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Von Reims bis zum Élysée-Vertrag. Die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen von 1945 bis 1963

Hausarbeit 2017 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Europa ab kaltem Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Historischer Kontext
3.1. Die französisch-deutschen Beziehungen von 1945 bis 1949 – Neuformierung Europas und Gründung der BRD
3.2. Annäherung beider Länder und Konfliktbewältigung zwischen 1949 und 1958

4. Von Colombey-les-deux-Églises bis zum Élysée-Vertrag (1958-1963) – die Entstehung des Élysée-Vertrages
4.1. Die erste Begegnung zweier Persönlichkeiten in Colombey-les-deux-Eglises
4.2. Die Jahre 1958 bis 1962: Auf dem Grat zwischen Erfolg und Scheitern
4.3. Der 22. Januar 1963 – die Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschafts- vertrages

5. Inhalt des Élysée-Vertrags
5.1. Außenpolitik
5.2. Verteidigung
5.3. Erziehungs- und Jugendfragen

6. Die Bedeutung des Élysée-Vertrages für Deutschland und Frankreich

7. Zeitgenössische Kritik am Élysée-Vertrag

8. Résumé

9. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Vorwort

Besonders stürmische Zeiten zeigen uns, wie wichtig ein Fels in der Brandung ist. Durch die heutige Omnipräsenz von Terrorismus, Links- und Rechtsextremismus, Rassismus und Protektionismus sind Zeichen des Zusammenhalts und der Kooperation wie die deutsch-französische Freundschaft wichtige Ruhepole. In meiner Arbeit möchte ich mich daher vor allem auf die Entstehung des Élysée-Vertrages, der die Grundlage der deutsch-französischen Freundschaft darstellt, sowie auf seine Bedeutung und Auswirkungen auf die deutsch-französische Beziehung konzentrieren. Dieser vor über 50 Jahren geschlossene Vertrag soll zeigen, wie schnell selbst erbitterte Feinde nicht nur Frieden, sondern auch Freundschaft schließen können und von welcher Dauerhaftigkeit diese Versöhnung sein kann. Und dies unter deutlich erschwerten historischen und politischen Bedingungen. Darüber hinaus zeigen der Élysée-Vertrag und die damit einhergehende Zusammenarbeit auf eindrucksvolle Weise, welche tiefgreifenden Veränderungen für einen gesamten Kontinent und damit für die gesamte Welt zwei Länder bewirken können.

Auf Grund des geringen Umfangs dieser Arbeit, werde ich nur einige Aspekte der Entstehung des Élysée-Vertrags berücksichtigen. Fokus der Arbeit ist vor allem die Erörterung des historischen Kontextes der Entstehung des Vertrags von 1945-1963 und die damit einhergehende deutsch-französische Zusammenarbeit. Besonders ausführlich werden hierbei die beiden Persönlichkeiten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle behandelt, deren Wirken und deren persönliche Beziehung untereinander maßgeblichen Anteil an der Entstehung haben. Wichtige Faktoren wie beispielsweise die Einflussnahme Amerikas und der Sowjetunion werden nur angeschnitten oder nicht berücksichtigt. Um die komplizierte Geschichte des Élysée-Vertrages in ihrer Ganzheit zu verstehen, ist daher die Hinzunahme weiterer Literatur zwingend erforderlich.

Französische Zitate werden in den Fußnoten auf Deutsch wiedergegeben. Ein Glossar wurde auf Grund nicht vorhandener zu erklärender Begrifflichkeiten nicht angefertigt.

2. Einleitung

Am 22. Januar 1963 unterschrieben Charles de Gaulle für Frankreich und Konrad Adenauer für die Bundesrepublik Deutschland in Paris den Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit – den „Élysée-Vertrag“, auch „Freundschaftsvertrag“ genannt. Mit dieser Unterzeichnung besiegelten die beiden Staatsmänner die Aussöhnung zwischen den „jahrhundertealten Rivalen“ und „Erbfeinden“[1] Deutschland und Frankreich. Eben diese, früher kaum für möglich gehaltene Aussöhnung, sollte sich innerhalb einer einzigen Generation vollziehen und eines der wenigen Beispiele in der Geschichte für einen derart raschen Wandel in den Beziehungen zweier Nationen darstellen.

