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Das frühsozialistische Gedankengut und seine möglichen Anwendungsgebiete in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung

von Hannes Wargus (Autor)

Hausarbeit 2017 23 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Wissenschaftliche Fragestellung
1.2 Zielsetzung der Arbeit

2 Theoretische Grundlagen – Kapitalismus
2.1 Kapitalismus – Terminologie und Definition
2.2 Ausgestaltung des modernen Kapitalismus
2.3 Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem
2.3.1 Materielle Ungleichheit
2.3.2 Macht der Unternehmen übertrifft die Macht der Staaten
2.3.3 Ausbeutung von Mensch und Natur
2.3.4 Gemeinschaftsverlust in der Bevölkerung

3 Theoretische Grundlagen – Frühsozialismus
3.1 Frühsozialismus – begriffliche Abgrenzung und Definition
3.2 Vertreter des frühsozialistischen Denkens
3.2.1 Francois Noel Babeuf (1760 – 1797)
3.2.2 Claude Henri Rouvroy Saint – Simon (1760 – 1825)
3.2.3 Francois Marie Charles Fourier (1772 – 1837)
3.2.4 Robert Owen (1771 – 1858)

4 Mögliche Anwendungsgebiete des sozialistischen Gedankenguts
4.1 Einführung und Zielsetzung
4.2 Globales Rechtssystem
4.3 Wohlstandsverteilung
4.4 Stärkung der Gemeinschaft

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Bücher

Internetquellen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Wissenschaftliche Fragestellung

Finanzkrisen, ungleiche Einkommensverteilung, Raubbau natürlicher Ressourcen, unkontrollierbare Macht großer Unternehmen und Flüchtlingskrise. Diese Themen sorgen aktuell permanent für Schlagzeilen, bilden Grundlage für politische Diskussionen und lassen aufgrund fehlender Lösungen die Frage aufkommen, ob das in der Weltgeschichte bislang erfolgreichste Wirtschaftssystem erste große Risse zeigt, die nur durch ein verbessertes Nachfolgemodell beseitigt werden können.[1]

Auch wenn die Missstände deutlich erkennbar sind und die Unzufriedenheit der Menschen über die bestehenden wirtschaftlichen Verhältnisse sowie die damit einhergehenden sozialen und politischen Folgen seit dem Ende des zweiten Weltkrieges nie deutlicher zum Ausdruck kam als jetzt, kann sich gegenwärtig fast keiner einen gesellschaftlichen Zustand jenseits des Kapitalismus vorstellen. Zum ersten mal befindet sich die westliche Gesellschaft in einer Situation, in der keine bedeutende Bewegung öffentlich die Existenz der globalen Marktökonomie und des Kapitalismus in Frage stellt und den Versuch wagt, die Vision eines neuen, besseren Systems zu in die Köpfe der Bürger zu malen. Die Menschen können zwar genau sagen, was sie an den gegenwärtigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen stört, jedoch wird bei einer näheren Betrachtung deutlich, dass keiner von ihnen eine nur im Ansatz klare Vorstellung davon hat, wie eine möglich Veränderung aussehen könnte.[2]

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Die utopische Idee einer idealen Welt, die die Menschheit im Laufe der Geschichte dazu bewegt hat, die herrschenden politischen und gesellschaftlichen Zustände abzulehnen, scheint nicht mehr aktuell zu sein. Selbst wenn sich alle rational denkenden Menschen ein friedliches Zusammenleben in Solidarität und Gerechtigkeit wünschen, ist ihnen die Fähigkeit abhanden gekommen, diese Vorstellung als realisierbar zu betrachten und an die Vision einer vollkommenen Welt zu glauben.

Spielen also in einer Zeit des allgegenwärtigen Fortschritts diese Ansätze noch eine Rolle oder müssen die Werke ihrer Vertreter im Bücherregal zwischen Geschichtslexika und Fantasy Romane platziert werden?

