Lade Inhalt...

Der Kampf um Mobilität zwischen Flüchtlingen und politischen Instanzen im Film "Ein Augenblick Freiheit"

Hausarbeit 2017 22 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Migrationsmanagement“: Der Umgang der Europäischen Union mit Migration
2.1. Erschaffen einer irregulären Migration
2.2. Transitland Türkei
2.3. Konstruktion einer Flüchtlingsfigur: Viktimisierung und Kriminalisierung

3. Der Kampf der Flüchtenden um Autonomie
3.1. Das Konzept der Autonomie der Migration
3.2. Der Kreislauf des migrantischen Widerstands und des Grenz-Managements

4. Analyse des Kampfes um Mobilität im Film "Ein Augenblick Freiheit"
4.1. Europäisches Migrationsmanagement im Transit
4.2. Viktimisierung und Kriminalisierung
4.3. Soziale Kämpfe und Autonomie
4.4. Wünsche und Hoffnung als Motor für Autonomie

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Foto mit dem dreijährigen Alan Kurdi geht um die Welt: Sein toter Körper wird von einem Polizisten am Strand im Süden der Türkei geborgen. Der Junge ist bei der Schlepperfahrt über das Mittelmeer ertrunken. Seine Familie war aus Syrien vor der IS-Miliz in die Türkei geflohen und wollte weiter nach Kanada. Allerdings wurden die Kurden von den Vereinten Nationen nicht als Flüchtlinge anerkannt und die Türkei erteilte ihnen keine Ausreisegenehmigung. Deshalb nahm die Familie, genauso wie andere Flüchtende, den illegalen Weg über das Mittelmeer. Beide Boote sanken, wodurch zwölf Menschen ums Leben kamen.

Die Online-Zeitung Zeit.de bezeichnet das Foto in einem Artikel als „Symbol der Flüchtlingskrise“ (Zeit.de, 2015). Denn es steht stellvertretend für all die Flüchtenden, die aufgrund von Grenzregularien, illegale und damit lebensbedrohliche Wege in Kauf nehmen, um in ihr Wunschland zu gelangen. Im Artikel beschreibt der Notfall-Leiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Peter Bouckaert, die Flüchtlinge als „die neuesten Opfer von Europas armseliger Antwort angesichts einer wachsenden Krise.“ (Zeit.de, 2015) Er kritisiert damit die Reaktionen der Staaten, die versuchen, flüchtende Menschen für die Sicherheit mithilfe von Grenzregimen in eigene Bahnen zu lenken. Das war 2015.

Doch das Phänomen des Aufeinandertreffens von staatlichen Eingrenzungen und ‚Befreiungsversuchen‘ von Flüchtenden, gibt es schon länger. Der österreichisch-iranische Regisseur Arash T.Rihai inszenierte den Kampf um Mobilität zwischen Flüchtlingen und politischen Instanzen bereits im Jahr 2008 in seinem Spielfilm „Ein Augenblick Freiheit“. Darin geht es um drei iranisch-kurdische Flüchtlingsgruppen, die den gefährlichen Weg in die Türkei mittels Fluchthelfer und Pferd auf sich nehmen: Ali und sein Freund Merdad riskieren ihr Leben, damit sie die Geschwister Azy und Arman zu ihren Eltern nach Wien bringen können, die dort Asyl gefunden haben. Auch das Ehepaar Lale und Hassan flüchtet mit ihrem Sohn Kian in die Türkei, wird aber zunächst von einem Schlepper hinters Licht geführt. Zusammen mit den Kurden Manu und Abbas kommen die Gruppen in einem schäbigen Hotel in Ankara unter und versuchen von dort aus weiter nach Europa zu fliehen.

Der Willkür der Behörden ausgeliefert, beginnt für die Flüchtenden eine Zeit des Wartens, Hoffens und der Enttäuschung. Dazu kommt die Bedrohung durch den iranischen Geheimdienst und das Aufbrauchen aller Ersparnisse, welche durch das Arbeitsverbot nicht aufgefüllt werden können. Vor dem Gebäude des UNHCR warten sie zusammen mit anderen Flüchtlingen auf die Anerkennung als AsylantInnen, damit sie weiter in ein Aufnahmeland reisen können. Ali und Merdad bekommen eine Aufenthaltsgenehmigung in Österreich und können die Geschwister zu ihren Eltern bringen. Auch Manu bekommt Asyl in Deutschland bewilligt. Als sein Freund Abbas abgelehnt wird, besorgt er für ihn einen gefälschten Bescheid, welcher dann auffliegt. Abbas wird in den Iran abgeschoben und dort erschossen. Das Ehepaar Lale und Hassan und ihr Sohn bekommen auch keinen Bescheid. Aus Verzweiflung versucht es der Familienvater zweimal mit einer List - sie scheitert, worauf er sich vor dem UNHCR- Gebäude anzündet. Daraufhin bekommt die Mutter zwar Asyl, kehrt aber mit ihrem Sohn wieder in den Iran zurück.

