charles Perrault miteinander vergleichen, sodass bei der späteren Gegenüberstellung der Grimm'schen Textform und der Verfilmung von Walt Disney schon an dieser Stelle mögliche Gründe für eine Abweichung benannt werden, da die Verfilmung von Walt Disney, wie bereits erwähnt, die Version von Charles Perrault zur Vorlage genommen hat. Nach dieser vertikalen Betrachtung lege ich mein Hauptaugenmerk auf eine Horizontale Betrachtung, indem ich das Grimm‘sche Märchen „Aschenputtel“ mit den beiden „Cinderella“-Filmen von Walt Disney vergleiche. Im weiteren Verlauf werde ich mögliche Gründe benennen, wieso die Versionen von Walt Disney im Vergleich zur Grimm‘schen Version so sehr voneinander abweichen und beziehe einschlägige Fachliteratur hierzu mit ein. Abschließend formuliere ich in meinem Fazit eine persönliche Stellungnahme und beziehe mich dabei auf die aufschlussreichsten Erkenntnisse meiner herausgearbeiteten Ergebnisse.

2. Theoretische Aspekte

2.1 Zum Begriff „Märchen“

Da sich meine Hausarbeit mit einem Vergleich der Grimm'schen Version von Aschenputtel und den „Cinderella“-Verfilmungen befasst, wird im Folgenden ausschließlich von der literarischen Gattung „Märchen“ die Rede sein. Diesbezüglich ist es zunächst sinnvoll zu klären, was genau ein Märchen ist. Vorweg ist zu sagen, dass es eine eindeutig anerkannte Definition für den Begriff des Märchens nicht gibt, jedoch existieren mehrere Ansätze den Begriff näher zu beschreiben.

Zunächst zur Wortherkunft: Der Begriff „Märchen“ oder „Märlein“ ist abgeleitet vom Begriff „Mär“ und steht für eine „Kunde“, einen „Bericht“, eine „Erzählung“ oder ein „Gerücht“[1]. Die Begriffe Kunde, Bericht und Gerücht waren vor etwa zweihundert Jahren treffender, da Märchen zu dieser Zeit überwiegend mündlich überliefert wurden. Die mittelhochdeutsche Bezeichnung „maere“ ist ebenfalls mit den Worten „Kunde“ oder „Erzählung“ zu übersetzen. Umfangreicher definiert ist ein Märchen eine kurze, mündlich oder schriftlich verbreitete Prosaerzählung, die von fantastischen Zuständen und Vorgängen berichtet. Zeit und Raum sind hierbei nicht festgelegt, jedoch greifen übernatürliche Mächte in die Alltagswelt ein. Beispielsweise verwandeln sich Tiere und Pflanzen in Menschen, Zauberer, Feen, Hexen, Zwerge, Riesen und Drachen beschützen oder gefährden den Menschen. Die zugrunde liegende Weltordnung ist eindeutig definiert: Das Gute wird belohnt, das Böse bestraft.

Ursprünglich waren Märchen für Erwachsene gedacht. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts ordnet man diese aufgrund deren Irrationalität dann der Kinderliteratur zu. Es sind zwei Gattungen des Begriffs „Märchen“ zu unterscheiden: Einerseits das Volksmärchen, welches anonym überliefert wurde und im „einfachen Volk“ entstanden ist. Andererseits das Kunstmärchen, welches Motive und Erzähltechniken des Volksmärchens übernimmt, jedoch das Werk eines bestimmten Dichters ist.

Das Märchen Aschenputtel der Brüder Grimm ist demnach den Volksmärchen zuzuordnen. Die Brüder Grimm haben ihre „Kinder- und Hausmärchen“ aus Überlieferungen niedergeschrieben, demnach existiert kein Autor.