Mithilfe dieser Arbeit soll das frühsozialistische Gedankengut, das im 15. Jahrhundert seinen Ursprung fand und fast 400 Jahre später in Zeiten nach der französischen Revolution seine Blütezeit erlebte, vorgestellt und seine Ideen auf ihre Aktualität untersucht werden. Die Untersuchung erfolgt durch die in dieser Arbeit angestrebte Entwicklung einfacher Lösungsansätze für die Probleme des modernen Kapitalismus und soll beweisen, dass die Ideen großer frühsozialistischer Staatstheoretiker sowohl vor 300 Jahren als auch noch heute bei richtiger Umsetzung ein Leben in Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit ermöglichen würden.

2 Theoretische Grundlagen – Kapitalismus

2.1 Kapitalismus – Terminologie und Definition

Der Versuch, eine eindeutige Definition des Kapitalismusbegriffs aufzustellen und damit die Frage „Was ist Kapitalismus?“ objektiv zu beantworten, erweist sich im Hinblick auf das behandelte Thema als nicht ganz unproblematisch. Dies liegt vor allem an der in der Fachliteratur fehlenden Objektivität und den von Wissenschaftlern unterschiedlich gesetzten Schwerpunkten, wodurch es nötig ist, unterschiedliche Definitionen und Sichtweisen zu vergleichen und den kapitalistischen Grundgedanken herauszukristallisieren.[3]

Die Grundlage der Terminologie liefert Karl Marx mit seinem Werk „Das Kapital“ aus dem Jahr 1867, in dem insbesondere der Prozess der Kapitalakkumulation als Hauptmerkmal einer kapitalistisch handelnden Gesellschaft beschrieben wird.[4] Dieser Prozess basiert auf dem Vorhandensein des Kapitals als Grundlage einer kapitalistischen Produktionsweise und zeichnet sich durch das fortwährende Streben der Kapitalisten nach Gewinnerzielung und Vermehrung der eingesetzten Produktionsmittel.[5]

Ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt bei der Aufstellung einer Begriffsdefinition ist die gesellschaftliche Stellung der Menschen in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung und die daraus resultierende Eigentumsstruktur des zu investierenden Kapitals. Die Menschen werden hierzu in der Fachliteratur in die kapitalbesitzenden und am Marktgeschehen teilnehmenden Wirtschaftssubjekte sowie die besitzlosen und den Produktionsmitteln gleichgestellten Wirtschaftsobjekte unterschieden.[6]

Nach Ermittlung der für das kapitalistische Wirtschaftssystem ausschlaggebenden sozialen und ökonomischen Umstände spielt die wirtschaftliche Ausrichtung des Handelns der kapitalistischen Gesellschaft eine entscheidende Rolle. Nach Max Weber liegt die Absicht kapitalistischen Handelns eindeutig in der Erzielung eines Gewinns, den er als Mehrbetrag der Schätzungssumme der Schlussbilanz gegenüber der Anfangsbilanz definiert.[7]

Aus diesen wissenschaftlichen Ansätzen, die unterschiedliche Sichtweisen und damit von Autoren gesetzte Schwerpunkte darstellen, lässt sich eine allgemeingültige Definition des Kapitalismusbegriffs entwerfen. Als Kapitalismus kann somit das Handeln von Gesellschaften beschrieben werden, deren Mitglieder je nach Vermögenssituation die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen und damit die Absicht verfolgen, Gewinne zu generieren und so das eingesetzte Kapital zu vermehren.

2.2 Ausgestaltung des modernen Kapitalismus

Anhand der aufgestellten Definition und unter Zuhilfenahme entsprechender Fachliteratur lassen sich im folgenden Verlauf der Analyse, bestimmte Merkmale ermitteln, die das kapitalistische Wirtschaftssystem in seiner gegenwärtigen Ausgestaltung, insbesondere aus Sicht seiner Kritiker, kennzeichnen. Diese Merkmale dienen hauptsächlich zur Charakterisierung des Kapitalismus und spielen eine entscheidende Rolle im Hinblick auf die in dieser Arbeit angesteuerte Ermittlung seiner Schwachstellen.

