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Übersetzungsprobleme durch einzelsprachspezifische Phraseologismen in der Rechtssprache der EU

Analyse zweier juristischer Texte für das Sprachenpaar Deutsch-Französisch

Hausarbeit 2018 20 Seiten

Dolmetschen / Übersetzen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Phraseologie und Phraseologismus

3. Phraseologie und Fachsprache
3.1 Fachsprachliche Phraseologismen
3.2 Phraseologie in der Fachsprachenforschung
3.3 Die Bedeutung von Phraseologismen für das fachsprachliche Übersetzen

4. Phraseologismen in der Rechtssprache
4.1 Mehrsprachigkeit in der EU und Übersetzung von Rechtstexten
4.2 Analyse und Vergleich zweier Rechtstexte der Europäischen Union
4.3 Übersetzungsprobleme
4.3.1 Unterschiedliche Lexeme
4.3.2 Nominalisierungen
4.3.3 Variationen im Wortschatz
4.3.4 Kontext

5. Schlussfolgerung

6. Anhang

7. Bibliographie

1.Einleitung

„Die Sprache Europas ist die Übersetzung“ - was schon vor 20 Jahren Umberto Eco gesagt hat, gilt damals wie heute insbesondere für die Institutionen der Europäischen Union. Tagtäglich sind sie auf Übersetzungsdienstleistungen angewiesen, denn was dort besprochen und beschlossen wird, soll für alle Bürger der EU mit ihren unterschiedlichen Muttersprachen verständlich sein. Eine besonders große Rolle spielen dabei die Rechtstexte, die in fast alle Sprachen der EU übersetzt werden müssen. Dabei handelt es sich um die Übersetzung einer Fachsprache, die eine besonders große Sorgfalt und Genauigkeit erfordert.

Ein wichtiger Bestandteil der Rechtssprache sind Phraseologismen, die sich von Sprache zu Sprache unterscheiden und für die zugleich eine treffende Übersetzung für den Erhalt ihrer Bedeutung unverzichtbar ist. In der romanischen Sprachwissenschaft wurde der Phraseologie erst recht spät Aufmerksamkeit gewidmet und wird bis heute im Rahmen der Fachsprachenforschung kaum beachtet. Die vorliegende Arbeit möchte daher die Wichtigkeit von Phraseologismen für die Übersetzung von Fachtexten, insbesondere Rechtstexten, anhand des praxisnahen Beispiels von Rechtstexten der EU verdeutlichen.

Zunächst erfolgt eine für diese Arbeit relevante Definition des Begriffs „Phraseologismus“. Es folgt ein Überblick über die Rolle der Phraseologie in der Fachsprachenforschung und die Rolle von Phraseologismen für das Übersetzen von Fachsprachen. Anschließend wird auf die Bedeutung von einzelsprachspezifischen Phraseologismen in der Rechtssprache insbesondere der Europäischen Union eingegangen. Im praktischen Teil der Arbeit erfolgt die Analyse eines Korpus bestehend aus zwei juristischen Texten der Europäischen Union in jeweils deutscher und französischer Sprache, im Zuge derer ein interlingualer Vergleich der in den jeweiligen Texten verwendeten einzelsprachspezifischen Phraseologismen durchgeführt wird. Dabei wird insbesondere auf die damit einhergehenden möglichen Übersetzungsprobleme eingegangen.

Die Analyse soll aufzeigen, in welcher Form Phraseologismen in der deutschen und französischen Rechtssprache auftreten, welche Unterschiede zwischen den einzelsprachspezifischen Phraseologismen im Deutschen und Französischen bestehen und zu welchen Übersetzungsproblemen diese Unterschiede führen. So soll auf die Problematik der fehlenden Auseinandersetzung mit Phraseologismen in der Fachsprachenforschung aufmerksam gemacht werden.

2. Definition Phraseologismus

Die Phraseologie ist eine vergleichsweise junge Disziplin der Sprachwissenschaft und es gibt die verschiedensten Ansichten darüber, was unter Begriffen wie „Phraseologismus“, „Redewendung“ und „Idiom“ zu verstehen ist. Leicht fällt zumindest die Unterscheidung der Begriffe Phraseologie und Phraseologismus. Die Phraseologie ist ein Teilgebiet der Sprachwissenschaft, dass sich mit den phraseologischen Einheiten befasst (vgl. Model 2010: 65).

Wolfgang Fleischer definiert Phraseologismen als „syntaktische Verbindung von Wortkomponenten […] die sich von freien Wortverbindungen unterscheiden“ (Fleischer 1997: 29).