2.2 Ursprung des Märchens „Aschenputtel“

Aschenputtel ist im englischsprachigen Raum als „Cinderella“, im französischen Raum als „Cendrillon“ und im italienischen Raum als „Cenerentola“ bekannt und gilt als verbreitetste Märchenfigur in Europa. Die Sammlung von Marian Roalfe Cox spricht von 345 Varianten dieses Märchens[2]. In der westlichen Welt ist die erste Version des Märchens von Aschenputtel 1634 in der Geschichte von Giambattista Basile: „La Gatta Cerentola“, im Deutschen „Aschenkatze“, im Druck erschienen. Es finden sich alle wesentlichen Motive des Aschenputtel-Märchens versammelt: Zum einen die böse Stiefmutter, welche jedoch anfangs als „geliebte Hofmeisterin“ in Erscheinung tritt und die Tochter (Zezolla) des verwitweten Fürsten bittet, dessen neues Weib zu ermorden, sodass diese ihren Vater heiraten kann. Nach der Hochzeit jedoch zieht die neue Stiefmutter ihre sechs Töchter der Zezolla vor und fortan wird sie nur noch „Aschekatze“ genannt. Weiterhin treten die genannten sechs neidischen Stiefschwestern auf und tragen ihren Teil dazu bei, dass Zezolla ihre Stellung verliert und gesellschaftliche Erniedrigung ertragen muss, da „(...) sie aus den Staatszimmern in die Küche, vom Thronhimmel zum Herd, (...) gelangt. “ Auch die Schuhprobe und die anschließende Heirat sind wesentlicher Bestandteil.

Diese Geschichte gilt als die Hauptquelle für Charles Perraults „Cendrillon ou la Petite Pantoufle de verre“, bei uns bekannt als „Aschenputtel oder der kleine gläserne Schuh“. Perrault verfeinerte die Geschichte, bis diese seinen Vorstellungen entsprach[3]. Auch hier ist die Tochter eines Edelmannes die Hauptfigur (Cendrillon) und wird von ihren beiden Schwestern „Aschenhocker“ oder „Aschenputtel“ genannt, denn „wenn es seine Arbeit getan hatte, ließ es sich in einer Ecke des Kamins nieder und setzte sich in die Asche, (...) “[4]. Es sind bereits an dieser Stelle wesentliche Unterschiede zur Version von Basile erkennbar: In Perraults Version wird die leibliche Mutter als „beste Frau der Welt“ beschrieben und Aschenputtels Charaktereigenschaften sind ihr Erbe. Bei Basile wird auf die leibliche Mutter zu keinem Zeitpunkt eingegangen. Weiterhin wäre Aschenputtel (in Perraults Märchen) aufgrund der Charakterbeschreibung „sanftmütig“ und „liebenswürdig“ nicht in der Lage gewesen, ihre eigene Stiefmutter (bei Basile: „das neue Weib“ des Vaters) zu ermorden. Ein weiterer Unterschied ist die Anzahl der Stiefschwestern. Bei Basile treten sechs Stiefschwestern auf, bei Perrault zwei. Bettelheim fügt an, dass der Charakter von Cendrillon in Perraults Version ein grundsätzlich anderer ist als in den anderen bekannten Versionen dieses Märchens: „Perraults Cendrillon ist zuckersüß und langweilig brav, und es geht ihr jegliche Initiative ab“[5].

Neben der Geschichte von Charles Perrault, welche im Jahr 1697 niedergeschrieben wurde, gilt die Version der Brüder Grimm, welche sie im Jahre 1812 in ihrem ersten Band der „Kinder- und Hausmärchen“ aufgenommen haben[6], als bekanntestes Aschenputtel-Märchen. Einen direkten Vergleich dieser beiden Versionen nehme ich im folgenden Abschnitt vor, da der direkte Vergleich beider Märchen für den Hauptteil meiner Hausarbeit eine zentrale Rolle einnimmt.