Die kapitalistische Wirtschaftsordnung fußt in erster Linie auf dem Prinzip der freien Marktwirtschaft, bei dem den Wirtschaftssubjekten volle Selbstverantwortung sowie gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidungs- und Handlungsfreiheit gewährt werden. Damit wird den Wirtschaftssubjekten gleichzeitig das Privateigentum an Produktionsmitteln garantiert, welches für einen starken Leistungsanreiz sorgt und so einen kontinuierlichen Fortschritt in allen Wirtschaftsbereichen ermöglicht.[8]

Durch die in der Hand von Privatpersonen liegende alleinige Entscheidungsgewalt über die Ausgestaltung der Produktion, stellt der Besitz an Produktionsmitteln (Kapital) das entscheidende Kriterium dar, wenn es um die Rolle geht, die ein Individuum in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung annimmt.[9]

In diesem Zusammenhang bildet die Arbeit in einer kapitalistischen Gesellschaft die Grundvoraussetzung für die angestrebte Kapitalakkumulation und Erlangung des finanziellen Wohlstandes. Zwar kann durch Weitergabe des Kapitals, insbesondere in Erbfällen, der materielle Wohlstand auch ohne Arbeit erreicht werden, jedoch bildet die Arbeit in den meisten Fällen den Ursprung für Akkumulation des Kapitals und seine Weitergabe. Der sich daraus entwickelte „Gedanke der sittlichen Berufspflicht“[10] führt dazu, dass jedes Individuum, welches das Streben nach Kapitalmehrung ablehnt, mit gesellschaftlicher und materieller Benachteiligung rechnen muss. Somit ist die kapitalistische Denk- und Handlungsweise nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht, ein fester Bestandteil des Alltags aller Teile der Bevölkerung.[11]

Die unternehmerische Handlungsweise der Menschen zeichnet sich im Kapitalismus insbesondere durch hohe Rationalität aus, wodurch das Ziel erreicht werden soll, die größtmögliche Rentabilität des eingesetzten Gesamtkapitals zu erzielen. Die Kapitalgeber streben deshalb bei jeder Marktaktivität nach möglichst hoher Wirtschaftlichkeit, die anhand des erreichten Gewinns, welcher den Differenzbetrag zwischen erzieltem Umsatz und den dafür aufgewendeten Produktionsmitteln darstellt, gemessen wird.[12]

Zusammenfassend kann hierzu die These aufgestellt werden, dass die Triebkraft aller wirtschaftlichen Prozesse, Entwicklungen und Erfolge in der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung auf dem Interesse der Produktionsmittelbesitzer an Profitmaximierung basiert und jede in diesem Zusammenhang durchgeführte Handlung von dieser Denkweise beeinflusst wird.[13]

2.3 Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem

In Bezug auf die typischen Merkmale der kapitalistischen Wirtschafts-/ Gesellschaftsordnung sollen im weiteren Verlauf der Analyse ihre Nebeneffekte aufgeführt werden. Der Schwerpunkt liegt hierbei insbesondere auf den aktuell in den Medien kommunizierten und zu öffentlichen Diskussionen führenden Problemen, dessen Grundlage in der kapitalistischen Denk – und Handlungsweise von Regierungen, Unternehmen und Privatpersonen liegt.

2.3.1 Materielle Ungleichheit

Der bedeutendste Kritikpunkt des Kapitalismus, welcher in allen sozialen und wirtschaftlichen Bereichen erwähnt wird, ist die ungleiche Verteilung des Vermögens. Laut der Studie "An Economy for the 1%" der britischen Nichtregierungsorganisation Oxfam verfügte bereits im Jahr 2015 das reichste 1% der Weltbevölkerung (Rund 70 Millionen Menschen) über mehr finanzielle Mittel als die restlichen 99% der Menschen zusammen.[14] Die Kluft zwischen öffentlicher Armut und privatem Reichtum auf unserem Planeten wird noch deutlicher wenn die Spitze der wohlhabendsten Menschen genauer betrachtet wird. Während das Vermögen der ärmeren Hälfte der gesamten Weltbevölkerung in den vergangenen fünf Jahren um ca. 40 % geschrumpft ist, erreichte das Vermögen der reichsten 62 Menschen zweistellige Wachstumszahlen. Somit verfügten im Januar 2016 diese 62 Menschen über mehr Vermögen als die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen (ca. 3,7 Milliarden Menschen).[15]

