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Die Rezeption von Friedrich Nietzsche

Die verschiedenen Interpreationen seiner Werke im Überblick

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 32 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Phasen der Nietzsche Rezeption
2.1 Problematik der Nietzsche Rezeptionen
2.1.1 Vielfalt der Nietzsche Deutungen in gleichen Zeitabschnitten
2.1.2 Kausalnexus oder Analogbeziehung?
2.1.3 Nietzsche oder Förster-Nietzsche?

3 Nietzsche und die Nazifierung
3.1 Nietzsches promilitaristische Deutung um 1914
3.2 Elisabeth Förster-Nietzsche und das Nietzsche Archiv
3.3 Weitere Wegbereiter der Nazifizierung
3.4 Gegner der nationalsozialistischen Interpretation Nietzsches
3.5 Kurze Zusammenfassung

4 Nietzsches Einfluss auf verschiedene Persönlichkeiten im 20. Jahrhundert
4.1 Die Philosphie Nietzsches im künsterlichen Bereich
4.1.1 Franz MARC (1880-1916)
4.1.2 Edvard Munch
4.1.3 Otto Dix (1891-1969)
4.2 Weitere Bespiele
4.2.1 Thomas Mann
4.2.2 Robert Musil

5 Mögliche Ursachen für die verschiedenen Interpretationen Nietzsches

6 Nietzsche in der Nachkriegszeit

7 Nietzsche in der Gegenwart

8 Nachwort

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Nietzsche war einer der Großen des vergangenen Jahrhunderts. Seine Wirkung, die er im folgenden Jahrhundert nahm, scheint grenzenlos.

Er war bei so viele Lesern präsent, bewegte sie in ihrem Leben, führte sie durch Höhen und Tiefen, in Überlegungen und Empfindungen. Sowohl in Literatur und Kunst als auch in der Politik fand Nietzsche Anhänger, die ihm wie Gläubige folgten. Er galt als Verkünder einer neuen Zeit. Es mag nicht unbegründet sein, dass manch geschriebenes und zitiertes Wort so viele Menschen begeisterte.

Wie konnte es sein, dass Nietzsche so unterschiedlich verstanden wurde? Welchen Einfluss nahm Nietzsche mit seinen Schriften auf Künstler, Politiker, Gelehrte? Was waren die Ursachen für die verschiedenen Interpretationen? Kann man nach hundert Jahren eine Einigung finden, ob Nietzsche als Wegbereiter des Dritten Reiches zu verstehen ist?

„[Es] ... bildet die Beziehung des Faschismus zur Philosophie Nietzsches eines der signifikantesten Momente in der Wirkungsgeschichte Nietzsches im 20. Jahrhundert. Einerseits haben nicht nur Faschisten, sondern auch viele nicht-faschistische Autoren behauptet, dass Nietzsche ein philosophischer Wegbereiter des Faschismus gewesen sei. Andererseits gibt es enthusiastische „Entnazifierer“ Nietzsches, wie z.B. Karl Schlechta und Walter Kaufmann, denen zufolge Nietzsches Philosophie von den Faschisten „missbraucht“ worden sei. Obwohl es erscheint, dass die Stimmen, die die Nichtübereinstimmung zwischen Nietzsche und dem Faschismus behaupten, in der Nietzsche-Rezeption der Nachkriegszeit die Oberhand gewannen, ist noch keine befriedigende, endgültige Antwort auf diese Frage geliefert worden.“[1]

Die Wirkung Nietzsches auf Einzelpersonen, die verschiedenen Interpretationen seiner Philosophie, die Entstehung der nationalsozialistischen „Wegbereitung“ sowie das langsame Aufbrechen dieses nach dem Krieg tabuisierten Nietzsche Verständnisses sollen in dieser Hausarbeit beleuchtet werden. Auch heute, 7 Jahre nach den Worten Jangs, kann noch keine einstimmig zufriedenstellende Antwort gegeben werden, doch hat sich in den letzten Jahren einiges in der Nietzsche Forschung getan, so dass das Zusammentragen verschiedener Elemente aufschlussreich für neue Zugänge bezüglich der möglichen Nietzsche Interpretationen sein könnte.

So habe ich verschiedene Elemente ausgewählt um Teilbereiche abzudecken, d.h. sowohl die Rezeption von Nietzsche bezüglich des Nationalsozialismus als auch Rezeptionen verschiedener Einzelpersonen. Dies schien mir nötig, um die Rezeption nicht einseitig, sondern mit den vielen verschiedenen Vertretern umfassend darzustellen.