2.3 Eine Gegenüberstellung der „Aschenputtel“-Märchen von Charles Perrault und den Brüdern Grimm

Dieser Abschnitt befasst sich ausschließlich mit den Märchen „Aschenputtel oder der kleine gläserne Schuh“ von Charles Perrault und „Aschenputtel“ der Brüder Grimm und stellt wesentliche und grundlegende Unterschiede heraus, welche für meine weitere Arbeit die Basis bilden[7].

Direkt zu Beginn ist der erste Hauptunterschied erkennbar. Bei den Brüdern Grimm ist die Rede von einem reichen Mann, dessen Frau krank wurde, in Perraults Version ist die Rede von einem Edelmann. Bei der Grimm'schen Version geht Aschenputtel jeden Tag zum Grab der Mutter, welches in Perraults Version nicht vorkommt. Bei den Brüdern Grimm tragen die beiden Stiefschwestern dem Aschenputtel schwere Arbeit von morgens bis abends auf, bei Perrault ist es hingegen die Stiefmutter, welche ihr „die niedrigsten Arbeiten im Hause“[8] aufträgt. Aschenputtel schläft bei den Brüdern Grimm nicht in einem Bett, sondern neben dem Herd in der Asche, bei Perrault oben im Speicher des Hauses auf einem elenden Strohsack. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist das Haselreis, welches Aschenputtel in der Grimm'schen Version vom Vater bekommt. Sie pflanzt es neben das Grab der Mutter (welches in dem Märchen von Perrault nicht vorkommt) und daraus wächst ein Baum, in welchem ein weißer Vogel sitzt, der Aschenputtel alles hinwirft, was sie sich wünscht. Charles Perrault hingegen verwendet in seinem Märchen eine Fee, welche als „Patin“ von Aschenputtel beschrieben wird und ihr aufträgt einen Kürbis, sechs Mäuse, eine Ratte und sechs Eidechsen zu holen. Diese verwandelt die Fee mit ihrem Zauberstab in eine Kutsche, Pferde, einen Kutscher und Lakaien, wobei der Zauber nur bis Mitternacht anhält. Hintergrund hierfür ist ein Ball, welcher bei den Brüdern Grimm der König für seinen Sohn und bei Perrault der Sohn des Königs ausrichtet. In der Grimm'schen Version dauert dieser Ball drei Tage, in der Version von Perrault hingegen nur zwei Tage. Nachdem die beiden Stiefschwestern und die Stiefmutter (in beiden Märchen) zum Ball gehen macht sich Aschenputtel ebenfalls bereit, heimlich den Ball zu besuchen. In der Version der Brüder Grimm geht Aschenputtel an allen drei Taeng zum Baum am Grab der Mutter und sagt: „Bäumchen, rüttel dich, schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich“[9], woraufhin der Vogel ein Kleid aus Gold und Silber sowie aus Seide gestickte Pantoffeln hinwirft und die Kleidungsstücke jeden Tag noch viel schöner als zuvor werden. Anschließend geht Aschenputtel zu Fuß zum Ball. Bei Perrault ist es hingegen die Fee, welche Aschenputtel ein Ballkleid aus Gold und Silber, was ganz mit Edelsteinen besetzt war, und gläserne Schuhe herbeizaubert. Am dritten Tag des Balls (bei den Brüdern Grimm) bestreicht der Königssohn die Treppe mit Pech, sodass der linke Pantoffel von Aschenputtel daran hängen bleibt. In der Perrault'schen Version hingegen verliert Aschenputtel ihren gläsernen Schuh bei ihrer Flucht um Mitternacht, da sie den Gong zur Mitternachtsstunde gehört hat. Einer der wahrscheinlich gravierendsten Unterschiede in der beiden Märchen ist die Tatsache, dass sich die beiden Stiefschwestern in der Version der Brüder Grimm einmal den Zeh und einmal die Ferse abschneiden, da diese nicht in den Schuh passen. Der Prinz geht ursprünglich davon aus, seine Prinzessin gefunden zu haben, die Vögel am Grab der Mutter von Aschenputtel hingegen zwitschern ihm zu: „rucke di guck, rucke di guck, Blut ist im Schuck (Schuh), der Schuck ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim“[10]. Am Tag der Hochzeit von Aschenputtel und dem Prinzen wollen sich die beiden Stiefschwestern außerdem einschmeicheln und am Glück teilhaben, zwei Tauben picken den beiden Schwestern jedoch beide Augen aus „und waren sie also für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag gestraft“[11]. In Perraults Version wird gänzlich auf diese Brutalität verzichtet. Bei seinem Märchen werfen sich die beiden Schwestern vor Aschenputtel und bitten sie um Verzeihung, woraufhin sie ihnen aus vollem Herzen vergibt. Weiterhin holt Aschenputtel ihre beiden Stiefschwestern auch zum Schloss und verheiratete diese mit zwei großen Herren am Hofe, sodass die Version von Perrault ein klassisches Happy End besitzt.