Im gleichen Schritt schufen Adenauer und de Gaulle die Grundlage für eine zukünftige Zusammenarbeit in den drei Gebieten: Erziehung- und Jugendfragen, Auswärtige Angelegenheiten und Verteidigung. Somit wird deutlich, dass es keinesfalls Sinn und Zweck des Vertrages war, einen Schlussstrich unter die deutsch-französische Versöhnung zu ziehen. Der Élysée-Vertrag kann vielmehr sowohl als „Zielpunkt“ als auch als „Startpunkt“ der deutsch-französischen Freundschaft angesehen werden.[2]

Heutzutage erscheint die deutsch-französische Freundschaft als genauso selbstverständlich wie vor einiger Zeit die deutsch-französische Feindschaft. Die Kooperation beider Staaten beruht auch heute noch auf dem 1963 vereinbarten Vertrag, der lediglich 1967 durch eine Zusatzvereinbarung und 1988 durch ein Zusatzprotokoll ergänzt wurde.

Um ein gerechtes Bild des Élysée-Vertrages zu zeichnen, wird am Ende dieser Arbeit zeitgenössische Kritik an Inhalt und Umsetzung des Vertrages analysiert.

3. Historischer Kontext

Von elementare Bedeutung für das Verständnis der Entstehung des Élysée-Vertrages ist die lange, gemeinsame Geschichte von Frankreich und Deutschland und deren Auswirkung auf die gemeinsamen Beziehungen. Im Zuge dieser Arbeit wird die Beziehung der beiden Länder lediglich unmittelbar vor Entstehung des Élysée-Vertrags, also nach Ende des zweiten Weltkriegs, bis zu seiner Unterzeichnung 1963 untersucht.

3.1. Die französisch-deutschen Beziehungen von 1945 bis 1949 – Neuformierung Europas und Gründung der BRD

Die Bilanz des zweiten Weltkriegs ist vernichtend: circa 55 Millionen Tote weltweit, darunter 600.000 Franzosen und rund sechs Millionen Deutsche. Es wird angenommen, dass die Hälfte aller Toten Zivilisten waren. Die deutsch-französischen Beziehungen waren als Ergebnis von zehn Jahren Krieg und fast fünf Jahren Besatzungszeit auf dem Nullpunkt – ein sofortiger Freundschaftsvertrag wäre am beidseitigen Misstrauen der beiden Staaten gescheitert.

Als eine der vier Siegermächte verwaltete Frankreich die Besatzungszone Süd-Westdeutschland, die die Gebiete Baden, Württemberg-Hohenzollern, Rheinland-Pfalz, den französischen Sektor Berlins und das Saarland umfasste. Oberste Prämisse, die von einer antideutschen Haltung in allen Bevölkerungsschichten und des hohen Sicherheitsbedürfnisses der Franzosen geprägt wurde, war hierbei ein erneutes Heranwachsen Deutschlands zu einer Bedrohung Frankreichs und somit auch des europäischen Friedens zu unterbinden. Dieses Ziel sollte durch eine andauernde Schwächung Deutschlands in Form von Internationalisierung des Ruhrgebiets, Besetzung des Rheinlands und absoluter Dezentralisierung des deutschen Staates verwirklicht werden, damit es

„diesmal auf dauerhafte und wirkungsvolle Weise vor dem aggressiven Nachbarland geschützt werden (konnte). Niemals mehr durfte dort ein zentralistischer Staat mit der Gefahr einer Entartung ins Totalitäre und ´Romantische´ - Irredentistisch-Aggressive entstehen.“[3]

Weitere Ziele waren eine unmittelbare Entnazifizierung und Entmilitarisierung der französischen Besatzungszone. Einige Pläne gingen sogar soweit, dass sie eine dauerhafte Teilung Deutschlands in die Besatzungszonen sowie die Abtretung des Rheinlandes, des Saarlandes und des Ruhrgebietes an Frankreich vorsahen.[4] Zusammenfassend ist daher zu sagen, dass Frankreich „bis 1948 vordringlich einen starken deutschen (Gesamt-)Staat zu verhindern suchte.“[5]

Auf Grund des extrem negativen Bildes von Deutschland, das Frankreich historisch bedingt entwickelte, verweigerte es seine Zustimmung zur Gründung eines neuen souveränen deutschen Staates. Da dies jedoch nicht im Interesse der anderen westlichen Staaten war, die einen Wiederaufbau Deutschlands auf demokratischer Basis präferierten, musste das vom Krieg ökonomisch geschwächte Frankreich seine Pläne begraben, um einer Isolierung und Einstellung finanzieller Hilfen der Amerikaner zu entgehen. Besonders die Amerikaner erkannten eine mögliche Gefahr auf Grund des näher rückenden Kommunismus und sahen einen Vorteil in einem starken, integrierten, demokratischen Deutschland als „Pufferzone gegen den Kommunismus“[6]. Den Franzosen wurde „lediglich die Zollunion mit dem Saarland und die Ausbeutung der Saarkohle“[7] zugestanden. Vor allem vor dem Hintergrund des heraufziehenden Karten Krieges war Frankreich nicht in der Lage seine guten Beziehungen zu Amerika und England leichtfertig aufs Spiel zu setzen, sodass es seine Pläne wie oben beschrieben begraben musste.

