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Normalität und Abweichung. Umgang mit sprachlichen Normen in einem DaZ-Kurs

Seminararbeit 2017 33 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Theoretischer Teil

1. Norm und Normalität in der Interaktion
1.1. Soll-Norm
1.2. Ist-Norm

2. Normbewusstsein im menschlichen Handeln
2.1. Können
2.2. Sollen
2.3. Müssen
2.3.1. Naturgesetzliches Müssen
2.3.2. Logisches Müssen
2.3.3. Normatives Müssen
2.3.4. Müssen der notwendigen Bedingung

3. Normkonformität vs. Abweichung und ihre gesellschaftlichen Folgen

3.1. Stigmatisierung und Othering
3.2. Linguizismus
3.3. Neolinguizismus
3.4. Anti-Linguizismus vs. Linguizismuskritik Methodenteil

4. Leitfadengestütztes Interview
4.1. Form und Erstellung des Leitfadens
4.2. Vorteile und Nachteile der Methode

5. Teilnehmende Beobachtung
5.1. Durchführung des Beobachtungsverfahrens
5.2. Vorteile und Nachteile der Methode

6. Auswertungsmethode: Globalauswertung
6.1. Beschreibung der einzelnen Schritte

7. Repräsentation und Interpretation
7.1. Ethische Verantwortung
7.2. Positionierung
7.2.1. Mögliche Einflüsse auf die Forschungssubjekten Auswertung

8. Zusammenfassung und Bewertung
8.1. Fremdbestimmte Normen
8.1.1. Sprachkenntnisse als Bedingung für die Integration
8.1.2. Curriculare Vorgaben
8.2. Selbstbestimmte Normen
8.2.1. Normbildung und -anwendung: Kursleiterin
8.2.2. Normbildung und -anwendung: Kursteilnehmer
8.3. Hintergrundwissen der Kursleiterin und seine Einflüsse
8.3.1. Akzent, Sprache, Zugehörigkeit
8.3.2. Stigmatisierung und Othering
8.4. Normabweichung und ihre Gründe und Folgen
8.4.1. Anerkennung, Linguizismus und Othering: Wie viel Anerkennung ist zu viel Anerkennung?
8.4.2. Konfrontationssituationen

9. Weitere Forschungsperspektiven
9.1. Mehrsprachigkeit und Prestigenorm in der Bildung
9.2. Sprache und Identität bei Personen mit Migrations- und Fluchterfahrung

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Mehrsprachigkeit ist ein individuelles sowie ein gesellschaftliches Phänomen. Den Begriff gab es nie ohne Konnotation. Der Mehrsprachigkeit wurden schon immer verschiedene Eigenschaften und Auswirkungen zugeschrieben. Die positiven oder negativen Zuschreibungen variieren jedoch je nach Einzelperson oder Gruppe, die sich mit der Thematik befasst: „Die beurteilende Person neigt dazu, das Leistungsverhalten anderer aufgrund von Kriterien zu beurteilen, bei denen sie sich selbst als kompetent erlebt.“ (Fried, Beitsch und Wetzel 2000:16)

Die gesellschaftliche Einstellung zur Mehrsprachigkeit wurde schon immer von einer gewissen Doppelmoral geprägt: Erwerb oder Beherrschung von Fremdsprachen wird als lobenswert angesehen, jedoch unter der Bedingung, dass die gelernten Sprachen umgehend eine Anerkennung im Bildungssystem oder auf Arbeitsmarkt finden. Diese Regelung hat sogar eine Verankerung in der Sprachenpolitik der EU; Die Charta der Grundrechte der Europäischen Union (Vgl. Bernsdorff 2002:22) verbietet Diskriminierung aufgrund von Sprache und verpflichtet die Union dazu, auf die sprachliche Vielfalt zu achten. Die Vielfalt wird aber nur dann rechtlich unterstützt, wenn es sich um die europäischen Sprachen handelt.