3. Aus „Aschenputtel“ wird „Cinderella“

3.1 Ein Einblick in die Filmgeschichte

Bevor nun mit dem Hauptteil dieser Hausarbeit begonnen werden kann ist es sinnvoll zunächst einen groben Einblick darüber zu geben, wie sich die Geschichte des Films entwickelt hat[12].

Neben der Musik, der bildenden Kunst und der Literatur gilt der Film ebenfalls als Kunstform. Ulrich Schmidt erläutert, dass die Filmvorführung der Gebrüder Lumière im Jahr 1895 als Geburtsstunde des Films angesehen werden kann[13]. Die Lumières erfanden beispielsweise den „Cinématographe“, welcher Aufnahme-, Kopier- und Wiedergabegerät in einem war. Die französischen Filmgesellschaften haben daraufhin das wirtschaftliche Potenzial erkannt und dominierten bis zum Ende des ersten Weltkrieges den Filmmarkt.

Der erste Märchenfilm wurde im Jahr 1898 unter der Regie von George Albert Smith produziert: „Cinderella“, als Schwarz-Weiß-Film ohne Ton. Ein Jahr später dann erschien Georges Méliès’ erster Märchenfilm in seinem verfilmten Märchentheater (französische Stummfilme) unter dem Titel: „Cendrillon“. Beide Filmregisseure setzten in ihren Filmen Bühnentricks und Effekte der laterna magica um[14].

Bis ins das Jahr 1927 hinein wurden Filme ohne Ton gedreht. In diesem Jahr gelang es der amerikanischen Filmindustrie die Filme auch mit Tonspur zu drehen, woraufhin diese sich gänzlich darauf umgestellt haben. Zunächst büßte diese neuartigen Tonfilme an Qualität ein, verglichen mit den weit entwickelten Stummfilmen. Im Jahr 1939 schließlich erreichte das bekannte Hollywood­Kino seinen Höhepunkt.