Im Zuge der Verschärfung des Kalten Krieges gewannen die amerikanischen und britischen Ideen zur Errichtung eines westdeutschen Teilstaates zunehmend an Kontur. Auf der Londoner Sechsmächtekonferenz konnten die französischen Bedenken ausgeräumt werden und so der Weg frei für weitere Ideen, wie beispielweise der Entwurf einer Verfassung, gemacht werden.[8] Am 8. April 1949 trat Frankreich dann dem Vereinigten Wirtschaftsgebiet, der „Bizone“ bei und erweiterte dieses zur „Trizone“, dem territorialen Vorläufer der Bundesrepublik Deutschland. Am 24. Mai, also einen Tag nach seiner Ausrufung, genehmigten die drei Besatzungsmächte dann das Grundgesetz und die BRD wurde geboren.

Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle bereits die Einstellung de Gaulles sein, der

„schon bei Kriegsende befand, dass den Deutschen in dem neuen Europa eine Zukunft geboten werden müsse, und ging, als sich die Schaffung eines westdeutschen Staates 1948 als unvermeidlich erwies, entschlossener als viele seiner Landsleute auf eine Partnerschaft mit der Bundesrepublik zu“.[9]

So kam es, dass sich nicht das Sicherheitskonzept, das eine andauernde Schwächung und Kontrolle Deutschlands vorsah, um ein erneutes Erstarken zu verhindern, sondern das Integrationskonzept, das Deutschland fest in die europäische Staatengemeinschaft einbinden wollte, um so die deutsch-französischen Gegensätze zu überwinden, durchsetzte. Dieses Konzept erwies sich für Frankreich als „glücklicher Rettungsanker“[10] aus einer drohenden außenpolitischen Pleite, da es ihm seinerseits die Möglichkeit gab, an der Neuordnung der europäischen Nachkriegspolitik mitzuwirken und, noch wichtiger für die Franzosen, die neugegründete Bundesrepublik Deutschland kontrollieren zu können, wenn auch auf einer anderen Ebene als vorgesehen.

3.2. Annäherung beider Länder und Konfliktbewältigung zwischen 1949 und 1958

Bei den ersten Bundestagswahlen der neu gegründeten BRD am 14. August 1949 ging eine Koalition aus CDU/CSU, FDP und DP hervor, die Konrad Adenauer am 7. September zum Bundeskanzler wählte. Bereits sechs Wochen nach seiner Wahl, im November 1949, erklärte er, dass er die deutsch-französischen Beziehungen und insbesondere die Annäherung der beiden „Erbfeinde“ zum Ausgangspunkt seiner Politik mache[11].

Der erste größere Vertrag zwischen Frankreich und der BRD ging aus den Differenzen über das Ruhrgebiet hervor. Frankreich, das eine Internationalisierung des Ruhrgebietes forderte, war letzten Endes dafür verantwortlich, dass die wirtschaftliche Nutzung einer Kontrollbehörde übertragen wurde. Auf Grund der sich hieraus ergebenen Spannungen innerhalb der deutschen Politik schlug der französische Außenminister Robert Schumann eine Fusion der deutschen und französischen Stahl- und Kohleproduktion in Form des Vertrags zur Montanunion vor.[12] „Nach Schumanns eigenen Worten sollte durch ihn die ‚opposition séculaire de la France et de l’Allemagne‘[13] beendet werden“[14]. Durch diesen Schritt konnte das Ruhrgebiet schließlich unter volle deutsche Souveränität gestellt werden. Schumann beabsichtigte durchaus auch, dass sich andere Länder der Montanunion anschließen, woraufhin die Regierungen der Niederlande, Belgiens, Italiens und Luxemburgs und der BRD Verhandlungen zum „Schumannplan“ begannen. Dieser Plan sollte eine wichtige Etappe der europäischen Integration und des deutsch-französischen Aussöhnungsprozesses darstellen[15]. Am 18. April 1951 wurde dann der Vertrag zur Montanunion unterschrieben, der den ersten großen Schritt in der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland wiederspiegelt.

