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Formen der Gewalt in Pflegeeinrichtungen

Hausarbeit 2001 24 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1. Definition Ethik
2.2. Definition Pflegeethik
2.3. Definition Gewalt
2.4. Definition Aggression

3. Grundregeln der Pflegeethik

4. Formen der Gewalt
4.1. Die Vernachlässigung
4.1.1. Die passive Vernachlässigung
4.1.2. Die aktive Vernachlässigung
4.2. Die Misshandlung
4.2.1. Die körperliche Misshandlung
4.2.2. Die psychische Misshandlung
4.2.3. Die finanzielle Ausbeutung
4.2.4. Die Einschränkung des freien Willens

5. Ursachen für Gewalt

6. Darstellung der Gewalt in Pflegeeinrichtungen
6.1. Eigene Erfahrungen
6.2. Betroffenenberichte

7. Vorschläge zur Vermeidung von Gewalt

8. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“[1]

Aber ist die Würde des Menschen auch wirklich unantastbar?

Meine eigenen Erfahrung als Krankenpfleger und die gehäuften Pressemitteilungen zeigen uns, dass das besonders in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen und im Rahmen der familiären Betreuung nicht immer der Fall ist.

Zur Zeit leben ca. 660.000 Menschen[2] in Heimen. Sie sind dorthin gezogen, weil sie nicht mehr in ihrer eigenen Wohnung leben können oder wollen. Die Gründe für einen Umzug in ein Heim sind vielfältig. Zum einen benötigen die Heimbewohner ständige Hilfe, Pflege und Betreuung in Folge schwerwiegender Erkrankungen oder sie wollen nicht mehr allein sein, sondern die Gesellschaft anderer Heimbewohner genießen. Es kommt aber auch vor, dass den Hilfebedürftigen von den eigenen Angehörigen suggeriert wird, nicht mehr in der Lage zu sein, sich selbst zu versorgen und aus falscher Scham und ihrer Hilflosigkeit heraus Niemanden zur Last fallen zu wollen und aus Unwissenheit über die Möglichkeiten der ambulanten Betreuung, sei es der fahrbare Mittagstisch oder hauswirtschaftlichen Hilfen bis hin zur umfassenden ambulanten medizinischen und pflegerischen Betreuung, entscheiden sich viele vor allem ältere Bürger für einen Umzug in ein Heim.

So viele Gründe wie es für einen Umzug in ein Heim gibt, gibt es Gesichter für physische und psychische Gewalt. Dabei steht körperliche Gewalt gar nicht so sehr im Vordergrund. Häufiger werden die kranken und alten Menschen seelisch gequält, eingesperrt, vernachlässigt, finanziell ausgebeutet oder mit Medikamenten ruhig gestellt und so in ihrem freien Willen eingeschränkt. Oft wird dadurch das im Grundgesetz verankerte Recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit verletzt.

Sind nicht auch Wörter wie Rentnerschwemme, Alterslawine, Überalterung versteckte Gewaltwörter, die alte Menschen diskriminieren und Symbole, die Denken und Handeln destruktiv beeinflussen und kollektive Vorurteile schaffen und dadurch Gewalt gegen Alte fördern?

"In den meisten Fällen geschieht die Gewalt jedoch nicht aus Willkür oder Bösartigkeit, sondern ist das Endprodukt einer langen Kette von Störungen in der Beziehung zwischen Helfendem und Hilfebedürftigem."[3] Betroffen sind in der Regel alle Beteiligten.

Es werden Gründe hervorgebracht wie fehlendes Betreuungspersonal, Kostendruck, Zeitmangel, mangelnde Ausbildung, Überlastung.

Aber können das Entschuldigungen sein, um anderen Menschen und vor allem den Menschen, die unserer Hilfe bedürfen Leid zu zufügen? Haben wir uns nicht den Beruf der Krankenpflege gewählt, um Leiden zu lindern? Wollen wir nicht mit unseren Werten und Normen, welche uns von Staat und der christlichen Kirche vorgegeben werden und mit dem

in der Krankenpflegeausbildung Erlernten für die, die unsere Hilfe benötigen eine Stütze sein, und die uns anvertrauten Menschen wieder auf den Weg der Gesunden führen?

