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Wirtschaftliche Interessengruppen in der Gründerkrise des Deutschen Kaiserreiches 1873-1896. Entstehung und Funktion

Der 'Centralverband Deutscher Industrieller zur Beförderung nationaler Arbeit'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 21 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Gründerkrise
2.1 Wirtschaftskrise
2.2 Politische Krise

3. Reaktion der Wirtschaft
3.1 Forderung nach Schutzzöllen
3.2 Bildung von Interessenverbänden

4. „Der Centralverband Deutscher Industrieller“
4.1 Vorläufer
4.2 Gründung und Organisation
4.3 Verbandsziele und Wege der Einflussnahme
4.4 Rolle im Politischen System

5. Neuordnung oder Entstehung des Verbandswesens/ allg. Rolle wirtsch. Verbände im Kaiserreich

Literatur

Anhang

1. Einleitung

Die Entstehung nationaler, zentral organisierter wirtschaftlicher Interessenverbände fällt überwiegend in die Periode von 1873 bis 1896. Dieser Zeitraum wird im Allgemeinen als die „Gründerkrise“ des deutschen Kaiserreiches bezeichnet.

Der Begriff „Gründerkrise“ bezieht sich dann auf wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Veränderungen, die zumeist negativ - also als krisenbedingt- beurteilt werden.

Eine Erscheinung der Gründerkrise ist die Entstehung beziehungsweise die Veränderung bestehender Interessengruppen.

In dieser Arbeit sollen zunächst die wirtschaftlichen Ereignisse und Auswirkungen der Gründerkrise dargestellt werden, da sie den Hintergrund für den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden:

Die aus der Wirtschaftskrise resultierende Entstehung, Konzentration und Neuorganisation von wirtschaftlichen Interessengruppen.

Unter diesen wiederum war der „Centralverband der Deutschen Industriellen zur Beförderung nationaler Arbeit“ (CVDI) eine der größten und zeitweilig erfolgreichsten[1]. Der CVDI war eine Sammlung von Industriellen, Firmen und regionaler Interessenverbände verschiedener Industriezweige.

Anhand der Entstehung, Organisation und Arbeitsweise des CVDI lässt sich die Geschichte der wirtschaftlichen Interessenverbände im Bismarckschen und frühen wilhelminischen Deutschland beispielhaft darstellen.

Dabei ist zu untersuchen, wie und mit welchem Erfolg der Interessenverband Einfluss nehmen konnte, auf welchen Ebenen agitiert wurde und inwieweit, soweit dies nachzuweisen ist, sogar eine Veränderung in der politischen Kultur des deutschen Kaiserreiches stattgefunden hat.

2. Gründerkrise

Die Gründerkrise des deutschen Kaiserreiches begann kurz nach der Gründung des Reiches, Ende 1873[2]. Nach einer kurzen Periode des wirtschaftlichen und politischen Aufschwungs, Liberalismus und Optimismus folgte eine Phase wirtschaftlicher Depression und sozialer und politischer Spannungen.

Direkte Folge dieser Krise war die Abwendung vom wirtschaftlichen und politischen Liberalismus und die Entstehung und Veränderung von Interessenverbänden.

2.1 Wirtschaftskrise

Nach einem kurzfristigen wirtschaftlichen Hoch in der Reichsgründungszeit folgte Ende 1873 eine wirtschaftliche Talfahrt. Die Krise wurde durch Kräche an internationalen Börsen, Bankrotte amerikanischer Eisenbahngesellschaften ausgelöst und durch beinahe unbegrenzte Spekulation, Investition und Überproduktion verursacht. Als direkte Folge begannen die Preise zu fallen, es kam zu Massenentlassungen und damit zu steigender Arbeitslosigkeit[3]. Die Märkte waren von Produkten übersättigt, Investitionskapital und Kredite wurden knapp und teuer.

Um auf den nationalen und internationalen Märkten konkurrieren zu können, mussten Unternehmer ihre Preise senken. Insbesondere die Eisenindustrie war betroffen, die Preisstürze betrugen bis zu 60%[4].

Nach zunächst relativ ruhiger Reaktion der Unternehmen zu Beginn der Krise wurden die Stimmen, die nach Intervention des Staates, insbesondere nach der Rückkehr zu Schutzzöllen riefen.

Zwischen 1874 und 1876 wurden die Auswirkungen der Krise spürbarer, verschärft durch eine Strukturkrise in der Landwirtschaft. In den Folgejahren bis 1896 schwankte die Konjunktur. Auf kurzfristige Hochs folgten weitere Depressionen.