3.2 „Cinderella“ von Walt Disney - Hintergründe

Die ersten Verfilmungen des Aschenputtel Märchens wurden, wie bereits im vorherigen Kapitel erwähnt, im Jahr 1898 umgesetzt. Hierbei handelte es sich anfänglich noch um einen Schwarz-Weiß­Film ohne Ton. 1922 hat Walter Disney einen Cartoon basierend auf dem Aschenputtel-Märchen gezeichnet, was womöglich einer der Gründe dafür gewesen sein kann, weshalb sich Disney nach den abendfüllenden Filmen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937) und „Bambi“ (1942) dafür entschied einen Film über ein „Mädchen in Not“ zu erschaffen. Weshalb er sich für „Cinderella“ entschieden hat könnte damit Zusammenhängen, dass er bereits in den Dreißiger Jahren Drehbücher für eine mögliche Verfilmung hierfür geschrieben hat. Es waren über eine Millionen Zeichnungen nötig, an welchen über 300 Zeichner gearbeitet haben. Manche Zeichner haben bereits bei dem Märchenfilm „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ von Disney mitgewirkt. Zu diesem Zeitpunkt jedoch war noch unklar, ob die Disney Studios finanziell überleben würden. Daher wurde der Film mit echten Schauspielern gedreht, hat diese Aufnahmen vergrößert und anschließend das Zeichenpapier drüber gelegt und abgemalt. Die Produktion des Märchenfilms hat geschätzt 2,9 Millionen US-Dollar gekostet. Basis für das Drehbuch war das Märchen „Aschenputtel und der kleine gläserne Schuh“ von Charles Perrault. Am 15. Februar 1950 wurde der Film in den amerikanischen Kinos dann erstmals ausgestrahlt. Im Jahr 2002 kam dann eine Fortsetzung von Disney auf den Markt mit dem Titel: „Cinderella II - Dreams come true“, auf Deutsch: „Cinderella 2 - Träume werden wahr“. Aus den Cinderella Filmen wurde dann eine Trilogie, indem Disney 2007 den Film „Cinderella III: A Twist in Time “ (Cinderella - Wahre Liebe siegt) herausbrachte. Im Jahr 2015 kam von Disney dann eine Realverfilmung der Cinderella-Geschichte in die Kinos. Diesen Film aus dem Jahr 2015, sowie den ersten Märchenfilm über „Cinderella“ aus dem Jahr 1950 werde ich in meinem Hauptteil mit einbeziehen.

3.3 Narration im Film - Vorstellung meines Beobachtungsinstruments

Die Tatsache, dass Disney seinen Märchenfilm „Cinderella“ auf der schriftlichen Version von Perrault aufbaut ist dahingehend interessant, da sich dieser Abschnitt mit einem Vergleich des Grimm'schen Märchens „Aschenputtel“ und den Disney Verfilmungen aus den Jahren 1950 und 2015 befasst. In Kapitel 2.3 habe ich bereits eine Gegenüberstellung der beiden Schriftversionen vorgenommen, was Aufschluss darüber gibt, dass bei einem Vergleich der Grimm'schen Version von „Aschenputtel“ mit den „Cinderella“-Filmen einige Unterschiede erkennbar sein werden. Für einen Vergleich der schriftlichen Version des Märchens mit den Verfilmungen ist es angebracht ein Sequenzprotokoll anzufertigen. Im Sequenzprotokoll wird eine Gruppierung von Subsequenzen zusammengefasst was ich wiederum verwende um gewisse Textstellen mit der filmischen Übersetzung vergleichbar zu machen und Unterschiede herausarbeiten zu können.

Um ein solches Sequenzprotokoll erstellen zu können ist es jedoch im Vorfeld nötig auf die Narration einzugehen. Narration ist ein kommunikativer Akt und bringt das zu Zeigende im Film in eine darstellende und erzählende Form[15]. Einen Film als Narration oder Erzählung zu verstehen wird durch immer neue Ansätze weiter belebt, wobei Markus Kuhn bei der Analyse filmischen Erzählens zwei Kategorien benennt: Okularisierung für die visuelle Wahrnehmung und Aurikularisierung für die auditiven Aspekte der Wahrnehmung[16]. Diese Kategorien beziehen sich auf ein Schichtenmodell des Erzählens, wobei Karlheinz Stierle von drei Ebenen ausgeht: (1) Der Text einer Geschichte, wie er sich konkret vorfindet und durch (...) eine sprachliche Realisierung auszeichnet, bezieht sich auf (2) eine, auf einer tieferen Ebene angeordneten Geschichte, die sich durch die zeitliche Organisation (Anfang und Ende) eines Geschehens unterscheidet von (3) der Ebene des Geschehens, wobei Ereignisse noch nicht in einen Deutungszusammenhang gebracht werden und Konzepte als Erzähl und Darstellungsmuster zeitenthoben gedacht werden[17].