Über den Eintritt der Annäherungsphase zwischen Deutschen und Franzosen gibt es allerdings auch andere Ansichten. So beginnt für G. Ziebura die Phase „konstruktiver Annäherung“ erst ab 1955, die ihren Höhepunkt in der Gründung der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), einem Vorläufer der Europäischen Gemeinschaft und der modernen Europäischen Union, finden sollte.

Begünstigt von einem nicht zu unterschätzenden Willen zur Versöhnung der Franzosen und Deutschen konnte die Saarfrage, eine schwere Hypothek der Normalisierung, 1956 gelöst werden: das Saarland wurde, ohne, dass es Klagen aus der französischen Bevölkerung gab, an Deutschland zurückgegeben. Neben diesem Beweis für eine Normalisierung des angespannten Verhältnisses der beiden Nationen, die maßgeblichen Anteil an der Gründung der EWG hatte, weist G.Ziebura auch auf andere Faktoren hin, von denen die Entstehung der EWG profitierte. In den fünfziger Jahren hat Frankreich stets nur seine nationalistischen Interessen verfolgt, mit dem Ziel, den Rang einer dritten Kraft in der Weltpolitik einzunehmen. Beispiele hierfür sind unter anderem der Bau der Atombombe[16]. So trugen dieses Verhalten, aber auch der Algerienkrieg und das Sues-Abenteuer in großem Anteil dazu bei, dass sich Frankreich in der Weltpolitik isoliert und somit geschwächt hatte. Deutschland hingegen hielt sich aus weltmachtpolitischen Spielen, sei es auch nur mangels Einflussmöglichkeiten, überwiegend zurück und versuchte nicht aus der Schwäche Frankreichs eigene Vorteile zu ziehen. Im Gegenteil, Deutschland hat Frankreich in allerlei schwierigen Situation sogar noch unterstützt. Beispiele dafür sind Kohlelieferungen und finanzielle Unterstützung im Algerienkrieg. So kommt Ziebura zu dem Schluss, dass Frankreich „1957 (…) keine Freunde außer Deutschland“ hatte.[17]

Nachdem Frankreich erkannte, dass es aus eigener Kraft keine dritte Kraft in der Weltpolitik werden konnte, war es bereit, einen wirtschaftlichen Zusammenschluss auf europäischer Ebene mit den Benelux-Staaten, Italien und Deutschland einzugehen. Im Stillen noch immer den Wunsch nach mehr Macht und einer führenden Rolle in der Weltpolitik innezuhaben, erhofften sich die Franzosen durch eben diesen Zusammenschluss die Position Europas und damit auch die eigene gegenüber der amerikanischen Vormundschaft zu stärken und zugleich auch wirtschaftlich von ihm profitieren zu können, während es die Möglichkeit Deutschland weiterhin zu kontrollieren nicht aufgeben musste.

Dieser wirtschaftliche Zusammenschluss auf europäischer Ebene war die Grundsteinlegung für die Gründung der EWG, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Die EWG umfasste die sechs Mitgliedsstaaten der Montanunion und sollte unter anderem Zollschranken zwischen ihnen aufheben.[18]

Die Gründung der EWG wurde mit der Unterzeichnung der unbefristeten Römischen Verträge 1957 offiziell. Im gleichen Zug wurde auch die Europäische Atomgemeinschaft (EURATOM) gegründet. Die Schaffung dieser drei supranationalen Institutionen war nicht nur ein bedeutender Schritt für die deutsch-französische Aussöhnung, sondern auch für die europäische Integration.