2 Die Phasen der Nietzsche Rezeption

Alfredo Guzzoni hat sich in den vergangenen 20 Jahren mit der Rezeption Nietzsches befasst. 1991 stellte er eine Sammlung von Texten verschiedener Autoren zur Thematik Nietzsche zusammen und veröffentlichte sie als Rückblick zur 100jährigen Nietzsche Rezeption.[2]

In seinem Vorwort spricht er davon, dass man die Rezeptionsgeschichte in drei unterschiedliche Perioden gliedern könne.

Die erste Phase umfasse den Zeitraum von 1890 bis circa 1930 und kennzeichne sich durch die Herausstellung einzelner Aspekte, welche auch die außerphilosophische Wirkung markieren: Nietzsche als Moralphilosoph und als Kulturkritiker.

Die zweite Phase habe ihren Schwerpunkt in den 30er Jahren und sei die Hinwendung zu den metaphysischen Grundlagen von Nietzsches Denken.

Beim Beginn der dritten Periode ist Guzzoni unschlüssig, ob diese auf das Ende des zweiten Weltkrieges oder in die Mitte der 60er Jahre zu legen sei. Erst ab den 1960ern würden wirklich neue Ansätze in der Rezeption sichtbar, die aus der Auseinandersetzung aus den bereits vorhandenen Nietzsche-Deutungen erwachsen seien.

Eine der Problematiken der Nietzsche Rezeption ist die Vielfältigkeit der Interpretationen. Zu jeder Zeit gab es sowohl Fürsprecher als auch Gegner Nietzsches, und die schlimmsten politischen Feinde beriefen sich auf ihn. So finden sich in jeder „Rezeptionsperiode“ verschiedene Interpretationen. In Anlehnung an Guzzoni habe ich versucht, die Rezeption zu untergliedern und Schwerpunkte zu setzen.

Als erste Phase würde ich die Begeisterung für die Schriften Nietzsches bezeichnen, welche in der Zeit ab 1890 beginnt. Nietzsche sprach verschiedenste Charaktere an, formulierte den Aufbruch, einen Appell zur Umwertung aller Werte. Der Zarathustra steht zu dieser Zeit im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Die Personen, die sich für Nietzsche interessierten, lassen sich neben vielen kleineren Gruppierungen in zwei Hauptgruppen unterteilen: diejenigen, die sich intensiv mit Nietzsche auseinander setzten, wie z.B. Edvard Munch, Otto Dix, Thomas und Heinrich Mann und viele weitere. So diejenigen, die man mit dem Wort „Schlagwortgläubiger“ bezeichnen kann. Diese lasen Nietzsche nicht sehr genau, sondern ließen sich schnell nur begeistern. Vor allem Schlagwörter wie "Raubtierinstinkt", "Blonde Bestie", "Sklaven- und Herrenmoral" und "Übermensch" wurden aufgenommen, ohne Zusammenhänge und Hintergründe dieser Begriffe zu kennen.[3]

In dieser Unterteilung der ersten zwei Phasen ist wichtig, dass die Abgrenzung zum Nationalsozialismus deutlich wird.[4]

Die „Fehlinterpretation“ Nietzsche als „Wegbereiter“ des Nationalsozialismus und zweiten Weltkrieges ist der Inhalt der zweiten Phase. Die nationalsozialistische Interpretation der Schriften Nietzsches ist eines der Kernprobleme, welches sich durch die Rezeption und Interpretation Nietzsches zieht. Auch in dieser zweiten Phase ist es schwierig, eine genaue Zeitspanne einzugrenzen. Die Ursprünge der nationalsozialistischen und antisemitischen Verbreitung sind bereits bei der Schwester zu finden, also ab 1894, da sie zu diesem Zeitpunkt das Nietzsche-Archiv gründete und somit öffentlichkeitswirksam ihre Meinung zu Nietzsches Werken äußerte.