Im nun Folgenden möchte ich versuchen, Ursachen für diese Ausbrüche, wie zum Beispiel mechanische Fixierungen, verbale Schikanen, überdosierter Einsatz von Psychopharmaka aber auch Ohrfeigen, Tritte, Ignoranz, zu finden und mit Hilfe der pflegeethischen Grundregeln die Defizite aufzeigen und erläutern. Ich wünsche mir, dass jeder der diese Arbeit liest und mit der Betreuung anderer Menschen beauftragt ist, sich selbstkritisch mit seinem Tun und Handeln, aber auch mit dem seiner Kollegen auseinandersetzt, um diese Ausbrüche zu minimieren und zu verhindern.

2. Begriffsklärung

Um das pflegeethische Problem der Gewalt und der Aggression in der Krankenpflege genauer betrachten zu können, bedarf es einer genauen Definition der Begriffe Ethik, Pflegeethik Gewalt und Aggression.

2.1. Definition Ethik

Unter Ethik (griechisch: Ethos = Sitte, Charakter) versteht man die wissenschaftliche Betrachtung moralischer und sittlicher Fragestellungen. Sie kann uns Antwort geben auf Fragen: Wie sollen wir leben, was sollen wir tun?[4] Ethik wird auch als die Lehre vom sittlichen Wollen und Handeln des Menschen in verschiedenen Lebenssituationen gesehen. Sie gibt Normen und Maxime vor, die sich aus der Verantwortung gegenüber anderen herleiten.[5] Was unter richtigem Verhalten verstanden wird, hängt davon ab, welche Werte ein ethisches System für das menschliche Leben als zentral ansieht. Beispiele hierfür wären Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden, Entfaltung der Persönlichkeit. Ohne verbindliche Werte und Normen ist ein förderliches Miteinander weder im Privat- noch im Berufsleben möglich.

2.2. Definition Pflegeethik

Ethik spielt besonders in der Pflege eine große Rolle, vor allem in ethisch problematischen Situationen kommen Grundüberzeugungen zum Tragen. Diese problematischen Situationen zwischen Hilfebedürftigen und Pflegenden machen spezifischer Einstellungen notwendig, die für alle Pflegenden charakteristisch sind. Werden diese Einstellungen verfehlt, kann auch nicht die Zuwendung und das angemessene Verhalten seinem Gegenüber aufgebracht werden, welches aber als notwendig erachtet wird.[6] An diesem Punkt kann uns die Pflegeethik weiterhelfen, da sie die Charaktereigenschaften und Fähigkeiten der Pflege beschreibt, die eine menschliche Pflege ausmachen. Zu diesen Eigenschaften zählt beispielsweise die Fähigkeit hinzuhören und darauf zu achten, was Patienten mitteilen wollen.

Die Pflegeethik ist eine Berufsethik, welche sich mit den Fragen und Problemen, die sich aus dem Aufgabenbereich der Pflege ergeben, beschäftigt.

Der ICN (International Council of Nurses) hat dazu Grundregeln entwickelt, auf die ich im Abschnitt 3 besonders eingehen werde.

Pflegeethik soll pflegerisches Urteilen und Handeln unter moralischen Gesichtspunkten untersuchen, kritisch hinterfragen und auf mögliche Fehler hinweisen.[7]

Schwester Hilde-Dore Abermeth unterteilt Pflegeethik in die allgemeine Pflegeethik und die christliche Pflegeethik. Die allgemeine Pflegeethik definiert sie wie folgt:“ Menschliches Leben hat seine Würde in sich. Ihr Ursprung liegt darin, dass der Mensch als Mensch geboren wurde.“ Die christliche Pflegeethik beschreibt sie so:“ Menschliches Leben ist von Gott geschaffenes und geliebtes Leben, darum ist die christliche Pflege auch an Gottes Gebot und an seine frohe Botschaft gebunden.“[8]

2.3. Definition Gewalt

Nachdem ich die Begriffe Ethik und Pflegeethik zur Behandlung des Themas definiert habe möchte ich mich folgend dem Begriff der Gewalt widmen.

"Es wird immer dann von Gewalt gesprochen, wenn eine Person zum "Opfer" wird, d.h. vorübergehend oder dauernd daran gehindert wird, ihrem Wunsch oder ihren Bedürfnissen entsprechend zu leben. Gewalt heißt also, dass ein ausgesprochenes oder unausgesprochenes Bedürfnis des Opfers missachtet wird. Dieses Vereiteln einer Lebensmöglichkeit kann durch eine Person verursacht sein (personale Gewalt). Bei der personalen Gewalt erscheint darüber hinaus die Unterscheidung zwischen aktiver Gewaltanwendung im Sinne der Misshandlung, und passiver Gewaltanwendung im Sinne der Vernachlässigung. Gewalt sollte immer aus der Sicht des geschädigten Opfers definiert werden.“[9]

2.4. Definition Aggression

Abschließend möchte ich noch den Begriff Aggression erklären.