Der Anfang und das Ende der Geschichte sind ebenfalls wesentliche Elemente, welche bei dem Vergleich des Märchentextes mit den Verfilmungen relevant sind. Der Film führt die Geschichte durch eine Exposition ein. Die Exposition der Figuren und Handlung ist notwendig, da der Zuschauer an die Geschichte herangeführt und sich mit den Figuren und einer vorliegenden Situation vertraut machen soll[18]. Nach der Exposition wird dann der Konflikt vorbereitet und es existieren erste Wendepunkte die auf den Konflikt zusteuern. Der Handlungsverlauf eines Films, auch Durchführung genannt, wird durch Verzögerungen, die die Katastrophe oder das Happy End hinausschieben, bestimmt. In der Regel dienen diese Verzögerungen dazu die Spannung zu steigern. Das Ende des Films findet sich in einer geschlossenen oder offenen Form wieder, da auf diesem Wege der Zuschauer entweder mit dem Film abschließen kann oder aber weiterhin mit dem ungelösten Konflikt beschäftigen muss[19].

Ein weiterer Bestandteil sind die Figuren und die Figurenkonstellation. Ein Geschehen wird in der Fiktion durch Personen oder Figuren entwickelt und ausgetragen[20]. Zumeist wird von einem Charakter gesprochen, welcher eine individualisierte Gestalt annimmt. Die Konstruktion der Figuren ist ebenfalls von zentraler Bedeutung: Die Textkonstruktion lässt sich als Rolle verstehen, die im Realfilm durch Schauspieler und im Zeichentrick durch gezeichnete Figuren verkörpert wird.

Die Figurentypologie beschreibt eine festgelegte Ausstattung an Verhaltensweisen, welche beim Publikum bekannt ist[21]. Letztlich wird auch die Figurenkonstellation eine wesentliche Rolle bei der Analyse der Filme spielen, da Figuren innerhalb eines Films ein Geflecht bilden, womit sie durch ihre Ausstattung mit Eigenschaften und Handlungsmöglichkeiten funktional gegeneinander gesetzt sind[22]. Die Konstellation ist dabei nicht statisch, sondern verändert sich im Laufe des Films. Durch die Charakteristika der Figuren werden unterschiedliche Verhaltensdimensionen aufgezeigt, in dem die Figuren die prägnanten Dimensionen des im Film zum Ausdruck gebrachten Konflikts verkörpern. Hierbei sind äußere Konflikte (Interaktion zwischen den Figuren) und innere Konflikte (Interaktion einer Figur mit sich selbst) möglich. Hickethier erläutert, dass die Konstellation der Figuren auch durch die Zahl der Protagonisten geprägt ist[23].

Bezieht man nun noch Erzählstrategien mit ein, so sind für den Erzähler im fiktionalen Film drei Konzepte zu unterscheiden. Einerseits der auktoriale Erzähler, welcher auch als allwissender Erzähler verstanden wird, da er das zu Erzählende selbst anordnet, dabei Distanz zum Erzählten hält und die Übersicht bewahrt. Weiterhin ist der Ich-Erzähler zu nennen, welcher als Handelnder in der Geschichte beteiligt ist und eine begrenzte Perspektive auf die Geschichte aufweist. Drittens ist die Position der identifikatorischen Nähe zu nennen. Diese ist als Mischform von auktorialem und Ich­Erzähler anzusehen.

Interessant ist darüber hinaus der Blick auf die Erzählzeit und die erzählte Zeit, wobei dieser Unterpunkt nicht eine so tragende Rolle spielen wird wie die bereits genannten Aspekte des Narrativen.

Aus den genannten Aspekten habe ich ein Sequenzprotokoll erstellt, sodass ich die für mich wichtigsten Textabschnitte mit der filmischen Übersetzung vergleichen kann.

4. Vergleich des Märchens „Aschenputtel“ der Brüder Grimm mit den Disney Verfilmungen „Cinderella“ aus den Jahren 1950 und 2015

In diesem Abschnitt vergleiche ich die Textversion des Märchens „Aschenputtel“ der Brüder Grimm mit den beiden Disney Verfilmungen aus den Jahren 1950 und 2015. Hierzu stelle ich die wichtigsten Ereignisse des Märchens mit deren Übersetzung (bzw. nicht-Übersetzung) in den Filmen gegenüber. Ich unterteile diesen Abschnitt in drei Teile: Erstens in die Exposition, zweitens in den Hauptteil und drittens in den Schluss.