Als dritte Periode ist der Umgang mit Nietzsche, der nach dem Nationalsozialismus in vielen Köpfen der Philosoph der „blonden Bestie“ war, nach dem zweiten Weltkrieg festzuhalten. Diese Periode beschäftigt sich mit dem beginnenden „Kampf“, Nietzsche vom Faschismus zu befreien und das Urteil, dass er mit seiner Philosophie die Basis zur nationalsozialistischen Moral gegeben habe, zu widerlegen. In der BRD begannen bereits nach Ende des Krieges einige Autoren, wie z.B. Schlechta, diese Tabus aufzubrechen. In der DDR blieb Nietzsche noch länger mit diesem negativen Bild behaftet. Sogar in den 60ger Jahren wurde Nietzsche noch als Faschist bezeichnet und Lukács Gleichsetzung von Nietzsches Philosophie mit dem Gedankengut Hitlers wirkte noch lange nach. Vielleicht kann man im Osten von einer wirklichen Aufklärung erst ab 1989 sprechen.

Diese Aufteilung in drei Phasen beschreibt die grobe Hintergrundstruktur dieser Hausarbeit. Ich habe mich für zwei Schwerpunkte entschieden: die Nazifierung Nietzsches und Beispiele der Rezeption verschiedener Personen, sowohl verschiedene Schriftsteller als auch Künstler besonders aus der bildenden Kunst. Ich denke, dass diese Schwerpunkte geeignet sind, um einen Einblick in die Nietzsche-Rezeption zu geben. Der Einfluss der Nationalsozialisten auf der einen Seite, der maßgeblich an der falschen Auslegung beteiligt ist und somit wohl den größten Einfluss auf die Nietzsche-Rezeption nimmt. Auf der anderen Seite jedoch Einzelpersonen, die sich auch in jener Zeit mit Nietzsche befasst haben und nicht diese nationalsozialistischen Tendenzen bei Nietzsche entdecken konnten.

Anschließend soll Nietzsche in der Nachkriegszeit und Gegenwart kurz beleuchtet sowie einige eigene Gedanken angefügt werden. Hauptziel ist es, zu den Schwerpunkten einen Einstieg sowie in Teilbereichen eine Vertiefung der Thematik vorzustellen und so einen Einblick zu den Ausmaßen der Nietzsche-Rezeption zu bekommen.

2.1 Problematik der Nietzsche Rezeptionen

2.1.1 Vielfalt der Nietzsche Deutungen in gleichen Zeitabschnitten

Zu jeder Zeit gab es die unterschiedlichsten Vertreter, die sich auf Nietzsche zur Rechtfertigung ihrer Thesen beriefen. So muss man bei einer Einteilung in unterschiedliche Perioden bei Nietzsche die Einschränkung treffen, dass diese immer durch Ausnahmen bestätigt werden. So ist es zwar richtig, dass ab 1890 viele Leser durch Schlagworte einen Zugang fanden, auch diejenigen, die Nietzsches Schriften nie gelesen hatten und nur die Meinung anderer aufgriffen. Doch zugleich gibt es auch Beispiele, wie Thomas Mann und Robert Musil, von denen "das Kraftmeierische“, was den Übermenschenkult der 1890er Jahre auszeichnete, abgelehnt wurde.

Auch der Jubel um den Zarathustra wurde von Musil und Mann nicht geteilt. Thomas Mann beschreibt Zarathustra vielmehr als einen „gesichts- und gestaltlosen Unhold und Flügelmann“. Er sei keine Schöpfung, „sondern erregter Wortwitz, gequälte Stimme und zweifelhafte Prophetie, eine an der Grenze des Lächerlichen schwankende Unfigur“.[5]

Der Variantenreichtum der möglichen Nietzsche-Rezeptionen sollte bei den in dieser Hausarbeit getroffenen Aussagen zu verschiedenen Autoren berücksichtigt werden. Es handelt sich bei Nietzsche nicht um ein eindeutiges philosophisches System oder dergleichen, zumindest wurde dies noch nicht eindeutig erkannt. Aus diesem Grund ist das individuelle Verständnis und somit folgende Rezeption zu berücksichtigen.

2.1.2 Kausalnexus oder Analogbeziehung?

Eine weitere grundsätzliche Problematik, die sich auch bei dieser Bearbeitung der Rezeptionsgeschichte eröffnet, ist die Schwierigkeit, zu gesicherten Ergebnissen zu gelangen. Die Eindeutigkeit, ob im gegebenen Fall ein tatsächlicher Einfluss vorliegt oder ob die überraschenden Gemeinsamkeiten nur Folgen einer Wesensverwandtschaft sind, ist nicht immer gegeben. Man spricht hier entweder von dem Vorliegen eines Kausalnexus oder einer Analogbeziehung.[6] Zumindest in verschiedenen Aufzeichnungen und Notizen z.B. in Lektüre, die im Nachlass verschiedener Persönlichkeiten aufbewahrt wurden, wie bei Thomas Mann und Robert Musil, lassen sich direkte Bezüge und klare Gedankenanstöße durch die Notizen in den Texten Nietzsches belegen. In den literarischen Werken sind solche klaren Abgrenzungen oft nur schwer zu treffen.