Sollte es nicht der Fall sein, wird die Existenzberechtigung der Sprachen nicht nur in Frage gestellt, sondern auch als Überfremdung oder Gefahr für die Gesellschaft angesehen. Der Ursprung dieser negativen Grundeinstellung können verschiedene politische Konflikte, Einwanderungswellen oder Arbeitslosigkeit sein (Vgl. Tracy 2014:16), deren Folgen zurzeit in Europa sowie in den USA zu spüren sind.

Gerade diese Ereignisse motivieren zunehmend viele Menschen zur Übersiedlung oder sogar zur Flucht nach Europa und verursachen im deutschsprachigen Raum einen erhöhten Kursbedarf im Bereich Deutsch als Zweitsprache, denn: „Der Erwerb des Deutschen wird gewissermaßen zum Allheilmittel, zum „Schlüssel“ schlechthin für Bildung, Integration und gesellschaftliche Teilhabe.“ (Tracy 2014:13)

Die Sprachkurse werden oft von ehrenamtlichen Mitarbeiter ohne ausreichende fachliche Ausbildung geleitet. Es ist unbestreitbar, dass diese Lehrpersonen nur das Beste für die Lernenden tun wollen. Im Bereich der direkten oder indirekten Normenvermittlung stoßen sie allerdings an zahlreiche Herausforderungen, dessen unsensible Handhabung die Motivation der Lernenden negativ beeinflussen kann.

Die Art und Weise der Normenvermittlung hängt von äußeren und inneren Faktoren ab; zu den äußeren/fremdbestimmten Faktoren gehören die institutionellen und curricularen Vorgaben, gesellschaftliche Faktoren, gesetzliche Normen und Vorschriften (z. B. Migrations- und Asylgesetze). Zu den inneren Faktoren gehört vor allem Hintergrundwissen der Lehrperson, bzw. Unterscheidung und Typisierung von diesem Hintergrundwissen. Diese Prozesse sind später dafür verantwortlich, wie die Normen verstanden, angewendet und beurteilt werden. Das Hintergrundwissen der Lehrperson ist wiederum von weiteren Faktoren abhängig - demographische, psychologische, soziale, wirtschaftliche Lage, aber auch persönliche Erfahrungen mit den exponierten Themen (Stigmatisierung, Diskriminierung, Othering, Linguizismus, Rassismus u. A.). Man findet keine zwei Menschen mit einem hundertprozentig gleichen Hintergrundwissen und Lebenserfahrungen - darum ist die Normwahrnehmung und -umsetzung auch sehr individuell.

Die Arbeit untersucht das Hintergrundwissen und Lebenserfahrungen einer Lehrperson und stellt Hypothesen dazu, wie sie dann in die Normenvermittlung im Kurs einfließen, und zwar mit dem Schwerpunkt der sprachlichen Norm und Aussprache. Diese spezifische Wahl wurde getroffen, weil die auditive Wahrnehmung genauso wie das Aussehen für die Repräsentation des Menschen ausschlaggebend ist. Nach ihrem auditiven Erscheinungsbild werden die Menschen, bewusst oder unbewusst, von der Gesellschaft einer bestimmten Gruppe zugeordnet. Die Auswirkungen dieser Zuordnung sind dann in allen Lebensbereichen spürbar.

Im Theorieteil werden die Begriffe Norm und Normalität unter Berücksichtigung der ausgewählten Forschungsperspektiven nähergebracht. Am Anfang wird der Entstehungsprozess der Normen erläutert und es werden folgende Fragen beantwortet: Wozu brauchen wir Normen? Welche Arten der Normen gibt es? Weiters wird erläutert, inwieweit und unter welchen Bedingungen man sich nach den Normen orientieren muss. Wie intensiv kann das Bedürfnis sein, die Normen einzuhalten? Schließlich werden mögliche Auswirkungen der Normabweichung thematisiert.