Ob die Zeit von 1873 bis 1896 als „Große Depression“ bezeichnet werden kann, ist umstritten[5].

Unabhängig davon war unter Industriellen und auch in der Gesellschaft das Bewusstsein vorhanden, dass man sich in einer Krisenzeit befinde[6] und dement-sprechend wurde reagiert.

2.2 Politische Krise

Die politische Situation ab 1873 war durch verschiedene Krisenmerkmale gekennzeichnet. Neben der wirtschaftlichen Krise mit ihren politischen Begleiterscheinungen und Auswirkungen, waren es vor allem soziale Spannungen, das Aufkommen der Sozialdemokratie und der Kulturkampf, die das politische Tagesgeschäft bestimmten.

Die Industrie hatte eine wichtige Rolle im politischen Denken, auch wenn besonders in den Anfangsjahren - insbesondere durch Bismarcks Einfluss - der Agrarbereich noch stark im Vordergrund stand[7].

Mit der Krise 1873 wurden Schutzzollinteressen wieder verstärkt laut:

Zunächst waren es in erster Linie Eisen- Stahl- und Textilindustrielle, die Forderungen artikulierten und sich in ihren Interessen verstärkt zu organisieren begannen.

So entstand im November 1873 der „Verein Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller“ (VDES), 1876 der CVDI und die „Vereinigung der Steuer- und Wirtschaftsreformer“.

Auf politischer Ebene war es schwierig, auf diese Forderungen zu reagieren: Obwohl der Reichstag im politischen System keine machtvolle Stellung hatte, genügte die freihändlerische Mehrheit zunächst doch, um eine etwaige Verlängerung oder gar Erhöhung des Schutzzolls zu verhindern[8].

Auch das Aufkommen der Sozialdemokratie ist in diesem Zusammenhang interessant, da Schutzzollinteressen, trotz „Allgemeinwohl-Argumentation“[9], den Sozialdemokraten im Reichstag schwer zu verkaufen waren[10].

Insgesamt lässt sich für das deutsche Kaiserreich ab Mitte der siebziger Jahre eine massive politische Krise feststellen:

Es gab Forderungen von oppositionellen Seiten, die Gesellschaft begann sich zu politisieren, ihre Interessen zu artikulieren und sich organisiert den festgefahrenen Strukturen entgegenzustellen[11]. Auf diese Anforderungen musste von staatlicher Seite reagiert werden. Darunter zählt in erster Linie die Rückkehr zum Schutzzoll und damit die Rückkehr zu einer protektionistischen Handelspolitik 1879.

Diese war von industrieller und politischer Seite schwer erkämpft worden. Erst nach zwei Attentaten auf Kaiser Wilhelm I im Mai und Juni 1878, das den Sozialdemo-kraten angelastet wurde, konnte Bismarck den Reichstag auflösen. Nach der Neuwahl war dann die erwünschte schutzzöllnerische Mehrheit erreicht[12].

3. Reaktionen in der Wirtschaft

Zu den ersten Reaktionen der Wirtschaft auf die Krise Ende 1873 gehörte die verstärkte Konzentration von Unternehmen. Es kam zu Fusionen, Übernahmen und der Bildung von Kartellen.

Neben der wirtschaftlichen Reaktion begannen die Industriellen, Forderungen nach Intervention an den Staat zu richten und sich in ihren Forderungen untereinander zu verständigen. So fand nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine ideologische Konzentration von Interessen statt:

Aus diesem gemeinsamen Interesse heraus, begannen sich Interessengruppen zu bilden bzw. bereits bestehende verstärkt zusammenzuarbeiten und sich zusammen-zuschließen.

3.1 Forderung nach Schutzzöllen

Schon vor der wirtschaftlichen Krise in den 1870er Jahren gab es vereinzelte Stimmen, die Schutzzölle forderten. Da aber die Wirtschaft florierte, konnten diese sich nicht durchsetzen[13].

Doch beinahe mit Ausbruch der Krise begannen Stimmen aus industriellen Kreisen verstärkt Schutzzölle zu fordern. Schon im November 1873 entstand die erste nationale Interessengruppe Industrieller: der bereits erwähnte VDES.

Die Auswirkungen der Krise konnten 1873/74 noch durch die Erfolge des Gründer-booms ausgeglichen werden, doch spätestens 1875/76 war der Preisverfall und die Arbeitslosigkeit deutlich merklich. So kamen zu den rein wirtschaftlichen zusätzlich soziale Probleme.

[...]


