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Gefährliche Arbeitszeiten? Gesundheitsgefährdung und Arbeitszeitgestaltung im Rettungsdienst

©2018 Hausarbeit 21 Seiten

Zusammenfassung

Die folgende Arbeit soll den Schwerpunkt Arbeitszeitgestaltung im Zusammenhang mit einer möglichen Gesundheitsgefährdung der Beschäftigten im Rettungsdienst näher beleuchten.

Das Gestalten menschenwürdiger Arbeitsplätze ist aus Sicht des Autors in der grundlegenden moralischen Verantwortung eines jeden Arbeitgebers zu sehen. Dieser erwähnte Arbeitsplatz setzt sich aus multifaktoriellen Vorstellungen zusammen. So sind hier beispielsweise ein gewisses Mitbestimmungsrecht, wertschätzende Kommunikationsgepflogenheiten und gesundheitsfördernde Maßnahmen zu nennen. Diese Aufzählungen lassen sich noch um einiges erweitern und die Schwerpunkte variieren interindividuell.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Terminologie und Situationsbeschreibung
2.1 Terminologie der Hausarbeit
2.2 Situationebeschreibung: Schichtmodelle im deutschen Rettungsdienst

3 Gesundheitliche Aspekte
3.1 Leistungsfähigkeit des Menschen
3.2 Circadiane Rhythmik
3.3 Schlaf
3.4 Maladaptive Verhaltensweisen
3.5 Kardiovaskuläre Erkrankungen
3.6 Psychovegetative Belastungen

4 Soziale Aspekte

5 Sicherheit und Unfallgefährdung
5.1 Empirischer Zusammenhang
5.2 Unfallrisiko

6 Konklusion

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1: Gesunder Schlaf versus Schlafstörung

Abbildung 2: Ergebnisinterpretation der dritten EWCS

Abbildung 3: Inzidenzrate in Abhängigkeit zu Wochenarbeitsstunden

Abbildung 4: Inzidenzrate in Abhängigkeit zur täglichen Arbeitszeit

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Gefahrenmatrix

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

Das Gestalten menschenwürdiger Arbeitsplätze ist aus Sicht des Autors in der grundlegenden moralischen Verantwortung eines jeden Arbeitgebers zu sehen. Dieser erwähnte Arbeitsplatz, setzt sich aus multifaktoriellen Vorstellungen zusammen. So sind hier beispielsweise ein gewisses Mitbestimmungsrecht, wertschätzende Kommunikationsgepflogenheiten und gesundheitsfördernde Maßnahmen zu nennen. Diese Aufzählungen lassen sich noch um einiges erweitern und die Schwerpunkte variieren interindividuell. Da die folgende Arbeit jedoch den Schwerpunkt „Arbeitszeitgestaltung“ näher beleuchten will, soll hier die Aufzählung zunächst nicht vervollständigt werden. Im Folgenden wird speziell vom Arbeitsplatz im Rettungsdienst der Bundesrepublik Deutschland ausgegangen. Hier spielt auch die angespannte personelle Lage eine gewichtige Rolle, da es aus Sicht des Autors unabdingbar ist, den Arbeitsplatz attraktiv(er) zu gestalten, um auch zukünftig im Rahmen der Daseinsvorsorge den Dienstbetrieb sicherstellen zu können. Zur beschriebenen prekären Personalsituation im Rettungsdienst existieren derzeit weder amtlichen Zahlen, noch sind dem Autor bis jetzt strukturierte Erhebungen bekannt. Nicht repräsentative eigene Schätzungen gehen derzeit von ca. 3200 fehlenden Rettungsdienst-Stellen in Deutschland aus.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Gesundheitsförderung im Rettungsdienst. Da sich auch die Arbeitsplatzgestaltung auf die Gesundheit auswirkt, stellt sich die Frage, ob sich Dienstzeiten, die acht Stunden überschreiten, negativ auf die langfristige Gesundheit auswirken. Die umstrittene arbeits(zeit)rechtliche Bewertung soll hier zunächst im Hintergrund stehen.