Im Methodenteil wird der Forschungsprozess nähergebracht; im Leitfadeninterview wird die Lehrperson nach ihrem Hintergrundwissen und Lebenserfahrungen befragt. Im Fokus steht der Zusammenhang mit ihrer Vorgehensweise im Sprachkurs für die Personen mit Fluchterfahrung. Die teilnehmende Beobachtung sollte untersuchen, ob bestimmte Aussagen der Lehrperson mit der Kursrealität übereinstimmen und weiteres Input zum Thema liefern.

In der Auswertung werden Aspekte, die das Kursgeschehen beeinflussen, in Unterkapitel Fremdbestimmte Normen, Selbstbestimmte Normen, Erfahrungen der Kursleiterin und ihre Einflüsse und Normabweichung und ihre Gründe und Folgen aufgeteilt. Als Fazit sollte eine Hypothese gebildet werden, die Entstehung, Anwendung, Einflüsse und Auswirkungen der ausgewählten sprachlichen und nichtsprachlichen Normen in einem DaZ- Kurs umfasst.

Theoretischer Teil

Der Normdiskurs lässt sich disziplinenübergreifend erörtern - von den Sprachwissenschaften und Sozialwissenschaften über Kulturwissenschaften bis zu Philosophie, Psychologie oder Medizin. Die ursprüngliche Definition des Normbegriffs stammt aber aus dem Fachgebiet Architektur: „Normal ist, was sich weder nach links oder nach rechts neigt, was sich also in der richtigen Mitte hält.“ (Rolf 1999:25) Im Hinblick auf die dargestellte Definition stellen sich jedoch noch weitere, nicht weniger wichtige Fragen: Wie ist die Mitte zu definieren, was gilt als richtig ? Wer hat die Macht, das festzustellen? Wie kann die richtige Mitte in eine Norm umgewandelt werden? Im Gegensatz dazu stehen etwa die Fragen: Was gilt als Abweichung? Was für Sanktionen folgen, wenn die Normen nicht eingehalten werden? Und wo liegt eigentlich die Grenze einer Norm? Wie beeinflussen die Normen unser alltägliches Leben und Tätigkeiten? Im Folgenden wird deshalb näher an unterschiedliche Arten von Normen eingegangen, die bei der Gestaltung der Forschungsfrage von Bedeutung sind.

1. Norm und Normalität in der Interaktion

Die sprachliche Norm, mit der sich die vorliegende Arbeit überwiegend befasst, wird von Coseriu (1952) folgend definiert: „…das in einer Sprache oder für eine Gemeinschaft von Sprechern Übliche im Gegensatz zum Sprachsystem, als dem in einer Sprache Möglichen.“ (Rosenberg und Vallentin 2012:1) Nicht nur im Bereich des „in einer Sprache Üblichen“ basiert die weitere Differenzierung auf den Begriffen Sein und Sollen.

Die „Zweideutigkeit von Deskriptivem und Normativem“ (Rolf 1999:21) widerspiegelt sich aber nicht nur im Bereich der sprachlichen oder nichtsprachlichen Interaktionsnormen. Die Spannungsverhältnisse zwischen einem faktischen Zustand (auch Faktizität oder empirische Normalität genannt) und einem angestrebten Idealzustand (Idealität) sind in vielen anderen Bereichen spürbar, vielleicht aber nicht so offensichtlich und einfach identifizierbar wie im Bereich der sprachlichen Normen.

1.1. Soll-Norm

Eine Soll-Norm erzeugt einen präskriptiven Charakter und orientiert sich oft an Sprachstandards, die von etablierten Autoritäten wie Kulturinstitutionen, Bildungssystemen oder Medien festgelegt werden. Ein perfektes Beispiel dafür ist eine Prestigenorm. Standardisierte Varianten der Sprache nehmen in der Hierarchie der Prestigenormen einen eindeutig höheren Stellenwert als nichtstandardisierte Varianten wie z. B. Umgangssprache, Dialekte, Soziolekte u. Ä. Also die normgerechte Beherrschung der Sprache wird ein Merkmal der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Klasse (Vgl. Harden 2006:106), denn auch innerhalb der nichtstandardisierten Varianten sind eigene Normen und Subnormen zu unterscheiden.