[...]


[1] Max Lüthi: Märchen. 10. aktual. Auflage. Weimar: Springer-Verlag, 2004, S. 1.

[2] Marian Roalfe Cox: Cinderella: three hundred andforty-five variants of Cinderella, Catskin, and Cap o’rushes. University of California Libraries, 1893.

[3] Petra Vanickova: Ursprung und moderne Bearbeitungen der drei ausgewählten Märchen der Brüder Grimm (Aschenputtel, Dornröschen, Rotkäppchen). Brno: Magisterarbeit, 2008, S. 23.

[4] Charles Perrault: Aschenputtel oder Der kleine gläserne Schuh. Ein Märchen. In: Charles Perrault. Sämtliche Märchen. Stuttgart: Reclam Verlag, S. 95.

[5] Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1977, S. 240.

[6] J. Bolte & J. Polivka: Anmerkungen zu Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Leipzig: Dieterichsche Verlagsbuchhandlung, 1913, S.165

[7] Eine komprimierte, tabellarische Übersicht habe ich im Anhang auf den Seiten 26-30 hinzugefügt.

[8] Charles Perrault: Aschenputtel oder Der kleine gläserne Schuh. Ein Märchen. In: Charles Perrault. Sämtliche Märchen. Stuttgart: Reclam Verlag, S. 95.

[9] Brüder Grimm: Aschenputtel. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Band 1. Märchen Nr. 1-86. Stuttgart: Reclam Verlag 2014, S. 135/136.

[10] Brüder Grimm: Aschenputtel. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Band 1. Märchen Nr. 1-86. Stuttgart: Reclam Verlag 2014, S. 138.

[11] Brüder Grimm: Aschenputtel. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Band 1. Märchen Nr. 1-86. Stuttgart: Reclam Verlag 2014, S. 139.

[12] Um den Rahmen einer Hausarbeit nicht zu übersteigen wird in diesem Abschnitt hauptsächlich auf die grundlegendsten Errungenschaften eingegangen.

[13] Ulrich Schmidt: Digitale Film- und Videotechnik. 2. Auflage. München: Carl Hanser Verlag, 2008, S. 13.

[14] Michaela S. Ast: Geschichte der narrativen Filmmontage. Theoretische Grundlagen und ausgewählte Beispiele. Marburg: Tectum-Verlag, 2002, S. 13.

[15] Knut Hickethier: Film- und Fernsehanalyse. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. Weimar: Metzler, 2013, S. 107.

[16] Markus Kuhn: Film-Narratologie. Ein erzähltheoretischesAnalysemodell. Berlin: De Gruyter, 2011, S. 127 ff.

[17] Karlheinz Stierle: Die Struktur narrativer Texte. In: Helmut Brackert: Funkkolleg Literatur Bd. 1, Frankfurt am

[18] Main, 1976, S. 210-233.

[19] Knut Hickethier: Film- undFernsehanalyse. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. Weimar: Metzler, 2013, S. 119. Ebd. S. 122.

[20] Ebd. S. 123.

[21] Ebd. S. 125.

[22] Ebd. S. 126.

[23] Knut Hickethier: Film- undFernsehanalyse. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. Weimar: Metzler, 2013, S. 127.

Details

Seiten
31
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668713178
ISBN (Buch)
9783668713185
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v420663
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,0
Schlagworte
Brüder Grimm Gebrüder Grimm Cinderella Aschenputtel Märchen Märchenfilme Walt Disney Disney Aschenbrödel Charles Perrault Disney Film

Autor

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Titel: Das Märchen "Aschenputtel" der Brüder Grimm und die "Cinderella"-Filme von Walt Disney. Ein Vergleich