2. Terminologie und Situationsbeschreibung

2.1 Terminologie der Hausarbeit

Um sprachliche Missverständnisse zu vermeiden, sollen hier zunächst einige wichtige Begriffe für diese Arbeit geklärt werden:

- Gesundheitsdefinition der WHO: „Gesundheit ist ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen.“ (Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz)
- Arbeitszeit, Schichtzeit: Arbeitszeit beschreibt die Zeit, von Arbeitsbeginn bis Arbeitsende, Ruhepausen sind exkludiert. Die Schichtzeit hingegen, inkludiert Ruhepausen bei sonst gleicher Definition.
- Prolongierte Arbeitszeit: Mit prolongierter Arbeitszeit sind in dieser Arbeit alle Arbeitszeit von mehr als neun Stunden Dauer gemeint.
- Nachtarbeit, Feiertage: Die Nachtzeit umfasst in dieser Arbeit die Zeit von 22.00 Uhr bis 05.00 Uhr, als Feiertage gelten die bundesdeutschen Feiertage. Falls relevant, werden abweichende Annahmen besonders ausgewiesen.
- Ruhepausen, Ruhezeit: Ruhepausen sind Arbeitsunterbrechungen von mindestens 30 Minuten, bei denen AN frei in der Gestaltung sind. Ruhezeit ist die Unterbrechung, die zwischen zwei Schichten ununterbrochen zur Verfügung steht.
- Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer: Alle Beschäftigte, inkl. Führungskräfte, sofern sie am operativen Geschehen teilnehmen.

2.2 Situationsbeschreibung: Schichtzeitmodelle im deutschen Rettungs-dienst

Derzeit findet sich ein breites Portfolio an Schichtzeiten. Einige AG bieten 8 Stunden dauernde Schichten an, andere 10 Stunden, 12 Stunden und bis zu 24 Stunden. Da die Arbeitsvertragsgestaltung sehr unterschiedlich ausfällt, ist es kaum möglich allgemeingültige Aussage zu treffen. Außerdem werden je nach AG und Wachbereich sog. Bereitschaftszeiten angerechnet, die nicht als Arbeitszeit gewertet werden. So werden beispielsweise von 12-Stunden-Schichtlänge, nur acht als Arbeitszeit gewertet. Die Vergütungsmodalitäten sind sehr unterschiedlich und reichen bis zu einem Faktor von 1, es wird in diesem Fall also die komplette Arbeitszeit (inkl. Bereitschaftszeit) vergütet.

3. Gesundheitliche Aspekte

3.1 Leistungsfähigkeit des Menschen

Die Leistungsfähigkeit eines Menschen nimmt mit zunehmender Arbeitszeit ab. Proctor beschreibt dieses Phänomen anhand sinkender Aufmerksamkeit und schwächer werdenden exekutiven Funktionen bereits nach acht Stunden (Proctor, White, Robins, Echeverria, & Rocskay, 1996, S. 124-132). Weitere Arbeiten untermauern diese Ansicht. Da es jedoch unterschiedliche Definitionen der Erschöpfung gibt und hier diverse Branchen außerhalb des Gesundheitswesens betrachtet werden, soll hierauf zunächst kein Bezug genommen werden. Alluisi et al. Kommen zu dem Schluss, dass Arbeitszeiten von 40 Stunden pro Woche, verteilt auf fünf Tage, optimal seien (Alluisi & Fleishman, 1982, S. 165-246). Eine Verlängerung über 40 Stunden würde sich negativ auf die Produktivität auswirken. Bendak (2000, S. 399-416) verglich unter anderem die Nachteile von 12-Stunden-Schichten im Gegensatz zu 8-Stunden-Schichten. Die Resultate waren Zunahme an Erschöpfung, die auf lange Sicht mit gesundheitlichen Problemen verbunden sein kann, erhöhtes Fehlerrisiko und dadurch höhere Unfallwahrscheinlichkeit bei 12-Stunden-Schichten, zunehmende Wahrscheinlichkeit abnehmender Motivation und höheres Risiko für niedrigere Produktivität und ökonomische Einbußen. Bezüglich der kognitiven Ressourcen bleibt festzuhalten, dass eine Wachphase von 17 Stunden einem Blutalkoholwert von 0,5 Promille gleichzusetzen ist, eine durchwachte Nacht (24 Stunden) mit 0,8 Promille (Lamond & Dawson, 1999, S 265-262).