1.2. Ist-Norm

Auch wenn die sog. Ist-Norm von bestimmten Soll-Normen beeinflusst wird, geht sie über diese hinaus. Sie geht von dem üblichen Sprachgebrauch aus und wird damit von der Sprechergemeinschaft gebildet. Die deskriptive Ist-Norm wird als lokal und interaktional erzeugtes Phänomen charakterisiert und entsteht, ändert sich oder verschwindet unter dem Einfluss der lokalen Binnenperspektive der Interagierenden. Im gleichen Prozess, allerdings starker gebunden an Orten, Zwecks- oder Sprachgemeinschaften, werden auch die Subnormen gebildet.

2. Normbewusstsein im menschlichen Handeln

Warum wird das menschliche Handeln als normorientiert oder normgebunden bezeichnet? Es gibt nur wenige Motive und Zwecke unseres Handelns, die von reiner Lust oder Neigung inspiriert sind. Die Norm wird als eine Verpflichtung angesehen, die uns zwingt, etwas in einer bestimmten Weise zu tun oder zu unterlassen. Betrachten wir die Definition aus der Perspektive der Überwachenden, handelt es sich um Präskription, Normenschaffen, oder sog. obligatio activa. Aus der Sich der Adressanten gilt eine Norm als Obligation, Unterworfensein oder auch obligatio pasiva. (Vgl. Gloy 2008:8-9) Sollte das Bedürfnis, eine bestimmte Norm zu folgen, von uns ausgehen, handelt es sich um eine Selbstverpflichtung. Ist dagegen ein fremder Wille im Spiel, bezeichnen wir den Sachverhalt als Fremdbestimmung. Zwangscharakter der Norm nicht überschätzt werden sollte, denn „Auch läuft die Zuschreibung Gefahr, eine Norm allein auf Grund ihres Norm-Seins zu ideologisieren (statt die Funktion jeweils bestimmter Normen zu analysieren).“ (ebd., S 9) Oft gleicht eine Norm nicht nur einer Pflicht, sondern auch einer praktischen Notwendigkeit. Solche Norm folgen wir meistens im Interesse des eigenen Wohlbefindens. Darum unterscheidet Gloy je nach Intensitätsgrad drei Arten der Gebundenheit des menschlichen Handelns, basierend auf Begriffen Können, Sollen und Müssen.

2.1. Können

Das Können lässt uns eine freie Entscheidung, die ausschließlich auf unserem Willen basiert. Trotzdem scheint auch unser freier Willen mindestens im Hintergrund von einer Art Norm beeinflusst zu werden. Denn die Tätigkeit, die ich mache (oder nicht mache), ist erlaubt und näht damit dem Zustand Es ist erlaubt, etwas zu machen (oder nicht machen). Damit entsteht unvermeidlich auch die Möglichkeit, dass diese eine Tätigkeit unter bestimmten Bedingungen auch verboten sein sollte.

Weitere Möglichkeit des Könnens kann auf dem Beispiel einer Empfehlung erläutert werden. Denn die Empfehlung bietet uns einen Freiraum dies zu folgen, oder auch nicht. Die Menschen können also freilich gegen eine Empfehlung verstoßen, ohne mit Sanktionen rechnen zu müssen. Diese Entscheidung kann jedes Mal unterschiedlich getroffen werden. Damit ist „das Normhafte“ einer Norm (Verhaltensregelmäßigkeit und Sanktionen) nicht erfüllt und die Intensität des Gebundenseins an die Verhaltensnormen wird dementsprechend als niedrig eingestuft.