4. Von Colombey-les-deux-Églises bis zum Élysée-Vertrag (1958-1963) – die Entstehung des Élysée-Vertrages

Durch das Scheitern der IV. Republik im Jahre 1958 und dem damit verbundenen Zusammenbruch war der Weg für eine Rückkehr des Generals de Gaulle geebnet, die eine entscheidende Wende für die deutsch-französischen Beziehungen bedeuten sollte. Anfangs befürchtete Deutschland jedoch eine Anknüpfung an die französische Deutschlandpolitik der Nachkriegszeit*. Von de Gaulle war bekannt, dass er ein eingeschworener Feind supranationaler Konstruktionen wie beispielsweise der EWG oder der EURATOM war. Das gaullistische Konzept sah primär eine Stärkung der nationalen Souveränität vor. So galt de Gaulle in Deutschland geradezu als Verkörperung des französischen Nationalismus. Adenauer sagte im Frühjahr 1958 noch öffentlichkeitswirksam: „Wenn Herr de Gaulle kommt, der macht Europa kaputt“[19]. Tatsächlich akzeptierte de Gaulle jedoch die neuen Europäischen Gemeinschaften und behinderte den Fortgang der europäischen Integration in keiner Weise, ganz zur Überraschung seiner Partner. Dieser hatte nämlich längst den Nutzen der europäischen Integration, insbesondere auch der deutsch-französischen Kooperation, für seine eigene Politik erkannt.

In der Zeit von 1958 bis 1963 trafen sich Adenauer und de Gaulle insgesamt zu 15 Gesprächen unter vier Augen und unterhielten während des gesamten Zeitraums eine angeregte Korrespondenz.

4.1. Die erste Begegnung zweier Persönlichkeiten in Colombey-les-deux-Eglises

Im September 1958 wurde Adenauer auf de Gaulles Familiensitz in Colombey-les-deux-Eglises eingeladen. Diese Ehre wurde niemals zuvor und sollte auch nie wieder einem anderen ausländischen Politiker zu Teil werden. Zwar hatte de Gaulle Adenauer bereits kurz nach seinem Amtseintritt eingeladen, jedoch zierte sich dieser mit der Feststellung, dass er als Vertreter eines besiegten Landes nicht der erste offizielle Gast de Gaulles in seinem Familiensitz sein könne und, dass der General dafür Verständnis haben möge. Adenauers Argumentation ist an dieser Stelle reichlich verwunderlich[20], da er bislang niemals zögerte, das besiegte Deutschland, sei es in Amerika, Russland oder England, zu vertreten. Auch Frankreich hatte er vor de Gaulles Amtsantritt bereits einige Male besucht. Eine Erklärung könnte sein unangenehmer Besuch in Paris im Jahre 1951 sein, der sogar in seinen Memoiren nicht unerwähnt blieb. Damals verweigerten sowohl der französische Außenminister als auch der Ministerpräsident ihm die Ehre auf dem Flugfeld. Tatsächlich war es jedoch ein anderer Grund, der Adenauer zum Zögern bewog.

„Ich war von großer Sorge erfüllt, denn ich befürchtete, die Denkweise von de Gaulle wäre von der meinigen so grundverschieden, dass eine Verständigung zwischen uns beiden außerordentlich schwierig wäre.“[21]

Außerdem ließ Adenauer dem damals amtierenden Ministerpräsidenten Pflimlin durch seine Botschafter noch mitteilen, dass „im Interesse der NATO und der europäischen Integration eine Machtergreifung durch General de Gaulle verhindert werden (müsse)“[22]. Jedoch wusste de Gaulle, dass der mittlerweile 82-jährige Adenauer eine solche Einladung nicht ablehnen konnte und sollte mit dieser Einschätzung auch Recht behalten. Auf der Rückreise von einem Urlaubsaufenthalt in der Schweiz nahm Adenauer den Umweg über Lothringen auf sich um den General zu besuchen. Im Vorfeld dieses Treffens herrschte großes Unbehagen unter den Pariser und Bonner Diplomaten, da man befürchtete, Adenauer und de Gaulle würden keine gemeinsamen Gesprächsthemen finden – zu unterschiedlich waren doch die beiden Standpunkte. Darüber hinaus befürchteten insbesondere die deutschen Diplomaten, dass de Gaulle nach wie vor mit der „helle alliance“, also einem französisch-russischen Bündnis liebäugelte.

Adenauer blieb insgesamt 24 Stunden auf de Gaulles Landsitz und führte ein angeregte, vier Stunden langes Vieraugengespräch mit de Gaulle. Im Anschluss an das Gespräch unterstrich Adenauer immer wieder, wie nachhaltig dieses kurze persönliche Zusammensein sein Bild vom General verändert habe. Am 16. September gesteht Adenauer dem Bundespräsidenten Theodor Heuss „alle Vorurteile, die er aus deutschen Berichten und Gesprächen mit Amerikanern gehabt habe, hätte er sofort aufgeben müssen, da er in de Gaulle einem völlig anderen Mann begegnet sei“. In späteren Jahren sagte er dann sogar, dass er seit dieser ersten Begegnung „Sympathie für de Gaulle empfunden habe“[23]. Auch de Gaulle, der besonders die Offenheit und Aufgeschlossenheit von Adenauer schätzte, lobte im Anschluss das offene Gespräch mit ihm: „Wir beide aber bleiben von nun an in enger persönlicher Verbindung“. Zu betonen ist an dieser Stelle jedoch noch, dass de Gaulle, anders als Adenauer, bereits vor dem Gespräch ein äußerst positives Bild seines Gegenübers hatte. Durch seinen ambitionierten Kampf gegen den Nazismus und seinem Zerwürfnis mit den Engländern nach dem Krieg zollte der General ihm seine Hochachtung und sah ihn – was bei ihm äußerst selten ist – als wahren Staatsmann an:

„es gibt niemanden, der geeigneter wäre, meine Hand zu ergreifen. Und niemanden, zu dem ich die meine besser ausstrecken könnte“.[24]

Dieses erste kurze Treffen in Lothringen kann somit als Grundsteinlegung der persönlichen Freundschaft zwischen Adenauer und de Gaulle angesehen werden und somit essentieller Ausgangspunkt der weiteren Entwicklung bis 1963. Die Ära des deutsch-französischen Gegeneinander sollte für immer vorbei sein und fortan sollten Verständigung, Freundschaft und eine enge politische Zusammenarbeit zwischen den beiden Völkern die sowjetische Bedrohung abwehren, die europäische Integration sichern und den Weltfrieden wahren.

Keine 48 Stunden nach Adenauers Besuch lässt de Gaulle Washington und London jedoch unter größter Geheimhaltung ein Memorandum zukommen, in dem er den Vorschlag unterbreitet, die NATO einem englisch-amerikanisch-französisches „Direktorium“ zu unterstellen, das weltpolitische Strategien entwerfen und Entscheidungen treffen soll. Die Reaktion Adenauers, der einen Monat später von diesem Vorstoß de Gaulles erfährt ist unschwer auszumalen: er spricht von Verrat. Wider Erwarten kommt es aber nicht zum endgültigen Zerwürfnis der beiden.

4.2. Die Jahre 1958 bis 1962: Auf dem Grat zwischen Erfolg und Scheitern

Als sie sich am 26. November 1958 zum zweiten Mal treffen, wird eben dieser Zwischenfall nicht einmal erwähnt. Adenauers persönlicher Referent Franz Josef Bach schreibt dazu „De Gaulle verstand es, die Menschen zu umgarnen, die er beeinflussen wollte; in Bad Kreuznach ließ er seinen ganzen Charme spielen, und Adenauer war beruhigt“. Inzwischen hatte der russische Präsident Chruschtschow die Absicht erklärt, die Dreimächtevereinbarungen von 1945 über Berlin aufzukündigen und, sollte es nicht zu Verhandlungen zwischen den einstigen Siegermächten kommen, den Status von Berlin einseitig festzulegen. Adenauer musste jedoch vor allem Neuverhandlungen über Berlin vermeiden, da diese eine tödliche Gefahr für ihn darstellten und er sich der amerikanischen Reaktionen nicht sicher sein konnte. Es war jedoch de Gaulles Entschlossenheit, die maßgeblich zur Beruhigung Adenauers beitrug, wie dieser bei der Pariser Konferenz im Mai 1960 feststellen konnte: während Engländer und Amerikaner der UdSSR Zugeständnisse machten, erwies sich einzig de Gaulle als Vorkämpfer für die Sache der Deutschen und lässt die Konferenz schließlich scheitern. Es ist vor allem dieser unnachgiebige Wille des Generals, der sichert, dass der Westen den Sowjets nicht nachgibt, der das Bindemittel des Zusammenwirkens von Adenauer und de Gaulle in dieser Zeit ist.[25]

Im Juli 1960, bei einem weiteren Treffen in Rambouillet bekräftigen die beiden dann erneut „eine vollständige Übereinstimmung zwischen Frankreich und der BRD als Basis und Vorbild eines auf Wirtschaft und Verteidigung erweiterten europäischen Staatenbundes“[26]. Es ist vor allem dieses gemeinsame große Ziel, das die beiden Staatsmänner verbindet und auch einen endgültigen Bruch der Beziehungen in der Zeit von Ende 1960 bis 1962 verhindert. Besonders de Gaulles weitgehende Kritik zu NATO und der Europapolitik der Vereinigten Staaten dient während dieser Zeit als Grundlage für heftige Auseinandersetzungen der beiden. So wirft de Gaulle Adenauer im Oktober 1960 vor, er „schlage sich auf die Seite der Angelsachsen“. Am 9. Dezember 1961 zeigt sich Adenauer wiederum entsetzt über das mögliche Fernbleiben Frankreichs bei alliierten Abstimmungsgesprächen: „Frankreich (…) darf sich nicht desinteressieren“. De Gaulle erwidert daraufhin: „Wenn England, Amerika und die Bundesrepublik bereit sind, Berlin herzugeben, kann Frankreich sich dem nicht widersetzen, aber es will daran keinen Anteil haben“.[27]