Als Hauptursache dieser Entwicklung wird vor allem der Mangel an entsprechenden Verteilungsmaßnahmen einzelner Staaten erwähnt, wie zum Beispiel einer verstärkten progressiven Besteuerung der wohlhabendsten Konzerne und Privatpersonen. Solche Maßnahmen sind jedoch nur schwer durchsetzbar, da sie den finanziellen Anreiz für Innovationen und Investitionen hemmen und damit das Wirtschaftswachstum schwächen würden. Des Weiteren fürchten die Staaten eine eventuelle Auswanderung der Privatpersonen und ganzer Unternehmen in Länder, in denen die steuerlichen Bedingungen günstiger sind, was zu einem langfristigen Verlust der Steuereinnahmen und damit auch der Arbeitsplätze führen würde. Die sich in einem Zwiespalt befindenden Regierungen können die „Schere zwischen Arm und Reich“ aus Angst, dass dies die Wirtschaft ruinieren würde, nicht schließen. Andererseits bringt die ungleiche Vermögensverteilung ebenfalls enorme Risiken. Auf nationaler Ebene führt sie zu großer Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die sich in Protesten, Streiks, sinkendem Konsum sowie steigender Kriminalität und Korruption auswirkt. International betrachtet bildet die ungleiche Wohlstandsverteilung einen der Hauptgründe für die Flüchtlingskrise und die Existenz terroristischer Gruppierungen.

2.3.2 Macht der Unternehmen übertrifft die Macht der Staaten

Die Machtlosigkeit des Staates im Hinblick auf das zuvor erläuterte Problem materieller Ungleichheit macht deutlich, wie großdie Macht einzelner kapitalstarker Unternehmen und Privatpersonen ist und wie viel Einfluss sie auf politische Entscheidungen hat. Hierbei wird von Kapitalismuskritikern immer öfter die These erwähnt, der Staat sei nur „ein Instrument der herrschenden Klassen“[16] und kann deshalb nur Entscheidungen treffen, die im Interesse dieser einflussstarken Gruppen liegen. So können sich die Unternehmen ihrer hohen steuerlichen Verantwortung entziehen indem sie Teile ihrer Niederlassungen in die sogenannten „Steueroasen“[17] verlegen und zusätzlich staatliche Förderung in Form von Subventionen sowie steuerlichen Vorteilen erhalten, damit sie ihre Unternehmensaktivität und damit die Arbeitsplätze im Inland beibehalten.

Neben dieser indirekten Einflussnahme werden politische Entscheidungen oft auch direkt beeinflusst. Der Begriff „Unternehmenslobbyismus“ sorgt in diesem Zusammenhang seit einigen Jahren für öffentliche Diskussionen und verkörpert am besten die These von der Instrumentalisierung des Staates zur Erreichung der Ziele einzelner Unternehmen. Diese unterhalten, insbesondere in der Nähe der Regierungssitze, Lobby-Büros in denen ihre Mitarbeiter bzw. für diesen Zweck speziell beauftragte Agenturen die Interessen des Unternehmens durch gezielte Einflussnahme auf einzelne Entscheidungsträger vertreten. Als Gegenleistung werden den regierenden Parteien bzw. den einzelnen Politikern finanzielle Vorteile zugesprochen oder auf eine bestimmte strategische Handlung, wie z.B. Abbau von Arbeitsplätzen, Standortschließungen-/ Verlegungen verzichtet.[18]

Zwar versuchen die Regierungen gegen diese Art von Einflussnahme vorzugehen, jedoch kann der Handlungsspielraum einzelner Großkonzerne aufgrund der im Kapitalismus festgesetzten unternehmerischen Handlungsfreiheit durch die Legislative nur bedingt eingeschränkt werden. Aufgrund einer sozialpolitischen Ausrichtung der Gesetzgebung verfügen die Unternehmen über ausreichende Druckmittel, um trotz einer offensichtlichen Benachteiligung des Endverbrauchers die eigenen Ziele durchzusetzen.