2.2. Sollen

Im Fall des Sollens ist die Entscheidung, etwas zu unterlassen oder etwas zu tun, stärker an den fremden Willen gebunden. Damit der fremde Willen relevant genug ist, muss es ein Willen einer Person oder einer Instanz sein, die als „der relevante Andere“ (Gloy 2008:10) gilt. Damit sich das sollen-gebundene menschliche Handeln alleine durch diese Gebundenheit erklären lässt, sollte der relevante Andere eine Autorität für die Menschen sein. Die Verstöße gegen Soll-Normen führen in der Regel zur Sanktionen, die jedoch nicht offiziell, z. B. juristisch vom Staat bestimmt und durchgeführt sind (wie z. B. finanzielle Strafe, Haftstrafe). Die Bestrafung erfolgt im Rahmen der sozialen Gruppe, Gemeinschaft usw. Werden andererseits alle Soll-Normen folgerichtig respektiert, führt dieses Verhalten zur Lob oder Anerkennung. (Vgl. Hoepner 2017)

2.3. Müssen

Das Müssen drückt der höchste Grad der Gebundenheit aus. Das menschliche Handeln unterliegt in diesem Fall ebenfalls einem fremden Willen, aber mit dem Unterschied, dass es für das Wollen und Handeln keine Alternative gibt. Die Muss-Normen sind verbindlich und falls es eine logische Möglichkeit des Verstoßes gegen diese Norm gibt, werden diese auch ausnahmslos bestraft. Die Möglichkeit des Verstoßes hängt jedoch von der Natur der Subnorm ab, deshalb werden sie noch folgend differenziert:

2.3.1. Naturgesetzliches Müssen

Diese kausal determinierte, unausweichliche Muss-Norm besteht aus zwei Elementen: Aus der notwendigen Bedingung, die aus der Naturgesetzen abzuleiten ist, und aus dem Wollen. Im Unterschied zu den anderen Subnormen ist das naturgesetzliche Müssen determinierend - also man könne nicht anders handeln, bzw. die Sachen können nicht anders geschehen (Vgl. Stemmer 2008:49). Logischerweise kann man sich gegen diese Norm nicht verstoßen, da keine andere als richtige Handlungsoptionen vorhanden sind.

2.3.2. Logisches Müssen

Diese Art der Muss-Norm basiert auf den Gesetzen der Logik und wird deshalb von den Menschen selbstverständlich wahrgenommen. Sie sind also nicht unbedingt determinierend, machen aber das menschliche Denken, wollte man konsistent bleiben, alternativlos. Deshalb „folgt das Wollen des Mittels mit logischer Notwendigkeit aus dem Wollen des Zwecks“ (Gloy 2008:10). Ein Verstoß gegen eine logische Norm ist deshalb machbar und realistisch - man wird jedoch von „sich selbst“ bestraft, indem das konkrete Handeln nicht das angestrebte Ergebnis bringt.

2.3.3. Normatives Müssen

Das normative Müssen zwingt die Menschen zum bestimmten Handeln oder Gestaltung von Handlungsprodukten. Die Normen werden von einer Autorität oder einer Institution (z. B. Staat) vorgeschrieben und von derselben Autorität oder Institution werden auch die Sanktionen vollgezogen. Das ist eben das spannende auf dem normativen Müssen - theoretisch kann man nicht anders handeln, praktisch kann man sich gegen dem Normativen durchaus verstoßen. Dann ist aber mit den Sanktionen zu rechnen. Dieses Phänomen wird von Stemmer (2008:7) als „Paradox des normativen Müssens“ bezeichnet.

2.3.4. Müssen der notwendigen Bedingung

Einen Spezialfall unter Subnormen des Müssens bildet die notwendige Bedingung. Sie kombiniert die oben genannten Theorien und zeigt damit, dass eine Situation aus mehreren Perspektiven beurteilt werden kann. Damit können natürlich auch unterschiedliche Normerklärungen eingesetzt werden. Als Beispiel dient die Modellsituation von Schütze (Schütze 2009:171):

Eine Person will einen Marathon laufen. Um das verwirklichen zu können, muss man trainieren. Ohne Training ist es nicht möglich, einen Marathon zu laufen. Ein Lauftraining lässt sich in diesem Falle mit keiner anderen Tätigkeit ersetzen.