Schon in der Kurzzusammenfassung werden die Kämpfe, die die Flüchtenden durchstehen müssen, um mobil zu sein, deutlich. Es geht um Wünsche, Hoffnungen, Geldnot, Tricks und Fälschungen. In der vorliegenden Arbeit soll daher der Kampf um Mobilität zwischen Flüchtlingen und politischen Instanzen in Arash T. Rihais Film herausgearbeitet werden. Auf welche Hindernisse treffen die Flüchtenden und wie versuchen sie diese zu überwinden? Wie reagieren die politischen Institutionen auf Flüchtlinge? Die Analyse erfolgt mittels des Konzeptes der Autonomie der Migration.

Zunächst wird in einem Theorieteil der Umgang der Europäischen Union (EU) mit Migration und Flucht betrachtet. Dem wird der Kampf der Flüchtenden um Mobilität gegenübergestellt, indem auf das Konzept der Autonomie der Migration eingegangen wird. Es folgt die Analyse einzelner Filmszenen, die sowohl Illegalisierung als auch Eigenständigkeit von Migration kennzeichnen. Im Fazit wird auf die Perspektive des Films eingegangen und die Forschungsfrage beantwortet.

2. „Migrationsmanagement“: Der Umgang der Europäischen Union mit Migration

Um das Phänomen, das zwischen den zwei Polen ‚Staat‘ und ‚Flüchtling‘ stattfindet, in der Analyse herausarbeiten zu können, wird zunächst im folgenden Kapitel dargelegt, wie die EU als supranationale Organisation mit Migration umgeht und welche Stereotype in der westlichen Gesellschaft vorherrschen. Denn beide produzieren Hindernisse und Schwierigkeiten für die Einreise und den Aufenthalt in Europa.

2.1. Erschaffen einer irregulären Migration

Das Stockholmer Programm legt die migrationspolitische Agenda der EU fest, in welchem der ‚Unionsbürger‘ eine zentrale Rolle spielt. Damit wird eine Subjektfigur geschaffen, die in einem konstruierten europäischen Rechtsraum lebt und vor Bedrohungen beschützt werden soll. Mit dem Schengener Binnenraum wird also eine europäische Außengrenze hergestellt, welcher im Gegensatz zu den sogenannten Drittstaaten steht. Während Migration innerhalb des EU-Raumes als normal gilt, wird Außenmigration problematisiert. Bei letzterem unterscheidet das Stockholmer Programm zwischen legaler und illegaler Zuwanderung. Für die Herangehensweise, dass die legale Form unterstützt und die illegale bekämpft werden soll, steht der Begriff ‚Migrationsmanagement‘ (Ratfisch, 2015, S. 1-7).

Touristen, Studenten, Wissenschaftler, Fachkräfte und andere Menschen, die ökonomisch gewinnbringend sind, werden als nützlich für die wirtschaftliche und demografische Entwicklung der EU angesehen. Aus diesem Grund soll die sogenannte ‚legale‘ Migration gefördert werden. Im Gegensatz dazu ist die ‚illegale‘ oder ‚irreguläre‘ Migration unerwünscht. Denn es besteht die Annahme, dass illegale MigrantInnen kein solches gewinnbringendes Potential haben. Dabei wird übersehen, dass auch diese Menschen Arbeitnehmer sind und aufgrund der Entrechtung, die sie durch die staatliche Politik erfahren, als günstige Arbeitskräfte ausgebeutet werden. Wegen ihrer scheinbar fehlenden Eigenschaften, erkennt sie das Stockholmer Programm nicht als individuelle Subjekte an, sondern als eine Masse. Dieses konstruierte Kollektiv wird als Problem thematisiert, das eine Bedrohung für die Arbeitsmärkte und Sozialsysteme der europäischen Staaten darstellt. Deshalb wird versucht, illegale Migration mit restriktiven Mitteln zu bekämpfen (Ratfisch, 2015, S. 8-11).