Im pädagogischen Sinne wird Aggression als "ein manifestes Verhalten verstanden, dessen Ziel die körperliche oder bloß symbolische Schädigung oder Verletzung einer anderen Person,(...), ist."

Im psychologischem Sinne zielt die Aggression auf einen Machtzuwachs des Angreifers und eine Machtminderung des Angegriffenen. Sie richtet sich in erster Linie gegen andere Menschen aber auch gegen Objekte und Institutionen und mitunter auch gegen die eigene Person.[10]

Frau Ursula Ruthemann fasst Aggression wie folgt zusammen. "Aggressives Verhalten liegt nur dann vor, wenn die Absicht der Schädigung bei einem Täter vorhanden ist. Wenn also eine Person absichtlich etwas macht oder unterlässt, um eine psychische oder physische Beeinträchtigung einer anderen Person herbeizuführen, verhält sie sich aggressiv. Aggression wird aufgrund der Intention definiert.

Im üblichen Begriff der Aggression steckt weiterhin auch die Aggression als Gefühl, also derjenigen Wut (oder schwächer: Ärger), die man als aggressive Gefühle bezeichnen kann, die aber lange noch nicht zur aggressiven Handlung führen müssen.“[11]

Demzufolge können Aggressionen emotional als auch aktiv erlebt werden, und sie haben

immer die Schädigung einer Person zum Ziel.

3. Grundregeln der Pflegeethik

Wie im Abschnitt 2.2. angedeutet möchte ich nun näher auf die Grundregeln der Pflegeethik eingehen.

Der ICN (International Council of Nurses) hatte bereits 1953 "Die ethischen Grundregeln für die Krankenpflege" entwickelt, welche nach mehrfacher Überarbeitung 1973 in Deutschland übernommen wurden.

Diese Grundregeln umfassen die grundsätzlichen Aufgabenbereichen der Krankenpflege:

Gesundheit fördern

Krankheit verhüten

Gesundheit wieder herstellen

Leiden lindern

Neben diesen Aufgabenbereiche umfassen die Grundregeln einer Pflegeethik auch ethische Grundprinzipien wie:

Achtung vor dem Leben, der Würde und den Grundrechten der Menschen

Zusätzlich werden fünf Verantwortungsbereiche benannt, welche sich die Pflege zu stellen habe.

Diese Bereiche beinhalten die Verantwortung gegenüber:

dem Einzelnen

der Berufsausübung

der Gesellschaft

der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

dem Berufsstand[12]

[...]


[1] Artikel 1, Abs. 1 , Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland

[2] entnommen dem Memorandum der Aktion gegen Gewalt in der Pflege (AGP), http://www.selbsthilfe-online.de/sonstiges/agp.shtml

[3] Diakonie Report 1/2000: Gewalterfahrung, http://www.diakonie.de/publikationen/diakonie_report/2000-1/gewalt.htm

[4] entnommen aus Schwester Hilde-Dore Abermeth, Ethik in der Krankenpflegeausbildung, http://ausbildung-krankenpflege.de/ARTethik_in_der_krankenpflegeausbil.de

[5] Duden, Deutsches Universallexikon A – Z, 2. Auflage, 1989, Dudenverlag Mannheim / Wien / Zürich

[6] Uwe Fahr, Positionen der Ethik, http://ethik-info.de/Inhaltsverzeichnis/Pflegeethik_1/pflegeethik_1.html

[7] Berliner Medizinische Schriften, Heft 9, Irmgard Hofmann, Aufgaben einer Pflegeethik, Humanitas Verlag Dortmund, 1. Auflage 1996

[8] vgl. Schwester Hilde-Dore Abermeth

[9] Ursula Ruthemann, Aggression und Gewalt im Altenheim – Verständnishilfen und Lösungswege für die Praxis, Basel 1993, S.14

[10] Meyers Lexikon, 1989

[11] vgl. Ursula Ruthemann

[12] vgl. Berliner Medizinische Schriften, Heft 9, Irmgard Hofmann

Details

Seiten
24
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638126199
ISBN (Buch)
9783638638531
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4226
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
2,3
Schlagworte
Gewalt in der Pflege Gewalt Krankenpflege Ethik

Autor

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