Die Entscheidung, einen Marathon zu laufen, ist in diesem Fall rein wollensbasiert - die Person hat die Möglichkeit, einen Marathon zu laufen, ist aber nicht dazu gezwungen. Die Person ist auch nicht gezwungen zu trainieren. Will sie aber den Marathon zu Ende laufen, geht es wohl nicht anders, weil das Trainieren die einzige mögliche Mittel zum Erreichen des Zwecks ist. Das ist wiederum ein Merkmal des logischen Müssens, das teilweise auch auf den physiologischen Eigenschaften des menschlichen Körpers basiert und damit auch die Merkmale des naturgesetzlichen Müssens aufweist.

3. Normkonformität vs. Abweichung und ihre gesellschaftlichen Folgen

Eine Norm wird als Akt der Herstellung und Bewahrung sozialer Ordnungen angesehen. Ihr zugrunde liegen bestimmte Werte, die als Idealvorstellungen anzusehen sind, die in einer Gesellschaft wünschenswert sind und dem Handeln einen grundlegenden Bezugsrahmen bieten (Vgl. Lamnek und Kapitel 2001). Die Basis bilden sie gemeinsam mit sozialen Praktiken, die einen Routinencharakter aufweisen und eine strukturierende Funktion erfüllen (Vgl. Vallentin 2008:29). Normorientierte soziologische Handlungstheorien erklären dann das koordinierte Handeln von Individuen in sozialen Kontexten. Welche Auswirkungen haben die Normen auf die Identitätsbildung der Mehrheitsgesellschaft?

Im Umgang mit Normen lassen sich folgende Stadien unterscheiden: eine Norm verstehen, situationsadäquat anwenden, bewerten und schließlich einer Norm folgen. Diese Prozesse sind eng mit dem Hintergrundwissen des Menschen zusammen, seiner Unterscheidung und Typisierung. (Vgl. Vallentin 2008:28) Das Hintergrundwissen an sich ist von vielen Faktoren abhängig (z. B. demographische, soziale, psychologische, wirtschaftliche usw.). Werden die Gruppen oder Gemeinschaften von den gleichen Faktoren beeinflusst, können wir annehmen, dass sie auch die gleichen Normen und Normbewusstsein teilen. Diese Gruppen, oft als communities of practise genannt, müssen nicht unbedingt mit dem sozialen Status der Menschen übereinstimmen; sie drücken lediglich aus, dass die Menschen eine Tätigkeit auf einer bestimmten Art und Weise ausüben. Diese Handlungsweise halten sie dann für richtig und etablieren damit eine Norm. Gleichzeitig grenzen sie sich damit gegenüber den anderen communities aus, indem das normative Handeln des wir dem normabweichenden Handeln der Anderen gegenüberstellen (Vgl. Vallentin 2008). Als Beispiel für die gemeinsame Tätigkeit kann z. B. auch eine gemeinsame (National-)Sprache dienen. Gogolin bestätigt es im Buch The Bilingual Controversy: „Was dieselbe Sprache redet, das ist schon vor aller menschlichen Kunst vorher durch bloße Natur mit einer Menge von unsichtbaren Banden aneinandergeknüpft, (…) es gehört zusammen und ist natürlich eins und ein unzertrennlich Ganzes“ (Dreizehnte Rede, Fichte 1987:259 in Gogolin und Neumann 2009:16).