Burgers Verständnis von Phraseologie im weiteren Sinne weist Phraseologismen die Eigenschaften Polylexikalität und Festigkeit zu, das heißt sie bestehen aus mehr als einem Wort und sind durch usuellen Gebrauch geprägt. Die Phraseologismen im engeren Sinne werden noch durch Idiomatizität als Eigenschaft ergänzt. Idiome fallen als Teilklasse darunter (vgl. Burger 2010: 14). Nicht-idiomatisch sind Ausdrücke mit keiner oder nur geringer Differenz zwischen phraseologischer und wörtlicher Bedeutung (vgl. Burger 2010: 30). Der Gebrauch von Idiomen und Redensarten dürfte im Bereich der Fachsprachen sehr gering ausfallen und wird für die Analyse der Rechtstexte nicht relevant sein.

Model sieht auch Kollokationen, „institutionaliserte Einheiten aus zwei Lexemen, von denen eines semantisch autonom ist, während das andere eine besondere Bedeutung annimmt, die sich erst aus dem Zusammspiel der beiden Elemente ergibt“ (Model 2010: 73) als phraseologische Einheiten (vgl. Model 2010: 77).

In Bezug auf die Übersetzungswissenschaft unterscheidet Koller zwischen verschiedenen Übersetzungseinheiten, darunter „phraseologisch gebundene[r] Ausdrücke“, die zu der Übersetzungseinheit der Syntagmen gehören. Dabei unterscheidet er noch einmal zwischen Phraseologismen und redensartlichen Ausdrücken (vgl. Koller 1997: 101).

Unter dem Begriff „Phraseologismus“ werden also verschiedene Wortverbindungen zusammengefasst. Wenn im Folgenden von Phraseologismen gesprochen wird, ist damit die Definition im weiteren Sinne gemeint, das heißt Phraseologismen, die nicht unbedingt idiomatisch sein müssen. Inbesondere Kollokationen, Funktionsverbgefüge und fachsprachliche Phraseologismen, die nachfolgend definiert werden, fallen hier ins Gewicht.

3. Phraseologie und Fachsprache

3.1 Fachsprachliche Phraseologismen

Neben allgemeinsprachlichen Phraseologismen kann man auch von fachsprachlichen Phraseologismen oder Fachwendungen sprechen, die in der Allgemeinsprache nur in Bezug auf die jeweilige Fachsprache verwendet werden. Eine „‘Fachwendung‘ ist das Ergebnis der syntaktischen Verbindung von mindestens zwei fachsprachlichen Elementen zu einer Aussage fachlichen Inhaltes, deren innere Kohärenz auf der begrifflichen Verknüpfbarkeit beruht.“ (Picht 1990: 212). Sie haben somit terminologische Bedeutung (vgl. Stolze 1999: 104). Somit können Phraseologismen auch eine innerhalb einer Fachsprache spezifische Bedeutung haben und ergänzen damit die Termini, die einen Begriff bezeichnen und aus nur einem Wort bestehen können. Demgemäß definiert DIN 2342 in der Fassung von 2011 eine „Fachwendung“ bzw. einen fachsprachlichen Phraseologismus als „Gruppe von syntaktisch zusammenhängenden Wörtern, die eine nicht aus der Summe der Einzelbedeutungen der Wörter bestehende fachliche Gesamtbedeutung hat oder die als formelhaft oder stereotyp angesehen wird“ (zitiert in Arntz 2014: 35).

Besonders häufig treten fachsprachliche Phraseologismen in Verbindung mit Funktionsverbgefügen auf; ein Phänomen, das sprachenübergreifend zu beobachten ist (vgl. Fluck 1996: 204). Dabei handelt es sich nicht um zwei Fachbegriffe, sondern um die Verknüpfung eines Fachbegriffs mit einem inhaltsleeren Verb, dass erst innerhalb der Verbindung eine Bedeutung erhält (vgl. Fleischer 1997: 135).

Anderson sagt zur französischen Verwaltungssprache, die in ihren Merkmalen der Rechtssprache ähnelt: “[The] administrative language is recognisable less by its terminological items than by the way it draws on non-specialised words and phrases, such as mettre en œ uvre and communiquer.” (Anderson 2006: 39). Weitere Beispiele hierfür aus der Rechtssprache sind einen Eid ablegen/pr ê ter un serment, Anzeige erstatten/porter plainte und Anklage erheben/engager des poursuites. Fachsprachliche Phraseologismen müssen also anders als Termini immer eine Wortgruppe bilden. Gautier spricht in seiner Untersuchung des Verfassungsrechts von einer formalen und inhaltlichen Vorgeformtheit (vgl. Gautier 1999: 95) der durch ihren Gebrauch gefestigten Phraseologismen.