Die Beschränkung der illegalen Zuwanderung wird mithilfe humanitärer Argumente beschönigt. Institutionen wie die Grenzschutzagentur Frontex werden dazu genutzt, ‚Flüchtlingstragödien‘ abzuwenden. Dabei wären diese Tragödien ohne strenge Visaregime oder militarisierte Kontrollen an der EU-Außengrenze abwendbar gewesen, denn dann müssten Flüchtende nicht auf gefährliche Routen ausweichen. Sogenannte ‚Schleuser‘, die den Menschen auf dem Weg nach Europa helfen, werden zu Kriminelle stilisiert, da sie sie auf illegale und lebensbedrohliche Weise transportieren. Dies dient der EU wiederum, ein Eingreifen in die illegale Migration zu rechtfertigen (Ratfisch, 2015, S. 12). Um dem TäterOpfer-Dualismus zu entgehen, wird der negativ konnotierte Begriff des Schleusers bzw. Schleppers in vorliegender Arbeit von nun an ausgetauscht durch ‚Fluchthelfer‘. Denn letzterer Terminus beschreibt, was die ‚Schlepper‘ tun: Sie helfen Menschen bei der Flucht. Somit ist er im Gegensatz zu den beiden anderen wertfrei.

Das Stockholmer Programm unterscheidet außerdem unter den illegalen Migranten zwischen freiwilligen Wirtschaftsmigrierenden und Geflüchteten mit politischer Motivation. Da es letztere als schutzbedürftig einstuft, sieht die Agenda vor, Methoden zu entwickeln, diese Personengruppe besser zu erkennen. Als eine Art Ausnahme von der Regel bekommt sie die Möglichkeit, sich von der strikten Abwehr illegaler Zuwanderer aufgrund des europäischen Asylsystems zu entziehen, was dem Vorgehen wiederum einen humanitären Anschein gibt. Jedoch lässt sich nicht zwischen freiwilligen und unfreiwilligen Migranten unterscheiden, denn viele Asylsuchende haben mehrere Gründe für ihre Immigration in ein anderes Land, welche sich nicht zwischen wirtschaftlicher und politischer Motivation unterscheiden lassen. Aufgrund dieses Problems - dass die Motivationen nicht klar differenzierbar sind - haben diejenigen, die in die Kategorie des Flüchtlings einsortiert werden, Anspruch auf die Einreise in die EU. Andere, welche in die Kategorie des illegalen Migranten eingestuft wurden, werden in ihre Herkunftsländer oder in ein Transitland abgeschoben (Ratfisch, 2015, S. 13-15).

Abschließend lässt sich also sagen, dass die Konstruktion von verschiedenen Subjekten der Migration Grundlage des Stockholmer Programms darstellt: Es erschafft eine Schablone, nach der Migrierende in die EU ausgewählt werden sollen. Das Problematische dabei ist, dass Menschen nicht in eine Schablone passen, denn ihre Motivationen, Ambitionen und Umstände sind verschieden. Mit dem Erschaffen eines Idealbilds eines legalen und illegalen bzw. freiwilligen und unfreiwilligen Migrierenden, drückt die Agenda den Menschen einen Stempel auf, was verheerende Folgen für die einzelnen Individuen haben kann, wie sich später in der Analyse zeigt.

Das ‚Migrationsmanagement‘ der EU findet nicht nur Anwendung an den Außengrenzen des Schengener Raums, sondern auch in den angrenzenden ‚Drittstaaten‘. Im folgenden Kapitel wird das Eingreifen der EU in das Transitland Türkei beleuchtet, denn die Türkei spielt für die Protagonisten des zu analysierenden Films eine bedeutende Rolle, da dort über ihr Schicksal entschieden wird.

2.2. Transitland Türkei

Die Türkei ist für Flüchtende ein bedeutendes Land, denn es gilt als „Brückenkopf nach Westeuropa“ (Andrijasevic, et al., 2005, S. 350). Jedoch ist der Umgang türkischer Migrationspolitiker mit Transitmigration und den Fluchthelfern in den Augen der EU zu wenig streng kontrolliert. Dies kritisierten EU-Politiker auf zahlreichen Gipfeltreffen und drohten der Türkei mit Sanktionen. Als institutionelle Grundlage, um europäische migrationspolitische Maßnahmen auf der asiatischen Halbinsel durchzusetzen, dient die sogenannte ‚Vor- Beitrittsphase‘ der Türkei zur EU (Hess & Karakayli, 2007, S. 41).