In welchen Situationen werden die Normen nicht verfolgt und welche Folgen sind dann zu beobachten? Es bieten sich drei Möglichkeiten: Erstens, die Person kennt die Norm überhaupt nicht und das Nichtfolgen einer Norm ist dem fehlenden Normbewusstsein zuzuschreiben. Zweitens, die Person kennt die Norm schon, trotzdem kann sie ihr nicht folgen, weil ihr dazu die Voraussetzungen, Kompetenzen oder Fertigkeiten fehlen. Drittens, die Person hat sich frei entschieden, die Norm nicht zu verfolgen, denn die Entscheidung, einer sollensbasierten Norm zu folgen oder sie zu respektieren ist immer frei. Dabei wandelt sich die

„ich-kann-nicht-anders“ Norm in die symbolische „ich-kann-doch-anders“ Norm. So interpretiert Vallentin die faktische Möglichkeit des Verstoßes - man kann nicht anders, weil man selbst nicht anders will (Vgl. Vallentin 2008:29). Es ist jedoch insgesamt schwierig nachzuweisen, aus welchem Grund einer Norm nicht gefolgt wurde.

Das Nichtfolgen einer Norm, was auch immer der Grund dafür sein mag, zieht reale Konsequenzen hinter sich, und zwar nicht nur für die Individuen, sondern auf der Makroebene auch ganze Gruppen: „… es werden ganze Bevölkerungsgruppen, die andere Verhaltensweisen aufweisen oder anderen Kulturen angehören als „abweichend“ empfunden oder diskriminiert. Diese Bevölkerungssegmente werden als „Minderheiten“, „Randgruppen“ oder „Asoziale“ bezeichnet und/oder „stigmatisiert“.“ (Pongratz 2010:82) Wie konkret werden die „abweichenden“ Personen und Gruppen in der menschlichen Interaktion diskriminiert?

3.1. Stigmatisierung und Othering

Die Theorie der Stigmatisierung und das Prinzip des Otherings in Bezug auf die Sprache geht auf die Theorien von Vallentin (Vallentin 2008) und Gogolin (Gogolin und Neumann 2009) zurück. Sie behaupten, dass eine gemeinsame (National-)Sprache zur Entstehung einer starken, eng zusammengebundenen Gemeinschaft wesentlich beiträgt, die sich dann genau mithilfe von dem Merkmal „Sprache“ gegenüber anderen Gemeinschaften oder Individuen definiert (das normative Wir vs. die normabweichenden Anderen). Die Mechanismen der Zuschreibung anhand von verschiedenen linguizistischen Kategorien können dann zur Etikettierung, Stigmatisierung oder Othering führen (Vgl. Riegel 2016:97).

Diese Praxen haben eins gemeinsam: sie sind oft schon in gesellschaftlichen Strukturen oder Institutionen verankert, wodurch der Anspruch auf Chancengleichheit schon vorab zerstört wird. Gegenüber bestimmten Gruppen werden Differenzierungen, Zuschreibungen und Normalitätserwartungen vorgenommen, die als Basis für die Interaktion und Repräsentierung dieser Gruppen bilden (Vgl. ebd. S 91). Mit Stigmatisierung wird ein fremdbestimmter sozialer Prozess gemeint, der aufgrund der oben genannten Tatsachen die vollständige soziale Akzeptanz der Individuen oder Gruppen ausschließt (Vgl. Goffman 1992:7). Das Othering- Prinzip wird mehr mit den hegemonialen Verhältnissen verbunden und beruht auf Konstruktion eigener Normalität als Gegengewicht zu der oft vage definierten Gruppe der „Anderen“. Die Personen und Individuen werden also aufgrund unterschiedlichen Merkmale (z. B. formabweichende Sprache) als „andersartig“ eingestuft und ihre Andersartigkeit zieht dann mehrfache soziale und gesellschaftliche Konsequenzen in verschiedenen Lebensbereichen hinter sich (Vgl. Feichtinger 2015).

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Details

Seiten
33
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668699007
ISBN (Buch)
9783668699014
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424518
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Germanistik
Note
1,00
Schlagworte
Norm Normalität Abweichung Macht Linguizismus

Autor

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Titel: Normalität und Abweichung. Umgang mit sprachlichen Normen in einem DaZ-Kurs