Die Schwierigkeit der Übersetzung von Funktionsverbgefügen besteht darin, dass sie nicht vorhersagbar sind (vgl. Albrecht 2013: 117). Sie müssen vom Übersetzer als solche wahrgenommen und bereits beherrscht oder nachgeschlagen werden. Die obigen Beispiele verdeutlichen, dass es für das Verständnis eines Fachtextes nicht ausreicht, sich auf einzelne Fachbegriffe zu konzentrieren. Stattdessen müssen die Sprache eines Ausgangstextes und ihre Phraseologismen für die Erstellung eines Zieltextes in ihrer Gesamtheit betrachtet werden.

3.2 Phraseologie in der Fachsprachenforschung

Zwar werden Phraseologismen im Rahmen von Fachsprachen sowie entsprechende Funktionsverbgefüge in sprachwissenschaftlichen Arbeiten regelmäßig erwähnt (Reinart/Pöckl 2015, Albrecht 2013), dennoch scheinen sie im Gegensatz zu Terminologie und Wortbildungsverfahren in Werken, über Fachsprache nur als Randerscheinung wahrgenommen zu werden. Zudem haben sich in der Sprachwissenschaft schon zahllose Arbeiten mit allgemeinsprachlichen Phraseologismen beschäftigt; speziell auf fachsprachliche Phraseologismen ausgerichtete Arbeiten sind jedoch dünn gesät (vgl. Kjaer 1992: 48f.). Auch die Lexikographie richtet ihr Augenmerk nicht auf fachsprachliche Phraseologismen im Besonderen. Spezielle Lehrwerke, die eine vollständige Sammlung wichtiger Phraseologismen für eine einzelne Fachsprache und ein oder mehrere Sprachenpaare bieten, fehlen bis heute. Dabei könnten sie dem Übersetzer als nützliche Hilfe dienen und die Fehlerquote bei fachsprachlichen Übersetzungen reduzieren.

3.3 Die Bedeutung von Phraseologismen für das fachsprachliche Übersetzen

Wer Fachtexte übersetzt, sieht sich vor besondere Herausforderungen gestellt. Ebenso wichtig wie allgemeine Sprachkenntnisse sind die Kenntnisse der Fachtermini und Sachverhalte der jeweiligen Fachsprache und die korrekte Übersetzung derselben in die Zielsprache. Koller betont nicht umsonst: „Der Übersetzer von Fachtexten hat mehr Verantwortung als der Übersetzer literarischer Texte“ (Koller 1997: 51f.). Fachtexte leben von ihrer Präzision und ihrem reichen Informationsgehalt, daher sind möglichst genaue Übersetzungen unverzichtbar. Dies gilt insbesondere für die Übersetzung von Phraseologismen: „‘Wortwörtliche‘ Übersetzungen der einzelnen Bestandteile eines Phraseologismus führen […] oft zu unidiomatischen oder umständlichen Formulierungen in der Zielsprache.“ (Reinart 2015: 100). Erfolgt eine Übersetzung in die Zielsprache Wort für Wort, geht die Semantik der phraseologischen Einheit verloren und ein fehlerhaftes Ergebnis ist unvermeidlich.

Im Bereich der Rechtssprache können fehlerhafte Übersetzungen zu juristischer Ungültigkeit führen. So muss beispielsweise die Bezeichnung schwere K ö rperverletzung im Deutschen mit genau diesem Adjektiv verwendet werden. Steht in einer Anklageschrift ein anderes Adjektiv, so ist nicht mehr vom korrekten juristischen Sachverhalt die Rede (vgl. Kjaer 1992: 47). Dasselbe gilt für die französische Entsprechung l é sion corporelle in Verbindung mit dem Adjektiv grave. Wo schon innerhalb der einzelsprachspezifischen Phraseologie die falsche Verwendung von fachsprachlichen Begriffen und Sachverhalten zu Verständnisproblemen führen kann, gilt dies also noch einmal mehr für die Übersetzung von Phraseologismen.

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Details

Seiten
20
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668687639
ISBN (Buch)
9783668687646
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v421170
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Schlagworte
Sprachwissenschaft Französisch EU Phraseologismen Phraseologie Recht

Autor

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Titel: Übersetzungsprobleme durch einzelsprachspezifische Phraseologismen in der Rechtssprache der EU