Dieses Vorgehen kann auch mit dem Begriff der Europäisierung der Migrationspolitik beschrieben werden. Demnach dehnt sich die EU-Migrationspolitik weit über den europäischen Raum hinaus aus, was außerdem einen Beschleuniger des EUErweiterungsprozesses darstellt. Die EU betreibt somit eine Extensionspolitik, die sie mithilfe des Schengener Abkommens durchsetzt (Andrijasevic, et al., 2005, S. 348f.). Die Implementierung der Maßnahmen in der Türkei stellte sich aber als schwierig heraus. Denn bisher galt Transmigration dort in Politik, Öffentlichkeit und Wissenschaft nicht als Problem. Daher musste Transmigration erst als ein solches konstruiert werden, um politisch eingreifen zu können. Dafür betrieb die EU öffentliches Agenda-Setting, damit die türkische Regierung Gesetze in die Praxis umsetzte (Hess & Karakayli, 2007, S. 42f.).

Dabei kommt dem UNHCR, dem Flüchtlingsrat der Vereinten Nationen, eine wichtige Rolle zu. Denn er beeinflusste den türkischen Asyldiskurs zusammen mit NGOs und Menschenrechtsorganisationen, indem er mittels EU-Gelder beispielsweise Beamte schulte und bereitete so auf die europäische Migrationspolitik vor (Hess & Karakayli, 2007, S. 49). Außerdem führt er dort wie in vielen Ländern, die kein staatliches Asylrecht kennen, ein Asylverfahren durch, da Asyl für Geflüchtete oftmals die einzige Möglichkeit ist, den Aufenthalt zu legalisieren (Andrijasevic, et al., 2005, S. 351). Das Asylrecht ist für einen Menschen auf der Flucht, der seine Bürgerrechte verloren hat, die einzige Chance, von einem Land schützend aufgenommen werden. Aber das Recht wurde in den vergangenen Jahren auf europäischer und nationalstaatlicher Ebene erheblich eingeschränkt. Das Ergebnis sind unter anderem pauschale Verfahren, kein Recht auf einen Rechtsweg oder eine Festlegung sogenannter sicherer Herkunftsstaaten (Horn, 2002, S. 35f.). Beim UNHCR stoßen Flüchtende auf unfreundliche Verhöre, strenge Beweislast, lange Wartezeiten, niedrige Anerkennungsquoten und fehlende finanzielle Unterstützung. Um dies zu umgehen, greifen die Migrierenden manchmal auf gefälschte Dokumente, falsche Lebensgeschichten und gefertigtes Beweismaterial zurück (Andrijasevic, et al., 2005, S. 351). Statt Zufluchtsort wird Asyl für sie auf diese Weise zu einem Ort der Einschließung (Horn, 2002, S. 36).

Auch die Protagonisten des Films Ein Augenblick Freiheit wenden solche Methoden an, um den Unsicherheiten des Asylsystems des UNHCR zu entkommen. Für Flüchtende wird die Einreise nach Europa nicht nur durch die Beschränkungen der EU, sondern auch durch die Ausweitung dieser auf umliegende ‚Drittstaaten‘ erschwert. Hinzu kommt, dass sie in den Ländern auf Viktimisierung und Kriminalisierung treffen, was im nächsten Kapitel behandelt wird.

2.3. Konstruktion einer Flüchtlingsfigur: Viktimisierung und Kriminalisierung

Die Hindernisse, auf die Flüchtende treffen, entstehen aber nicht nur durch das Grenzmanagement der EU, sondern auch durch Stereotype in der westlichen Gesellschaft. Diese werden in erster Linie von Hilfsorganisationen generiert, deren Aufgabe es ist, sich um die hilfsbedürftigen und schutzlosen Flüchtlinge zu kümmern. Neben zahlreichen nationalen und internationalen GOs und NGOs sammelt auch der UNHCR Spenden zur Flüchtlingshilfe, mit welcher er sich legitimiert. Dabei steht als Bild der Unschuld und der Schutzlosigkeit eine Frau mit Kind. Denn es besteht die Annahme, dass sich Männer selbst helfen können, während Frauen und Kinder humanitäre Hilfe nötig haben. Letztere werden von den Hilfsorganisationen als Opfer stilisiert - sprich viktimisiert - nicht zuletzt, um Spenden von der Bevölkerung zu erhalten (Inhetveen, 2010, S. 152f.).

Der Gegenbegriff der viktimisierten Frau mit Kind ist der kriminalisierte Mann. Es wird davon ausgegangen, dass er seinen Flüchtlingsstatus ausnutzt und seine Rechte missbraucht.

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668698628
ISBN (Buch)
9783668698635
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424400
Institution / Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt – Medien- und Kommunikationswissenschaften
Note
1,00
Schlagworte
Migration Migrationsmanagement Grenzmanagement Flüchtlinge Widerstand Transit Mobilität Identität Medien Film Autonomie der Migration

Autor

Zurück

Titel: Der Kampf um Mobilität zwischen Flüchtlingen und politischen Instanzen im Film "Ein Augenblick Freiheit"