Dergleichen ist es bezüglich der Modeströmungen um die Jahrhundertwende. Inwiefern wirklich das Interesse Nietzsche galt, oder manche nur auf die Welle der Begeisterung aufsprangen, ist schwer zu unterscheiden.

2.1.3 Nietzsche oder Förster-Nietzsche?

Auch ist zu unterscheiden, ob es sich um eine Rezeption im Sinne Nietzsches handelt oder eher um eine Rezeption der von der Schwester vorgenommenen Veränderungen. Diese Veränderungen konnten im Nachhinein aufgedeckt werden[7], die Frage ist aber immer noch, inwiefern das ursprüngliche Wort Nietzsches oder verschiedenste Abwandlungen der Schwester den Einfluss begründen. Eine kritische Hinterfragung jedes behaupteten Einflusses ist deshalb grundsätzlich angebracht.

3 Nietzsche und die Nazifierung

Sowohl die Vorträge aus der nationalsozialistischen Zeit[8] als auch die vielen Berichte über die Abänderungen der Schwester in den Hinterlassenschaften Nietzsches, wie Schlechta und weitere berichten, bilden die Basis der nationalsozialistischen Interpretationen der Werke Nietzsches. Es ist fraglich, ob die Werke Nietzsches ohne die Veränderungen der Schwester je die „braune Euphorie“ derart entfacht hätten. Die Schwester huldigte den Nationalsozialisten und bekannte durch ihre Heirat mit Bernd Förster sich zum antisemitischen Gedankengut und später zur nationalsozialistischen Einstellung. Sie war es, die den Willen zur Macht zusammenstellte, der erst von Schlechta wieder aufgelöst wurde.

Die Frage ist also, inwiefern es sich um eine Rezeption der Veränderungen der Schwester und nicht um die Urgedanken Friedrich Nietzsches handelt. Die Bedeutung und die Kontakte der Schwester werden im weiteren Verlauf erläutert.

3.1 Nietzsches promilitaristische Deutung um 1914

Bereits 1914 wird Nietzsches Philosophie schnell von der alliierten Kriegspropaganda für den Kriegsausbruch und insbesondere für die brutale deutsche Kriegsführung mitverantwortlich gemacht. Aschheim hält fest, dass Nietzsches Begriff des "Willens zur Macht" dabei auf Militarismus und Imperialismus reduziert wird.[9] Auch in Deutschland wird Nietzsche mit den eigenen Kriegsanstrengungen in Verbindung gebracht.

[...]


[1] Sung-Hyun Jang: Nietzsche-Rezeptionen im Lichte des Faschismus. 1994. S. 12

[2] Alfredo Guzzoni: 100 Jahre philosophische Nietzsche Rezeption. 1991.

[3] Michael Hinz: Verfallsanalyse und Utopie: Röhrig Universitätsverlag. St. Inbert 2000, S. 170 ff.

[4] Die Durchschlagskraft der genannten Schlagwörter mag verstärkt durch die Arbeit der Schwester und einiger Nationalsozialisten begründet sein. Auf diese Überlegung wird im Verlauf noch eingegangen.

[5] nachzulesen in: Thomas Mann: Nietzsche´s Philosophie im Lichte unserer Erfahrung

[6] Vgl. Michael Hinz: Verfallsanalyse und Utopie. St, Ingbert 2000. S. 22 f

[7] Karl Schlechta hat hier einen großen Beitrag geleistet, in dem er in seiner Veröffentlichung Nietzsche in drei Bänden 1954 die Fälschungen aufdeckte.

[8] Siehe Oehler: Die Zukunft der Nietzsche Bewegung und Friedrich Nietzsche und die deutschen Zukunft

[9] Vgl. Steven E. Aschheim: Nietzsche und die Deutschen, S. 132

Details

Seiten
32
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638126120
ISBN (Buch)
9783638715331
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4216
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Germanistik
Note
2
Schlagworte
Rezeption Friedrich Nietzsche Hauptseminar Wissenschaft

Autor

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