2.3.3 Ausbeutung von Mensch und Natur

Das kapitalistische Ziel, durch stetige Gewinnerzielung das eingesetzte Kapital zu vermehren, bringt die Unternehmen dazu, laufend nach Maßnahmen zu suchen, mit denen die Produktionskosten gesenkt werden können. Einerseits soll dadurch der Gewinn für die Unternehmen möglichst großausfallen, andererseits soll damit die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der in der globalisierten Welt in den meisten Märkten sehr breit aufgestellten Konkurrenz gewährleistet werden. Dies führt dazu, dass alle Faktoren, die zu steigenden Kosten bzw. zum Schmälern des Gewinns führen, wie z.B. Umweltschutz oder Arbeitssicherheit vom zahlengetriebenen Management abgelehnt werden.

Vor allem in den sogenannten Billiglohnländern errichten die Großkonzerne ihre Produktionsstätten und sparen so Personalkosten und Sozialabgaben. Um höheren Profit zu erzielen und für das angebotene Produkt einen möglichst niedrigen Preis verlangen zu können, nehmen sie schlechte Arbeitsbedingungen, Unterernährung der Arbeiter, Hungerlöhne sowie fehlende Arbeitssicherheit und lange Transportwege in Kauf.[19]

Zusätzlich wurde bereits im Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome deutlich, dass die expandierende kapitalistische Überproduktion die natürlichen Ressourcen im atemberaubenden Tempo verbraucht und damit die Lebensräume für Tiere Pflanzen und letztendlich auch Menschen vernichtet.[20] Die Regierungen sind dagegen größtenteils machtlos, da bisher alle Versuche, die mit der industriellen Produktion verbundene Verschmutzung von Luft, Wasser und Erde durch entsprechende Gesetzgebung zu stoppen von den Großkonzernen schnell umgangen werden konnten.

Die Unternehmen nutzen hierzu die Freiheit ihrer unternehmerischen Tätigkeit und verhalten sich wie bei der Personalkostensenkung. Sie verlagern die Produktionsstätten in Länder, in denen die Gesetzgebung nicht so streng ist oder durch Korruption bzw. einen offensichtlichen Mangel an einem geeigneten Rechtssystem eine solche Gesetzgebung trotz scheinbarer Existenz nicht beachtet wird.

Ein weiteres Problem, das in der Öffentlichkeit als Symbol für die kapitalistische Produktionsweise steht, ist die in allen wirtschaftlichen Bereichen vorzutreffende Überproduktion und eine im völligen Gegensatz zu der Ressourcenverteilung stehende Entwicklung einer Wegwerfgesellschaft.[21] Trotz Ressourcenknappheit und mehr als 1,2 Milliarden Menschen, die mit weniger als 1$ pro Tag überleben müssen, werden die natürlichen Ressourcen maximal abgeschöpft, jedoch nur in einem geringen Anteil sinnvoll verteilt und tatsächlich verbraucht.[22]

2.3.4 Gemeinschaftsverlust in der Bevölkerung

Zusätzlich zu den in der Presse oft kommunizierten, ökonomischen Kritikpunkten erwähnen Kapitalismuskritiker auch ein anderes, für die soziale Umwelt der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sehr prägendes Problem des Gemeinschaftsverlustes in der Bevölkerung. Insbesondere in soziologischen und religiösen Kreisen wird darüber diskutiert, ob die Gesellschaft durch die kapitalistische Denkweise nach und nach alle hochwertigen moralischen Tugenden verliert[23] und sich an dessen Stelle destruktive Eigenschaften wie Gleichgültigkeit, Gier, Egoismus und Materialismus ausbreiten.[24]

Durch das Streben nach Kapitalvermehrung und damit die deutliche Trennung der wirtschaftlichen Tätigkeit von Ethik und jeglichen menschlichen Werten neigen nicht nur Großkonzerne, sondern auch Privatpersonen dazu, alle gemeinschaftlichen Werte wie Mitgefühl und Solidarität aufzugeben. Stattdessen entwickeln sie sich zu profitorientierten Einzelkämpfern, die bereit sind, um jeden Preis die eigenen wirtschaftlichen Ziele zu erreichen.[25]