3.2 Circadiane Rhythmik

Die circadiane Rhythmik beschreibt einen stabilen 24-Stunden-Ablauf von Schlafbereitschaft und Vigilanz, bzw. Performance-Disposition. Die Steuerung dieser verzahnten Abläufe wird von sog. Zeitgebern geleistet, welche die Anpassung an den geophysikalischen Tag ermöglichen (Colquhoun, 1996, S. 112-123). Zeitgeber sind beispielsweise der Wechsel von Hell und Dunkel und sich zyklisch wiederholende Aktivitäten (z.B. familiäre oder andere soziale Kontakte). Das Einwirken der Uhrzeit ist ebenfalls als Zeitgeber zu sehen (Moog, 1997, S. 15-22), der sich allerdings nur in engen Grenzen manipulieren lässt, während es beispielsweise für den Hell-Dunkel-Wechsel diverse Möglichkeiten gibt, um die Adaption und die Performance zu verbessern. Arbeiten in Schichtsystemen kann die circadiane Rhythmik und die Performance erheblich stören, da manche Zeitgeber nicht verändert werden (z.B. Hell und Dunkel bzw. Tag und Nacht), während andere Ihre zeitliche Lage verändern (z.B. Socializing, Essgewohnheiten). Daraus resultiert, dass AN in Schichtsystemen Ihre physiologischen Funktionen den asynchronen Zeitgebern anpassen müssen ( (Kössler, 1998, S. 106-131). Diese Anpassung ist jedoch nur begrenzt möglich. So kann eine Verschiebung der Rhythmik um einen halben Tag praktisch nicht erreicht werden (Ehrenstein, 1990, S. 700–704). Bezüglich der Adaption endokrinologischer und neuroendokrinologischer Prozesse und pathologischer Abweichungen, besteht derzeit keine einheitliche Datenlage, so dass vor dem Hintergrund einer verbesstern Adaption oder Leistungssteigerung auch wenig Aussagen zur Applikation von Medikamenten und anderen Substanzen gegeben werden können. Jedoch scheint die Adrenalinkonzentration im Plasma, zwischen verschiedenen Schichten zu differieren. So wurde bei Pflegefachpersonal während Tagschichten eine höhere Konzentration festgestellt und auf eine höhere Aktivierung zurückgeführt (Costa et al., 1997, S. 35 - 39). Während Nachtschichten wurde eine signifikant verringerte Sekretion beschrieben, vor allem in der zweiten Schichthälfte. Daraus wurde eine höhere psychophysische Aktivierung hergeleitet. Diese Annahmen zur Schichtarbeit sind aus Sicht des Autors zwar grundlegend, beantworten jedoch nicht die Frage, inwieweit prolongierte Schichtzeiten die circadiane Rhythmik beeinflussen. Weitere Erhebung sind notwendig, besonders im Rettungsdienst.

3.3 Schlaf

Guter Schlaf kann als Voraussetzung für physische und psychische Gesundheit gesehen werden. Darüber hinaus wirkt sich Schlaf auf die Stimmungslage aus und ist eine wichtige Ressource für die Leistungsfähigkeit eines Menschen. Um dies gewährleisten zu können erfolgt der qualitativ hochwertige Schlaf in einem Phasenablauf:

1. Einschlaf-Phase: Übergangsstadium zur Leichtschlaf-Phase
2. Leichtschlaf Phase
3. Mitteltiefe Phase: Nicht immer vorhanden
4. Tiefschlaf-Phase

- REM-Phasen (sog. Rapid Eye Movements): Traumstadium als Zwischenphase zwischen den ersten drei bzw. vier Phasen

Es wird davon ausgegangen, das REM-Schlafphasen für die psychische Gesundheit wichtig sind, da hier die komplexe Verarbeitung von Tagesereignissen stattfindet (Backhaus & Riemann, 1999, S. 12-16). Wird dieses Konstrukt beeinflusst, können Schlafstörungen die Folge sein.

Im oberen Teil der Abbildung ist die Schlafarchitektur eines gesunden Menschen zu sehen, während der untere Teil eine Person mit Schlafstörungen zeigt (Backhaus &Riemann, 1999, S. 18).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Gesunder Schlaf versus Schlafstörung

Die Konsequenzen einer Schlafreduktion (Arlinghaus, 2014, S. 6) können weitreichend sein:

- Es entsteht unzureichende Erholung von arbeitsbedingter Belastung
- Eine Kumulation von Erschöpfung / Müdigkeit ist zu beobachten
- Einschränkungen der Leistungsfähigkeit ist mögliche Folgen
- Das Unfallrisiko ist erhöht
- Langfristig können Sicherheit und Gesundheit gefährdet sein

Niu et. al (2011, S. 68-81) verglichen Beschäftigte mit regelmäßigen Arbeitszeiten und erhöhten unregelmäßige Arbeitszeiten. Sie fanden abnormale Schlafmuster und verkürzten Schlafzeiten bei den unregelmäßig Arbeitenden. Besonders hohe Erschöpfungszustände wurde bei denjenigen beschrieben, die in wechselnde Schichten, inklusive Nachtarbeit, leisteten. Außerdem beschrieben Niu et al., Hinweise dass fest eingeplante Schichten, Erschöpfung reduzieren können.