Ein Bruch der Beziehungen ist für Adenauer allerdings keine Option, da er befürchtet, dass ein sich selbst überlassenen Frankreich sich auf Kosten der BRD mit der UdSSR verbünden könne – eine Angst mit der de Gaulle auch immer wieder gespielt hat.

Als die politische Einigung der EWG im Frühjahr 1962 scheitert und Adenauer zunehmend Vertrauen in die amerikanische Politik unter dem neuen Präsidenten John F. Kennedy verliert, rückt ein deutsch-französisches Zusammengehen in den Blickpunkt. Die übrigen europäischen Staaten verlangen eine Einbeziehung Großbritanniens zum Entwurf eines politischen Europas und führen zum Scheitern der Gespräche. Indes lassen sich de Gaulle und Adenauer davon nicht beeinflussen und sind bereit, eine Union notfalls zu zweit zu beginnen. Der offizielle Besuch des Bundeskanzlers im Juli 1962 soll als Symbol für die deutsch-französische Solidarität dienen. De Gaulle belegt seinen Gast mit dem Großkreuz der Ehrenlegion und den Worten: „Die Franzosen erblicken in Ihnen einen großen Deutschen, einen großen Europäer, einen großen Menschen, der Frankreichs Freund ist und (…) zutiefst ihre Achtung und Neigung erweckt“[28]. Die vielen Demonstrationen gegen den Besuch des Staatschefs und die wenigen Besucher lassen natürlich berechtigte Zweifel an der Wahrheit dieser Aussage aufkommen.

Zwei Monate später, bei de Gaulles Besuch in Deutschland zeigt sich ein gänzlich anderes Bild. Trotz seiner geringen Deutschkenntnisse lernt de Gaulle vierzehn Reden auf Deutsch auswendig und begeistert das Volk mit ihnen und seiner „de gaulleschen Zauberkraft“[29]. Besonders bekannt ist das folgende Zitat aus einer seiner Reden während seiner Deutschlandreise:

„L’avenir de nos deux pays, la base sur laquelle peut et doit se construire l’union de l’Europe, le plus solide atout de la liberté du monde, c’est l’estime, la confiance, l’amitié mutuelles du peuple français et du peuple allemand. “[30]

4.3. Der 22. Januar 1963 – die Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages

Am 22. Januar 1963, also nur 18 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs unterzeichneten General de Gaulle und Konrad Adenauer im Pariser Élysée-Palast eine „Gemeinsame Erklärung“ und den „Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit“ – kurz Élysée-Vertrag. Dieser Vertrag sollte nicht nur die Aussöhnung der beiden Völker, sondern auch den dauerhaften Frieden in Europa besiegeln. Beide Staatsmänner versicherten nach der Unterzeichnung, dass

„die Versöhnung zwischen dem deutschen und dem französischen Volk, die eine Jahrhunderte alte Rivalität beendet, ein geschichtliches Ereignis darstellt, das das Verhältnis der beiden Völker zueinander von Grund auf neugestaltet“.[31]

Den Moment nach der Vertragsunterzeichnung wird vom damaligen französischen Informationsminister Alain Peyrefitte festgehalten:

„Wir beide, Pompidou und Peyrefitte, waren erstaunt, als sich der Kanzler und der General nach der Vertragsunterzeichnung umarmten in einer Anwandlung, die niemand erwartet hatte, sicherlich auch nicht sie selbst“. Der Kampf gegen Deutschland, das war sein (de Gaulles) ganzes Leben (…). All das fiel jetzt von ihm ab, in diesem Moment ergreifender Freundschaft.“[32]

Für Verärgerung seitens der Franzosen sorgte das Hinzufügen einer Präambel seitens des deutschen Bundestags, die für seine Ratifizierung erforderlich war und die ein klares Bekenntnis zur fortgesetzten Partnerschaft mit den USA, zur NATO und zur supranationalen europäischen Integration im Rahmen der EWG enthält. Für de Gaulle stellt diese Präambel eine besondere Entwertung der Vereinbarung dar. Die Deutschen hielten eben jene aber für notwendig, um die Kritiker aus dem Ausland zu beruhigen und einer möglichen Abkehr Washingtons von Bonn entgegenzuwirken.