3 Theoretische Grundlagen – Frühsozialismus

3.1 Frühsozialismus – begriffliche Abgrenzung und Definition

Der Begriff „Sozialismus“ wird im politischen und sozialwissenschaftlichen Kontext als Sammelbegriff für eine breite Palette von politischen Gesellschaftsentwürfen sowie den Lehren zu ihrer Umsetzung bezeichnet, deren Grundidee eine Gesellschaftsordnung in Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit ist. Die Herkunft des Begriffs wird dem lateinischen Wort „socialis“, das für „kameradschaftlich“ steht, zugeschrieben.[26] Dies verdeutlicht die am Gemeinwohl orientierten Grundgedanken der Sozialisten, die in einem klarem Widerspruch zum Kapitalismus und dem für ihn charakteristischen individuellen Gewinn- und Machtstreben stehen.[27]

In der sozioökonomischen Fachliteratur wird der Sozialismus meistens in drei Hauptrichtungen unterteilt, die sich im geschichtlichen Sinne an den bedeutendsten Vertreter sozialistischer Lehren und den Urvater des daraus resultierenden Kommunismus Karl Marx beziehen. Deshalb wird auch in dieser Arbeit von vormarxistischem, marxistischem und nachmarxistischem Sozialismus gesprochen, wobei der Schwerpunkt auf den Ideen der vormarxistischen Zeit liegen wird.[28] Die Grundgedanken der Vertreter des vormarxistischen Sozialismus, der im weiteren Verlauf dieser Arbeit als „Frühsozialismus“ bezeichnet wird, bilden den Ursprung für die Vision einer idealen Welt und werden deshalb als „utopischer Sozialismus“ bezeichnet.

Diese Bezeichnung wurde im „Manifest der Kommunistischen Partei“ von Karl Marx und Friedrich Engels verwendet[29] und nimmt Bezug auf den im Jahr 1516 veröffentlichten Staatsroman „Utopia“ von Thomas Morus, in dem erstmals die Vision einer idealen Gesellschaft ohne Privateigentum und mit einer gemeinschaftlichen Verwaltung aller vorhandenen Ressourcen dargestellt wurde. „Utopia“ stellt nach Auffassung vieler Wissenschaftler das erste sozialistische Werk dar[30] und gibt trotz der in der heutigen Zeit typischen Verwendung des Begriffs für etwas Unerreichbares die Zielrichtung aller Visionen einer vollkommenen Gesellschaft vor.

3.2 Vertreter des frühsozialistischen Denkens

Die staatsutopische Idee von Thomas Morus, angereichert durch die Grundgedanken der französischen Revolution sowie die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Erkenntnisse aus der Zeit der Aufklärung ließen die Menschen ab dem 18. Jahrhundert an ein Zusammenleben in Solidarität und Gerechtigkeit glauben. So entwickelten die nachfolgenden Vertreter des Frühsozialismus diesen utopischen Gedanken einer idealen Welt weiter und machten ihn zu einem realisierbaren Gesellschaftsentwurf, der die Sehnsucht, aller in der Zeit der industriellen Revolution unterdrückten Klassen, nach einer besseren und glücklicheren Welt weckte.[31]

3.2.1 Francois Noel Babeuf (1760 – 1797)

Francois Noel Babeuf verbreitete ein auf radikalem Gleichheitsprinzip basiertes Menschenbild. Nach seiner Auffassung hat jeder Mensch das gleiche Recht auf die Nutzung aller auf der Welt vorhandenen Ressourcen, weshalb er einen Klassenkampf zwischen Armen und Reichen als einen gerechtfertigten Zustand beschreibt, der aus privater Eigentumsordnung resultiert.