Daten für den Rettungsdienst fehlen, jedoch wurde sich bereits mit bis zu 24 Stunden dauernden Schichten in der Luftfahrt befasst und über Schlafdefizite und Unterbrechungen der circadianen Rhythmik, sowie Schläfrigkeit bzw. mangelnde Wachheit, beeinträchtigte Leistung und Stimmungsbeeinträchtigung berichtet (Rosekind et al., 1994, S. 327-338). In die Überlegungen sind allerdings auch Altersaspekte einzubeziehen, so beschrieb Härmä (1996, S. 25-29) beispielsweise eine deutliche Verschlechterung der Schlafqualität nach Nachtdiensten von Beschäftigten ab 40 Jahren. Daten aus der Berufsgruppe „Rettungsdienst“ und die Frage nach einer Korrelation mit prolongierten Dienstzeiten bleibt offen, jedoch sind die vorhandenen Daten richtungsweisend. Für die Tätigkeit im Rettungsdienst sind jedoch wechselnde Aktivitäten zu berücksichtigen, die auch unterschiedliche psychophysische und physische Aktivierung verlangen, z.B. Fahrtätigkeiten mit Sonder- und Wegerecht, die eigenständige Patientenbehandlung, die jederzeit lege artis erfolgen soll und Tätigkeit mit erhöhter physischer Beanspruchung (z.B. Heben und Tragen von Patienten). Um AN im Rettungsdienst bei einer adäquaten Schlafhygiene durch Arbeitszeitgestaltung besser unterstützen zu können, bedarf es weiterer Daten, vor allem aus dem deutschen Rettungsdienst. Die Datenerhebungen sind aus Sicht des Autors auf die BRD zu beschränken, da beispielsweise Österreich eine nicht vergleichbare Systematik aufweist. Dies ist keine Wertung bzgl. der Ausprägung von Qualitätsdimensionen, sondern geht auf den unterschiedlichen Aufbau zurück, beispielsweise in der Ausbildung von Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitätern und dem unterschiedlichen zum Einsatz kommen von ehrenamtlichen Beschäftigten.

3.4 Maladaptive Verhaltensweisen

Bei einer Arbeitszeitverlängerung von 35 bis 40 Stunden berichtete Shields (S. 33-48) bereits 1999 über zunehmenden Alkoholkonsum bei Frauen, gesundheitsgefährdende Gewichtszunahme bei Männern und gesteigertem Tabakkonsum bei beiden Geschlechtern.Ähnliche Ergebnisse zeigen Trinkoff & Storr (1998, S. 266–271) bei Pflegefachpersonal.

3.5 Kardiovaskuläre Erkrankungen

Mehrere Studien beschreiben die bestehende Korrelation zwischen langen Arbeitszeiten und kardiovaskulären Erkrankungen, z.B. Uehata (1991, S. 147–153). Hayashi et al. beschreiben einen höheren Blutdruck für Beschäftigte mit langen Arbeitszeiten (Hayashi, Kobayashi, Yamaoka, & Yano, 1996, S. 1007–1011). Die Daten erfahren hier möglicherweise eine Limitation, da diese nur in asiatischen Ländern erhoben wurden. Hier wäre festzustellen, ob die unterschiedliche Inzidenz und Prävalenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Vergleich zu West- und Mitteleuropa zu einem Bias führt und ob die branchenfremden Daten auf den Rettungsdienst anwendbar sind. Wirtz (Wirtz, 2010, S. 35) folgert dessen unabhängig: „Lange Arbeitszeiten begünstigen folglich sowohl direkt als auch indirekt über die maladaptiven Verhaltensweisen das Eintreten des plötzlichen Herztodes.“ Diese Ansicht wird von Vyas et al. (2012, S. 34) gestützt. Sie berichten wie Frost et. al (2009, S. 163-179) über die deutliche Risikoerhöhung für myocardiale Ischämieereignisse.