[1] Vgl. H.-P. Ullmann: Interessenverbände in Deutschland. Frankfurt/Main 1988. S. 77.

[2] Die Datierung der Gründerkrise ist unterschiedlich. Aber im Allgemeinen wird ihr Anfang mit dem Beginn der wirtschaftlichen Krise 1873 angegeben.

[3] Vgl. M. Kitchen: The Political Economy of Germany 1815-1914. Montreal 1978. S. 139f.

[4] Vgl. H. Böhme: Deutschlands Weg zur Großmacht. Studien zum Verhältnis von Wirtschaft und Staat während der Reichsgründungszeit 1848-1881. Köln/Berlin 1966. S. 354.

[5] So bezeichnet beispielsweise H. Rosenberg (in: Große Depression und Bismarckzeit. Wirtschaftsablauf, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa. Berlin 1967) die Phase von 1873-1896 der Theorie der langen Wellen folgend, tatsächlich als eine lange Depressionsphase, mit leichten konjunkturellen Schwankungen, während K. E. Born (in: Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Deutschen Kaiserreichs (1867/71 – 1914). Stuttgart 1985) diese Zeitspanne in Konjunkturphasen des Auf- und Abschwungs unterteilt und zudem anmerkt, dass die deutsche Wirtschaft im Vergleich zur englischen wuchs.

[6] Vgl. H. Rosenberg: Große Depression. S. 51f.

[7] Zum einen ist dies besonders gut am Verhältnis der Krupp AG zu Regierungskreisen erkennbar (s. 4.3), zum zweiten war Bismarck, selbst Agrarier, stark an der Unterstützung des Agrarbereichs interessiert. Zudem war die Argumentation zur Unterstützung der einheimischen Industrie zumeist mit nationalen Interessen gespickt.

[8] Vgl. H. Böhme: Deutschlands Weg. S. 359.

[9] „Allgemeinwohl-Argumentation“ meint die Tatsache, dass trotz des Gegensatzes zwischen Unternehmern/Industriellen und ihren Angestellten häufig argumentiert wurde, dass industrielle Interessen auch im Sinne der Arbeiter wären. Vgl. z.B.: Wilhelm von Kardoff: Gegen den Strom. Eine Kritik der Handelspolitik des deutschen Reiches an der Hand der Carey’schen Forschungen. Berlin 1875. Auszug S. 40 – 50 in: Hans Fenske (Hg.): Im Bismarckschen Reich 1871-1890 (=FSG: Quellen zum politischen Denken der Deutschen im 19. Und 20. Jahrhundert. Hg. Von R. Buchner, W. Baumgarten Bd.6). Darmstadt 1978. S.152-157.

[10] Der Schutzzoll sollte in erster Linie Umsatzeinbußen durch Preisverfall verhindern. Die daraus entstehenden höheren Preise allerdings (gerade im Agrarbereich) wirkten sich direkt auf den Konsumenten aus.

[11] Neben den industriellen, entstanden auch soziale und weitere Interessengruppen. Des weiteren fällt das Aufkommen der Sozialdemokratie, die i. A. als Gefahr für das Reich gesehen wurde, in diese Zeit. So stieg z. B. die Anzahl der sozialdemokratischen Mandate im Reichstag zwischen 1874 und 1893 von 9 auf 48. Vgl. Kaiserliches Statistisches Amt (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich. 18. Jg. Berlin 1897. S. 143.

[12] So verloren die traditionell freihändlerischen (linken) Nationalliberalen an Mandaten, während die mittlerweile tendenziell schutzzöllnerisch gesinnten Konservativen und besonders Freikonservativen (Deutsche Reichspartei) an Stimmen gewannen. Vgl. Statistisches Jahrbuch, S. 143 und H.-P. Ullmann: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918. Frankfurt/Main 1995. S. 71.

[13] Vgl. H. Böhme: Deutschlands Weg. S. 310. Die Verfechter des Schutzzolls konnten nur eine sofortige Aufhebung der Schutzzölle verhindern. Aber zumindest wurden bereits später wichtige parlamentarische Verbindungen geknüpft. Vgl. ebd. S.356.

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638404723
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v42446
Institution / Hochschule
Rijksuniversiteit Groningen
Note
1,7
Schlagworte
Entstehung Funktion Interessengruppen Gründerkrise Deutschen Kaiserreiches Beispiel Centralverbands Deutscher Industrieller Beförderung Arbeit

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Titel: Wirtschaftliche Interessengruppen in der Gründerkrise des Deutschen Kaiserreiches 1873-1896. Entstehung und Funktion