Ursprünglich war der Élysée-Vertrag gar nicht als Vertrag geplant, sondern vielmehr als eine Art schriftlicher Auflistung der Punkte zur Entwicklung einer Zusammenarbeit, auf die sich de Gaulle und Adenauer geeinigt hatten. Dies erklärt auch die Kürze des Dokuments, das lediglich 19 Artikel umfasst. Um die Beziehungen künftig im Hinblick auf eine gemeinsame Außenpolitik abzustimmen, wurde festgelegt, dass sich französische und deutsche Politiker in regelmäßigen Abständen zu Absprachen treffen sollten.

Der Élysée-Vertrag trat am 2. Juli 1963, drei Tage vor dem Gründungsabkommen für das Deutsch-Französische Jungendwerk, in Kraft.

5. Inhalt des Élysée-Vertrags

Der 19 Artikel umfassende Élysée-Vertrag lässt sich in drei Punkte aufteilen, wobei der deutsch-französischen Jugendarbeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

5.1. Außenpolitik

Die Außenpolitik betreffend gibt der Vertrag Folgendes wieder:

„Die beiden Regierungen konsultieren sich vor jeder Entscheidung in allen wichtigen Fragen der Außenpolitik und in erster Linie in den Fragen von gemeinsamem Interesse, um so weit wie möglich zu einer gleichgerichteten Haltung zu gelangen (Vertrag 1963, 11)“.[33]

So sollten insbesondere Angelegenheiten der Europapolitik, der Ost-West-Beziehungen, der NATO oder internationaler Organisationen gemeinsam geregelt werden. Voraussetzung hierfür war ein konstanter Informationsaustausch zwischen den beiden Regierungen, der aus diesem Grund weiter intensiviert werden sollte. Der angesprochene Konsultationsmechanismus, der in Form eines Konsultationskalenders fixiert wurde, galt sowohl auf der höchsten Ebene (Kanzler-Präsident) als auch auf der Ebene der Minister und der Zusammenarbeit somit gewissermaßen einen Automatismus verleihen sollte. Es wurde vereinbart, dass sich Staats- und Regierungschefs alle drei Monate und Minister monatlich treffen.

[...]


[1] Vgl. Lappenküper 2001

[2] Vgl. Lappenküper 2001 S.152-157

[3] Vgl. Große 1993 S.347

[4] Ebd. S.347

[5] Vgl. Müller 2009 S.308

[6] Ebd. S. 323

[7] Vgl. Große 1993 S.348

[8] Vgl. Müller 2009 S.323

[9] Vgl. Loth 1997 S.58

[10] Vgl. Woyke 2001 S.17

[11] Vgl. Schwabe 2005 S.33

[12] Vgl. Woyke 2001 S.18

[13] Jahrhundertelange Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich

[14] Vgl. Große 1993 S.351

[15] Vgl. Wilkens 2004 S. 12-14

[16] Bzw. „Force de Frappe“

[17] Vgl. Ziebura 1997 S.134

[18] Vgl. Große 1993 S.351

[19] Vgl. Ziebura 1997 S.10

[20] Ebd. S.11

[21] Vgl. Ziebura 1997 S.55-73

[22] Vgl. Kersaudy

[23] Vgl. Ziebura 1997 S.119-132

[24] Vgl. Kersaudy

[25] Vgl. Kersaudy

[26] Ebd. S.128

[27] Vgl. Kersaudy

[28] Ebd.

[29] Vgl. Ziebura S.130ff

[30] Die Zukunft unsere beiden Völker, der Grundstein auf welchem die Einheit Europas gebaut werden kann und muss, ist die gegenseitige Achtung, gegenseitiges Vertrauen und sich ergänzende Freundschaft des französischen und deutschen Volkes.

[31] Vgl. Kesaudy

[32] Vgl. Peyrefitte 1997 Chapitre III

[33] Vgl. Große 1993 S.345

Details

Seiten
21
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668693517
ISBN (Buch)
9783668693524
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v423962
Institution / Hochschule
Fachhochschule Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
Elysée-Vertrag Konrad Adenauer deutsch-französische Freundschaft de Gaulle

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