3.7 Psychovegetative Belastungen

Erlebte Intensität und Gründe psychischer Belastungen können im Rettungsdienst sehr unterschiedlich sein. Ebenso variieren Copingstrategien interindividuell. Die Frage, ob bei prolongierte Schichtzeiten mehr psychovegetative Belastungen nachweisbar sind, soll hier beantwortet werden. Bannai & Tamakoshi (2014, S. 5 -18) legen ein Zusammenhang zwischen lange Arbeitszeiten und depressiven Gefühlszuständen, sowie Angstzuständen dar, wiesen jedoch darauf hin, dass die empirische Befundlage fehle, um eine Verursachung von manifesten psychischen Erkrankungen zu bestätigen. Eine uneinheitliche Datenlage zeigt auch eine Arbeit aus 2012 (Virtanen et. al., 2012, S. 2-4), die langen Arbeitszeiten mit einem deutlichen Depressionsrisiko verbindet und mit dem doppelten Risiko quantifiziert. Nach Siefer ist anzunehmen, dass die Neigung zu Burnout signifikant negativ mit der Arbeitszeit korreliert (Siefer, 2002, S. 1). Außerdem scheint das Korrelat zwischen Schichtzeit, unzufriedenen Patienten und Wohlbefinden der Pflegefachkraft auch klar: Umso länger die Schicht, desto unzufriedener Patienten und Pflegefachkraft (Stimpfel, Sloane, & Aiken, 2012, S. 2501–2509). Die derzeit vorliegenden Daten zeigen zwar einen klaren Trend, jedoch scheinen hier auch komplexe Kompensationsmechanismen zum Tragen zu kommen, die weiter untersucht werden müssen.

4. Soziale Aspekte

Arbeitszeit ist in der Regel Zeit, die nicht anderweitig genutzt werden kann. Dazu sind regelmäßige Bereitschaftszeiten zu zählen, da diese die Tätigkeiten des AN zumindest so einschränken, dass Aktivitäten nicht frei gestaltet werden können. Dies ist durch die Natur von Bereitschaftszeiten bedingt, zum Beispiel die Gebundenheit an bestimmte Räumlich- bzw. Örtlichkeiten. Somit greifen sowohl Arbeits- als auch Bereitschaftszeiten (sofern überhaupt differenzierbar) in die sozialen Strukturen der AN ein. Die Gestaltung der Arbeitszeit kann somit zum Steuerungsinstrument zur sozialen Teilhabe gesehen werden. So ist die Aufteilung von Arbeit, Schlaf und Freizeit als Nullsummenspiel zu sehen. Vergrößert oder reduziert man einen Anteil, hat das unmittelbare Auswirkungen auf die anderen Anteile.

Konkret können mannigfaltige Beeinträchtigungen auftreten, hier sind zunächst die sozialen Cluster

- Lebenspartner
- Familie, insbesondere Kinder
- Enge Freunde, Bekannte, mit denen regelmäßig Kontakte gepflegt werden und
- Organisationen

zu nennen. Weitere Auswirkungen können den Verlust von Werten, Regressionsverhalten und Ausstieg aus Interessenvertretungen bedeuten (Nachreiner, 2017, S. 36).

Die EU hat unter anderem im Jahr 2000 (European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions, 2013, S. 57 - 114) und 2005 (Parent-Thirion, 2007, ) Erhebungen über die Arbeitsbedingungen durchgeführt, sogenannte EWCS, European Working Conditions Survey. Aus beiden Arbeiten lässt sich ableiten, dass sich die Vereinbarkeit privater Interessen mit der Arbeitszeitgestaltung in Abhängigkeit von der wöchentlichen Arbeitszeit bis 39 Arbeitsstunden auf einem gleichen Niveau hält und dann rapide abnimmt. Da sich beide EWCS sehr stark überschneiden, beschränkt sich die folgende Abbildung auf die Darstellung des dritten EWCS.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abb. 2: Ergebnisinterpretation der dritten EWCS

Als Fazit lässt sich für dieses Kapitel festhalten, dass ab 39 Arbeitsstunden pro Woche die Vereinbarkeit privater Interessen mit der Arbeitsgestaltung signifikant abnimmt. Dies betrifft auch prolongierte Dienstzeiten. Werden beispielsweise zwei 24-Stunden umfassende Schichten abgeleistet, wird hier bereits deutlich auf einen Negativpol zugesteuert. Die AN bewerten Ihre soziale Teilhabe also schlechter.

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