Des Weiteren fordert er die politische Gleichheit für alle und die Möglichkeit der Bekleidung aller öffentlichenÄmter durch jeden Staatsbürger. Seine Auffassung vom politischen System sieht ein von allen Bürgern gewähltes System von Leitungsinstitutionen vor, das für die zentrale Steuerung der Produktion sowie die Zuteilung aller Güter zuständig ist. Babeuf geht von einer Wirtschaftsordnung aus, die nicht durch Geld gesteuert ist, sondern auf einer konsumorientierten Entlohnung der unter Arbeitspflicht stehenden Bevölkerung basiert.[32]

Im Gegensatz zum kapitalistischen System, den Babeuf als Ursache für alle Krisen und Unterdrückung der Arbeiter sieht, sollen nach seiner Auffassung jegliche Wirtschaftsprozesse zentralisiert und vom Staat gesteuert werden. So regelt auch einzig und alleine der Staat alle außenwirtschaftlichen Transaktionen und verbietet gleichzeitig den Bürgern, Handel mit dem Ausland zu betreiben.[33]

[...]


[1] Vgl. http://www.huffingtonpost.de/Ayad-Al-Ani/die-diskussion-um-die-nachfolge-des-kapitalismus_b_5700461.html, (30.05.2016).

[2] Vgl. Honneth, A. (2015), S. 15 ff.

[3] Vgl. Fülberth, G. (2008), S. 12 ff.

[4] Vgl. ebd. S. 19 f.

[5] Vgl. Marx, K. (1953), S. 3 ff.

[6] Vgl. Sombart, W. (1916), S. 319 ff.

[7] Vgl. Weber, M. (1980), S. 94 ff.

[8] Vgl. Duden (2013), S. 20.

[9] Vgl. Berger, J. (2014), S. 7ff.

[10] Weber, M. (1920), S. 36.

[11] Vgl. Berger, J. (2014), S. 9f.

[12] Vgl. Berger, J. (2014), S. 10ff.

[13] Vgl. Fuchs-Heinritz, W. et al. (1994), S. 327.

[14] Vgl. http://www.bbc.com/news/business-35339475, (27.07.2016).

[15] Vgl. http://www.spiegel.de/wirtschaft/ungleichheit-superreiche-besitzen-mehr-als-die-anderen-99-prozent-a-1013655.html, (27.07.2016).

[16] Grottian, W. (2013), S. 43.

[17] Vgl. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/oxfam-62-superreiche-besitzen-so-viel-wie-die-halbe-welt-a-1072453.html, (02.08.2016).

[18] Vgl. http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/lobbyismus.html, (03.08.2016).

[19] Vgl. http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/152912/index.html, (06.08.2016).

[20] Meadows, D.L. (1972), S. 12 ff.

[21] Vgl. http://www.wissen.de/die-wegwerfgesellschaft-produzieren-fuer-den-muell, (17.07.2016).

[22] Vgl. http://www.welt.de/wirtschaft/article130533421/1-2-Milliarden-Menschen-haben-nur-1-25-Dollar-am-Tag.html, (17.07.2016).

[23] Vgl. http://www.rp-online.de/politik/die-neue-kapitalismuskritik-der-kirchen-aid-1.4029348, (30.08.2016).

[24] Vgl. Berger, J. (2014), S. 37 f.

[25] Vgl. Fromm, E. (1976), S. 16.

[26] Vgl. http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/sozialismus.html, (30.08.2016).

[27] Vgl. May, H. et al. (2012), S. 561.

[28] Vgl. Dobias, P. (1994), S. 89 f.

[29] Vgl. Stedman Jones, G. (2012), S. 87.

[30] Vgl. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/kautsky/1888/more/ab1.htm#t0, (17.06.2016).

[31] Vgl. May, H. et al. (2012), S. 561 f.

[32] Vgl. Von Beyme, K. (2013), S. 22 ff.

[33] Vgl. Dobias, P. (1994), S. 93 ff.

Details

Seiten
23
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668701793
ISBN (Buch)
9783668701809
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424856
Institution / Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Dortmund früher Fachhochschule
Note
1,0
Schlagworte
Frühsozialismus Sozialismus Kapitalismuskritik Kapitalismus Marx

Autor

  • Hannes Wargus (Autor)

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Titel: Das frühsozialistische Gedankengut und seine möglichen Anwendungsgebiete in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung